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Leite 148 ^^^^^^i^^i^^^^s Unsere Heimat r^^^^^^r^^^^ß^^ Nr. 1/2

da lag man in seinem Bettchen im Hellen, luftigen Zimmer und hatte zum Glück gar nicht gemerkt, wie schön und schnell die Hand des Arztes den Granatsplitter oder das Infanterie­geschoß entfernt hatte! —

Und nun kam eine langweilige Zeit! Immer liegen und liegen und sich nicht rühren! Woche um Woche verging, eine liebenswürdige Hilfsschwester löste die andere ab (dem edlen Samariterwerk hatten sich die Töchter der Stadt zur Verfügung gestellt). Draußen herrlicher Sommer, Vogelfang und Sonnen­schein, drinnen graues Elend! Draußen ein großer, blumen- geschmückter Balkon, auf dem die genesenden, gehfähigen Kameraden sich erlustigten, drinnen Fieberthermometer und Wärmpulle! — Draußen, in der Vorhalle Musik, Gesang und Vorträge, drinnen nur ein Lauschen nnd ein Hoffen, daß man bald aufstehen könne! —

Auch diese Zeit ging vorüber, und eines Tages hieß es: „Du kannst aufstehen!" Unsicheren Schrittes ging man hinaus auf die Veranda! Welch entzückender Anblick bot dem Auge sich dar! Vor einem lag der dunkelgrün bewaldete „Hohen- zeller", tief unten Schlüchtern, das Kreishaus, die katholische Kirche und dicht geschart die Häuser mit ihren Gärten und Feldern! - Wahrlich, die Erbauer des Krankenhauses hatten für das schöne Helm einen Platz gefunden, wie er nicht günstiger gedacht werden konnte!

Und nun ging es Tag um Tag vorwärts mit der Gesund­heit! Jetzt konnte man sich schon tatkräftig am Tun und Treiben der Kameraden beteiligen, das sich in mannigfacher Weise zeigte. Wer Lust hatte, der konnte seine geistigen Kräfte zugleich mit zweien oder dreien im Skat messen! Ach, was hatten die geduldigen Tische manchmal unter den auf­trumpfenden Fäusten der harten Streiter zu leiden! Mancher will höher hinaus und versucht am Schachbrette, wie er nach den Grundsätzen Hindenburgscher Strategie seinen Gegner matt setzt. Wenn dieser Gegner eine Schwester oder Hilfs­schwester war, dann konnte man mitunter mit einer Variante sagen: „Komm' den Frauen zart entgegen, dann gewinnt si e, auf mein Wort!" — Nicht jeder ist imstande, sein Gehirn zu sehr anzustrengen, ihm liegt vielleicht die aus dem Herzen kommende Sangeskunst näher. Und bald hörte man in der Halle manch schönes Lied erschallen! Ein ansprechender Ge­sang findet meist Gehör! Wie schön wäre es, dachte sich Oberschwester Maria, wenn das vorhandene Stimm-Material sich im Männerchor vereinigte? Gedacht, getan! Und eines schönen Abends fand sich eine kleine Gesellschaft „stimmbe- gabter, junger Männer" zusammen, die unter der sachverstän­digen Leitung von Herrn Seminarlehrer Walther vierstimmige Männerchöre zu proben anfing. Und nun erklang es: „Im Holderstrauch, im Holderstrauch, der blühte einst im Mai — " erst der Tenor, dann der Baß! Einmal, zweimal, zehnmal und zwanzigmal ertönte die Weise, natürlich zuerst nicht in voller Reinheit und Klangschönheit — mitunter recht dishar­monisch! Aber auf einen Hieb fällt ja kein Baum! Dank der opferwilligen Leitung von Herrn Walther, dank der all­gemeinen Gesangsfreudigkeit wurde eine Reihe von Liedern einstudiert, die nun bei manchen Gelegenheiten vorgetragen wurden.

Man jkonnte die schönen Weisen fast an jedem Freitag hören. An diesem Tage finden Vorträge zur allgemeinen Belehrung statt, die alle von Herrn Walther gehalten wurden. Da wurde man über Bodenreform in Deutschland, Amerika und Rußland belehrt, da lernte man die Anfangsgründe des Obstbaus kennen, da frischte man seine schwachen, geographi­schen und geschichtlichen Erinnerungen über Rumänien auf, da hörte man sogar Verwaltungsrecht! Wie lebendig wurde dies alles zum Vortrag gebracht! Wie lauschten die Zu­hörer, und wie lachte man, wenn Herr Walther hessische Schnurren als Satirspiel zum vorangegangenen Schauspiel zum besten gab! Da war wohl keiner, der nicht mit Lust diesen prächtigen Vorträgen sitzend oder liegend zuhörte!

