5«. Jahrgang.
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102 .
Berlags-Fernfprecher No. 2958.
Freitag, den 2. Marx.
Redaktions-Fernsprecher Nr. 82.
1806 .
Morgen-Kusaabe.
__1. Matt.
Sie Arbetterßege bei den enslWen Mahlen.
Newcastle vrr Tync, im Februar 1906.
Ein rheinischer Bergarbeiter, der seit mehr als zehn Jahren in englischen Bergwerken nahe bei Newcastle on Tyne beschäftigt ist, hat der „Sozial-Korrespondenz" in Dresden über die Ursachen und Wirkungen des neuesten politischen Umschwunges in England und über die Stimmungen in der Arbeiterwelt folgendes berichtet:
_ „Wer sich mehrere Jahre unter den englischen Arbeitern bewegt hat. wundert sich nicht über den Sieg der Arbeiter bei den letzten Parlamentswahlen. Der ganze geschäftliche Verkehr zwischen Arbeitern und Bürgern ist in England viel freundschaftlicher als in den meisten europäischen Staaten. Der Drang nach Gleichberechtigung und gleicher Würdigung der verschiedenen Persönlichkeiten tritt bei allen Ständen stark hervor. Die englische Nation verlangt „fair play, no tricks" (Offenes Spiel, keine Falschheit!). Auf unseren Gruben ist alles kameradschaftlich. Die Beamten sind keine Unteroffiziere und Polizisten, sondern Freunde der Arbeiter. Jeder Befehl wird in freundlichem Tone und oft mit humoristischen Worten gegeben und ebenso auch ausgeführt. Alles geht mit mehr Lust von und nach der Arbeitsstelle. Das Zusammenstehen der verschiedenen Stände hat sich anch bei der letzten Parlamentswahl deutlich gezeigt. Eine ferner liegende Ursache des Sieges der Liberalen im Bunde mit den Arbeitern ist das Verhalten der früheren konservativen Regierung gegen die Arbeiterverbände. Als vor vier Jahren ein großer Streik der Eisenbahnarbciter für dieselben ungünstig ausgefallen war, erhob die Eisenbahngesellschaft auch noch Anklage auf Schadenersatz. Die Verbandskasse der Eisenbahnarbeiter mußte über 23 000 Pfund Sterling (460 000 M.) Strafe zahlen: auch in einigen kleineren Streiks wurden die Verbände verantwortlich gemacht und die Kassen zur Bezahlung herangezogen. Vor diesen Verurteilungen hatten die englischen Gewerkvereine niemals daran gedacht, daß es möglich sein würde, ihre Kassen in dieser Weise anzugreifen. Es wurde von den Vorständen der Kassen und von den Vertretern der Arbeiter im Parlament alles versucht, um die Gesetze über die Verbände abzuändern. Die Liberalen standen auf seiten der Arbeiter, aber auch ihre Bemühungen waren vergebens. Die letzte Parlamentswahl hat nun gezeigt, daß die englischen Arbeiterverbände eine sehr starke und feste Organisation besitzen und daß jeder Versuch ihrer Schädigung übel ablaufen kann.
Die Hauptursache ihres Sieges haben die Liberalen jedoch dem Kriege in Südafrika zu verdanken. Bevor der Krieg mit den Buren begann, wurden überall in
England Versammlungen abgehalten. Der Schreiber dieser Zeilen hatte selbst mehreren beigewohnt. . Die Buren wurden als Halbwilde dargestellt, die keinem anderen Volke Rechte einräumen wollten als ihrer eigenen Nation. Überhaupt wurden den Arbeitern soviel Unwahrheiten vorgepredigt, daß es viele hier fertig gebracht hätten, wenn ihnen Holländer begegnet wären, sie niederzuschlagen. Viele englische Arbeiter, die in anderen Dingen kaltblütig sind, werden aufgeregt, wenn man versucht, sie niederzudrücken und ungerecht zu behandeln. Im allgemeinen setzten die Agitatoren vor dem Burenkriege alle Hebel in Bewegung, um die Arbeiter für den Krieg zu gewinnen. Chamberlain erklärte: es wäre ein Krieg für Gleichberechtigung jedes Weißen in Afrika und speziell ein Krieg zugunsten des weißen Bergmanns. Jung und alt, die eben tauglich waren, wurden Soldaten. Man war sich nichts anderes bewußt, als für Recht und Freiheit zu kämpfen. Wie der Krieg endete und was er im allgemeinen der Nation einbrachte, ist bekannt.
