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Seite 38 ^^^^L^^^^^^SQSL^> Unsere Heimat -^^^c^^^L^c^Qs-^L^Ks Nr. 3/4

Treffen bei Langensalza statt, das zwar für die Hannoveraner günstig ausfiel, aber für den Verlauf des Krieges ohne Bedeutung blieb. Das Schicksal des Krieges wurde auf den Schlachtfeldern Böhmens entschieden, wo die beiden starken Gegner ihre Kräfte maßen, die heutzutage treue Verbündete sind und es hoffentlich immer bleiben werden. Die Art, wie im westlichen Deutschland der Krieg von feiten der Bun­destruppen geführt wurde, stellt dem deutschen Par- tikularisMus, der damals noch in voller Blüte stano, ein geradezu klägliches Zeugnis aus. Ich fand oa- mals Gelegenheit, fast den ganzen westdeutschen Krieg als jugendlicher Schlachtenbummler mitzumacheN, und ich habe dabei so lebhafte Eindrücke empfangen und bewahrt, daß ich mich versucht fühle, einige dersel­ben in flüchtigen Strichen hier festzuhalten.

Ich machte damals --- im Juni des Jahres 1866 von Wiburg in Finnland aus, wo ich als Lehrer des hauptsächlich von Söhnen der Deutschen St. Petersburg und Moskau besuchten Behmschen Gym- nasialinstitutes tätig war, eine Reise in meine hes­sische Heimjat, die ich in großer Beunruhigung an- treffen sollte. Ich konnte dabei die Bahn nur bis Erfurt benutzen, da die Zulüftungen zum Kriegs den Verkehr bereits ins Stocken gebracht hatten. Von da an machte ich im Wagen die Reise ourch das schöne Thüringer Land. Eines Abends kam ich, nachdem ich in Gotha dem Einzug der Preußen bei­gewohnt hatte, in dem kleinen Städtchen Ruhla an, das durch, ein Wässerchen in zwei Hälften geteilt war, von denen die eine, wenn ich nicht irre, die Geographie der deutschen Kleinstaaten war stets eine der größten unter mieinen kleinen Schwächen —-, oem Herzogtum Gotha und die andere dem Herzogtum Meiningen angehörte. Ich weiß nur noch, daß in der einen Hälfte des Städtchens der Silbergroschen 10 und in der anderen Hälfte 12 Pfennige hatte. Ich stieg in einem Gasthof der Zehnpfennigshälfte ab und ich fand in der Gaststube eine Gesellschaft von Bürgern vor, die sich - es war wenige Tage vor der Schlacht bei Langensalza - über die sich kriegerisch, ausrollenden Zeitereignisse unterhielt. „Na", meinte dabei einer dieser wackeren Männer, „da drüben im Gothaischen mögen sie sich herum­schlagen, wenn sie nur nicht herüber ins Meiningen- sche kommen."

War diese Aeußerung nicht sehr bezeichnend für den Partikukarismus der guten alten Zeit? Er­innerte sie nicht an den bekannten Vers im Gesang­buch des Fürstentums Reuß — ich weiß nicht mehr, ob älterer oder jüngerer Linie — : „O Herr, gib Regen und Sonnenschein - Für Reuß Greiz — Schleiz und Lobenstein. — Und wollen die andern auch was ha'n — So mögen sie für sich selber sahn"? — Oder an jene köstliche Rathausszene in den „Mottenburgern", in der die Frage, ob ein toller Hund, der sich in der Stadt gezeigt, erschlagen oder ins Preußische gejagt werden solle, in letzterem Sinn entschieden wird?

