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Nr. IS7.

Wiesbaden, Dienstag, 28. April 1S08.

5<8. Jahrgang.

Morgen - Ausgabe.

1. 'ißCatt.

Eine verhängnisvolle Niederlage der englischen Liberalen.

Unser Londoner n-Korrespondent schreibt uns unterm 25. b. M.:

Selten zuvor sah man in England dem Ergebnis einer Wahlschlacht mit größerer Spannung, entgegen, als dem der gestern im norstwestlichen Bezirk von Manchester geschlagenen. Bekanntlich hatte Mr. WinstonChurchill daselbst gewissermaßen dieZustimmung seiner Wähler zu seiner Ernennung zum Handels- mi niste r nachzusuchen. Seine Gegenkandidaten bei dieser Gelegenheit waren ein »monistischer Schutz­zöllner und ein Sozialdemokrat. Für den letzteren wurden nur ern paar Stimmen abgegeben, aber der Unionist bereitete dem Mr. Churchill eine vernich­tende Niederlage. Dieser ist daher vorläufig außer­stande, sein Portefeuille zu übernehmen, und er würde sogar gezwungen sein ins Privatleben zurückzukehren, gelänge es nicht, ein opferwilliges liberales Parla­mentsmitglied mit einem unbedingt sichern Sitz zu finden, das gewillt ist, diesen dem „Staatsminister in der Schwebe" abzutreten. Selbstredend ginge das aber nicht ohne eine nochmalige Wahl, deren Ausfall sich, nach den traurigen Erfahrungen der Liberalen bei allen bisherigen Ersatzwahlen, nimmermehr voraussehen läßt. Mr. Lloyd George, der neue Schatzkanzler, sagte vor wenigen Tagen, eine Niederlage Mr. Churchills in Manchester würde einen schweren Schlag für die Sache des, Freihandels bedeuten, und man möchte auch in der Tat fast annehmen, daß England, das vor kaum zwei Jahren Chamberlain und Genossen in der rücksichts­losesten Weise den Laufpaß gab, sozusagen im Hand­umdrehen anderen Sinnes geworden ist. Die Schutz­zöllner behaupten indes, sie wären bei der letzten Generalwahl nur unterlegen, weil die Liberalen da­mals die. Chinesenfrage im Transvaal zum Schlachtruf machten und es verstanden, die Wähler über dieselbe zu täuschen. Inzwischen sollen die letzteren eingesehen haben, daß sic gewissermaßen den Bock zum Zier­gärtner machten, indem sie eine liberale Regierung ein- setzten, und ferner, daß England durch seinen Frei­handel zugrunde gerichtet wird. All das ist nicht sehr schmeichelhaft für die große Menge der stolzen Briten, die nur den Spielball der Leiter der Parteien zu bilden scheinen. Daher kommt es auch, daß man es wagen kann, ihnen in der schamlosesten Weise die albernsten Argumente auszutischen. So schrieb zum Beispiel der hiesige „Standard", ein Organ der Chamberlainschen Schutzzöllner, soeben, die Liberalen hätten den Wählern vor der Generalwahl vorgeredet, der Freihandel schütze