Die englischen Bergleute und die Leiter ihrer Verbände wußten lange vorher durch alte, erfahrene Bergleute, die lange Jahre in Transvaal gearbeitet hatten, daß die Arbeiter in Afrika mehr Freiheit hatten und auch mehr verdienten als in England, und daß infolgedessen die Bergleute im allgemeinen keinen Nutzen haben würden, wenn Chinesen, die für einen Schilling pro Schicht arbeiten, angenommen und englische Bergleute verdrängt würden. Die Goldgrubenbesitzer in Afrika fürchteten sogar den englischen Bergmann und die starken Verbände, die er in England hat; sie fürchteten, daß diese Verbände auch nach Afrika verpflanzt werden könnten, was natürlich auch nicht ausgeblicben wäre. Der Sekretär des Bergarbeiterverbandes von Northumberland reiste vor zwei Jahren selbst nach Afrika, um sich zu überzeugen von der Wahrheit der Berichte, die hier in England verbreitet wurden. Es wurde nämlich behauptet, daß der Weiße die Arbeit in den Minen von Transvaal nicht so gut verrichten könne wie der Gelbe, und daß ferner der weiße Bergmann mit dem gelben und dem schwarzen Bergmann nicht zusammen arbeiten wolle. Der Sekretär kam zu der Überzeugung, daß der englische Bergmann ganz gut mit dem einheimischen schwarzen Bergmann zusammen gearbeitet hatte und auch ferner arbeiten könne, und daß die Einführung der Chinesen völlig überflüssig gewesen war. Es wurden auch drei englische Bergleute nach Afrika entsandt, um sich von den Verhältnissen in den Gruben von Transvaal zu überzeugen und mit gelben und schwarzen Bergleuten praktisch in mehreren Gruben zu arbeiten. Ihr Bericht lautete ebenso wie der ihres Verbandssekretärs. Nach allen diesen Begebenheiten ist es nicht zu verwundern. daß die Arbeiterklasse im allgemeinen und die Bergleute insbesondere bei _ den Wahlen eine feste Stellung gegen die alte konservative Negierung eingenommen haben. Das neue Parlament besteht aus 379
( Liberalen. 152 Unionisten, 81 irischen Nationalisten und 61 Anhängern der Arbeiterpartei. Die sozialistische Arbeiterpartei besteht aus 29 Mitgliedern mit Keir Hardie als Leiter.
Keir Hardie ist geboren 1856 in Lanarkshire. Im Alter von 24 Jahren gründete er den Bergarbefter- verband von Lanarkshire und wurde Sekretär dieses Verbandes, bis dahin war er selbst Bergmann. Die 22 nichtsozialistischen Vertreter der Arbeiter sind meist alte Veteranen der Arbeitersache und haben innerhalb und außerhalb des Parlaments stets mit den Liberalen und Konservativen zusammengewirkt, wo es sich darum handelte, die Lage der Arbeiterklasse zu verbessern. In den meisten anderen europäischen Staaten stehen fast alle Parteien der Arbeiterklasse feindlich gegenüber, nicht so hier in England, wo alle Volksklassen, ob reich oder dem Mittelstand angehörig, ein gewisses Interesse für die niederen Klassen haben. Es herrscht hier eine größere Freiheit als in anderen Staaten. Natürlich wftd diese Freiheit von meiner Klasse zuweilen gemißbraucht, aber da sind die Verhältnisse schuld daran.
