Seite 44 iSiS3®<3®<3®<3<3<3®®<S<S<3<3<3<3<3<2> Unsere Heimat rD-S-S-DcD-D-S-SSS-S-S-S-DS-SSSSS-DS 9ir. 5
Sulba. 911 Napoleons Gesichtszügen — so erzählt als Augenzeuge Goeßmann in seiner Geschichte Fulda's — verriet sich keine Spur von Kleinmut, unter seinem schlichten, grauen Mantel trug er eine einfache Chasseur- uniform, auf dem Kopfe einen kleinen dreieckigen, schwarzen Hut. Über Napoleons Aufenthalt in Schlüchtern siehe Nr. 9 und 10 „Unsere Heimat", Jahrgang 1910.
Wenige Stunden, nachdem die Nachhut des französischen Heeres den Distelrasen passiert hatte, am 30. Oktober, rückten bereits die Truppen der Verbündeten in Fulda ein, und zwar war es die Armee Blüchers, welche nach der Schlacht bei Leipzig die geschlagenen Franzosen allein energisch verfolgt hatte. Blücher selbst übernachtete vom 30. auf den 31. Oktober in Fulda. Er hatte sich bei dem ehemaligen Fürstbischof Adalbert III. einlogiert, in dem Hause neben dem Dom, in welchem jetzt das von Wallenstein'sche Damenstift sich befindet. Blücher wandte sich dann tags darauf mit seiner Armee über den Bogels- berg nach Gießen. Dadurch wurde er verhindert, auf dem Schlachtfelde bei Hanau rechtzeitig zu erscheinen. Wenn er, womöglich in Eilmärschen, auf der großen Heeresstraße hinter Napoleon hermarschiert wäre, dann wäre Napoleon, von vorn und im Rücken angegriffen, wohl bei Hanau vernichtet worden. Die verfehlte Marschroute über den Vogelsberg war Blücher von dem Generalissimus der Verbündeten, bem Fürsten Schwarzenberg, vorgeschrieben worden. Schwarzenberg hatte die Absicht, seine Österreicher auf dem kürzesten und bequemsten Weg nach Frankfurt zu führen, damit sein Kaiser Franz als erster von ben verbündeten Fürsten an der Spitze seiner Truppen in die alte Krönungsstadt einzöge. Als aber der russische Kaiser Alexander, der bekanntlich auch persönlich den Feldzug mitmachte, ben Plan Schwarzenbergs erfuhr, ließ er die russische Kavallerie Gewaltmärsche machen, um wenigstens mit einigen russischen Truppen gleichzeitig in Frankfurt erscheinen zu können. „Denn", so soll er gesagt haben, „ich habe nichts dagegen, daß Kaiser Franz und ich zusammen in Frankfurt einziehen, voraus soll er aber nicht!" Und es gelang ihm wirklich noch einen Tag früher nach Frankfurt zu kommen als die Österreicher. So wurden damals durch kleine persönliche Intriguen große Erfolge in Frage gestellt.
Bald nachdem Blücher mit seinem Korps über den Vogelsberg abgerückt war, schon am 1. November, nahte sich das durch Thüringen über Schmalkalden ziehende Hauptheer der Verbündeten unter Schwarzenberg unserem Kreis. Die Freude unserer Vorfahren, als sie die Sieger der Leipziger Schlacht begrüßen konnten, wurde arg getrübt durch die Art, wie es die Truppen der Verbündeten trieben. Sie hausten schlimmer als die Franzosen. Was die übrig gelassen, das nahmen sie weg: manchem Bauer die letzte versteckte Kuh unb das letzte Hemd. Was die Stadt Schlüchtern gelitten in jenen Tagen, das habe ich in den schon zitierten Nummern von „Unsere Heimat" geschildert, das ist uns auch durch die Eber- hard'schen Erinnerungen in unserem Heimatkalender jüngst erst nahegebracht worden. Wenn es auch nicht überall so herging wie in Schlüchtern und den an der Heeresstraße gelegenen Ortschaften, so hat doch fast jedes, auch das abgelegenste Dorf in unserem Kreise zu leiben gehabt. Am schlimmsten trieb es das ©efinbel, das hinter den Heereskörpern Herzog und Nachlese hielt — versprengte Soldaten, handwerksmäßige Räuberbanden, Marodeurs, wie man sie damals nannte. Vor denen war kein Dorf sicher, kein im Walde verstecktes Förster-
Haus. Die wußten auch die Verstecke ausfindig zu machen, wo die Bürger und Bauern ihre Habseligkeiten, die sie retten wollten, untergebracht hatten. Sie setzten, wenn sie Verstecktes oder Vergrabenes vermuteten, dem Besitzer die Pistole auf die Brust ober das Messer an den Hals, bis er feine Heimlichkeit verriet.
