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No. 6 !Ds>!scSÄ>cs-Ss>!s-L>cDs>cs-L>!D-ss>L>s>-DA Unsere Heimat ®®®®®®®®®®®®®®®®®®®®®® Seite 83

’ne alte Bäuerin, die's achtzignial hat Sommer und Winter werden sehen, weiß, wo sie daheim ist, und fürchtet den Tod nicht. Sie macht keinen Umweg, um dem Friedhof aus dem Wege zu gehen, und oerträgt’s, daß man der Lebenden vom Sterben spricht. Sie zuckt nicht mit der Wimper, als die Nach­barinnen in ihrer unbedachten Weise das Kapitel uom Sterben aufschlagen und eine meint: „Ich sätt scho de Mechelsdoag^ 's Allerche derläbt die Neujoahr niet. Es woar goar ze oarg zesammegekroche." Aber unangenehm, sehr unangenehm ist ihr's doch, als nun Hechelmann's Kathrinche, das von Dummbach gebürtig ist und bis jetzt still an der Kammertür gesessen hat, anhebt: „Aller, bann der Schöffer für Euch stirbt, kommt'r ins nass' Dähl. Owe is dann känn Platz meist!" Nach den Worten wird's zwischen den schweren Kissen und Decken unruhig; denn der Respekt vor dem kalten Wasser ist sehr groß, so groß, daß der Alten heiß wird bei der Vorstellung, daß man ihre morschen, toten Knochen würde in eine zum Teil mit Wasser gefüllte Grube betten können, wie den Eckenlips vor 6 Jahren, als die letzte Grabreihe begonnen wurde. Aber ehe sie etwas äußern kann, gibts draußen in der Stube einen argen Ausstand. Die Hausmagd, die durchs Fenster dem rodelnden Jungvolk zu- schaut, ruft laut: „Der Parr kömmt!" Richtig! Den Kirchberg herab kommt der Pfarrer, der noch ein paar Kranke besuchen will und bei der alten Schmiedjosten gern vorspricht, weil sie

während ihrer langen Wanderschaft gelernt hat, Spreu und Körner zu unterscheiden. Als er das Zimmer betritt, ist darin eine merkwürdige Verwandlung vor sich gegangen. Der Schmied- jost sitzt am Tisch und hat das „Starkebuch" aufgeschlagen, der Wilhelm liest, was sonst durchaus nicht seine Art ist, im Gesang­buch, Mutter studiert mit einem Auge den Sonntagsboten, mit dem anderen schielt sie nach der Türe, die Dienstmagd hält das Raiffeisenblatt verkehrt in der Hand. Welch' ein liebliches, rührendes Bild für einen eintretenden Pfarrherrn! Bier, nein sechs Christfestpredigten gehört und immer noch hungrig?! Der Pfarrer aber kannte feine Grünzeller besser als sie ihn, sonst würden sie ihm nicht am Sonntag nach Weihnachten solche Komödie vorgespielt haben. Er durchschaut, warum man das lebende Bild schnell gestellt, geht auf den Haussohn zu und sagt: „Na, Wilhelm, so jung noch und schon bei den Kreuz- und Trostliedern? Mach, lieber deinen Bilderrahmen fertig!" Da werden drei Schnuedjoste rot, der Pfarrer aber geht rasch zur Alten in die Kammer, die ihm die Last vor die Füße wirft, welche Hechelmanns Kathrinchen ihr vorhin aufgepackt. Als er nach einer Weile Abschied nimmt, ist die Aller schier jung geworden vor Freude. Wenn der Schäfer vor ihr stirbt, kommt sie doch nicht ins „nass' Dähl", dann wird die neue Reihe oben begonnen. Das hat ihr der Geistliche fest versprochen, und die Aller ist ihre letzte Sorge los. G. Flemmig.

Der Sorgestuhl.

Plauderei von Helene Srehm.

