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Wiksbs-emr Tsgblslt.

s«. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-Preis: durch den Verlag 50 Pfg. monatlich, durch die Post S Mk. 50 Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

Avonnenleu.

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Uo. 46.

Verlags-Fernsprecher No. 2SSS.

Sonntage den 28. Januar.

Redaktions-Fernsprecher No. S2.

1906.

Morgen - Kusgade.

__ 1. Matt. __

Iiür ^cßrttar imö Märrz

auf das

Wiesbadener Tagdlatt"

Zu abonnieren, findet sich Gelegenheit

tut Verlag Langgasse 37, bei den Ausgabestellen, den Zweig-Expeditione»

der Nachbarorte,

nnd bei sämtlichen deutschen Reichspostanstalte».

— ii ■-

Frankreich und Mremeln.

S. Paris, 24. Januar.

Der Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwi­schen Frankreich und Venezuela, der infolge des allen Bräuchen und Überlieferungen Hohn sprechenden Vor­gehens des Diktators der südamerikanischen Republik, Castro, dem französischen Vertreter in Caracas, Taigny, gegenüber erfolgt ist, hat bei der derzeitigen inter­nationalen Lage, die hier allmählich eine recht bedenk­liche Nervosität hervorgerufen hat, zu aufregenden Ge- rächten nnd empörenden Unterstellungen Anlaß geboten. Die englische Presse hat es ncb besonders zur Aufgabe gemacht, sensationelle Nachrichten, die ait diese Ange­legenheit anknüpfen, zu verbreiten, die auch in französi­schen Blättern einen beunruhigendenWiderhall gefunden haben. Darunter ist weniger die bereits dementierte Mitteilung einer beabsichtigten Demonstration gegen venezolanische Hafenstädte zu verstehen, als vielmehr die Meldungen, die sicb in direkter und indirekter Form wiederholen, Castro werde — von Berlin aus gegen Frankreich ausgereizt. (!) —

Im allgemeinen finden diese gehässigen und lächer­lichen Unterstellungen allerdings keinen Anklang und keinen Glauben bei dem großen Publikum- das schon vor den energischen Richtigstellungen durch die zu­ständigen deutschen Organe in: Hinblicke ans die deutsch- venezolanischen Verwickelungen im Jahre 1903 eine der­artige Möglichkeit für ausgeschlossen erachtete. Immer- hin wird aber durch diese,: neuen Konflikt die öffent­liche Meinung Frankreichs in dein Glauben bestärkt, daß daS Ansehen der Republik in der Welt seit der Spannung mit den, deutschen Reiche sehr beeinträchtigt sei, was natürlich die Stimmung dein Rachbarlande gegenüber nicht zu verbessern vermag. —

Feuilleton.

Ein- und Ausfälle.

fF ü t das „Wiesbadener Tagblatt .>

Von Joseph Kaisler.

„Ter rote Sonntag"'.

, In einer Nacht des Jahres 3333 saß der junge^ Ge­schichtsforscher Wahrmann iroch lehr spar an der ^ -

Es war eine Arbeit, die ihn nicht losließ, brs er ihr Ge­heimnis entrissen. . Ri,wer

Vor ihni lag zwischen Haufen aufgestapcltcr w - »eben dem Manuskript an dem er schrreb die Photw graphie eines alten Zertungsdruckes. -lur ^ ,

Zeilen, deren Original, das man Jtanben gefunden hatte, das besitzende M s ^Archiv seiner Kostbarkeit nnd Hinfälligkeit mcht au demArch v stab. Seine Arbeit hatte aber auch an der Hand de Photographie schon große Fortschrrste gu $ ■

