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s*. Jahrgang.

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Verlag: Langgafse 27.

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U0. 120. verlagS-Ferufprecher No. 2868.

Morgen- Ausgabe.

1. Matt. __

Liberaler Zusammenschluß (?)

Aus Freiburg i. B. schreibt uns ein treuer Abonnent:

Die Nachrichten über Ihre so großartig verlaufene Protestversammlung gegen den neuen, rückschrittlichen, preußischen Schulgesetzentwurf sind auch bis zu uns gedrungen und haben — liorribile dictu — auch bei den Nationalliberalen Badens große Freude erregt. Leider wird ja diese Freude wesentlich beeinträchtigt durch das Faktum, daß Wiesbadens „Nationalliberale" es noch nicht haben fertigbringen können, aus ihrer Schlafmützigkeit sich aufzurasfen, daß sie immer noch nicht verstehen können oder wollen, daß der ganze Studtsche Gesetzentwurf weiter nichts bedeutet, als ein Auseinanderreißen der Konfessionen schon von Kindes­beinen an, so ganz im Sinne „Zentrümlicher" Kirchen­politik. Da dürfen wir Deutsche in dem südwestlichen Wetterwinkel, in dem so häufig gelästerten liberalen Musterländle, die wir mit Leib und Seele national und liberal sind, denn doch ohne Überhebung an unsere Brust schlagen und es aussprechen, daß wir ohne Zweifel bessere — Nationalliberale sind als die Wiesbadener und mit ihnen manche andere Preußen, die sich die Bezeichnung „nationalliberal" umhängen.

Aber gemach! Es wird uq-d muß auch bei Ihnen anders kommen, war es doch auch bei uns vor noch kurzem so, daß man sich eigentlich genieren mußte, Nationalliberaler zu sein! Es ist Ihren Lesern ja zur Genüge bekannt, daß die Entstehung des Blocks auch bei uns nur gedeihen konnte durch Kampf mit führen­den Persönlichkeiten in der eigenen Partei, es mußte bei uns — und ich kann sagen, nicht nur im Oberland, sondern auch im Unterland — so mancher früher um die Partei hochverdiente Mann seinen Führerposten fahren lassen, weil er sich in die veränderten Verhält­nisse der inneren Politik nicht hineinfügen konnte oder wollte; war doch bei den betreffenden derzeitigen politischen Größen meistens der Glaube vorhanden, daß die Elemente des Bürgertums, welche unter dem Namen s,Jungliberalismus" zu den Traditionen der 70er Jahre zurückkehren wollten, nur persönliche, ehrgeizige Pläne verfolgtem Ein zweijähriger Kampf im eigenen Lager mußte erst durchgekämpft werden, bevor wir uns an Ziele heranwagen konnten, die eigentlich zu den Selbst­verständlichkeiten nationalliberaler Parteiarbeit gehören

Feuilleton.

Aus dem Fekrn Eugen Richters.

In der Quinta ist Eugen Richter sitzen geblieben. Mit diesem trauervollen Auftakt leitete er selbst seine so amüsant und ironisch plaudernden „Jugenderinnerun­gen" ein. Er war überhaupt kein Musterschüler und be­sonders ferne humanistischen Studien machten ihm wenig Freude. Noch als alter Mann klagte er darüber, daß er nicht lieber statt der sechs Stunden Griechisch wöchentlich auf der Schule sechs Stunden Englisch gehabt hätte und in fünf von den zehn Lateinstunden in Naturwissenschaften unterrichtet worden sei. Ja, der große Nationalökonom, dessen reichste Tätigkeit sich später in dem von der Antike freilich weit abgelegenen Gebiete der Finanzwissenschaft bewegen sollte, ließ sich nur durch die Bitten seines Vaters davon abbringen, daß er nach dem Abiturientcn- examen sämtliche alte Klassiker um ein billiges beim Antiquar verkaufte. Auch das gefährliche Ende der Gym- nasiallaufbahn, das Abitnrienten-Examen, machte ihm viele Schwierigkeiten und er gestand noch zuletzt humo­ristisch, er wolle lieber alle seine während mehr als einem Vierteljahrhundert gehaltenen Parlamentsreden noch einmal hersagen, als das Abitnrienten-Examen nochmals machen, wovon ihm bisweilen träumte. Wie ein Alp lastet? dann im Traum die Vorstellung auf ihm, daß alle Untaten seiner Schulzeit entdeckt seien und er noch ein­mal vor das Lehrerkollegium gezerrt werde, um irgend eine grauenvolle mathematische Aufgabe herzusagen, von der ihm auch nicht bas mindeste einfiel. Jedoch neben solchen Ausgeburten schlechter Träume stieg Eugen Richter in seiner Erinnerung auf viel Heiteres und Lustiges aus der Jugend auf. Besonders bei dem Groß­vater in Düsseldorf, bei dem die Kinder ihre Ferien ver­brachten, ging es höchst vergrrüglich zu. Da konnten sich die Enkel des Herrn Obcrpostöirektors zwischen den Pferden und Postillonen, in den Remisen und Pack­kammern herumtreiben, durften auf den Postpferden reiten und nirgends in der Welt spielte es sich so gut

