Seite 6 ®®®®s®®®®®®®®®®®®®®®® Unsere Heimat ®®®®®®®®®®®®®®®®®®®®®® Nr. i
/lus Luöwig Grimms Erinnerungen.
Ludwig Grimm, der jüngste Bruder von Jakob und Wilhelm Grimm, war Maler und Radierer. Er wurde am 13. März 1790 in Hanau geboren und starb am 2. April 1863 als Professor an der Akademie der bildenden Künste zu Kassel. Sein Leben zog, wie der Herausgeber seiner Erinnerungen bemerkt, keine weiteren Kreise. Von seiner Münchener Studienzeit, den Feldruf 1814, einer Italienreise und einigen Reisen in Deutschland abgesehen, spielte es sich in dem von ihm so sehr geliebten Hessenlande ab.
Wir geben im folgenden ein Stück aus seinen „Erinnerungen"*), das uns nach Steinau führt.
P r ä z e p t o r Z i n k h a n.
Jakob und Wilhelm waren die fleißigsten, konnten aber in Steinau nichts mehr lernen und Jakob soll das selbst gesagt und dabei geweint haben und vor Arger in der Stube herumgekrochen sein. Bald darauf kamen beide aufs Lyzeum nach Kassel, wir gingen noch weiter zum Zinkhan.
An ein ernstliches Lernen wurde aber nicht gedacht, sondern meist Mutwille getrieben. In die Schule ging ich nur deshalb gern, weil ich da mit den Schulkameraden zusammenkam und Spektakel gemacht und nach der Schule in den Garten oder sonstwohin gegangen wurde. Hätte Zinkhan mich nicht eingesperrt und hätte es keine Schläge gegeben, ich wäre gewiß in der Woche drei- bis viermal neben die Schule gegangen, um in Wiesen und Wäldern unter Gottes freiem Himmel herumzuschwärmen; aber der Zinkhan war streng, verstand keinen Spaß, und die liebe Mutter hielt sehr darauf, daß ich die Schule regelmäßig besuchte, war es auch nur, um sicher zu sein, daß ich unter guter Aufsicht sei.
Zinkhan gab mir Unterricht in Violine, Klavier, Rechnen, Schreiben, Religion und Lateinisch. Wir bekamen oft Schläge, ich beinahe alle Tage. Er hatte Stöcke und lederne Peitschen, denen er Namen gegeben hatte, und je nachdem die Strafe war, wurde der Stock gewählt. Ich wüßte niemand, vor dem ich im Leben mehr in Furcht gewesen wäre, wie vor diesem Prä- zeptor Zinkhan.
Er war wohl sechzig Jahre alt; soviel ich mich seiner noch erinnere, will ich ihn beschreiben: nicht sehr groß, breitschultrig, mit markiertem und gescheitem Kopf, trug er, wenn er zur Kirche und ausging, eine Perücke die unten dicke, gemachte Locken hatte, aber nicht gepudert war. Im Winter trug er einen schwarzen, im Sommer einen hellblauen oder violetten Anzug, Rock mit breiten Schößen, großen Taschen und roten Knöpfen. An jedem Rock war aber am Kragen, da wo die Locken der Perücke hingen, das Zeug sehr abgeschabt und hatte ganz die Grundfarbe verloren; besonders hatte der violette Rock durch das Wetter sehr die Farbe verloren, und wir konnten das Alter der Röcke gar nicht berechnen. Dabei trug er einen altmodigen dreieckigen Hut, schwarze oder violette wollene Strümpfe, Schuhe mit großen SchnallerCund endlich ein^großes, altes spanisches Rohr.