Text hatte er bereits in zwcifelloier diiarpcu ,c,,

her Garde-Kavallerie und -Infanterie dir Straß ,

namentlich die Straße Unter den Ln den -«'d b°te.i hsNr dort flanierenden Publikum das f ^ ^ ^

snrer militärischen Gegendemonstratw , ^ ^

sN'Ponrerender wirkte, als sowohl öte . formloser

hse Mannschaften niit ilnbekumnierter und 'orglos

serene den angewiesenen Standorten S s bereits

Nach mühevollen Uirtersuchrmgen hatte rr vererts

nuch die Quelle und die Jnhaltsbezrehungen de-, Textes

konstatiert. Die Arbeiten jeiier Lpczialforschrr Geschichte der großen fünfzigjährigen FE"tion m Rußland bereits in allen Detar s klargelegt hatten

^saren ihm dabei eine große Hülfe. -r-aaeszertuna h?ese Textzerlen einer großen deutschen Tageszettnng,

beim Beginn dieser Revolution rn , mntuna a;bericf)t cknen, angehörten und ans emein Sttnin ungsberra

-stammten, den das Blatt über den 21. ^anuar in

Was die Sache an sich betrifft, so kann zwar an dein guten Rechte Frankreichs, für die seinem Vertreter zu­teil gewordene unwürdige Behandlung eine Genug- tuung zu verlangen, keiiicu Augenblick gezweifelt wer­den; dagegen werden von allen Setten dringend und sehr gut begründete Einwändc gegen jedwedes schroffe Vorgehen in Südamerika erhoben, da man mit einem solchen trotz des Wohlwollens Roosevelts und der freundschaftlichen Haltung der Washingtoner Regierung ans einen gefährlichen Widerstand der Vereinigten Staaten stoßen könne, ja müsse, da man ferner dadurch die Sympathien aller südamerikanischer Republiken, die sich in Fragen europäischer Einmischungen trotz ihrer Zwistigkeiten untereinander und besonders ihrer Abgeneigtheit dem Treiben Castros gegenüber einig fühlten, verscherzen würde und schließlich weil die Ver­hältnisse nicht so lägen, daß man sich Zersplitterungen seiner diplomatischen und militärischen Kräfte ge­statten könnte. Auch wird von Personen, die mit den einschlägigen Verhältnissen sehr vertraut sind, der Nachweis geführt, daß die französische Kabelgesellschaft, derentwegen die Verwickelungen eingetreten sind, viel gesündigt hat, sehr anmaßend sich zeigt, ihren Ver­pflichtungen nicht mit der wünschenswerten Pünktlich­keit nachkommt, durch übertrieben hohe Tarife den Ver­kehr schädigt und vor allem, daß sie durch ihre Haltung und das Vorgehen mehrerer ihrer Beamten die Be- schwerde Castros, bei den, letzten Aufstandsversuche des Generals Matos diesen ausfällig unterstützt zu haben, nur zu sehr gerechtfertigt hat. Der in Paris lebende General Matos hat allerdings mehreren Reportern gegenüber entschieden einen Beistand der Kabclgesell- schast bei seinem mißglückten Pronunziamento in Ab­rede gestellt, .sonst aber in höchst achtnngswertem Patriotismus Castros Vorgehen gebilligt und die Franzosen gewarnt, sich in Südamerika aus gefährliche Experimente : einzulassen.

Solche sollen ja nun allerdings, wie bereits gesagt wurde, nicht beabsichtigt fein; die Regierung hat jeden­falls noch keine Entscheidung getroffen und wartet zu; nächst bett Bericht Taigiiys ab, der im Laufe dieser Woche ciutresfen muß. Aber etwas muß doch zur Ge­nugtuung Frankreichs durchgesetzt werden uird sich in dieser Hinsicht ganz ans die Vereinigten Staaten zu verlassen, erscheint vielen französischen Politikern höchst bedenklich. Von England ist dabei auch nichts zu er­warten, da das neue liberale Ministerium noch weniger, als das vorige konservative, Neigung bezeugen dürfte, in irgend einer Weise den.Vereinigten Staaten ins Handwerk zu pfuschen und es mit ihnen zu verderben.