sie vor Teuerung, aber während sie am Ruder waren, seien die Preise von Mehl, Butter und anderen Erzeug­nissen bedeutend gestiegen. Der „Standard" weiß natürlich sehr genau, daß das mit besondern Um­ständen, wie den schlechten Ernten in allen Ländern der Welt, mit einziger Ausnahme Argentiniens, und mit der Dürre in Australien, dem Hauptfutterlieseranten Englands, zusammenhing, aber er hütet sich, das seinen unwissenden Lesern zu sagen. Diese könnten Auf­klärung wohl in liberalen Blättern finden, doch solche lieft ein guter Unionist selbstredend niemals. Den Ausschlag bei den Wahlen pflegt übrigens ein gewisser Terl der Bevölkerung zu geben, der je nach den Ver­hältnissen bald zur einen und bald zur anderen Partei hält. Dieser setzt sich aus den Unzufriedenen und nicht nur Denkfaulen, sondern sogar Denkunsähigen zu­sammen. Solche Leute bilden die Lieblinge des poli- tischen Agitators, der ihnen jetzt an der Hand so unum­stößlicher Tatsachen, wie der Brot- und Butter­verteuerung, zu beweisen verinag, daß auf die Liberalen kein Verlaß ist. Was diesen aber ohne Frage viele vormalige Anhänger abspenstig gemacht hat, ist ihr neues Schankkonzessionsgesetz und vielleicht auch das Schulgesetz. Ersteres bildet eine Gewaltmaßregel, durch die dieTheoretiker hoffen, derTrunksucht inEngland ein Ende bereiten zu können. Sie würde aber nur den kleinen Mann betreffen, der sein Bier und seinen Schnaps in den nieist den Brauern und Brennern ge­hörenden Bierhäusern genießt. Diese sollen zum größ­ten Teil durch Konzessionsentziehung geschlossen wer­den, was trotz staatlicher Entschädigung den Besitzern schwere Verluste verursachen würde. Das Schulgesetz aber bildet eine sehr vernünftige Maßregel, durch die man in erster Linie alle öffentlichen Schulen kon- fessionslos machen will. Ob das zn der Niederlage des Mr. Winston Churchill in, Manchester beigetragen. hat, ist fraglich, doch erscheint so viel gewiß, daß die Unionisten spätestens binnen vier Jahren ans Ruder kommen und den englischen Markt dann mit einer be­ständig wachsenden Schutzzollschranke umgeben werden.

FerMetou.

persönliches mn KoMit.

Vier junge Nodin als Volksredner. — Porzellanmalerei als Broterwerb. — Im Kampf mit niedrigen Gewalten. — Das erste Werk abgelehnt. — Sein Heim bei Paris. — Wie der Meister aussieht. — Seine bäurische Unbeholfenheit. — Sie Flucht vor dem Salonwagen. — Nodin beklatscht sich selbst.

Die ganz ungewöhnliche Stellung, die Auguste R o d i n unter allen Künstlern der Gegenwart einnimmt, und «die hohe Verehrung, die man ihm auch in Deutsch­land entigegenibringt, lassen es erklärlich erscheinen, daß immer wieder neue Arbeiten und Würdigungen dieser großartigsten Erscheinung der modernen Kunstgeschichte gewidmet werden. Nun ist auch in den Vclhagen und Klasingijlchen „Künstler-Monographien" eine inhalts­reiche Darstellung seines Wesens und seines Werks er­schienen, die Otto Grautoff geschrieben hat und deren ästhetische Betrachtungen durch eine Fülle persönlichster Züge aus dem Leben des Meisters reizvoll unterbrochen werden.

Schon in dem stillen und versonnenen Knaben regten sich Träume und Ahnungen eines in ihm wohnenden Dranges nach großer bezwingender Wirkung. Er fühlte sich zum Volksr ebner geboren und hoffte durch die Macht seiner Stimme in Millionen Herzen jenes heilige Feuer auszuregen, das er später durch die Macht seiner Kunst entfachen sollte. In der Schule stieg er Ehrend der Pausen, wenn die Kameraden lärmend auf dem Schulplatz herumtvllteu, einsam aufs Katheder und hielt feurige Reden, während vor seinem inneren Auge eine dichte Kops an Kopf gedrängte Menge auf­tauchte. Mit 14 Jahren regte sich zuerst seine künst­lerische Begabung,- er lernte Zeichnen und mit 18 Jahren trat er bei einem Dekorateur als Gehilfe ein. Nun begannen auch seine ersten plastischen Versuche, aber lein Brot müßte er noch lange mit schablonenhaften

Gill Urteil Rer Die Krists ii MteMMn

leistet sich in beachtenswerter Weise in den „Leipziger Neuesten Nachrichten" Gras Hoensbroech: Es ist kein Zweifel: Der Flottenverein steht vor der Frage: Sen: oder Nicht-Sein. Stellt sich auch die Danziger Tagung auf den Standpunkt der soeben in Berlin er­folgten Vorstandssihung, dann ist das Nicht-Sein des Flottenvercins besiegelt. Was er war, was ihn groß und stolz und mächtig gemacht hat, die Volks- energie, ist aus ihm herausgebrochen; was übrig bleibt, ist ein Konglomerat von gutem und zahmem Willen, von vielen Reden und Vorträgen, von sanfter Tätigkeit; so wird er ein Verein mit dem typischen i

