Seite 8 ®®®®®®®®®'®®®®®®®®®®®® Unsere Heimat ®®®®®®®®®®®®®®®®®®®®®® Nr. 1
Me Geschichten.
1. von Lieb' und Treu'.
Zj^s ist ein halbes Jahrhundert her, daß ich als 1 Hosenmatz die meisten Stauben jedes Tages in den Stuben, Ställen, Scheunen und Grasgärten des nachbarlichen großen Bauernhauses zugebracht habe. Was war das für eine reiche Welt! Was war da zu sehen und zu hantieren und zu lernen! „Komm, Song, du mußt mer helf fütter!" — „Hampeter, darf ich die Kohl stauchen?" — „So, äwer erscht würd Klee geholt! Geh' her, mein Song, du dürfst off'n Gaul setz!"-- „Bos der Song kann gedresch! Er hält de Schlag zu sechst bie en Aaler! Herr Lehrer, der muß ’n Bauer wer!"
Trat man in die Wohnstube, so fiel der erste Blick auf ein großes, schräghängendes, perlengesticktes Bild: „Jakob und Rahel", das als kostbarer Hausrat auf fiel und wertgehalten wurde. In der Stubenecke zwischen den Fenstern, von zwei Bänken flankiert, der schwere Eichentisch. „Komm, Käuzje, du dürfst emol guck!" Mit den Worten zog der Hausherr gemächlich den „Strubbeutel" aus der Hosentasche. Die Schnur des Beutels trug den kleinen Schlüssel. Langsam und wichtig wurde die Schublade des Tisches aufgeschlossen, dann die blendend weiße, eichene Tischplatte zurückgeschoben — ich glaube, sie geht heute noch so flott und leicht zurück wie damals — und da waren alle die schönen geheimnisvollen Fächer mit dem interessanten „Allerhand": und zuletzt das „Geldkästje" ! „Weis mer noch emol das Goldstück! Darf ichs auch emol angreife?" — Weit aufgerissen starren die Augen des Jungen auf ben damals noch so seltenen Vogel!
Ach, könnte ich doch euch tausend und abertausend armen Kindern der dumpfen Gassen und engen Stuben und — mancher Paläste — die Iugendfreuden geben, die mir mein stilles Rhöndorf geschenkt hat!!
Bor 3 Wochen wars, da fand ich zur frohesten Überraschung eine bald sechzigjährige Stadtfrau, die sich in ihrem hübschen Restaurant gewandt zwischen ihren Gästen bewegte und da und dort und überall angerufen wurde. „Annegrets! Bist du's oder bist du's nicht?!" — Richtig, sie war's, vor beinahe fünfzig Barren das hübsche, gescheite Töchterlein aus „Iosthennersch Haus". Hub nun saßen wir zwei lange und leider zu kurze Stunden und plauderten und wurden wieder ganz jung in ben schönen Sugenberinnerungen. Und auf eine der vielen Fragen: „Hängt denn das Bild von Jakob und der Rahel noch in deinem Elternhaus?" die Antwort: „Ja, noch an demselben Fleck wie vor fünfzig — nein, vor hundert Jahren." — „Woher stammte doch eigentlich das Bild?" „Das weißt du nicht, daß das Bild von Bremen nach Haubach gekommen ist? Das muß ich dir doch gleich erzählen: das ist eine ganze Geschichte!"
„Also es müssen jetzt 100 bis 120 Jahre her sein, da ist aus Haubach ein stattlicher junger Bursch, meines Urgroßvaters Bruder glaub' ich, ausgewandert. Er hat nach Amerika gewollt, ist aber nur bis Bremen gekommen. Dort hat die schmucke Tochter des Herbergswirts den
hübschen Burschen liebgewonnen und nicht wieder fortgelassen. Die beiden jungen Leute haben sich in Bremen verheiratet und haben eine sehr glückliche Ehe geführt. Kinder haben sie nicht bekommen. Wie sie alt geworden maren, hat doch der Großonkel als erster fortgemußt. Wie nun die Witwe so ein paar Monate mutterseelenallein dagestanden hatte, da ist's so über sie gekommen, sie müßte in das Heimatsdorf ihres Mannes reifen. Denn es war kein Tag in seiner Ehe vergangen, an dem er nicht erzählt hätte von dem Bauernhof, wo er die ersten Hosen zerrissen hatte: und vorn großen Gras- garten mit dem hohen Birnbaum und den vielen Zwetschenbäumen; und von dem schönen Dorf mit den vielen Bauernhöfen und den vielen Freunden und Verwandten: und von der einfachen, schmucklosen Dorfkirche auf bem langgestreckten Hügel mit dem Friedhofe, zu dem der letzte Weg unter dem Wasser gegangen werden muß (denn über der hohen Kirchhofstreppe liegt quer die Holzrinne des Mühlgrabens); und vom ältesten Bruder Hannhenuerich und seiner guttätigen Frau und von der Richtersch Göt. Sie hat immer dran denken müssen, was für eine starke Sehnsucht ihr Mann oft gehabt hat nach der Heimat und nach seinen Eltern und wie er nicht dazu gekommen ist, sie noch einmal zu sehen, ehe er selbst fortgemußt hat: denn Bremen war doch bamals so weit wie Amerika. So ist er gestorben und hat seine Sehnsucht mit ins Grab nehmen müssen. — Also, die Bremer alte Tante war eines Tages da in Haubach; die alten Leute haben noch wie lange erzählt, wie sie überall hingegangen ist und alles sehen müssen, von dem ihr Mann ihr soviel erzählt hat, und es wäre manchmal so gewesen, als wenn sie die Sachen gestreichelt hätte, von denen ihr Mann besonders gern geredet hatte. Und letzt sagt sie: „Wenn ihr mich aufneljmen wollt, will ich hier bleiben und hier sterben; denn hier bin ich wieder mit meinem Mann zusammen, und ich glaube, er freut sich im Himmel drüber." Sie hat sich dann die zwei Oberstuben im Elternhaus gemietet und hat sich ihre Möbet in Bremen holen lassen. Dazumal hats doch noch keine Eisenbahn gegeben. Da finb vier Bauern aus der Verwandtschaft mit Leiterwagen und acht Pferden nach Bremen gefahren und haben „das Werk gelangt". Und die Hin- und Herreise hat zwölf Wochen gedauert. Die Tante hat sehr schöne Sachen gehabt: dazu hat auch das Bild von Jakob und von der Rahel gehört, das jetzt noch daheim hängt und dafür sorgt, daß die Geschichte nicht vergessen wird."
„Und es geht mir grab wie bir: Man hat ja früher nicht so viele und schöne — und Gott sei Dank — auch nicht so schändliche Bilder gehabt wie heutzutage. Da mußte einem denn das eine Bild, das in der Stube war, alles erzählen, unb so wurde das Bild zum besten Freunde, bem man treu bleibt und von dem man sich nicht trennen kann, ohne sich weh zu tun."
$. walther.