ss. Jahrgang.
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Itd, 226. Verlags-Fernsprecher No. 2958.
'S!
Montag, den 16. Mar.
RedaktiouS-Fernsprecher No. 52.
1905.
Abend-Ausgabe.
1. M«tt.
den letzten Jahren immer mehr «mit den Aufständen der
Der „KrunKe Mann" und Arabien.
iOJit unwiderstehlicher Gewalt vo-llzioht sich der Niedergang des Türkenreiches, nicht in Form des früher so oft befürchteten gewaltsamen Zusammenbruchs, sondern auf dem Wege der allmählichen, aber nicht minder wirksamen -Wbrö-ckelung. Auf die Befreiung Griechenlands folgte die Losreißung Rumäniens und Serbiens, an die sich die faktische, wenn auch nicht formelle Unabhängig- keitse-rklärung Bulgariens schloß. Es hat ein förmliches Wettrennen um die Halbmond-Beute stattgefunden. Önerveich-Ung-arn „besetzte vorübergehend" Bosnien und die Herzegowina, Rußland hat seinen Besitz in Armenien „abgerundet", England ließ sich Cypern „schenken" und besetzte Ägypten, Frankreich steckte Tunis ein, und Montenegro ramschte in Albanien. Dieser nie unterbrochene Abbröckelungsprozeß hot unter Abdul Hamid, dem „kranken Mann", rapide Fortschritte gemocht und er macht sie zur Zeit in ganz besonders auffallender Weise. In M a k e d outen freilich sind die Unaib-hängigkeits- beürebungen bisher immer noch durch die Sorge der Mächte vor dem „Nachher" eingedämmt worden. Aber in Kreta hat man bereits die tatsächliche Unabhängigkeit erreicht, und es hat allen Anschein, als ob Griechenland, wie es einft von der Pforte einen beträchtlichen Teil von Epirus und Thessalien ergatterte, früher oder später auch noch einmal Kreta einstecken wird. Seitens der italienischen Regierung ist erst in diesen Tagen offiziell verkündet worden, daß Italien sich alle Rechte auf Tripolis Vorbehalte. Xlitb in Arabien endlich, wo die Macht des Sultans freilich in Wahrheit nie über die Küstengögenden hinausgereicht hat, ist jetzt durch den Ausstand in Jemen, der mit englischsm Geld und mit englischen Gewehren organisiert worden ist, auch diese sckon geborstene Säule „verschwundener Pracht" bedroht.
Die Herrschaft des Sultans in Arabien hat sich stets mir über eine sehr kleinen Teil dieses Gebietes erstreckt. In Zentralarabien herrschen die Nachkommen der -unruhigen und kriegerischen Watzabiten, in Oman die Jmame einer alidischen Dynastie. Das eigentliche türkische Gebiet zerfällt in die zwei Vilcijets Dschedda und Ismen, Ä. h. die Ostküste des Roten Meeres bis zur Meerenge von Bab-el-Mandeb. Fm Vilajet Dschedda, dein sogenannten Hedschas mit den heiligen Städten Mekka und Medina, hat sich die türkische Herrschaft freilich auch niemals weit über die beiden- Häfen Dschedda und Jambo hinaus erstreckt. Aber im Lande Jemen, dem sogenannten „glücklichen Arabien", dem südlichsten Teil der arabischen Westküste, der als das Vaterland des Kaffees gilt, hatte sich die türkische Herrschaft bisher immer noch einigermaßen behauptet, wenn sie -auch in
südarabischen Scheichs, die in direkter Linie vom Propheten -abzustamwen behaupten, und -den Intrigen der .Engländer zu kämpfen hatten, die zwar weniger mit dem Propheten, desto mehr aber mit „Moses und dem Propheten" operieren.