Dienstag» den 13. Marz.

mußten. Wie falsch manche in der Parteiarbeit zwar ergraute, aber dadurch — sagen wir — blind gewordene Führer die ganze Sachlage erkannten, erhellt ja am besten aus einer Rede Wassermanns, die er noch unlängst vor seinen „preußischen" Wählern hielt, in der er unsere Landtagswahl-Agitation als aus „konfessionellen" Gründen so scharf geworden hinstellte. Nicht eine Idee davon ist wahr. Wären nicht Tausende und Abertausemde Mitbürger katholischen Glaubens gut liberal g-esinnt, so könnte Baden nie ein liberal-regiertes Land sein, das weiß aber Bassermann ebenso gut wie wir und dennoch paßt es rhm. Anderes zu behaupten! Daß solchen Führern heute in Baden keine Gefolgschaft mehr geleistä wird, hat Bassermann an sich selbst erfahren müssen, ob es ihm paßte oder nicht. Andere Männer wirklich libe­ralen Schlages sind in Baden an seine Stelle getreten, Gott sei Dank!

So wird es auch bei Ihnen werden, denn darüber braucht gar kein Zweifel zu herrschen, die große Menge unseres Volkes, unserer Deutschen ist n a t tonal und liberal gesinnt und die Zeit kann nicht mehr fern sein,, daß ein jeder von ihnen auch selbst einsieht, daß nur mit wirklich liberalen Prinzipien das „Groß- Deutschland" erhalten und ausgebaut werden kann. Es muß auch in Preußen allüberall der Gedanke durch­brechen, daß wir wieder Führer brauchen, die der Dolkes- stimme entsprechen, die sich eines gesunden Liberalismus entsinnen, die gewillt sind, für Kaiser und Reich den Kampf gegen die Reaktion jeglicher Art auszu- nehmen. Daher glauben wir Badener auch, daß es in Preußen wie bei uns demnächst heißen wird: „Fort mit den lauen Vertretern des Nationalliberalismus und Verjüngung der Schar dieser Partei."

Ist das erst erreicht, dann ist auch die Zeit nicht mehr weit, daß wie bei uns in Baden die Lib er allen aller Schattierungen auch in Preußen und dem gemeinsamen großen deutschen Vaterlande geeint schlagen ohne Preisgabe aller jener kleinen Eigenbröde- leien, derentwegen sich liberale Parteien in den letzten Jahren befehdeten.

Und — sind nicht auch Anzeichen beginnender Er­kenntnis der Dinge schon hie und da in Preußen be­merkbar geworden?

Schon vielfach-— allerdings nicht in Wiesbaden — propagandiert man in nationalliberalen Kreisen für energisches Handeln und Zusammenschweißen der libe­ralen Parteien wie nn badischen Musterländle, und wenn nicht alle Anzeichen trügen, gärt es auch, wenn auch nur in den ersten Anfängen, im Zentralvorstande der Partei für das deutsche Reich. So wenigstens

„Indianer" oder „Räuber und Gendarm" als auf der nahegelegenen Spcschen-Jusel.