Diese Erwägungen haben hier mehrfach zu bedauernden Andeutungen Anlaß geboten, daß die Spannung mit Venezuela gerade in eine Zeit fällt, in der mit der Ber­liner Diplomatie etwas Gemeinsames zur Wahrung beiderseitiger Interessen nicht beraten und durchgeführt werden könnte. Wenn die Konferenz in Algcciras die erhoffte volle Verständigung bezüglich Marokkos zwischen Deutschland und Frankreich erzielt, soll die Absicht hier, bestehen, gerade an den Venezuelafall an­knüpfend Mittel und Wege zu finden, auf daß die beiden Länder bei solchen Schwierigkeiten in transozeanischen Staaten wirtsani zusammen ohne dritte Mächte ihre Angelegenheiten regeln könnten.

Politische Übersicht.

Der Kampf um die Schule.

Aus Lehrerkreisen wird der „Frankfurter Zeitung" geschrieben: „Die Diesterweg-Stiftung in Berlin halte den Rektor Kähne und den Lehrer C. L. A. Pretzel zum Studium der Simultanschule nach dem ehemaligen' Herzogtum 'Nassau und nach Baden entsandt. Nach dein Bericht, de,i beide in der letzten Hauptversammlung der Stistillig erstatteten, haben sie gefunden, daß hier und da „das simultane Prinzip gebogen" wird, d. h., daß in manchen Simultanschulen der Geist einer bestimmten Konfession herrscht. Typen solcher Schulen fanden sie, nach der „Pädagog. Ztg.", in Weilburg und Limburg a. d. L. In der einen Stadt ist eine evangelische, in der anderen eine katholische Mehrheit, die Minderheit ist nur gering. Die Schulaufsicht übt der Geistliche der konfessionellen Mehrheit aus. Das sei auch der Schlüssel, so betont der Bericht, zum Verständnis der vorerwähnten Erscheinung. Alle Einrichtungen an diesen Schulen muten konfessionell an. Der Bericht kommt zu dem Resultat, daß,, diese. Unstimmigkeit von der geistlichen Schulaufsicht iuid deren Einfluß und Druck auf die Nach­geordneten Stellen ausgeht. Besonders lobend hoben die Berichterstatter die Simultanschülc in Wiesbaden hervor. Das Bestreben, Mißstände an den Wiesbadener Simultanschnlen zu erforschen, führte nur zu den: Er­gebnis, daß von allen Seiten das Gegenteil versichert wurde. Hervorgehoben wird unter anderem folgende bemerkenswerte Äußerung des, katholischen Prälaten in Wiesbaden: „Es gibt in den beiden Konfessionen glück­licherweise so viele übereinstimmende Momente, daß die religiös sittliche Erziehung nicht gefährdet erscheint." Diese Mitteilung über die Äußerung des Herrn Prä­laten wird katholisch-offiziös energisch dementiert. Sie trug an sich auch den Stempel, der Unglaubwürdigkert.

Berliii, den sogenannten roten Sonntag, gebracht haben mußte.

Diese Feststellungen waren eine sehr mühevolle und zeitraubende Arbeit gewesen, und doch empfand der junge Forscher, daß er jetzt erst vor der eigentlichen Schwierigkeit seiner Aufgabe stand. Die äußere Ge­schichte jenes roten Sonntags in Deutschland und be­sonders in Berlin war allerdings nur den orientier- tcsten Spezialsorschern jener Zeit wohlvertraut. Noch vor einem Jahrhundert war sie ein heißumstrittenes Problem gewesen. Eii,e gairze Schule vou Historikern hatte die Hypothese verfochten, daß auch Dentsch- land damals am Ausbruch einer ungeheuren bewaffneten Revolution stand. Die. historischen Dokumente, die man über die kolossalen Aufwendungen der Regieriingsmacht- mittel für diesen Tag fand, schienen diesen Historikern recht zu gebest. Man hatte Dokumente gefunden, nach denen Berlin damals einein riesigen Feldlager geglichen

hatte.

