Nr. 11 r^^^^ft^^r^i^C^^ unsere Heimat ^^^^^£^i^^i^ß^£^ Seite 109
Weitzels ganz genau ansehen. Ich glaube, daß man schon gemerkt hat, daß der das verdient, und ich möchte, daß ein Schlüchterner Kind lernt, vor oem prächtigen Mann in Gedanken die Kappe zu ziehen und den Quell zum Guten im eigenen Herzen rauschen zu hören, wenn es an seinem Denkmal in der Krämergasse vorübergeht. Zu dem erwähnten Artikel fügt er selbst erläuternd hinzu: „Die Schulkinder soll man gewöhnen, sich beim Betreten und Verlassen der Schule vor dem Lehrer zu beugen, und, wenn sie etwas von ihm verlangen, höflich bitten und danken auf gut' Deutsch, damit sie ihren schlechten Schlüchterner Dialekt ablegen. Daß die Lehrer eben so freundlich zu den Kindern sprechen, versteht sich von selbst. Die Mädchen und Jünglinge der oberen Klassen sollen ihr Gebet tun frei aus ihrem Herzen heraus, wenn auch nur mit wenigen Worten in Einfalt statt der auswendig gelernten Gebete. Ich erinnere mich aus meiner Schulzeit, wie ich den Heidelberger Katechismus auswendig aufsagen mußte, wobei ich keiner der Geringsten gewesen bin. Ich habe aber von dem Inhalt nichts verstanden, und es beucht mir, daß es besser und nützlicher für die Kinder sei, wenn ihnen zuvor das verständlich gemacht würde, was sie auswendig lernen sollen." Jedes Kind aber soll, wenn es zum erstenmale in die Schule geht, auf Weitzels Kosten ein Bild bekommen, damit der Lehrer dadurch sein Herz gewinne. Es lassen sich aus diesen Bemerkungen Weitzels allerlei Rückschlüsse auf längst verklungene Schulnöte machen. Wer zwischen den Zeilen liest, spürt, wie der „Stab Wehe", der damals über Gebühr in den Schulen geschwungen wurde, das rauhe, barsche Wesen des Lehrers und die Rüpelhaftigkeit der Schüler, die im Familienleben wurzelte, den Greis noch bedrückten, fielen doch seine Schuljahre in die Zeit, da man, auf Erbsen knieend, Schulvergehen büßte und der Büt- tel mit der Peitsche hinter dem Jungvolk sogar im Chor der Kirche stand, stehen mußte, weil die Autorität meist nur auf Hiebe gebaut war. Die aber sind wohl ein schmerzliches, aber trotzdem unzulängliches Fundament der Erziehung. Der Weg zum Sieg herzlicher Liebe über die Erde ist halt ein gar weiter, dorniger und mit rätselhaften Rückschlägen ausgestatteter, wie der Weltkrieg im „hochkulturigen" 20. Jahrhundert ja auch beweist. Aber errungen wird er, weil sich Gott mit ihm durchsetzt, und erstritten wird er sein, wenn Wahrheit und Recht nicht mehr zum Prügel zu greifen brauchen, weil dem Geiste, der alles ordnet, nicht mehr der Weg zu den Menschen versperrt ist. Wenn aber diese Luft wehen wird, wird man auch erkannt haben, daß das — Auswendiglernen des Heidelberger Katechismus nicht nur eine unnötige Quälerei, sondern auch eine Versündigung gegen die kindliche Fassungskraft ist, wenn es vor dem 12. Lebens
jahre einsetzt, und auch später ist es eine solche und bleibt es eine, wenn „Fragen" memoriert werden, die nach Inhalt in Form nun einmal nicht dazu geeignet sind. Ja, es ist ein Jammer, daß auf diese Weise ein Juwel der evangelischen Kirche zum Marterwertzeug und Totschläger keimenden religiösen Lebens gemacht wurde und wird. Guter, alter Weitzel, was würdest du erst gesagt haben, wenn Du und Deine Zeit schon erkannt haben würdest, daß wahres Leben mit Gott völlig unabhängig ist vom —Hersagen des Katechismus! Aber deine Abneigung gegen den „schlechten Dialekt" würdest du gewiß ablegen, wenn du heute lebtest, sehen würdest, wie Mundart und Musterhochdeutsch gut nebeneinander leben und geheißen können, und fühltest, daß die Mundart ein ererbtes Gut ist, dessen Vernichtung verhindert werden muß. Dafür aber, daß du gemeint und gesagt hast, man müsse, wenn man den Kindern etwas für's Leben geben wolle, zuvor ihr Herz gewinnen, sollst du noch im Lande des Friedens, in dem du nun schon so lange wohnst, bedankt sein!
Artikel 14 handelt von Landkarten, Büchern ic. Er trifft darin Vorsorge, daß dem von ihm beobachteten Mangel an solchen in der Schule nach Möglichkeit abgeholfen werbe, was seine Stiftung meines Wissens stets treulich geübt hat, sodaß in Schlüch- tern selbst der Wunsch der Lehrer nach- nicht gerade notwendigem, aber sehr wünschenswertem Anschauungsmaterial nie ungestillt blieb.
Artikel 15 bereitet Lehrern, Pfarrern, Verwal- tungsmitgliedern eine Osterfreude. Er redet von Ostereramensbrezeln. Obwohl die Examina gestorben sind, leben diese Brezeln noch und helfen dazu, daß gar manchem in Schlächtern, wenn er den Namen Weitzel hört, eine gute, mürbe Brezel einfällt, oder, wenn er eine Brezel sieht, der Name Weitzel „in den Sinn kommt." Das kommt aber so: In jedem Frühjahr, wenn der Sonntag Palmarum vor der Türe steht, die Osterzeugnisse geschrieben werben, die Sonne draußen teilnahmevoll die Winterschäden zu verbinden beginnt, frischer, erquicklicher Erdgeruch mit dem der ersten Veilchen und Primeln wetteifert, wenn nach dem langen Winterhalbjahr der Schule Ferien winken, ja einer Schar ihrer Insassen Entlassung aus ihrem Bann kündet, dann kommt — es ist jedesmal eine Ueberraschung — Fräulein Knauf und bringt als Ostergruß vom alten Bäckermeister Weitzel den oben Genannten eine der an= sehnlichen, wohlschmeckenden Brezeln, die von Schlüch- terns B-äckern, die weithin sich- besten Rufes erfreuen und von denen einer sogar Kaiser!. Deutscher Hof- bäckermeister geworden ist, reihum gebacken werden. Und wer von der Brezel ißt, schmeckt etwas von
der Güte des Menschen, der I. I. Weitzel hieß. Forts, folgt.
Dr- Philipp Leonhard Marias Lotich, ein Vorarbeiter in
unseren Lseimatbundbeftrebungen,
Von Pfarrer E.
Freund-Ramholz.
Fortsetzung.
err Leblanc war ein unruhiger Geist. Er liebte die Abwechslung. Hatte er sich- einige Wochen mit der Verschönerung seines Flo-
renzer Besitztums, mit der Anlage von Springbrunnen und Kaskaden in feinem Garten beschäftigt, dann ging er wieder eine Zeitlang auf Reisen. Und da er glaubte, daß fortwährendes Lernen und