Seite 96 i^^r^^c^^^^^^^ Unsere Heimat ^^^^^t^^^^^c^w dir. 9/1»
ist es zunächst nicht nötig, dich auf lange zu binden. Du probierst. Ist es für dich ersprießlicher, so bleibst du. Vermissest du deine Selbständigkeit und Freiheit, so wird dir kein Hindernis im Wege stehen, zu ihr zurückzukehren. Das Land, wo du aus deinem leichten, zerbrechlichen Fahrzeug steigen willst, ist nicht das, davon du geträumt hast, ist aber fest genug und gelegen genug, einen guten Schnellsegler zur Weiterfahrt abwarten zu können.
Nachdem mich Herr Leblanc persönlich kennen gelernt hatte, bat er mich, ihm schriftlich! den Plan mitzuteilen, nad} welchem ich den Unterricht und die Bildung seines Sohnes einzurichten gedächte. Darauf war ich nicht gerüstet. Doch war ich nicht lange verlegen. Bei Vieusseur erinnerte ich mich, in einer Brüsseler Zeitschrift den Titel einer Abhandlung gelesen zu haben, die mir vielleicht zu Hilfe kommen konnte. Ich beeilte mich, sie na-chzulesen, und mit wenigen Modifikationen entlehnte ich ihr mein ganzes opus. Daß ich so correkt französisch schrieb, wen konnte das Wunder nehmen oder stutzig machen? Hatte ich doch mehrere Jahre in französischen Hör- sälen gesessen und mich in französischen Zirkeln bewegt. Meine Keckheit, die an Unverschämtheit streifte, hatte den besten Erfolg. Herr Leblanc war vollständig einverstanden, und als ich darauf bei ihm erschien, fragte er mich- nach meinen Gehaltsansprüchen. Da unsere Conferenz für mich mehr als ein Weltereignis galt, muß ich auch die Oertlichkeit angeben, wo sie stattfand. Herr Leblanc bewohnt eine hoch liegende, bezaubernde Villa am Fuße der Festung Belvedere. Die Anhöhe hinunter zieht sich der parkartige Garten. Die Aussicht auf die Stadt und einen großen Teil ihrer Umgebung ist wahrhaft entzückend. Im Angesichte einer der prächtigsten Landschaften unseres Planeten stand ich meinem zukünftigen Prinzipal gegenüber. Noch zwei Franzosen standen neben ihm und, indem sie unserer Besprechung zuhörten, streiften mich oft ihre Blicke. Auf die Frage, welches Gehalt ich verlange, entgegnete ich- rasch und entschieden: 100 Karolin. Ich wollte meine Freiheit teuer verkaufen. Herr L. erschrak nicht, schien die Forderung ganz in der Ordnung zu finden. „Aber wie", meinte er, „wenn wir uns nicht zusammen vertrügen, wenn es Ihnen bei mir nicht ge= fiele, wenn Sie —, wenn ich ... es könnte ja möglich fein" — „Ich verstehe sehr wohl", fiel ich- ihm in die Rede oder vielmehr in die Gedankenstriche, „da wäre es am besten, erst einmal, bevor wir uns contraktlich binden, eine Probe zu machen, eine Probe von einem 1/2 oder 1/4 Jahr." „Und was verlangen Sie für Ihre Bemühungen von einem halben Jahr?" fragte Leblanc. Noch rascher und entschiedener, als ich auf die erste Frage geantwortet, sagte ich: „Da verlange ich gar nichts". In Herr Leblanc ging bei diesen Worten etwas vor, das sichln einem höheren Leuchten seiner Augen verriet. Den beiden Franzosen aber entfuhr unwillkürlich- ein leiser Ausruf, ein kaum hörbares ah der Verwunderung. Und mir wurde,als legte sich,von schöner Hand geführt,ein Lorbeerkranz auf mein Haupt. „Wann Sie bei mir eintreten wollen, steht in ihrem Belieben," sagte Herr Leblanc. Sie haben noch 8 Tage Zeit. Doch- je -eher, je lieber."
