Nr. 6 ®®®®®®®®®®®®®<s®®®®®®® Unsere Heimat ®®®®®®®<3®®®®®®®®®®®®®® Seite 77
jeder anderen Beziehung wird erst die künftige Krankenkasse von den in so weitgehendem Maße verbesserten Kreiskrankenhäusern ziehen können!
In den bisherigen Ausführungen war bereits mehrmals die Rede von solchen Verbesserungen. Die Kreisverwaltung und die in den Krankenhäusern pflegenden Schwestern und Aerzte waren fortgesetzt bemüht, nach und nach Vervollkommnungen einzu- führen, so gut es die geringe Leistungsfähigkeit des Kreises nur irgend zuließ. Diese krachte es aber mit sich, daß das Tempo der Verbesserungen ein langsameres war, als den Behörden und Körperschaften des Kreises lieb sein konnte. Da traten mehrere glückliche Ereignisse ein, welche eine plötzliche und rasche Wendung zum Besseren herbeiführten. Das eine war die große Stiftung der Freifrau von Stumm, welche heute eingeweiht und schon an anderer Stelle dieser Zeitschrift eingehend besprochen wird. Das zweite glückliche Ereignis bestand darin, daß eine andere große Wohltäterin, Frau von Weinberg in Frankfurt a. M. im Krankenhause zu Steinau auf ihre Kosten nacheinander eine ganze Reihe von bedeutenden Verbesserungen ausführen ließ, von denen sich gewissermaßen eine aus der anderen ergab.
Aus den Dörfern um Steinall gehen allwöchentlich viele Männer zur Arbeit in die chemische Fabrik nach Fechenheim, einem Aktienunternehmen, dessen Aktien sich zum großeil Teil im Besitz der Familie von Weinberg befinden. Der Wunsch, biefen Männern, wenn sie nach längerer Tätigkeit erholungsbedürftig geworden wären, einen möglichst angenehmen, gesund- heitsspendenden Aufenthalt im Heimischem Krankenhause zu verschaffen, war wohl der erste Anlaß zu dem hochherzigeil Entschluß der edlen Frau. Aber ihrem wohltätigen Sinne schien es selbstverständlich, daß die durch sie ermöglichten Verbesserungen, wie die zentrale Heizungsanlage, die modernisierten Bade- unb Kücheneinrichtungen, die neuen Letten und Kleider, die mit Linoleum belegten Zimmer, die sonnendurchflutete Liegehalle unb anderes mehr, ebensogut auch allen anderen kranken Insassen des Hauses ohne irgend welchen Unterschied dienstbar gemacht werden sollten. Umso größer und herzlicher sei der Dank, der ihr auch an dieser Stelle ausgesprochen sei. Diesen Dank schulden und bringen ihr nicht nur alle diejenigen Einwohner des Kreises, welche jemals, fei es selbst, sei es in ihren Angehörigen von den Wohltaten Nutzen ziehen, sondern auch die unter uns, welchen die Wohltäterin das schöne aber schwierige Loos, jenen zu helfen, erleichtert hat. Nicht vergessen sei bei diesem Dank Schwester Elisabeth Böttiger, die leitende Diakonissin des Steinauer Kreiskrankenhauses. War sie es doch, welch in voller Erkenntnis der Mängel das Auge der gütigen Geberin auf die Bedürfnisse des Hauses lenkte, also, daß Herz und Hand zum Geben willig wurden.
Inzwischen hatte auch das Krankenhaus in Sal- münster eine Wandlung zum Besseren durchgemacht. Freilich ließ sich dies nur dadurch erreichen, daß es dabei seine Eigenschaft als Kreisanstalt verlor und zu einem städtischen Kranken- und Pflegehaus wurde. Der Verwaltung der Stadt Salmünster bot sich nämlich die Gelegenheit, mit Hilfe einiger milder Stiftungen,
die ihr einst ausgewanderte und in der Fremde zu Vermögen gekommene Söhne des Ortes und andere Persönlichkeiten zugewendet hatten, eine solche Anstalt ins Leben zu rufen. Dies war bestimmungsgemäß nur dann möglich, wenn dieselbe städtisch wurde. Hierzu mußte aber das Krankenhaus, welches die Stadt im Jahre 1889 dem Kreise anvertraut hatte, nunmehr der Stadt zurückgegeben werden. Die Kreisverwaltung hielt sich hierzu einerseits für verpflichtet, um den Kranken und Schwestern die ihnen zu gönnende Verbesserung schneller (eher) zu verschaffen. Andererseits glaubte sie sich dazu auch berechtigt, weil durch Rückgabe des Krankenhauses die Notwendigkeit, dasselbe mit großen Kosten außen wie innen zu erneuern — und die Notwendigkeit war bei biefem Krankenhause am dringlichsten — für den Kreis hinfort wegfiel. Übrigens hat sich der Kreis ein Recht und die Stadt einen Anspruch darauf gesichert, daß die nämliche Zahl von Kreiskranken dem neuen Hause überwiesen wird, wie sie im alten üblich war.
Nun bleibt nur noch das vierte Kreiskrankenhaus gu erwähnen, nämlich dasjenige in Eckardroth. Es ist das einzige, von welchem leider keine wesentliche Verbesserung gemeldet werden kann. Die Kreisverwaltung hat sich hier bisher sehr zu ihrem Bedauern auf die notwendigsten Erneuerungen und Ergänzungen beschränken müssen. Umso wärmere Anerkennung verdienen deshalb die treuen Schwestern vom Heiligen Vinzenz aus bem Mutterhause Fulda, in deren Obhut das Haus sich von Anbeginn befindet. Und da ich bei diesem Krankenhause noch nicht in der Lage bin, einer edlen Stifterin oder einem gütigen Geber zu danken, so will ich dieses den allzeit bescheidenen, ihre schweren Pflichten am Nächsten ohne Unterstützung durch moderne Hilfsmittel erfüllenden Vinzentinerinnen gegenüber um so herzlicher hiermit tun.
Aber auch dem langbewährten Arzt, Herrn Snni- tätsrat Dr. Kraushaar, wollen wir für die schwierige Arbeit unter erschwerten Umständen den schuldigen Dank gern zollen. Möchte der Kreis bald die Mittel aufbringen können, oder noch besser: möchte sich bald auch für Eckardroth ein Geber einstellen, auf daß auch hier eine vervollkommnete, den übrigen Krankenhäusern gleichartige Pflege- und Heilstätte ersteht!
3n Beginn der hier besprochenen Organisation deo Armen- und Krankenpflege als Kreiseinrichtung hattr der Kreis in feinen Krankenanstalten rund 50 Betten zur Verfügung. Heute kann er mindestens 100 Betten besetzen.
Wer den Kreis Schlüchtern seine Heimat nennt, der wird aus diesen Ausführungen, die viel länger geworden find, als mir selber lieb ist, mit Freuden lesen können, daß das Werk, dessen Grund im Jahre 1889 gelegt wurde, zu Nutz und Frommen unserer armen Kranken und Siechen bis auf den heutigen Tag ohne Schwanken, Gottlob von reichen Gaben unterstützt, aber auch unter steter Anspannung der eigenen Leistungsfähigkeit und Verantwortlichkeit fortgeführt worden ist. Und diejenigen, nicht wenigen Leser von „Unsere Heimat", welche einst gleichfalls Kinder des Schlüchterner Kreises waren und heute ein anderes Land ihre Heimat nennen, auch sie werden Genugtuung darüber empfinden.