Nr. 1 S>S>L>-L>S>S>S>S>S>S>L>SL>S>S>S>!Z>-L><S(S-SS> Unsere Heimat S>S-ScS!Z>!DL>!S!Z>!DSiSS-SL>!Z>!Z>!D!Z>S>!D Seite 7
und wenn die nicht augenblicklich ja riefen bekamen sie noch einmal Schläge.
Jeder Bürgerjunge brächte anstatt Geld ein Scheit Holz mit, das wurde in der Schulstube in einer Ecke angehäuft, imb nach der Schule mußten einige das Holz nach dem Hof tragen und in Ordnung legen.
Nachdem wir ein Weilchen versammelt waren, ging die Türe auf, und er kam, blickte jeden an, ob vielleicht einer lachte oder ob er sonst was bemerke; war das nicht der Fall, so ging er an sein Pult; über dem Pult oben an der Wand war ein Faden befestigt, daran hing der Brill; den setzte er auf, und wenn er vom Pult ging, bammelte der Brill in der Luft; er rauchte große Dämpfe aus seiner Pfeife. Wir standen in Front aufgestellt, und er sagte: „Habt ihr alle eure Grammatik?" Hatte sie einer nicht, so bekam er eine Tracht Prügel und mußte sie zu Haus holen, wobei er noch gewöhnlich nachrief: „In zwei Minuten mußt du wieder da sein."
Nun wurde Carl gefragt: „Was ist eine lateinische Grammatik?" — „Ist eine Anweisung zur latein. Sprache, die da lehret, wie man dieselbe recht schreiben, verstehen und reden soll." Nun wurde der zweite gefragt: „Was ist eine griechische Grammatik?" der dritte: „Was ist eine hebräische, eine ungarische usw.", worauf dann jeder das nämliche sagte wie bei der lateinischen Grammatik. Diese Aufgabe kam jeden Tag vor, und wir hatten sie sehr gern, weil es jeder auswendig konnte. Nun kamen die Konjugationen; das ging auch so ziemlich, weil wir sehr weniges immer drei bis vier Wochen lang aufbekamen; zuletzt die Wörter, höchstens vier bis fünf; aber höchst selten konnte sie einer alle, da sagte er: „Setzt euch hin und lernt sie besser!"
Er selbst nahm unterdes wieder eine andere Arbeit vor, zog eine neue Saite auf die alte Violine oder arbeitete an einer alten Lampe, für die er aus Binsen Dochte gemacht und an der er allerlei erfunden und verbessert hatte. Richtete einer von uns eine Frage an ihn über den Gegenstand, woran er schnitzte oder feilte, so sagte er kurz: „Halts Maul" oder „Wart, ich will dir lernen helfen". Hörte er darauf ein Kichern, so gab’s auch richtig Schläge.
Von unten hörte man dann feine Frau rufen: „Was sollen wir kochen?" Da ging er zur Tür und rief sehr kräftig: „Koch" Klöh', Frau!" Nach einer halben Stunde ging er wieder an den Pult, setzte den Brill auf die Nase und rief: „Könnt ihr eure Wörter?,, „Ja!" rief ein jeder, worauf er etwas ironisch sagte: „Wir werden's gleich hören:" Nun wurde ein jeder die fünf Wörter gefragt, aber höchstens konnte jeder eins bis drei, mancher nur das erste; er schwieg aber still und rief: „Bete, wer muh!" worauf der, an dem die Reihe war: „Pater Noster, qui es usw."; wie der fertig war, sagte er: „Ihr bleibt alle hier, und lernt eure Wörter, und wenn ich in einer Stunde herauf- komme und ihr könnt sie noch nicht, bleibt ihr hier, bis die Sterne am Himmel stehen!" Nun wies er uns die Plätze an, da sagte er: „Du hinter den Ofen, du vor den Ofen, du in die Ecke, du in die andere, du auf die Bodentreppe, du dahinten auf den Gang neben den Mehlkasten!" Dann ging er auf den nochmaligen Ruf seiner Frau: „Die Klöh' sind gar" und aus seiner Pfeife die Asche ausschüttelnd, langsam die Treppe hinunter. Wir waren aber mausstill, weil wir glaubten,