Arbeiten verdienen, zuletzt als P o r z c l l a n m a l e r in Sövresj seine Porzellanmalereien sind später, als er ein berühmter Mann geworden war, sorgfältig auf- gesucht worden und bilden heute ein interessantes Dokument seiner ersten Entwicklung. Rodin ist auch, nachdem er von tastenden Versuchen der Gestaltung zu reifen großen Werken fortgeschritten war, die Ent­faltung seines Talentes nicht leicht gemacht worden; eine Welt stand gegen ihn, die Welt des konventionellen Geschmacks und der akademischen Ästhetik, und in be­ständigem Kampf mit widrigen Gewalten mußte er sich zur allgemeinen Anerkennung durchringen.

Sein erstes großes Werk, jener herrliche aus dem Schlaf der Urzeiten erwachende Jüngling, wurde als ein Abguß nach der Natur, als nicht selbständig sefertiqic Arbeit verleumdet und nur schwer gelang es ihm, sich von diesem Verdacht zu reinigen. Erst das mannhafte Eintreten einiger anderer Künstler für ihn bewirkte seine Rechtfertigung von der schweren Anschuldigung. Seine erste dem Salon eingesandte Arbeit hatte die Jury zurückgewiesen,' sein Denkmal für Viktor Hugo erregte die Unzufriedenheit seiner Besteller. Am ärgstcn aber umtobten ihn Haß und Mißgunst, als das Gips­modell seines Denkmals für Balzac ab ge lehnt wurde. Aus diesem wilden Streit der Meinungen tönten aber auch zuerst lauter und lauter die begeisterten Rufe der Verehrung und von dieser schwersten Ver­letzung seiner Künstlerehre hat sein Weltruhm den Aus­gang genommen, der heute allen Tadel weit leuchtend überstrahlt. Heute lebt Rodin auf dem Hügel von Mendon mitten unter seinen Werken und von einer herrlichen Sammlung fremder ' Kunstwerke umgeben wie ein König in einer von ihm geschaffenen und von ihm beherrschten Weit.

Im vorigen Jahre Hat er einen Neubau begonnen, ein weiträumiges, von Säulen umschlossenes Haus, Las im Sommer dieses Jahres vollendet fein soll. Es wird alle seine Skulpturen ausnehnren und wie ein Tempel

Charakter der Vereinsmeierei, beschienen von behörd­licher und höfischer Gunst.

Der Flottenoerein war der Sammelpunkt aller nationalen, selbst- und zielbewußten Leute, die darüber sich klar waren, daß energischer Ausbau unserer Flotts eine Notwendigkeit fei: er war der unerbittliche

Mahner, der ohne Rücksicht aus die tausend Rücksichten, die Parteien und Regierung oft nehmen müssen, diese nationale Notwendigkeit immer und immer wieder be­tonte. Jetzt soll er werden ein Organ der von den Par­teien, von der Zufallsmehrheit des Reichstags ab- hängigen Regierung. Wie kann man nur so kurzsichtig sein, und das preisgeben oder sich nehmen lassen, was Seele und Kraft des Ganzen war! Eine Entmannung! So etwas ist — leider! — nur in Deutschland möglich; in England oder Frankreich ist es undenkbar. Da sollte man nur einmal versuchen, einen Volksvcrein, dessen Ziel Stärkung der nationalen Seewehr ist, umzu­wandeln in ein mit Hosgunst verbrämtes, geschlechts­loses Gebilde: von einem Ende des Landes bis zum anderen würde der Ruf erschallen: Hände weg!

In der Delegiertenversammlung des Brandenburg, schen Hauptvereins am 19. Januar sprach Admiral von Hollmann das Wort: „Wenn mein hoher Protektor

geht, gehe auch ich." Ein unglaubliches Wort! Der Mann ist 700 Jahre zu spät auf die Welt gekommen; er paßt in die Zeit der Hörigkeit. Aber vier steckt „des Pudels Kern". Ein Stück „Hörigkeit" liegt den meisten noch immer in den Gliedern; sie lassen sich so gern von hoher Gunst bestrahlen, scheuen so sehr höchstes und allerhöchstes Mißfallen.

