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Seite 70 ß5ß5ßs>ß<2ß2ß2£^>ß2ß2ßisß5ß2 Unsere Heimat ß5ß2ß5ß5ß5ßi>ß2ß2ß2ߣß5ß2 Nr. 7/8

seinen Bestand anmelden müssen und hat nur den Vorteil, daß er überhaupt etwas hat, während wir anderen oft nichts haben. Zwar heißt es ja, daß die städtische Schweinemästerei mit der Einstellung von 377 Jungschweinen in den Riederhöfen einen „verheißungsvollen Anfang" genommen habe und daß demnächst zahlreiche neue Schweine eintreffen werden. Es ist ja gewiß ein recht schöner Anblick, wenn die sechs städtischen „Schweinemastwagen" aus der ganzen Stadt die Küchenabfälle zusammenholen — aber ich meine doch, von den 377 Schweinen unö ihren Nachfolgern werden die Hunderttausende hier nicht allzuviel Braten und „Rippcher" und Wurst und Speck zu kosten kriegen, wenn's ans Verteilen geht.

FürunsrenMangelundunsreBedürf- nisse müßt ihr auf dem Land jetzt Ver­ständnis zeigen und das Bewußtsein, mitverantwortlich zu sein dafür, wie's uns jetzt geht. „Jetzt sind wir Bauern euch Stadtleuten über", hat neulich einer gesagt, „und wir tauschen nicht mit euch". Das letztere glaube ich gern; aber wenn das erstere wahr ist, dann soll jeder vor Gott und seinem Gewissen sich fragen, was er der Allgemeinheit, den anderen Volksgenossen schuldig ist. Den sacro egoismo haben bis jetzt nur die Italiener laut gepriesen und dafür ja auch schon ihren Lohn erhalten. Nur der Egoismus, die Selbstsucht, ist und bleibt unheilig, wogegen die Va­terlandsliebe, die Opfer bringt zur Verteidigung des terlandes, die sich einsetzt mit Gut und Blut für die Volksgenossen, ist etwas Geheiligtes. Das soll und das will, wie ich glaube, auch der deutsche Bauer nicht vergessen.

Wenn auch heute die Begeisterung nicht mehr vor­handen ist, wie in den ersten Kriegsmonaten, so herrlich und notwendig sie war und weil Großes ohne Begeisterung nicht geschehen kann, so ist doch auch die Pflichttreue, die Beugung vor dem „Wir müssen" und der feste Entschluß „Wir wollen" nicht weniger edel und wertvoll. Ihr aus dem Land dürft es glauben: Hier in der Stadt gibt es Helden und Heldinnen, die nicht hinaus gezogen sind uno doch einen rechten Kampf führen und aushalten in deutscher Treue. Sie waren schon vor dem Krieg vorhanden und haben während des Kriegs erst recht sich gezeigt. Den Hut tue ich vor ihnen ab, be­sonders vor den Frauen mit großer Kinderschar. — Braucht ihr auf dem Land vor den Läden zu stehen stundenlang um ein halbes oder ganzes Pfündchen

„städtisches" Fleisch, um einige „städtische" Eier, die etwas billiger als die anderen zu haben sind? Geschimpft worden ist im Anfang natürlich, weiss bei uns Deutschen nun mal nicht anders geht, aber jetzt vollzieht sich das mit einer Ruhe und Selbstver- verständlichkeit, die immer wieder mit Bewunderung erfüllt. Und die reichen Leute in der Stadt? Ich kenne ihrer genug, die ihr Vermögen mit sechs Nullen schreiben und doch jegliche Beschränkung in ihrer Lebenshaltung sich auferlegen, freiwillig und ohne viel Aufhebens zu machen, die dabei nicht nur von ihrem Ueberfluß mitteilen, sondern mit ihrem Geld Opfer bringen, von denen ihr auf dem Land nichts weißt. Und wieviele arbeiten in all den Ver­anstaltungen, die der Krieg in der Großstadt nötig gemacht hat, unter Daransetzung ihrer Kraft und ihrer Zeit.

Aber die „Hamsterer" in der Stadt und die Modepuppen, die sich auf der Straße breit machen, und die gefüllten Vergnügungslokale mit allem Drum und Dran? Alles wahr; aber meint ihr, diese Leute würden nicht auch von jedem rechten Städter verurteilt und an den Pranger gestellt ? Hier schämt sich auch jede echte deutsche Frau, wenn sie solche Geschlechtsgenossinnen sieht. Und Men­schen, die vom Ernst der Zeit sich nicht ergreifen las­sen wollen, gibt's überall, nicht nur in der Stadt. Ich habe noch kein Korn- oder Weizenfeld gesehen, in dem nicht audj, Unkraut gewesen wäre. Wenn wir auch das Unkraut sehen, so blicken wir doch vor allem nach dem Korn oder Weizen, nach den guten Aehren. Ihr wollt auch nicht beurteilt sein nach denen unter euch, die nichts taugen, auch nicht nach denen, die statt des Herzens einen Stein in sich tragen.

Darum soll aber auch niemand sagen: „Du hast ja ganz recht, aber....." das ist dann die Art der Leute, die sich mit tausend Gründe unbequemen Pflichten zu entziehen suchen, ob sie dieselben auch schon anerkennen müssen. Verständnis für anderer Nöte und Sorgen sitzt aber wahrlich nicht nur im Kopf, sondern vor allem im Herzen. Für Die, die nicht wollen, kommt schließlich doch immer oer Zwang. Wäre er nur schon viel früher gekommen! Trotzdem wird unsren Feinden nicht gelingen, was sie mit uns vorhaben. Preisen aber werde ich mit Recht die unter uns, die nicht bei Zwang erst ge­horchen, sondern der Liebe.

Frankfurt a. M. Kahl, Pfarrer.

Johann Joachim Weisel und Marin de Pries, zwei Wohltäter Schlüchlerus.

Von G. Flemmig.

m 7. Juni 1779 wanderte in der Morgenfrühe ein armer Schlüchterner Bäckerbursche, dessen Name im Städtchen be­sondere Bedeutung für ferne Zeiten erlangen sollte, durchs Untertor in die Welt hinaus. Er wird sehr wahrscheinlich auch am E n d e des 20. Jahr­

hunderts und später noch mit Achtung und Dank­

barkeit genannt werden, während alle anderen, die an jenem Morgen dort den Schlaf aus den Augen rieben, längst vergessen sind. Und wenn dieser oder jener Name eines seiner Schlüchterner Zeitgenossen auf einem vergilbten Schriftstück zur Weltkriegszeit auch einmal aus der Verborgenheit ans Tageslicht schlüpft, so fesselt er wohl einen Augenblick des in den Zeugnissen vergangener Tage Forschenden, aber Kopf und Herz wissen nichts mit ihm an- zufangen, und deshalb muß er wieder in sein Dun-