er stehe noch, um zu hören, ob wir Spektakel machten, bis wir uns überzeugt hatten, daß er am Tische saß. Da kamen die zwei herein, und der Lärm fing an; es wurde sich mit Mützen geworfen und gebalgt, bis dann eine Bank umfiel oder sonst ein Lärm entstand, dann machte sich jeder auf seinen Platz; einer setzte sich gerade so, daß er das Blech an der Türe vor sich hatte; war das kleine Löchelchen hell, so war's gut, war's aber dunkel, so wußten wir, wieviel Uhr es geschlagen hatte, und nahmen uns in acht. In diesen Schulstunden hatte er ein Kamisol an von dunkler Farbe mit rötlichen Streifen, ziemlich abgetragen, aber keine Flecken darin und auch nicht geflickt. In einer Tasche steckte eine Schnupftabaksdose, auf der er, wenn er eine Prise nahm, ein paarmal mit der rechten Hand leise herum- strich; sie war ganz abgeschliffen, ich habe aber immer nur dieselbe Dose bei ihm gesehen; ein paar abgeschliffene Beinkleider — das Zeug hatte einen Glanz, als wenn es aus schwarzen Pferdehaaren gearbeitet wäre —, graue Strümpfe, die mit der Schnalle an den Beinkleidern befestigt waren, und Schlappen, die er aus einem Paar alten Schuhen sich zurecht gemacht; ich habe an ihm nie Stiefel angesehen; endlich auf dem Kopf — er hatte eine Glatze, und die Haare waren wie Kümmel und Salz — eine gerade, gewirkte, wollene Mütze. Im Knopfloch der Hosentasche steckte eine Art Kantschu, den er gleich bei der Hand hatte unb womit er auf die Knie und auf die Beine hieb. —
Er hatte drei Gärten auch Wiesen und Aecker; wenn er Arbeitsleute hatte, so ging er mildem Perspektiv auf den Boden, um zu sehen, ob die Leute fleißig wären; wehe denen, die er lungernd oder ausruhend erblickt hatte! Sein Auge war scharf und richtig: ich habe gesehen, daß er mit seinem Blasrohr eine Elster, die auf einem Kirschbaum an der Kirche, dem Schulfenster gegenüber, saß, so an den Kopf getroffen hat, daß sie augenblicklich tot war; an den Sperlingen waren die Knochen am Kopf entzwei. Im Herbst, wo die Schwalben zum Wegziehen sich sammelten und auf der Kirchturmspitze das Kreuz voll saß, schoß er mit dem Rohr und einer Tonkugel zwei herunter. Wenn iljm eine Stechfliege an der Wade saß, so traf er sie meist mit dem Stock. Noch gehen in Steinau einige herum, die durch seine Prügel ein Auge verloren haben. Es möchte wohl niemand in Steinau sein, der bei ihm in die Schule gegangen ist, der nicht seine Schläge oder wenigstens Rippenstöße bekommen hätte. Er hatte eine Löwen- stimme, wenn er in der Kirche oder bei anderen Gelegenheiten vorsang; freilich fang er etwas durch die Nase, da er den Brill darauf feststecken mußte, damit er nicht abfalle. — Wenn eine Kindtaufe bei ihm oder in der Kirche war, oder die Ernte war gut ausgefallen, oder er hatte ein Kalb vorteilhaft verkauft u. dgl., so geschah es wohl, daß er mit uns einen Spaß machte, und dann war er auch außerordentlich nachsichtig. Wenn da die Wörter aufgesagt wurden und wir konnten wie gewöhnlich nichts, so frug er: domus, was heißt das Haus?" Ein jeder schrie nun: „domus!" „Halt't eure Mäuler, ich will jeden einzeln fragen — du, Pauli, viola — was heißt die Violine? — du, Bode, pax, was heißt der Friede? usw." So frug er jeden einmal; dann sagte er Pater noster, und wir stürzten jubelnd die Treppe hinunter nach Haus.