Weil der Knabe schon eine gewisie Rednergabe be­zeigte, riet man den Eltern, ihn den Beruf des Geist­lichen wühlen zu lassen, aber schon früh beschäftigten seine lebhafte Phantasie politische Vorgänge, von denen er Hie und da ein Wort hörte, und die brennende Lust, an der Formung und Gestaltung der öffentlichen Zustände mit­zuarbeiten, trieb ihn zum Studium der Rechts- und Staatswisscnfchaften, obwohl die materiellen Aussichten gar nicht vorteilhaft wäre«. Um den Sohn bei seinem Studium besser unterstützen zu können, schaffte der Vater, der Militärarzt war, sein Reitpferd und den Reitknecht ab und verwandte die ersparten Rationsgelder für den jungen Studenten. Richter ist später so undankbar ge­wesen, sich tm Reichstag streng gegen die Unsitte zu wen­den, daß Rationsgelder auch für nicht gehaltene Pferde ausgezahlt würden; aber er selbst wäre ohne das aus dieser Unsitte" gewonnene Geld schwerlich auf die Uni­versität gekommen.

In Heidelberg, wo er seine ersten Semester ver­brachte, verdiente er sich auch seine Sporen als Schrift­steller. Er hatte einen Vortrag über die Geldkrisis von

1857 gehalten, aber auch in seinem Beutel war eine „Gelö- krisis" und das war um so unangenehmer, als er seinen 20. Geburtstag auf solenne Weise feiern wollte. Der Aufsatz über die Geldkrisis sollte nun seine „Gelülrisis-' aufheben. Die „Illustrierte Zeitung" druckte den Artikel auch wirklich und Richter kostete die Freuden und Leiden des jungen Schriftstellers durch, wobei ihn besonders ärgerte, daß alle Leute, in deren Hände er die „Illustrierte Zeitung" sah, sich nur die Bilder anschauten und dem Aufsatz nicht die geringste Beachtung schenkten. Für das Honorar freilich — fünf Pfennig die Druckzeile — ließen sicy's Richter und seine Freunde am Abend des 80. Juni

1858 wohl sein, und da ihnen eine „Freinacht" bewilligt war, brauchten sie auch nicht ans die „Lumpenglocke" zu hören, die sonst um 10% Uhr alle Studenten in den Wirtshäusern streng ermahnte, sich auf den Heimweg zu machen. Mit diesem Schritt in die Reihen der Schrift­steller und Journalisten aber stellte sich Eugen Richter immerhin in einen gewissen Gegensatz zu dem korrekten

ReLaktioris^crniprechcr N». 82 . 1906.

legen wir Badener uns eine Episode der letzten Vor» standsverhandlungen aus: Vor dieser letzten Sitzung war unseren badischen Vertretern eine gehörige Ab­kanzelung wegen unseres Wahlabkommens mit der Sozialdemokratie in Aussicht gestellt, da wolle man den Badenern mal sagen, wie man liberale Politik machen Und was wurde daraus: Die Mehrheit der norddeutschen Vertreter wurde nach gründlicher Klarlegung unserer Verhältnisse von der Notwendigkeit unseres Handelns nicht nur überzeugt, sondern es regte sich selbst beb einigen etwas Neid ob der von uns gezeigten Courage!

Ich sagte, wir legen uns so etwas als Anzeichen „neuen Lebens" aus, hoffentlich sind wir darin nicht zu optimistisch!

Wie dem nun auch sei, kommen wird der Tag auch für Preußen, dem momcirtan rückständigsten Lande (übrigens: nach Hamburg! rücke Wahlgesetz), an dem das Wort „liberal" in seiner ganzen Glorie wieder prangen wird und deshalb sorgen auch Sie in Wies­baden dafür, daß die Nationalliberalen Wege finden, sei es mit ihren jetzigen oder neuen Führern, sich an die liberalen Parteien anderer Schattierungen anzu- schließen, unserem engeren wie weiteren Vaterlandc zum Heil und Segen! e' -K- ..,

Professor Dr. Adolf Wagon ober die Werhumchssseuer.