Hierauf empfahl ich mich und begab mich zu meinem greifen Freunde und berichtete ihm. Nun bin ich auf einmal 23 Jahre alt geworden. In der
Tat scheint auch zwischen meinem vorigen und jetzigen Leben eine Spanne von 3 Jahren zu liegen. Meine Sporen (Lotich trug von Lausanne h-er noch die deutsche Burschentracht) habe ich herausgeschraubt, mein Schnurrbärtchen hätte ich beinahe auch schon wegrasiert, ich konnte es aber doch nicht über's Herz bringen. Was werden nun die sagen, die mich mit den 4 Neigdingal'schen Apfelschimmeln auf dem Korso gesehen? Und wer wird nun die Fischlein und Vöglein des Gärtchens mit ganzen Laiben Brot füttern? Was werden meine Bekannten sagen, wenn sie mich so „heruntergekommen" sehen werden."
Lotich im Hause des Herrn Leblanc.
Im August 1820 trat Lotich seine Hofmeister- stelle im Leblancsich-en Hause an. Leblanc hatte als Geheimschreiber im Dienste Elisa's, der Gemahlin des Fürsten Baciocchi, der ältesten Schwester Napo- leon's I., gestanden, als diese Herzogin von Lucca und Piombino und dann Großherzogin von Toscana war. Mit einer Hofdame Elisa's verheiratet, wurde er später Gouverneur von Piombino. AIs Elisa nach dem Sturze ihres Bruders fliehen mußte, betraute sie Leblanc mit der Aufgabe, einen großen Teil ihrer Diamanten und Edelsteine in Frankreich zu Geld zu machen. Leblanc erledigte sich dieses Auftrags mit großer Gewandtheit und treuer Recht- schaffenheit und gewann dadurch das unbegrenzte Vertrauen seiner Gebieterin. Er wurde der Bankier der Fürstin, Elisa stellte ihm bedeutende Kapitalien zur Verfügung mit der Bestimmung, daß, wenn durch geschickte Anlegung die Zinsen mehr als gewisse mäßige Prozente übersteigen, dieser Mehrertrag sein eigen sein sollte. Und Leblanc wußte vortrefflich- mit dem Gelde der Fürstin zu wirtschaften. Er persönlich wurde bald ein schwer reicher Mann. Zudem erzielte er durch die Pacht der Florenzer Tabakregie enorme Gewinne. Seinem Einkommen entsprach das Haus, das er führte. Sein Besitztum war eins der prächtigsten in Florenz, Hören wir, wie Lotich sein neues Heim beschreibt: Mit dem Hause, in welchem ich nun daheim bin, sind nicht viele in der Welt zu vergleichen. Da ist alles im lleberfluß: prächtige Möbel, Gemälde, Bücher und Zeitschriften, Gesellschaft von ausgezeichneten Künstlern und Gelehrten. Der Anblick einer unvergleichlich poetischen Natur, das Atmen in einer Luft, in welchem noch der Odem der größten Geister zu schweben scheint, eines Dante, Maccchiavelüs, Michelangelo. Die göttlichsten Bilder aus der klassischen Welt hier bekommen sie Farbe und Leben. Wenn ich in diesem Eampanien nicht verweichliche, so wird meine gute Natur sehr zu loben sein. Der Keller des Hauses ist gut versehen mit rotem und weißem Bordeaux, Marsala, Champagner, zuweilen auch mit köstlichem Lponer Bier in Flaschen. Wäre ich ein Trinker, hier könnte ich zum Säufer werden. Mein Blut braucht aber des Reizes nicht, es ist schon an sich zu lustig und feurig. Ich habe mir nie aus Dem Trinken etwas gemacht, es widersteht mir, sodaß ich, außer bei Tisch gar nicht trinke aber doch- nur in seltenen Fällen. Was mir das in der Meinung Der Fremden nützt, die den Suff bei jedem Allemannen oder Tedesko voraussetzen, läßt sich denken. Auch aus dem Essen mache ich mir nicht viel, obgleich ich kein Feind von einem guten Tische bin, aber die vielen Gänge werden mir oft zur Pein, und eines guten Diners wegen würde ich auch- nicht einen