Zu den ^ausratstücken, die als zu einer. neu- modischen Zimmereinrichtung nicht mehr paffend befunden wurden und deshalb wohl als „ausgestorben" betrachtet werden müssen, gehört auch der Großvater­oder Sorgestuhl von ehemals. Nur noch auf Bildern sieht man ihn zuweilen, die etwa ein anheimelndes Stäbchen darstellen aus der Zeit, „als der Großvater die Großmutter nahm". Da sitzt denn ein gebücktes Mütterchen, die rundglasige Hornbrille auf der Nase, in solch einem ehrwürdigen Vorzeitstuhl und liest im „großen, heiligen Buch". Oder krausköpfige, paus­bäckige Kindergestalten drängen sich in der Dämmer­stunde mit lauschenden Ohren und Augen um die Großmutter im Sorgestuhl, die so wunderschön zu erzählen weiß von dem, was sie im Märchenlande erlebte. — Manchmal auch sieht man den ^errn Pfarrer behaglich im Großvaterstuhl lehnen, wie er sein Pfeifchen schmaucht und die Zeitung liest. Das Kätzchen kauert schläfrig zu feinen Füßen, oder ein zahmer Stubenvogel pickt unehrerbietig genug sein Frühstück auf des ehrwürdigen, weißköpfigen sperrn Tisch zusammen. — Wer kennt sie nicht, diese lieben, traulichen Bilder „altmodischer" Künstler, die gottlob immer einmal wieder eine Zeitschrift schmücken? Wer erfreute sich nicht an den darauf dargestellten Möbeln, unter denen eben der Großvater- oder Sorgestuhl meist das augenfälligste ist.

Eines solchen alten Stuhles erinnere ich mich so gern aus meiner Kinderzeit. Lr stand in des Nachbars Wohnstube zwischen dem breitspurigen Himmelbett und dem anspruchsvollen Kachelofen, der noch von der Küche aus geheizt wurde. Zu jenem alten Stuhl hockte ich manch liebes Mal, besonders in den Iferbfü und Wintertagen zur Dämmerzeit, wenn die herauf­ziehende Nacht oder die Ungunst des Wetters den Kinderspielen draußen Einhalt gebot. Dann stiegen Märchengestalten aus den Winkeln des Stübchens hervor, denen wir Kleinen mit behenden, auch wohl mit angsterfüllten Augen entgegensahen. Und behaglich

hockt sich's im Sorgestuhl mit seiner steilruckigen, hohen Lehne und den sich daran schließenden breiten Seiten« wangen, mit seinem dunklen Baumwollenbezug, den blinkende Metallnägel am bjolzgestell festhielten beson­ders dann, wenn die Nachbarin ihre Freundinnen zur Spinnstube eingeladen hatte, wobei auch ich mein gutzugemessenes Stück Kuchen abbekam. Nach Feier­abend aber nahm der Nachbar selbst gern den ihm gebührenden Platz im Sorgestuhl ein. Einmal, um den beim Drehen an der Drechselbank krumm gewor­denen Rücken an der hohen Lehne seines Stuhls wieder geradezurichten, dann auch, um zu sorgen. Denn es spielten viele Kinder um ihn herum, die gern ihr Stückchen Brot aßen, und Vater und Klutter hatten ihr Tun in Werkstatt und Feld, damit die Schnittchen nicht gar zu klein wurden.

Einem Stuhl, der so gestaltet ar wie der des Nachbars, bin ich nie wieder begegnet. Aber auch bei uns daheim stand ein So rgestuhl, wenn er auch nicht, wie jener andere im Nebenhaus, Rück- und Seitenlehnen hatte. Auch dieser Sorgestuhl, eigentlich nur ein schlichter Sessel, war vollwichtig. Denn er stand vor des Vaters Schreibtisch, auf dem täglich Stöße von Akten und sonstigen Schriftstücken der Erledigung harrten. Auf diesem Stuhl lieh der alle­zeit hilfsbereite den bei ihm Rat und Trost Suchenden willig Gehör und sorgte mit um andrer Leid und Weh, obgleich er auch sein päkchen zu tragen hatte. — Sitzgeräte Hat's auch bei den Alten schon ge­geben, hergestellt in mannigfachster Gestalt und aus dem verschiedensten Material, Stähle mit geraden, sägebockartig gestellten oder geschweiften Beinen. Im Mittelalter war der Stuhl in Deutschland noch ein seltenes lhausgerät. Man bediente sich beim Sitzen niedriger Bänke, Schemel und dergl. Auch in späteren Zeiten war der Stuhl noch ein Vorrecht der Reichen und vornehmen, die ihn als Ehrenplatz des ljaus- Herrn betrachteten. Es gab hölzerne Stühle, aber auch solche aus Metall und Elfenbein; Stühle, deren