Wie es in jenen Tagen in Namholz und in Vollmerz zuging, das erhellt aus einigen Briefen, die der damalige herrschaftliche Amtmann Hildenbrand und der Pfarrer Kreuter zu Namholz an den Grafen von Degenfeld gerichtet haben. So heißt es in einem vom 9. November 1813 datierten Briefe Hildenbrands: In den ersten Tagen der französischen retraite wurden alle Pferde, die sich nicht durch die Flucht retten konnten, hinweg genommen. In der folgenden Woche bis jetzt ist die Unsicherheit so groß, daß sich nicht über Tag jemand von hier bis Bollmerz wagen kann, ohne geplündert und mißhandelt zu werden. Der Amtsbote Link wurde zweimal auf Posttagen nach Schlüchtern geschickt; ihm wurden erstenmals die Schuhe von den Füßen genommen, zweitenmals wurde er seiner wenigen Habseligkeiten beraubt und sollte ein Paar zerrissene Stiefel ausziehen, welcher Fehler sie rettete, sonst wäre er auch zweitenmals barfuß zurückgekommen. 3u unserem großen Unglück gesellt sich noch das tödliche Lazarettfieber, woran in der vorigen großen Schreckenswoche vier junge Männer ftarben, und ihren Witwen wurde das Vieh genommen. Mein Sohn selbst, der mir immer so wirksam Beistand leistete, wurde angesteckt und liegt zur Vermehrung unseres Kunimers schon feit 8 Tagen ohne Besinnung. Die häufigen Anordnungen und Schreiben, die ich von Morgen bis in die Nacht zu madjen habe ganz allein ol)nc allen Beistand, verhindern mich so, daß ich Herrn Pfarrer Kreuter bitten mußte, für Excellenz eine Schilderung vorläufig zu machen und alle Tatsachen nach und nach zu sammeln und Ew. Excellenz stückweise davon in Kenntnis zu setzen. Auch mein Zugvieh ist mir sämtlich genommen worden. Namholz und Oberramholz mußte das ganze Regiment Chevauxlegers aufnehmen. Häuser und Stallungen faßten weder Mannschaften noch Pferde. Ich hatte den ganzen Stab im Hause. Der Herr General Quastanowitsch aus Kroatien hinterließ mir ein Kompliment an Ew. Excellenz. Allein dieser Besuch kostete mich beinah '/i meiner Winterfütterung und des Strohes. Das Holz wurde im Dorf und von meinem Hofe zu Wachtfeuern wagenweise hinweggetragen. Das schlimmste ist die tägliche Unsicherheit durch Besuch von Kosaken unb Marodeurs, vor denen man keinen Tag des Lebens sicher ist. Am Sonntag hat der Fuldische Rentereibeamte in Sannerz Haus und Hof verlassen müssen, um sein Leben gegen die schreckliche Mißhandlung der Kosaken 311 retten. Bon welchen Menschen ich täglich zweimal einen Besuch mit unerschwinglichen Forderungen und gräßlichem, stürmischem Betragen bekomme. Wenn doch nur vom Hauptquartier aus bewegliche Kolonnen im Rücken der Armee zur Herstellung der Sicherheit gebildet würden, welche die Gegend durchstreiften und die Marodeurs einfingen, sonst bleibt kein Stück Zugvieh, kein Lebensmittel, und die Armee selbst verliert alle ihre resourcen hinter sich. Ich muff abbrechen, weil mich Geschäfte abrufen, und alles weitere Herrn Pfarrer Kreuter überlassen. Ew. Excellenz untertänigst gehorsamster Hildenbrand.
In dem Briefe des Pfarrers Kreuter 00m 9. November 1813 heißt es: . . . Ich darf wohl nicht fürchten, die Sache zu übertreiben, wenn ich behaupte, daß unsere