Zwei Tage darauf kam ich, immer im Wagen durch, die sonnige Landschaft fahrend, in Fulda, der Stadt des heiligen Bonifacius, an, auf deren Gym- ncksialbänken ich so manches Höslein verrutscht hatte. Ich, traf dort mit einigen Marburger Korps­brüdern zusammen, die in Fulda eine Stellung ge­funden oder in diesen unruhigen Zeiten das Eltern­haus aufgesucht hatten. Sie alle standen auf der

Seite der Oesterreicher und der Bundestruppen, während ich, wie alle damals im Auslande lebenden Deutschen, gut preußisch gesinnt war. Ich ließ den Kopf hängen, als in diesem tleinen Kreise der Sieg über Preußen bei Langensalza gefeiert wurde, aber wie groß war ich, als bald darauf ein Extrablatt des Frankfurter Journals, die Meldung brächte, daß die Preußen in Böhmen eine Schlacht gewonnen und daß die österreichische Armee sich rückwärts kon­zentriere !

Die Kopflosigkeit, mit der damals von oen deutschen Bundestruppen der Krieg gegen die auch hier immer weiter vordringenden Preußen geführt wurde, mußte auch demjenigen auffallen, der in militärischen Dingen ein Laie war. Bald waren es württembergische, bald hessische Truppen, die für Augenblicke in Fulda auftauchten, um sich zu erkun­digen, „wo die Preußen ständen". Endlich, gelang es einer Abteilung bayrischer Reiter, den Feind auf einer nächtlichen Streifung zu entdecken. Ich weiß nicht, ob es Dragoner oder Kürassiere waren, aber ich erinnere mich, daß sie weiße, lang herabfallenoe Mäntel trugen, und die Preußen, die sich in einem Wäldchen an der Straße nach Hünfeld versteckt hatten, waren boshaft genug, aus ihrem Versteck heraus diese weißen Mäntel der friedlich ihre Straße ziehenden Reiter zu Zielpunkten für ihre nächtlichen Schießübungen zu machen. Es gab mehrere Ver­wundete, und die Bayern eilten mit einiger Be­stürzung und mit dem Rufe „Die Preußen kom­men !" nach der Stadt zurück. Dieses nächtliche Ren- kontre erinnerte einigermaßen an die berüchtigte Schlacht von Bronzell, bei der ein Schimmel getötet wurde, und die gleichfalls hier bei Fulda geschlagen wurde.

Auf der alten Leipziger Straße, die nach Frankfurt führt, zogen die Preußen von Fulda aus weiter nach Südwest, und nun ereignete sich etwas, das dafür sprach, daß die Führer der Bundes­truppen die moderne Kriegsgeschichte gut stuoiert hatten und die erworbenen Kenntnisse praktisch zu verwerten verstanden. Sie wußten, daß das Tal der Kinzig, die sich bei Hanau in den Main ergießt, bei dem Dorfe Aufenau in der Nähe des bekannten Bades Orb sich bedeutend verengt und daß die durch dieses Tal ziehende Leipzig Frankfurter Straße beherrscht wird von den Höhen des Spessart, die sich zur Linken und den Vorhöhen des Vogelsberg, die sich zur Rechten des kleinen Flusses erheben. Den Fehler, den die Bayern im Oktober 1813 dadurch begingen, daß sie sich nicht hier, sondern in oer Ebene bei Hanau dem bei Leipzig geschlagenen Napoleon entgegenstellten, wollte man nicht wieder­holen, man besetzte den Engpaß und erwartete hier den Feind. Aber was taten diese schlauen Preußen? Mitten in dem Städtchen Schlüchtern wurde „Linksum" kommandiert und der Seitenweg ein­geschlagen, der bei Brückenau hinüber nach Bayern führt, und bald sollte man von den blutigen Treffen bei Kissingen und Aschaffenburg hören, nach denen die Preußen den Main entlang nach der Bundes­hauptstadt Frankfurt a. M. marschierten.

Die liebe Stadt, für die er stets eine besonoere Vorliebe hatte und in der ich mich später auch (1869) für einige Jahre häuslich niederließ, war damals eine rechte Pflege- und Hegestätte des deutschen Partikularismus. Frankfurt war ja die Hauptstadt