Und dann die Furcht vor dem „Politischen". Als ob ein Verein, der die Stärkung der deutschen Kriegs­flotte bezweckt, nicht naturnotwendig politisch sein muß Nationalpolitischer Sinn ist das Beste, was ein Volk besitzen kann. Und gerade das will man den: größten Bolksverein, den Deutschland bis jetzt aehabt hak. nehmen?! Man spottet seiner selbst und weiß nicht wie. „Uber den Parteien" soll der Flottenverein stehen. Du lieber Hi-nmel. wohl „über" Sozialdemokratie und Zentrum, wenn diese „nationalen" Parteien in tran­tein Vereine nationale Forderungen nach Möglichkeit bekämpfen. Daß man es doch noch immer nicht wagt, Drngen und Tatsachen ins Gesicht zu sehen und Kinder beim rechten Namen zu nennen!

Auch merke man sich: Mit der Sozialdemokratie ist das ultramontane Zentrum von Aiifang an der Haupt­gegner des Flottenvercins gewesen; seine Presse hat ihn fort und fort in der schnödesten Weise bekämpft. Und vom bayerischen Ultramontanismus aus ist der Keil ins Gefüge des Flottenvereins getrieben worden. Das ist Tatsache trotz aller Ableugnung.

Bringt Danzig einen h ö f i s ch - g o u verne- mentalen Flotten der ein, dann überlasse man diese dekorierte Gesellschaft ihrem befrackten und besternten Schicksale und gehe unter alter Führung an

weit über das blumenreiche Tal Hinblicken nach der fernen Riesenstadt Paris. Unter den gewaltig auf- gctürnrten Bildwerken seiner Hand erscheint die G e - sta.lt des Meisters selbst fast zwergenhaft. Eine massige breite Figur mit gekrümmtem Rücken, die rechte Schulter etwas hoch gezogen, so kommt er zögernd- Mit wiegenden, ein wenig schlürfenden Schritten aus den Besucher zu; in der Linken hält er den Kneifer an einem Bande, die rechte Hand hängt am Körper i)- r- unter. Ein mächtiger Kops, den ein Lichter grau­melierter Vollbart ganz umrahmt, sitzt fest zwischen den schultern erngeklemmi. Breiie Furchen hat das Leben ihm in die Wange gegraben; auch,die starke breite und fleischige- Nase zeigt scharfe Linien und die tiefsten Falten sitzen auf der schönen, hohen und edlen Stirn. Wie von dem Kopse seines Balzac, so geht auch von diesem Gesicht die stolze Sinnlichkeit einer genialen Schöpfer macht aus, die fortreißenbe Allgewalt einer Persönlichkeit, deren Wirken so notwendig ist und so groß wie das einer Naturerscheinung. Im Verkehr ist er. liebenswürdig und verbindlich, gegen zudringliche Fremde wohl auch hart und abweisend, aber immer schüchtern und verlegen, immer noch nicht daran ge­wöhnt, in der großen Webt die Rolle des berühmten Mannes zu spielen. Von dieser fast bäurischen Unbeholfenheit im Leben hat er bei seinem 'Lsten Besuch in England, als er vor drei Jahren nach London eingeladen war, einen komischen Beweis ge­geben. Ein Abgesandter des Königs und eine Depu­tation von Künstlern erwarteten in Dover den Meister um ihn bei seiner Ankunft aus englischem Baden zu begrüßen. In dem Londoner Zuge stand ein besonderer Salonwagen für ihn bereit. Aber der feierlich erwartete Ehrengast war nirgends zu sehen und man glaubte schon annehmen zu müssen, Latz er überhaupt nicht an- gekommen sei, als ihn endlich einer der Herren vom Komitee entdeckte, wie er gerade Mit einer ungeheuren Reisetasche beivatinct in ein Coupe 3. Klasse steigen