H.F. Berlin, 10. März. ^ Gehermrat Professor Dr. Adolf Wagner, der be­kannte Berliner Nationalökonom, sprach sich heute abend in einem wissenschaftlichen Vortragsabend des Bundes deutscher Bodenreformer in der Aula der Land­wirtschaftlichen Hochschule bei starlbesetztcm Auditorium eingehend über das Prinzip der Wertzuwachssteuer aus. Eingangs meinte er, man müsse in dieser Frage aus Sen theoretischen Erwägungen heraus nunmehr an prak­tische Versuche Herangehen. Man darf sich nicht zurück­schrecken lassen, wenn man sich verschiedentlich ablehnend dazu verhält. Das sei bei jeder Neuerung so gewesen, wie z. B. bei dem allgemeinen Staatseisenbahn-System usw. „Was in der Jugend man wünscht, hat man im Alter die Fülle." Bei der Wertznwachssteuer handelt es sich nun darum, den Wert, den ein Grundstück ohne besonderes Zutun seines Besitzers erreicht, angemessen mit einer Steuer zu belegen. Bei unserem Steuer­system hat ja bekanntlich das Einkommen seine Grund­lage zur Steuer. Nun gibt es aber sehr verschiedene Arten von Einkommen. Das ist das reine Renten-Ein- kommen, das sich auf sehr leichte Art und Weise ergibt.

Veamtenwesen, in das ihn sein Referendariatsexamen hineinführte.

„Die Schriftstellerei", so meinte er selbst, „wurde re:r nun einmal zum Verderben. So gelüstete es mich denn, nachdem ich einige Monate Regierungsreferenöar ge­wesen, eine Broschüre zu schreiben zur Reform der Ge­werbepolizei." Dieses kleine Heft „Über die Freiheit des Schankgewerbes", das sich besonders gegen schon weit zurückliegende Schäden wendete und sehr bescheiden auf­trat, trug ihm die Ungnade der Negierungskreise ein. Durch eine übermütige Satire auf den Magdeburger konservativen Verein machte er sich noch unbeliebter. In diesem Feuilleton, das er während seines Aufenthalts in Magdeburg 1862 schrieb und „Eine Magdeburger Spuk­geschichte" betitelte, erzählte er von einem Cölner Hand- lungsretsenden, den die Mitglieder des konservativen Vereins, deren Versammlung er am Abend beigewohnt hat, als verzerrte Traumerscheinungen umtanzen und zur Unterschrift einer Adresse an den Kriegsminister zerren. Das Feuilleton erbitterte die Magdeburger Kreise außerordentlich gegen den ironischen Referendar und ist ihm lange nachgetragen worden; freilich erhielt er auch durch die Erinnerung an dieses lustige Stückchen nach seiner Verabschiedung die Stelle bei der Magde­burger Feuer-Verstcherungs-Gesellschaft, für die er eine, große Gedenkschrift über die Reform der Versicherungs- Gesetzgebung ausarbeitete. Vorher machte er aber noch seinen Assessor und besuchte zu diesem Behufs die „Assessorenfabrik" die damals ihren Sitz in dem auch heute noch bei Berliner Ausflüglern beliebten Wirtshaus. Baumgartenbrück bei Potsdam aufgeschlagen hatte.

„Das Wirtshaus Vaumgartcnbrück! Wer vor etwa 80 Jahren dort in Wald und Feld spazierte, dem begeg­neten hier und dort truppweise junge Staötherren, welche halblaute Formeln über Staat, Recht, Gesetz, Paragraph, Steuer usw. murmelten und sich dabei untereinander fragend ansahen." Das waren die Herren, die zum Assessorexamen „hämmerten". So erzählte der behäbige Wirt und sprach von den hochvermögenöen Personen, die nachher aus diesen Referendaren wurden; elf Zwölftel aller regierenden Herren hätten bei ihm gewohnt und gespeist, und sie alle mache der „Herr Doktor" so klug, daß