Seite 78 ß5ß2ß^ß2ß5ß2ß2ß2ß9ßSß^ß5 Unsere Heimat ß2ß3ß2ß2ß9ß^ß2ß3ß^ß2ß3ß2 Nr. 9/10
Heimat und Mutterherz grüßen Dich, lieber feldgrauer?
Die Welt durchwandernd fand ich allerwärts: Kein Herz kann lieben wie ein Mutterherz.
F r. v. B o d e n st e d t.
Zu Hause.
Nun bin ich, Mutter, in deinem Schatz Für ein paar Tage geborgen, Alle die großen und kleinen Sorgen Bin ich glücklich einmal los.
Da draußen drängt das Leben vorbei Mit Klang und Klage, mich lockt es nicht, Ich sehe nur alle die Tage Dein liebes Gesicht.
Albert S e r g e I.
So ruht sich's nirgends in der weiten Welt, Als wenn die Mutter uns am Herzen hält. Karl Eerok.
Das liebste Kind.
„Lieb Mütterlein, schau an uns drei Und sage, wer dir am liebsten sei!" Der älteste wirst sich in die Brust: Der Mutter lacht das Herz vor Lust. Der zweite lächelt wie Apfelblüt, O, das erquickt der Mutter Gemüt. Der jüngste, ein Krüppel, blickt niederwärts: Ihn schließt die Mutter innig ans Herz.
Wilhelm I d e l.
Das Gewissen.
er Menschen bester, immer gegenwärtiger Freund und Berater während ihrer Wander- zeit ist und bleibt das Gewissen. Die klügsten Leute haben sich ihre Gedanken über dies „nicht tot zu kriegende Ding in uns" gemacht und sind zu einander widersprechenden Funden gekommen. Der größte englische Dichter läßt in einem seiner Dramen sagen: „Es ist ein gefährlich Ding; es macht einen zur Memme. Es ist ein Wort für Feige nur." Der Franzose Rousseau nennt es den größten Philosophen. Geliert dagegen singt: „Besitz' ich nur ein ruhiges Gewissen, so ist für mich, wenn andere zagen müssen, nichts Schreckliches in der Natur". Der Philosoph Hippel nennt es den „Bevollmächtigten Gottes". „Kein Gewissen zu haben, bezeichnet das Höchste und Tiefste; denn es erlischt nur in Gott, doch es verstummt auch im Tier." (Hebbel). Menschen ohne Gewissen, also wirklich Gewissenlose, gibt es nicht; denn der Meister, der Menschen schafft, versieh! ein jedes von diesen seinen Werken mit seinem Zeichen. Zur Zeit der französischen Revolution war man soweit, daß einer aus ihren Wellen rief: „Tötet euer Gewissen, denn es ist der größte Feind eines jeden, der sein Glück machen will!" Man hat aber bald wieder nady dem Verlorenen gesucht; denn es ist eigentümlich, daß ein seelisch gesunder Mensch es auf die Dauer in der Nähe von Menschen mit erstorbenen Gewissen nicht aushalten kann. Man wittert in solchen instinktiv Teufel in Menschengestalt und mit Recht. Es sind sicher die gefährlichsten unter allen Kreaturen, mögen sie sonst auch mit den glänzendsten Gaben ausgestattet sein. Sie sind die Wurzeln von unsagbarem Unheil auf Erden. Der Glaube, daß es in jedem Uebeltäter die Rachegeister der Reue einmal in diesem Leben mit unwiderstehlicher Gewalt wecke, ist wohl irrig. Es gibt Menschen, die jenseits von Gut und Böse ihr Leben leben und lächelnd sterben. Aber zu beneiden ist keine von diesen Seltenheiten; denn ungestraft überhört niemand die Stimme Gottes in seiner Brust. Wer weiß auch, was sich hinter jenem Lachen alles verbirgt? ! Das Gewissen ist freilich ein so feines Werkzeug, daß es mit einem Tritt zur Ruhe gebracht werden kann, nicht für immer. aber für lange. Es ist auch nicht immer lahm und schwach, wenn man es nicht spürt. Wie eine Frau die beste ist, von der man am wenigsten hört, und ein Magen
gut, von dessen Dasein man „nichts" merkt, so auch ein Gewissen. Es kann sein, daß sich die Seele dann getreulich nach ihrem Kompaß richtet und durch keinen andern Magneten abgelenkt wird aus der Bahn, die heimwärts führt. Es kann aber auch sein, daß es durch gewohnheitsmäßiges Ueberhö - ren derart vernachlässigt ist, daß es nicht mehr „richtig geht." Es ist wahrhaftig nicht die eigene Stimme, die im Gewissen zu uns spricht. Sonst würde es nicht so oft mit uns selbst im Streit liegen. Es steht über uns, und wer es nicht verlieren will, muß sich ihm unterwerfen. Wer freute sich nicht, wenn er es bei seiner stillen Arbeit sieht? Neulich stand ich in einer Werkstatt, um auf die Vollendung einer Reparatur zu warten. Während der Zeit wurde eine Anzahl Sachen zum Ausbessern gebracht, und jeder Kunde erhielt von dem allein arbeitenden Meister den Trost mit auf den Weg: „Morgen wird's gemacht!" „Werden Sie das aber auch alles wirklich morgen so allein schaffen können?" fragte ich schließlich. „Ich denke nicht daran", war seine Antwort, „man muß aber doch den Kunden so sagen, nicht wahr?" Ich schwieg. Ich sagte wirklich kein Wort. Und nach einer Weile fuhr der Meister fort: „Ja, eigentlich haben Sie recht. Man sollte einfach die Wahrheit sagen." In der Stille hatte sich ganz leise das Gewissen gemeldet. Es soll sich jeder davor hüten, dazu beizutragen, daß das Gewissen des andern wird wie ein Sieb. Er ist schlimmer wie ein Brandstifter. Christine, die Tochter des Schwedenkönigs Gustav Adolf hat einmal gemeint: „Das Gewissen ist der einzige Spiegel,der weder betrügt noch schmeichelt." Und eine deutsche Frau hat oas Wort geprägt: „Sei deines Willens Herr und deines Gewissens Knecht." Wer sein Gewissen am Kreuzweg des Wollens fragt, geht nie fehl, vorausgesetzt, daß es so tun darf, wie sein Schöpfer will. „Es kann deutsch", sagte einmal der alte I. P. Hebel. Und es ist wirklich nicht geraten, etwas wider das Gewissen zu tun: Ein ruhiges Gewissen ist ein gutes Kopfkissen im Leben und Sterben. Es gibt freilich Gewissen, die sind mit der „Zeit" so dehnbar geworden, daß man Berg und Tal damit überziehen und den Inhalt von tausend fremden Taschen hineinleeren kann. Sie bewähren sich in Notzeiten aufs entsetzlichste. Der größte Gewissensbetrüger ist überhaupt das Geld.