Aber diese Hypothese war längst wissenschaftlich ver­nichtet. Spätere geniale Forscher hatten an der Hand der inneren Entwicklungsgeschichte des damaligen Deutschland ihre psychologische Itlimöglichkeit glänzend dargetan. Wahrmann. ein überzeugter Anhänger der psychologischen Methode, dachte nicht einen Augenblick daran, auf diese alte unmögliche Hypothese über den roten Sonntag zurückzugreifen.

Aber was war dann mit diesen Tertzcilen anzu- fangen, wie waren sic z,i erklären? Da er wußte. Inte leicht der Geist in der Fülle der Kombinationswege ein primitives Zwischenglied übersah, sich zu einem voreiligen Schluß verirrte, nahni er die Sache immer wieder von vorne auf, nur in kleinsten, vorsichtigsten Schritten weitergehend.

Er begann also: Eines der größten und ernstesten deutschen Tagesblätter sagte, daß in der Nacht des 21. stärkere Abteilungen Gardekavallerie und Infanterie die Straße Unter denLindcn passierten und damit eine mili­tärische Demonstration boten, die umso imponierender wirkte, als Offiziere und Mannschaften mit u nbe - k ü m ii, e r t e r und sorgloser Miene ihren Weg

machten. Jedes Wort hatte er scharf auf seinen Ge­dankeninhalt gewogen. Doch er kam um eins nicht herum. Es war doch logisch, — da half fein Wenden und Sträuben — wenn man sich das Bild des roten Sonntags, in Berlin, wie cs die Geschichte ja jetzt klar und sicher festgelegt hatte, vor Augen hielt, so wäre es schon auffallend gewesen, wenn der Text von einen? ein- zelnen unbewaffneten Mann erst ausdrücklich und be­stimmt erzählt hätte, daß er in der Nacht des 21. mit sorgloser und imbeküminerter Miene die Linden passierte, denn es war doch selbstverständlich.

Wenn aber nun gar ausdrücklich konstatiert wurde, daß „stärkere Abteilungen" der Militärmacht in ihrem Waffenschiitz „sorglos" und „unbekümmert" die Straße passierten und das noch als „imponierend" bezeichnet wurde, so gab es doch nur einen Schluß. In dieser Nacht wußten der Regierung und der Ordnung ganz iinge- benre, furchtbare Gefahren gedroht haben. Eine nnge- hcnre revolutionäre Waffenmacht mußte in dieser Nacht einen Anschlag aus Berlin vorgchabt haben. Das machte dieser Text doch völlig klar.

Aber alles in Wahrmann sträubte sich gegen diese Erklärung. Hatte er nicht schon als Seminarschüler diese glänzenden und unwiderleglichen Argumente studiert mit denen dieseHypothese längst abgetan war Und er ge­dachte der Worte seines genialen Lehrer« der seinen Schüler immer wieder gemahnt hatte, bei scheinbar Un- erklarlichem der Tatsachen in die Tiefen zu steigen ,rnd aus der Psychologie der Zeit die Erklärung zu holen

Und wieder gingen Wahrmanns Gedanken viele Stunden diesmal auf andern Wegen. Er siichte in den Gründen vieler merkwürdiger, fast unerklärlicher Er- schelnungen dieser versunkenen Zeit, deren geheimnis­volles Zeugnis vor ihm lag.

Es war Heller Morgen und die Sonne, die ewige rZreunom der Wahrheit, sandte ihrem Schüler einen ireiindlichen. Gruß durchs Fenster, als Wahrmann zu schreiben begann.

„Den Deutschen am Anfang des 20. Jahrbunderts war nn Prunk großer Worte nnd pathetischer. Geberden der L?inn für. das Selbstverständliche, .abhanden getom-