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Allerlei.
Gericht gehalten Mittwochs nach Exaudi anno 1570. (Aus dem Schlüchterner Gerichtsbuche.) Uf heut dato ist am Gericht der Herrn Hanawischen Räthe bevelch der Abwandung und geng halben, wie dieselben hinfüro geschehen und für- genommen werden sollen öffentlich verlesen worden wie folgt«
Nachdem wir vernommen, daß die Grentzen durch unserer gnädigen Herrschaft Bürger und Underthanen jeglicher dero Thermineyen vnd abwandung lang nit gegangen feindt, vnd doch die Eltisten mehrertheils hinwegfallen, so ist unser bevelch das Ihr nicht allein zu Steinau und Hunsrück, sondern auch in allen andern Dorffern des ampts Steinau und Schluchtern die Anstellung thaten, das durch die Eltisten jn beiseyn der Jungen Mannschaft und Knaben jdes Orts Ir Grentz und Thermineyen vf einen gelegenen Tagk vnd sonderlichen, wan es ohn das etwan ein feyertag were, gegangen würde, Auch ein jeder Gemeindt den Jungen Knaben Idem ein Weck zu einer Ge- dechtnis hettet geben lassen und daß diese anstellung bei Inen also geschehen mochte das sie alle Iars Ire grentz abgingen; So kundt die 3imge Mannschaft Irer Grentz, wo die anß und angeht auch Wissenschaft entphahen und an Ihrer Gemeindt desto weniger Künftig verlieren.
Über die Naturverschandelung dieses Jahrhunderts der Gesetze zur Erhaltung landschaftlicher Schönheiten und Naturdenkmäler singt „Caliban" im „Tag":
Wie ein Märchen voll Glanz und verborg'nem Sinn
Wand sich im Grunde das Flüßchen hin,
Dom Kiefernhochwald sorgsam umhegt —
Nun wird es begradigt und tiefergelegt.
Das Märchen versinkt, es war einmal;
Viel bester verzinst sich der Zillenkanal,
Und statt des Geheimnisses ernst und froh
Grüßt jetzt das Bereinigte Kies-Bureau.
Es dehnte sich hinten im Walde weit
Ein heiliger See aus der Wendenzeit,
Schwarzgrün bei Tage, grünglaftend bei Nacht,
Aus Triglaws Schatz der letzte Smaragd.
Sein Feuer erlosch, der See verschwand,
Die Pumpen senken den Grundwasserstand.
Doch ward die Stätte auch wüst und stumm, So zieht sich dafür ein Drahtzaun herum;
Und ob den Gott nun niemand mehr nennt —
Die Dividende ist achtzehn Prozent.
Ehrfürchtig-liebeude Frage hallt
3m Lied: „Wer hat dich, du schöner Wald —?" So leb’ denn wohl, du grünes Haus!
Der Holzhändler hat dich, und morgen ist's aus, Am Lieblingsplatz, den sich das Volkslied erkor, Eröffnet er sein Verkaufskontor.
Wohin die Sauft mit dem Geldsack faßt: Verwüstung, Schande, Schmutz und Morast!
Getrost! Es kommt, wenn alles in Schmutz: Ein neues Gesetz für den Heimatschutz.
Unlösbare Rätsel. Rätsel können mit der Zeit unratbar werden, weil die Gegenstände, auf welche sie sich beziehen, im Lande außer Gebrauch gekommen sind, z. B. dieses:
Sie scheiden mich, sie schaben mich,
Sie schneiden mir den Kopf ab,
Sie geben mir was zu saufen
Und lassen mich wieder laufen.
Ein anderes heißt:
Des Tages hab' ich nichts zu tun,
Man läßt auch in dem Winkel rub’n;
Des Abends bricht die Nacht herein,
Dann schluck' ich Feuer und Flammen ein.
Unsere Kinder können beide Rätsel nicht mehr erraten. Die Alteren unter uns kommen wohl noch dahinter, daß bei dem einen der Gänsekiel, bei bem zweiten die Lichtputzschere gemeint ist.
