Nr. 9/10 ^^^^^^^^^£^0202 Unsere Heimat ^^i^c^rsi^^^ Seite 79
Nicht viel besser ist der Alkohol. Erfolgreichster Wecker ist noch immer der Tod gewesen. Wahrscheinlich ist der deshalb überhaupt da. Judas und Kain hatten auch Gewissen; aber als sie seiner Stimme Gehör schenkten, war es zu spät. Es braucht niemand „studiert" zu haben, um die Sprache eines unverdorbenen Gewissens zu verstehen. Die göttliche Wahrheit ist ganz einfach unb schlicht. Wenn Gottes Wille, an Jesus jederzeit von allen erkennbar, erst ein Studium und eine Auslegung bedürfte, wäre er so mangelhaft, daß er nicht — Gottes Wille wäre. Soweit der Himmel sich über der Erde wölbt, klingt's in jedem „normalen" Menschengewissen: „Du bist nicht, wie du sein sollst. Die Sünde ist dein Unglück. Du mußt rein werden; denn du bist bei Gott
daheim." Alle, die ihrem an der göttlichen Wahrheit orientierten Gewissen folgten, haben es nie bereut. Wer der Sehnsucht, aus allem, was niederzieht und befleckt, in die Reinheit zu kommen, nach- geht, tut recht. - Wir wissen jetzt alle, was Not ist. Der furchtbarste aller Kriege hat's uns gelehrt. Aber auch in diesen Nöten wissen wir als letztes : „Komme ich um, so falle i^ in die Arme meines Gottes." Wenn aber auch die Seele das nicht mehr weiß, sondern wie ein Vöglein im Sturm über endlosen Wassern kein Plätzchen zum Ruhen findet, dann ist der Nöte höchste da: Die Gewissensnot. Vor ihr behüte uns der barmherzige Gott! Und sogar aus ihr gibt's eine Rettung! So barmherzig ist der Vater! G. Fleinmi g.
«K»
was gibt's Neues daheim?
-^V^enn diese Zeilen in die Hände unserer lieben gelbgrauen gelangen, dann sind wir schon ein Stück in das dritte Kriegsjahr vorgedrungen. Wißt ihr noch, wie unsere ersten Ausrückenden beim Abschied riefen: „Zum Kartoffelausmachen find wir wieder da!"? Ach, wie ist doch so
vieles ganz anders gekommen, als wir in der letzten Juliwoche und im August 1914 geglaubt! Anders hat sich vieles gezeigt in unserem Volke, anders bei unsern Feinden, anders über die ganze Erde hin. Niemand hätte geglaubt, daß oie Völker solchen Kampf solange aushalten würden. Die Japaner sind uns nicht beigesprungen, und die Italiener sind abgesprungen. Das erstere ward als eine Enttäuschung und das andere als eine Befreiung empfunden. Neue Erkenntnisse wertvollster Art sind für die Weiterarbeit in und an unserem Volke gewonnen worden. „Wir haben gesehen, daß unser Volk wirklich das stärkste der Erde ist." „Die Notwendigkeit der Binnenwirtschaft für Volksernährung und Wehrhaftigkeit ist für immer erkannt." „Krankheiten, die im deutschen Volkskörper wucherten, sind als solche in Erscheinung getreten." „Die Treue der Volksmehrheit zum Staate ist erwiesen." Wie wenig von dem, was vor dem Krieg der Seelen täglich Brot und der Mühen Ziel war, schmeckt heute noch den Ernsten, Denkenden! „Unerträglich sind oie Menschen geworden, die in der Zeit der apokalyptischen Reiter noch auf Steckenpferden herumhüpfen". Und in der „Frankfurter Zig." las ich an hervorragender Stelle am 1. August 1916 den Satz: „Die Selbstbehauptung wird unser Sieg sein!" Diese und ähnliche Gedanken fand man in der deutschen Presse beim Einmarsch in das dritte Jahr der Weltkriegsnot. Auch in den Heimatkirchen wurde vor Gott Rückblick, Ausblick und Ausblick getan. Unsere drei hessischen Generalsuperintendenten ließen am 7. S. n. Tr. eine eindringliche Ansprache von allen Kanzeln der evang. Kirchen des Hessenlandes verlesen. Auch die Heimat merkt die Schwere der entscheidenden Kämpfe, die draußen toben, und stimmt bebenden Herzens ein in die Bitte des Heidelberger Professors Niebergall: „Herr Gott, groß ist die Gefahr, em- scheidend ist die Stunde, um ein Jahrhundert deutscher Zukunft geht es; laß den Arm deutscher Kraft nicht sinken und den Geist unserer Führung nicht ermatten!"
Zu dem Wunderbaren und Herzlabenden, das wir in diesen beiden Jahren sich haben entfalten und bewähren sehen, gehört das schrankenlose Vertrauen, welches unser Volk auf die obersten Führer seines Heeres setzt und setzen darf. Da ist auch unter Millionen keiner, der daran zweifelt, daß unser Eeneral- stab seine Riesenausgabe lösen werde. Dem Ewigen Dank, daß wir dies Vertrauen vom ersten Tage an haben durften! Es ist so grenzenlos, so ungeteilt, datz unser Herrgott die deutsche Heerführung eigentlich darum „beneiden" müßte; denn wer das Vertrauen eines Menschen hat, der besitzt diesen ganz und gar. Mit Ehrfurcht und Staunen dürfen wir zu den Männern aufblicken, die Führer unseres Volkes in dieser Zeit voll höchster Gefahr sind, die alles, was vroht, völlig überschauen und aud} — ein wenig — vorausschauen Müssen, und doch ruhig und stark bleiben. Es ist gut, daß wir nicht alle die ganze Schwere dieses Weltkriegsjammers zu erfassen und zu fühlen vermögen. Gebe Gott, daß unser Volk nach getaner Arbeit seinen Führern recht danke!
Daheim auf dem Lande ist man beim Ernten dessen, was der deutsche Acker diesmal barrei^en darf. Es wird genug sein für ein Jahr und mehr als 1915. Die Heuernte war Heuer eine mit Hindernissen. Wenn die Urenkel des heute lebenden Geschlechts einmal lesen werden, daß wir mit ihr anno 1916 vor Himmelfahrt begonnen, sie aber erst im August beendet haben, lächeln sie wohl entweder ungläubig oder mitleidig mit zufriedenen Blicken auf ihre elektrischen oder chemischen Grasdörrmaschinen, die sie vielleicht haben werden. Du liebe Zeit, was war das für ein Klopfen an den Wettergläsern überall im Juli, als die Turmhähne mit einem geradezu unglaublichen Eigensinn nach Westen schauten, als ab daher für uns jemals schon Gutes gekommen wäre, von Siegeskunden abgesehen! Und je tiefer das Wetterglas sank, desto höher kletterte die Sorge, daß es der Himmel diesmal wirklich mit den Engländern halte würde. Merkwürdigerweise blieb der Bauer ganz ruhig und überließ das Sorgen mehr den Leuten ohne Ar und Halm, die sonst nur vor geplanten Ausflügen nach den Barometern zu gucken pflegten. Der Bauer sagte: „Das ist nun mal so, wenn's am Siebenschläfer- und Siebenbrüdertag geregnet hat" und fand sich in das verdoppelte und verdreifachte Mühen. Und nun war alles Sorgen