Schien die Sonne heiß, so nahm er vor dem Tore oder im Feld ein Hölzchen aus der Tasche, das die Größe vom inwendigen Hut hatte, schraubte es auf den Stock und steckte den Hut darauf: das brauchte er
*) ErinnerungenausmeinemLeben. Von Ludwig Emil Grjim m, herausgegeben und ergänzt von Adolf Stoll, Leipzig 1911. Hesse und Becker Verlag.
als Sonnenschirm. Bon uns, die wir zu if]m in die lateinische Schule gingen und die er manchmal begnadete, uns mit sich in einen von seinen Gärten oder auf einen weiteren Spaziergang in den „Langen" oder „Bellingser Berg" mitzunehmen, wagte niemand mehr, über diesen Sonnenschirm zu lachen, denn wir hatten darüber Hiebe und Rippenstöße in Menge bekommen; und die Erlaubnis, ihn irgendwohin begleiten zu dürfen, betrachteten wir als eine Strafe, und wenn wir es ahnen konnten, daß er bald wieder solch ein Vergnügen mit uns vor hatte, betrachteten wir es immer als großes Glück, wenn Regenwetter eintrat.
Sommer und Winter mußten wir uns Sonntags bei ihm versammeln, morgens vor der Kirche, und wenn es das zweite Mal geläutet hatte, marschierte er voran, und wir mußten folgen, und ein viel älterer Schüler G. Gottschalk (jetzt Amtschirurg in Steinau), mußte ihm ein erwärmtes Brettchen nachtragen, worauf er beim Orgelspielen saß; wir froren oft entsetzlich in den zwei langen Stunden, denn wir waren immer leicht angezogen; selten sangen wir ordentlich mit; nicht selten, wenn er bemerkte, daß wir Iungens lachten, ließ er unbemerkt den Gottschalk die Orgel weiterspielen, kam von der anderen Seite hinter uns und fragte jeden, an welchem Vers jetzt gesungen werde, und wenn er sah, daß wir's nicht wußten, mußten wir alle acht jeder einzeln hinter die Orgel kommen und bekamen unsere Schläge.
Ein ziemlich steifer Kerl, der in der Kirche läuten mußte und den wir den „Läuthannes" nannten, mußte auch die Bälge der Orgel ziehen. Auf einem Auge sah er gar nichts, auf dem anderen sehr wenig; es war nun so komisch anzusehen, wenn er nach den Seilen packte, um sie anzuziehen und wohl fünf- bis sechsmal vergebens griff; wir schleuderten oft die Seile herum, und er tappte nun vergebens in der Luft herum, umwillig brummend, so daß manchmal der Orgel die Luft ausging und die Töne stecken blieben. Einige Male warf der Carl das Seil auf die Orgel, und der Läuthannes konnte es gar nicht bekommen, und während er tappend um sich griff, um es zu fassen, hatte er vergessen, den anderen Balg aufzuziehen: die Orgel gab auf einmal gar keinen Ton mehr von sich, und die Gemeinde sang noch eine Minute ohne Orgelton. Zinkhan kam mit einem roten Kopf hinter die Orgel gestürzt und war wütend und wir alle in der größten Angst; er stellte sich auf einen Stuhl, holte das Seil wieder herunter und sagte zu uns: „Nach der Kirche kommt ihr alle in die Schulstube." Wir waren in einer Höllenangst, und wie wir uns versammelt hatten, fragte er jeden einzelnen; „Hast du das Seil auf die Orgel geworfen?" aber jeder sagte nein: da bekam jeder seine Tracht Schläge.
Im Winter gingen die Bürgerjungen von acht bis elf in die Schule, und von elf bis zwölf wir, und sie mittags von eins bis drei und wir von drei bis vier. In der großen Schulstube hatte er in der Türe oben ein Loch machen lassen, ein Blech darauf und in das Blech ein kleines Löchelchen gebohrt. Nun schlich er langsam die Treppe herauf, konnte durch das Löchelchen alle Schüler übersehen, blieb da eine Zeitlang stehen und beachtete da die Mutwilligsten, kam dann herein, ergriff den Stock ohne ein Wort zu sagen, und nun bekamen die Ertappten tüchtig Schläge; wenn er dann wieder auf dem Pult stand, sagte er nur: „Wißt ihr warum?"