Waren diese Abende für den engeren Kreis der Lazarett­insassen bestimmt, so gab es bei besonderen Gelegenheiten Veranstaltungen für einen größeren Kreis, für die „weitere Hausgemeinschaft." Dazu gehörten die Verwandten und Be­kannten der Schwestern, der Hilfsschwestern, Gönner des Lazaretts, Freunde aus Schlüchtern und andere. — Während meiner Anwesenheit fand im Sommer anläßlich des Abschie­des von Kameraden ein Abend mit Vorträgen verschiedenster Art statt: da wechselten Chorgesänge mit Einzelvorträgen, lebende Bilder mit einer humorvollen Gesangsszene, Reden mit Liedern der ganzen Versammlung. Schon zu Weihnach­ten 1915 soll eine gelungene Aufführung die Zuhörer recht erfreut haben! —

So verliefen die Abende im Vereinslazarett! Bei dem schönen Wetter dieses Jahres wurden^an Sonntagen Aus­flüge veranftaltet! Da ging es zu Fuß und per Wagen nach Hohenzell, nach Steinau, hinaus ins herrliche Hessenland! Einmal fuhren wir nach Frankfurt a. Main und verlebten dort angenehme Stunden!

Kurz, es wurde uns viel geboten! Es wurden uns alle diese Erholungen in einer Art gegönnt, die wirklich das Herz er­freute! Es zeigte sich in allen diesen Aeußerungen ein Geist der Herzlichkeit, ein Geist der Toleranz, wie man ihn selten findet! Kein Wunder! Wird doch das Lazarett in wahr­haft vornehmem Sinne geleitet! Der Adel der Persönlich­keit, der die hochherzige Gründerin des Kreiskrankenhauses, Frau Baronin von Stumm umgibt, hat vorbildlich gewirkt! Von der Oberschwester bis zum jüngsten Küchenmädel ist alles bestrebt, bei den Kriegern die furchtbaren Tage in Ver­gessenheit zu bringen, die sie durchlebt haben! Hier herrscht kein Ton, der nur das Soldatische, das Verhältnis vom Vorgesetzten und Untergebenen erklingen läßt, hier glaubt man mitten im Krieg Schillers Wort zu hören:

„O schöner Tag, wenn endlich der Soldat Ins Leben heimkehrt, in die Menschlichkeit"

Noch waren wir nicht dem Kriege entronnen, aber süßes Vergessen hatte uns umfangen!

Der Ton des Wohlwollens, der Herzlichkeit klang noch weiter: Die Kameradschaftlichkeit, das Gefühl der Zusammen­gehörigkeit war stärker als wo anders! Hier herrschte kein Dünkel, kein Unterschied zwischen reich i nb arm, zwischen geistig Begabten und Unbegabten! Wie froh nahmen wir die Späße der süddeutschen Kameraden entgegen! Wie oft erscholl der Ruf: „Bayerlein!", wenn Kamerad Ramsauer, der stets Hilfreiche, zum Verbinden, zum Bierabzapfen, zum Schweineschlachten, zu allem Möglichen heran mußte! Und der Gipfelpunkt der Gemütlichkeit wurde erreicht, wenn die „Hauskapelle" in ihren „unerreichten Darbietungen" ihre Vorträge zum besten gab! Da strömte alles herbei, und selbst unsere lieben Schwestern lauschten mit Inbrunst den musikalischen „Genüssen"!

So verstrich die Zeit im Lazarett! Daß wir nicht nur an Leib und Seele erquickt wurden, sondern auch an unserem schwachen Fleisch, ist selbstverständlich! Wir hatten nicht zu leiden und brauchten uns keine Pakete von Hause schicken zu lassen! Wir aßen, wir tranken, wir wurden nach den besten hygienischen Methoden gepflegt, die Wunden wurden geheilt, die Knochen wurden eingerenkt (mitunter unter Weh­geheul in der „Folterkammer.")

Daß die Einrichtungen des Lazaretts aufs beste aus­gestattet sind, brauche ich dir nicht erst zu versichern. Ich schicke dir, damit du ein Bild über den gesamten Apparat gewinnst, eine Nummer von „Unsere Heimat", /in der du alles Wissenswerte findest! —

Und nun hab ich Dir genug vom Vereinslazarett 1 erzählt! — Weihnachten naht wieder einmal heran, und noch immer tobt der Völkerkrieg! Ich weile nun wieder in der Groß­stadt und male mir im Geiste aus, wie es jetzt in Schlüch­tern aussehen mag! Nur wenige meiner damaligen Kame­raden werden noch im Lazarett weilen, neue kommen, alte gingen! Doch allen, die das Glück hatten, dort gehegt und gepflegt zu werden, wird der Aufenthalt im Vereinslazarett 1 unvergeßlich fein, alle werden in dankbarer Erinnerung an die Stunden denken, die sie dort verleben durften!

Und doch wünschte ich: Könnte doch bald das Vereins­lazarett 1 aufhören zu bestehen, könnte das schöne, luftige Haus feiner ursprünglichen Bestimmung zugeführt werden, der Heilung von Kranken im Frieden!

Es grüßt Dich herzlich Dein Freund

Paul Epstein.

Alles Guten, alles Schönen

Reiche, sel'ge Heimat du!

Fluch den Freunden, die dich höhnen,

Fluch den Feinden deiner Ruh!

Sei gegrüßt mit Herz und Hand, Deutschland, du mein Vaterland.

Hoffmann von Fallersleben.