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^^^^^^^^c^^r^c^ Unsere
Nr. 11
Aeltesten. Und jeder saß da, wo er um die Stunde und Minute sitzen sollte und mußte. Es lag in den Arbeitstunden am Abend eine Stille über der großen Gemeinschaft, die, wie es schien, schon vorher auf alle gewartet und sie ohne Wort und Geste in ihren Dienst gestellt hatte. Von der Aula her zogen burdy Gänge und Stuben und in's Städtchen hinaus die gedämpften Klänge der Orgel und erfüllten Raum und Seelen mit der wunderbaren, weihevolle Stimmung, die unter allen Unterrichts- und Erziehungsanstalten nur das Lehrerseminar mit seinem Musikunterricht — nehmt ihr ihn dem Seminar, so nehmt ihr ihm die halbe Seele! — geben kann, mit der Stimmung, die den Lehrer bis zu seinem letzten Seufzer nicht mehr losläßt, die in seinem Erinnern auch das Harte und Schwere im oft nüch>- ternen Lehrbetriebe verklärt.
Und da fällt's erneut auf unsere Seele: Von all den frohen, lebensdurstigen Jünglingen sind viele nicht wiedergekehrt, für deren Leib, Geist und Herz noch Arbeit hier bereit lag. Ihre starken, biegsamen Leiber bewegen sich nicht mehr draußen in Turnübung und frohem Spiel, ihre Augen und Ohren nehmen in den Unterrichtsstunden nichts mehr von dem auf, was sie zu Volkserziehern emporheben sollte, ihre Stimmen erklingen nicht mehr im ernsten und heiteren Volks- und Kunstgesang. Als heilige Blutopser gefordert, vom Väterlande, vom Schlach- tentod erlesen, ruhen sie in fremder Erde, nachdem sie ihre höchste und heiligste Pflicht freudig erfüllt haben. Und es war da kein Unterschied an Gesinnung der tapferen Jünglinge zwischen Städtern und Bauernsöhnen, als das Vaterland sie heranrief. Ihre Seelen waren noch unberührt von der Geringschätzung und dem durch die politische Agitation gesäten Hasse des einen Standes gegen den andern, als sie zu gemeinsamer Abwehr auszogen, ohne sich erst rufen zu lassen. Es ist kein Druck, keine Anregung von feiten der Lehrer nötig gewesen, um Zaudernde, Aengstliche an ihre selbstverständliche Pflicht zu mahnen; weder der vor der Entlassungs- prüfung stehende gereifte Seminarist, noch der knabenhafte Präparand bedurften einer Anfeuerung. Mehreren gelang es, in den Sommerferien 1914, sofort nach Kriegsausbruch als Freiwillige angenommen zu werden. Bei dem ungeheuren Andrang von Freiwilligen mußten viele monatelang warten, nachdem sie sich verschiedenen Regimentern angeboten hatten. Die sofort verfügte erste Notentlassungs- prüfung wurde mit 38 Schülern der 1. Klasse am 11. August abgehalten. Nach und nach traten auch einzelne Schüler der beiden folgenden Klassen als Freiwillige in das Heer ein, auch3 Schüler der Prä- parandenanstalt. Für den Rest des Kursus 1912 15 fand die Notentlassungsprüfung schon am 22. Dez. 1914 statt. Ihr unterzogen sich nur noch 17 Schüler, bereits in Uniform, nachdem sie schon 2 Wochen gedient hatten und zur Prüfung beurlaubt worden waren. Die meisten von ihnen kamen nach kurzer Ausbildung im Februar in die Karpathen. Nun dauerte der Abgang von Freiwilligen ununterbrochen fort. Die Schüler des Jahrgangs 1913/16 hatten 4 Entlassungsprüfungen am 14. Dezember 1915, am 11. und 24. Januar und am 12. April 1916. Von da ab war das Seminar ohne I. Klasse, während die II. Klasse nur mit 12 Schülern besetzt blieb.