Was nun die Stellung der Arbeiter im allgemeinen zu dem neuen englischen Parlament anlangt, so kann ich jedem Deutschen und den Arbeitern anderer Staaten die Zusicherung geben, daß. wenn man keine besseren Sozialreformen einführt wie die alten konservativen Regierungen, so wird die Arbeiterklasse es zu einer Macht bringen wie keine andere Partei. Man hat in England bereits John Burns zum Kabinettsminrster gewählt. John Burns hat bisher gut für die Londoner Arbeiter gestrebt und würde den Posten nicht angenommen haben, wenn er nicht hoffte, manches ausführen zu können, was er vorgeschlagen hat. Die Arbeiterklasse wird ihm gehörig aufpassen, daß er nun auch handelt, wie er versprochen hat. Natürlich kann er als Minister der Arbeiter nicht allen gerecht werden. Gerade die von ihm mit angeregte Arbeitslosenfrage ist eine, der wichtigsten hier in England. Wenn er diese lösen kann, dann versteht er mehr wie Brot essen!"
Politische Iverstcht.
Ärztliche Gewissenskonflikte.
Die Frage der Schweigepflicht des Arztes wird in juristischen wie in medizinischen Fachkreisen gegenwärtig aus Anlaß eines seinerzeit in der Presse ausführliiE-mit- geteilten Falls mit begreiflicher Lebhaftigkeit erörtert. Es handelt sich in der Tat nur einen wichtigen Vorgang und um noch wichtigere Folgen aus ihm. Um das sachlich kurz zu wiederholen, so hatte ein Berliner Arzt eine Frau, die ihr Kind bei ihm impfen ließ, vor dem engen Verkehr mit einer Verwandten unter Hinweis darauf gewarnt, daß diese von ihm an Syphilis behandelt werde und deshalb Ansteckungsgefahr vorliege. Auf Antrag
FemÄeton.
Im „Lanöe He§ Blaubart".
Unter diesem Titel erzählt Louis de Fouchier in „Le Tour du Monde" von den Schlössern in der Bretagne, die einst dem berüchtigten Gilles de Rais gehörten und deren Trümmer noch heute unheimlich in die einförmige Landschaft hineinragen. Am linken Ufer der Loire, südöstlich von der Stadt Nantes, dehnt sich heute noch eine ungeheure Ebene aus, die im 15. Jahrhundert eine mächtige Baronie mit der Hauptstadt Machecoul bildete. Nichts an dieser verfallenen nnd friedfertigen Machecoul-Burg. um deren Mauern der Efeu rankt, erinnert heute noch an die Kriegcsstürme, die einst über sie hingebraust. Verschwunden sind die mächtigen Wälle, von den hohen Türmen stehen nur noch einzelne Trümmer. Aber noch heute heißt das Schloß in der ganzen Umgegend das „Schloß des Blaubart" und die Bauern schlagen ein Kreuz, wenn sie des Nachts an dem alten Gemäuer vorbeikommen. Der einstige Beherrscher dieser Güter, Gilles de Laval, Baron von Rais, stammte aus einer uralten Familie und gehörte von der Mutter her zu den Montmorencys. Er erblickte zu Ende des Jahres 1404 das Licht der Welt und wurde schon mit dreizehn Jahren verheiratet, aber seine Frau starb noch in demselben Jahre, und ebenso endete seine zweite Gemahlin, die er das Jahr darauf heiratete, bald nach der Hochzeit ihr Leben. Im Jahre 1420 heiratete er Catherine de Thouars. die ihm eine große Mitgift nnd die reiche Baronie Tiffauges in die Ehe brachte. Eine glänzende militärische Laufbahn eröffnete sich dem jungen Manne, der an der Seite der Jungfrau von Orleans für seinen König kämpfte und endlich wegen seiner Rnhmestaten Marschall von Frankreich wurde. Er war durchaus kein häßlicher oder dämonisch anssehender Mann, wie wir uns wohl den Blaubart des Märchens vorstcüen möchten,- vielmehr