Das Land Jemen ist nicht nur außer-ordentlich fruchtbar und es wäre vielleicht eines der . ertragsreichsten Länder der Erde, wenn es nicht durch die fortwährenden
Unruhen verwüstet w-ürde, sondern es ist auch politisch von außerordentlicher Bedeutung. Englands Bestreben, nachdem der Suezkanal in seinem Besitz ist, das Rote M eerzu einem britischen Binnensee zu gestalten, kann nur Erfolg haben, wenn Jemen den Türken entrissen wird. In dem Felsennest Aden, dem arabischen Gibraltar, das -den Weg vom S-uezkanal und dem Roten Meer nach Indien und China beherrscht, besitzt England ein Bollwerk, von dem ans es seit langer Zeit seine auf Südavabien gerichteten Pläne verfolgt. Es ist auch ganz
zweifellos, daß der Aufstand der Koreischiten, der zu« Eroberung des -wichtigsten Stützpunktes der türkischen Herrschaft in Südarabien, der Bergfeste Sana, geführt hat, voit den Engländern angestiftet ist, und daß der Scheich Hamid -Eddin, der Herrscher von Hadramant, i-m englischen Solde steht.
Ter „kranke Mann" macht jetzt ungewöhnliche An- stvengungen, den gefährdeten arabischen Besitz zu behaupten, und nachdem die türkischen Besatzungen aufs
allergründlichste geschlagen worden sind, sollen jetzt 40 000 Mann auserwählter Truppen zur Niederwerfung des Aufstandes nach Jemen gesandt werden. Hoffentlich geht es dem Sultan dabei nicht so wie im Fahre 1897, wo die ebenfalls zur Unterdrückung des Aufstandes nach Jemen gesandten Truppen, nachdem sie eine Zeitlang keinen Sold bekommen hatten, zu den Aufständischen übergingen. Für England, welches natürlich nur hinter den Kulissen die Drähte zieht, ist die Sachlage insofern günstig, da der Hauptkonkurrent in Arabien, Rußland,
Rohleders hohe Minne.
Von Hans Hoffman«.
(2. Fortsetzung.)
Aber, wie gesagt, das ist nur mein jetziges ltrteil über sie; wenn man alt wird, muß man ja offiziell der koketteriefreien Weiblichkeit huldigen und jeden Ansatz zum Laster verdammen. In der Fugend derrkt man meist anders und findet so was sogar sehr niedlich.
Ich war damals schon so schwach, obgleich ich noch gar nicht in dem schwachheitskräftigen Alter war, fand Suschen allerliebst, und das half mir, Richards Enip- findnngen ahnend gu begreifen. Ich war zwar erst Tertianer und -als solcher ziemlich jung, hatte aber schon Tanzstunden gehabt und war folglich in Sachen schöner Gefühle immerhin schon von einigen Lichterch-en angestrahlt. Daher kam mir denn auch die Ahnung, die dann schnell zu einem sicheren Erkennen heranreiste, daß es mit seiner scharfen Porträtzeichnung Suschens eine Bewand- nis haben müsse.
Und nun kam mir eine Erinnerung, daß ich Rohle-der einmal in einer sonderbaren Lage gefunden hatte. Scheunemanns Ga-rteiMstieß hinten an eine Suntpfwiese. von der er durch einen ziemlich hohen Bretterzaun getrennt war. Eines Tages, als Fräulein Susanne mir tu einer großherzigen Wallung den Zutritt zu ihren-^imbeeren gewährt hatte, -mich -aber von einem Gartenstuhl aus ein bißchen unter Augen behielt, damit der Früchte- bestand nicht völlig, vernichtet würde, bemerkte ich in diesem Zaune ein rundes Loch; kein Astloch, -wie eine spätere Untersuchung ergab, sondern künstlich und säuberlich herausgeschnitten: und durch -dieses sah ich ganz deutlich ein menschliches Auge Hineinstarren: ich unterschied den Augapfel, die Lider und Wimpern.
Das war mir gang unheimlich, und es bedurfte einiger Zeit,, bis ich den Mut faßte, der Sache auf dm
Grund zu gehen. Ich schlick), von den Himbeersträuchern gedeckt, vorsichtig näher und machte bald die Wahrnehmung, daß dies geheimnisvolle Auge offeub-ar nicht auf mich, sondern ganz unverwandt auf Fräulein Susanne gerichtet war, so daß ich nun desto kühner anschleichen und tnitr -meine Beobachtung bestätigen konnte.
Auf einmal wurde das jtinge Mädchen vom Hause her gerufen, sprang auf und eilte dorthin; alsbald verschwand auch das Auge.