Die Stimmung im Seminar war, wie sich das leicht denken läßt, sehr wechselvoll. Siegeskunden
brachten Freude und patriotische Hochspannung. Die Nachrichten vom Heldentode unserer Jünglinge versetzten Lehrer und Schüler in tiefe Trauer. Nicht von allen ist uns bekannt, wo und wie sie ihr junges Leben hergegeben haben. Manche haben den unerbittlichen Schnitter Tod Derladjt und sind mit dein Lächeln auf den Lippen in seinen Arm gesunken. Andere erstarrten, als er ihnen in seiner grauenvollen Tätigkeit plötzlich entgegentrat, noch ehe sie mit dem in der Ferne verdeckten Feinde Auge in Auge um Sieg und Mannesruhm ringen durften. Mancher blieb verschont, besuchte die Heimat und das alte Schlüchterner Kloster und gab Bericht aber Erlebtes, ging mit Zuversicht wieder in's Feld und besiegelte lange gehaltene vaterländische Treue doch noch mit seinem Tode.
Aus unserem Heimatkreise gebürtige Jünglinge, die ihr Leben für das Vaterland opferten und die geeignet erschienen, als Lehrer und Erzieher Tüchtiges zu wirken, seien hier genannt: Lofink, Hirte, Heinrich Eckardt, Georg Schäfer und L o tz aus Schlüchtern, Z e l l e r aus Jossa, H e i n b u ch aus Marjoß, Klüh aus Heubach. Mit nicht geringerer Trauer wurden empfunden die Verluste an jungen Lehrern, die erst kurz vor dem Kriege aus unserem Seminar abgegangen und bereits im Kreise Schlüchtern als Schulamts- bewerber angestellt waren: Jansen in Bellings, Friedrich in Vollmerz, Hartmann in Schwar- zenfels.
Die Jugend kommt über Schweres und Trauriges schneller hinweg wie die Alten, zumal das gesunde Wesen des Internats für diese Gefühle nur geringen Raum übrig läßt. Die Kunde von großen und bedeutungsvollen Siegen überschwemmte oft die Leidgedanken. Aber als sich die Nachrichten Don neuen Verlusten der Seminargemeinschaft häuften, da lag doch der Druck ohne Aushören auch auf den der fröhlichen Stimmung geneigten Schülern. Aus den Gauen der Heimatprovinz entstammende junge gefallene Helden, die unserer Gemeinschaft angehörten, erscheinen nun täglich in unserem Erinnern, gern gesehen wie ein lieber Besuch, der nicht oft genug kommen kann: Holl aus Bebra, Pretzsch aus Frankfurt, Freudenstein aus Grifte, Trarel aus Hanau, Müller aus Neustadt, Köhler aus Zimmersrode, Acker aus Birstein, Thomas aus Cassel, Birken stock aus Dörn- berg, Brehm aus Rotenburg,, Prei ß aus Wol- serode, Fasold aus Eersfeld, EmmeI aus Gelnhausen, Präparand Luck aus Unterbraitzbach.
Es wird mit diesen Verlusten wie im ganzen, so aud) im einzelnen nicht zu Ende sein. In wenigen Tagen wird eine neue Musterung die meisten von unseren bisher zurückgestellten Schülern der I. und die ganze II. Klasse uns nehmen. Sie werden mit gleichem Pflichtbewußtsein, getreu den Pflich- ten gegen die Volksgesamtheit dem Feinde gegen- überstehen, tapfer streiten und — wenn's ihnen bestimmt ist — ihre Pflicht mit dem Tode besiegeln. Aber Heldengedenktafel und Heldenbuch werden ihre Namen den kommenden jüngeren Geschlechtern, die in dem Schlüchterner Seminar die Ausbildung für ihren Beruf suchen werden, überliefern. Dann werden die Gefallenen als Erzieher auferstehen und werden deutsches Wesen lehren, wie sie es gelebt haben. Walther.