Verstaubter Humor. Man sagt, daß einst zwei Gesellen miteinander gewandert sind, und da ein Bär auf sie zugekommen, ist der eine auf einen Baum eilends gestiegen und hat feinen Gesellen allein gelassen. Da aber dieser keine Hilfe gewußt hat, ist er auf die Erde niedergefallen aufs Angesicht. Der Bär ist um ihn hergegangen, und weil der Liegende keinen Atem ließ, meinte der Bär, er wäre tot (denn ein Bär, wie man sagt, tut keinem toten Menschen etwas) und ging von bannen. Da der Bär weg ist, steigt der wieder vom Baume und fragt feinen Gesellen, was doch der Bär zu ihm gesagt hätte, da er ihm also um die Ohren und um den Kopf gegangen wäre. Der andere antwortete: „Er sagte zu mir, du wärest ein Schalk; ich sollte mich vor dir hüten und mich nimmermehr auf einen anderen verlassen." Ioh. Agricola, 1529.
Wurzelechte Volksgesundheit. Die Literatur über das Thema der Jugendpflege schwillt immer mehr an: ein Beweis, wie die Frage im Vordergründe des öffentlichen Interesses steht. Nur mit Mühe findet man sich noch durch das Labyrinth der zahllosen Vorschläge hindurch, die über Erziehung' und Pflege der Jugend gemacht werden. In alle dem Vielerlei liegt ein für unser deutsches Volk betrübendes Eingeständnis. Das deutsche Familienleben, einst der Jungbrunnen des völkischen Lebens, scheint sich zu erschöpfen, beginnt zu versagen. Von diesem Standpunkte aus angesehen, sind die modernen Maßnahmen der Jugendpflege zu einem großen Teile nur ein Surrogat, das im Augenblicke wohl nötig erscheint, aber so bald und gründlich wie möglich überwunden werden sollte. Ist doch manche Veranstaltung der Jugendpflege dazu angetan, die Bande der Familieneinheit eher noch weiter zu lockern, statt sie neu zu knüpfen, den Familiensinn noch weiter aufzulösen, statt ihn gesunden zu lassen. Durch unser deutsches Volk muß es wie ein Frühlingserwachen gehen. Im geschlossenen und innigen Familienleben muß es sein eigentliches Ideal wiedecfinden. Die wirklich treue Pflege des Familiensinnes gibt ein Autoritätsgefühl, das mehr ist als eine nur äußerliche Achtung vor dem Gesetze, seinem Zwange und seiner Strafe. Familiensinn gebiert die tief innerlich gegründete Rücksichtnahme der Menschen untereinander, die durch kein Standes- oder Solidaritätsgefühl ersetzt werden kann. Das Wurzeln in der Familie mit ihren Kräften erzieht zum Gebrauche jeder rechten Freiheit, die nie in Willkür ausarten wird, und so als Schranke des uferlosen Individualismus unserer Zeit dringend notwendig ist. Familiensinn ernährt die Vaterlandsliebe, gegenüber der die moderne Bürgerkunde, die an sich gewiß wichtig ist, nur eine äußere Ergänzung bedeutet. Familiensinn ist der Herd für alle religiös-sittliche Spannkraft in unserem Volke, ohne welche es trotz aller Bemühungen und aller Reden der bloßen Moralisten zu Grunde gehen müßte. Wir haben zwar recht gute soziale Gedanken und Formeln mit der Zeit gefunden, aber wir haben die wahrhaft soziale Familienkultur immer mehr verloren. Jede Maßnahme der Jugendpflege sollte daraufhin geprüft werden, ob sie geeignet ist, den Familiensinn, dieses wurzelechte Leben unseres deutschen Volkes, wieder zu stärken!
Als Manuskript gedruckt von C. E. Schock, G. m. b. H., Frankfurt a. M. Schriftleiter: Lehrer Flemmig in Schlilchtern. Verlag des Heimatbundes in Schlüchtern.