•o+wa^e^H»««-
Wöchentliche Regleiterin des Nheingauer Volksboten
J" 31.
Sonntag, den L. August
1850.
Gin Nekrolog.
Den L. Kalisch.
tSchluß.)
Nero war nicht ohne Talent. Er konnte viel Kunststücke machen und Geld apportiren; nur Goldkonnte er nicht apportiren, weil ihn sein Herr niemals auf Münzen von solch' edlem Metall eingeübt. Seinem Herrn diente er im Winter als Ofen und er lag ihm dann oft am Herzen, rühmenswerther als der oben erwähnte Ofen, der nie für den Verstorbenen glühete, ohne ihn erst in fast unerschwingliche Kosten zu versetzen. Nero verdient einen Platz neben den berühmtesten Hunden der alten und neuen Zeit.
Was aber den Degen des Herrn betrifft, so kann man dessen vielfältige Tugenden nicht genug preisen. Keiner war unschuldiger als er; keiner war so friedliebend wie er. Sein Herr wußte dies auch und benutzte ihn niemals zu grausen Thaten. Dieser Degen war ganz unverdorben, daß er sich schämte, wenn er bei Paraden oder sonstigen wichtigen Gelegenheiten sich nackt zeigen mußte; und es war ihm nur dann erst wieder froh zu Muth, wenn er ruhig und ungestört in der Scheide von dem ewigen Frieden träumen konnte. Während der vierundzwanzig- jährige, Dienstzeit, die er bei seinem verstorbenen
Herrn zugebracht, hat er nur einmal Blut vergossen, als ihn nämlich sein Herr in Ermanglung des Federmessers zumHühneraugenschneiden gebrauchen wollte und mit der Spitze zu tief in die kleine Zehe fuhr. Der fromme Degen erschrack so sehr über diesen seinen Blutdurst, daß er von den fürchterlichsten Gewissensbissen gepeinigt wurde und sich eine gefährliche Gemüthskrankheit zuzog. Später litt er an chronischem Rost, der ihn für immer seines früheren Glanzes beraubte.
Doch kommen wir auf den Verstorbenen zurück!
Der Verstorbene hatte viele Tugenden. Unter diesen hebe ich besoders seinen Muth hervor. Er konnte von der Bescheidenheit seines Nebenmenschen reden hören, ohne schamroth zu werden; und er war im Stande, ohne Herzklopfen auch die allerblutigste Schlacht in einem Kupferstich zu sehen.
Selbst seine entschiedensten Feinde — und er hatte deren eben so gut wie Thcmistokleö, Julius Cäsar, Friedrich Barbarossa und Friedrich der Große — selbst seine entschiedensten Feinde müssen gestehen, daß sie ihn niemals auf der Flucht vor einem Gläubiger ertappt haben. Nie war er auf eigene Kosten unmäßig und nie auf Kosten anderer geizig. Nie schlug er eine Einladung auf Schnepfen auS und nie ließ er eine Einladung auf Schnepfen ergehen. Schlechte Übersetzungen von Paul de Kock laS er sehr gut;