war er eine stolze und elegante Erscheinung und ein zeitgenössisches Bild stellt ihn uns noch vor, ganz in Eisen gehüllt, den mächtigen Kriegshelm abgenommen, wie er, die Hand ans die Hüfte gestützt, majestätisch dasteht. Nur die langen schwarzen Haare, die das Gesicht umrahmen, haben etwas Unheimliches. Überhaupt mar es ein unbezähmbarer Stolz, der die Hohen Geistesgaben dieses kraftvollen Mannes in Verbrechen und Scheußlichkeiten verkehrte, eine furchtbare Sucht nach Macht und Gold verlockte ihn zu jenen unheimlichen Taten, die nun auf ewig mit seinem Namen verbunden sind. Das Vermögen des Marschalls war ein ungeheures. Er besaß das ganze Land von Rais mit all seinen Schlösicrn, Dörfern und Gütern, hatte zu Nantes ein großes, kostbar ausgestattetes Palais, nannte das Schloß und die Herrschaft von Tiffauges, sowie noch viele andere Lanögebiete sein eigen. Diese zwanzig Schlösser und die großen Besitztümer brachten ihm ein jährliches Einkommen von 60 000 Pfund, also mehr als 2 Millionen Frank nach dem heutigen Gcldc. Die Kostbarkeiten, die allein in den Schlössern standen, schätzte man auf 100 000 Golötaler, nach heutigem Werte fast 5 Millionen. Die Hofhaltung, die Gilles führte, war eine königliche. Seine Leibgarde bestand aus 200 prächtig gekleideten Kriegern, von denen jeder wieder seine eigenen Diener hatte. Nicht geringeren Aufwand forderte die Kirche, die er reichlich mit Gaben ausstattete. So ließ er sich zu Machecoul eine wundervolle Kapelle erbauen, an der er einen Archi- dialon, viele Prediger, Kapläne und Mönche anstcllte, die alle von einem Bischof geleitet wurden. Dieser ganze Klerus war reich dotiert. Besonders hielt der Marschall auf einen Kirchenchor und wohnte selbst stets den feierlichen Gottesdiensten bei. In wieweit ein wirkliches religiöses Empfinden, ein maßloser Stolz oder ein Gefühl der Reue über seine Untaten ihn dazu bewogen, steht dahin. Zum Schlosse Gilles' gehörte auch eine Thcatertruppe, die fast alle Tage vor ihm Mysterien nnd Komödien spielen mußte und die er völlig erhielt. Wenn
man bedenkt, baß die kostbarsten Ausstattungen bei diesen Spielen eine große Rolle spielten, daß bei gewissen Spielen, wie dem Mysterium von der Belagerung Orleans, nicht weniger als 500 Schauspieler beschäftigt waren, daß stets alle Dekorationen und Kostüme neu an- gxfertigt wurden und die Geistlichen wie die Schauspieler und die Krieger den Marschall auf seinen vielfachen gleisen immer begleiteten, so kann man sich die Pracht seines Auftretens vorstellen. Stets folgten ihm 800 Personen hoch zu Rvß und er war von einem außergewöhnlichen Reichtum umgeben. Der unversiegbare Golddnrst, dann aber auch eine gewiffe mystische Gemütsanlage trieben Gilles ans den Pfad der Sünde und des Verbrechens. Die ekstatische Erscheinung der Hclüenjnng- frau Johanna, deren überirdische Taten er ans nächster Nähe mit angesehen, mochte in ihm die Neugier nach dem Wunderbaren und dem Überirdischen erweckt haben. Er befaßte sich zunächst eifrig mit Alchimie und bemühte sich wie alle Anhänger der Geheimwissenschaften Gold zu machen. Aber seine Bemühungen hatten keinen Erfolg und nun ergab er sich der Magie, um aller Geheimnisse öesHimmels und der Erden kundig zu werden. In dunkler Höhle, beim Schein geweihter Kerzen und beim Auf- stcigcn des Weihrauches rief er unter zauberhaften Zeremonien die Geister an und bald wollte er auch den Fürst der Dämonen, Satan selbst, beschwören. Er schrieb mit seinem eignen Blut Briefe an den Bösen, schwor sein Seelenheil ab nnd verschrieb sich dem Herrn der Finsternis. Aber die Geister der Hölle blieben ebenso stumm wie ihr Oberster. Der Marschall war in Verzweiflung, daß sich ihm die überirdischen Mächte nicht erschließen wollten. Nur ein Mittel blieb noch: das Blut unschuldiger Kinder mußte ein angenehmes Opfer für den Teufel sein nnd ihn zu seinem Anbeter herablocken. So begann Gilles jene furchtbaren Morde, die er zunächst dem Teufel zu Ehren darbrachte: die ihm aber bald eine so wilde Freude erregten, daß er aus Lust an Grausamkeit zum Mörder sehr vieler Kinder wurde. Ein