Nun bezähmte ich meine Neugier nicht länger, ich erklomm einen jungen Kirschbaum-, der einen Ast über den Zaun streckte und spähte von hier ans auf die Wiese hinunter; da entdeckte ich- Richard Roh-leder, bis zu den Knieen im sumpfe stehend. Zum Unglück brach der Ast. auf dem ich mich zu weit vorgewagt, und ich plumpste zu ihm hinab. Darauf ergriff er mich sch-w-eigend, prügelte mich durch und wandte sich dann in die Flucht, immer noch ohne ein Wort zu sagen. Mir blieb- nichts übrig, als ihm auf demselben Wege zu folgen und an der Hinterseite der Gärten hin mich auf festen Boden zu retten, wo- ich mit triefenden Beinen a-nkam.
Ich hatte den Vorfall -bald wieder -vergessen gehabt, denn nasse Füße und eine Tracht Prügel find für einen Fungen von meiner Art kein besonderes Ereignis, und das spähende Auge hatte durch -die Aufklärung sein unheimliches Interesse verloren. Ich nahm natürlich an, sein Spähen habe den Himbeeren gegolten.
Eigentlich hätte ich ja wohl Scheunemanns de-swegen warnen sollen, daran aber hinderte mich ein gewisses kameradschaftliches Gefühl, denn Himbeerstohlen war auch mir Nichts ganz Fremdes; die erhaltenen Prügel änderten an diesem Gefühle nichts.
Heute aber. dämmerte mir plötzlich ein ahnendes Wissen, daß sein Auge damals durchaus auf einem anderen, noch reizenderen Ziele geruht habe. Dieser plötzliche Einblick in Rohleders Gemütsleben machte mir den Menschen nun ungeheuer interessant, und ich folgte dem Fluge seiner Phantasie fortan mit verdoppelter
Andacht und merkwürdiger Weise auch mit verstärktem Glauben, obgleich das deutliche Hereinragen der vernünftigen Wirklichkeit in Gestalt des Fräuleins Susanne mir über die Schwin-delhaftigkeit seiner Erlebnisse doch erst recht -hätte ein Licht aufstecken sollen.
Auf noch derbere, keineswegs jedoch un-angenehme Art zo-g er selbst zu guterletzt mich dadurch- in -die Wirklichkeit zurück, daß er nun seinerseits ein Mahl zu rüsten begann, da hier zufällig keine festliche Spenderin- zur Stelle war. Etwas Reisig hatte er bereit liegen; damit machte er Feuer auf dem kleinen Herde und stellte einen Tiegel mit Wasser darauf.
Als -dieses kochte, setzte er eine inzwischen geöffnete Konservenbüchse hinein. Ter Rauch nahm seinen W- zug -durch ein kleines Loch in der Decke neben dem Glase, allerdings so langsam, daß es bald- genug anssah, als tonnte man ihn in Würfel schneiden. Es war, wie wenn der Nebel sich von draußen in verdichteter und geschwänzter .Form nach innen gezogen hätte. Doch das war nur der Nase und dem Auge unbequem und erschwerte etwas das Atmen ; für -die Phantasie hatte es'seinen besonderen Reiz, und die -war hier nun einmal Königin.
. Die Spargel schmeckten stark nach Rauch, doch das ließ sich als pikante Würze auffassen, und sonst waren sie tahellos. Ein tüchtiges Stück Schlackwurst, aus freier Faust gegessen, gab -dem Mahle den Stempel der Vollendung. Rohleder selbst redete zwar sehr verächtlich davon, er war eben gang andere Gastereien von seinen geretteten Prinzessinnen gewöhnt, das hinderte jedoch weder mich, es wundervoll zu finden, noch ihn, ganz ungeheuerliche Massen in sich hinein zu befördern. Fch dachte bei mir, es sei.gut, daß sich so viele freundliche Wirtinnen in seine Ernährung teilten, denn er hätte die bestsituierte Königstochter binnen kürzester Frist' arm essen können.
Nach Beendigung des Schmauses holte er eine Flasche Wein herunter; Zuckerwasser wäre mir lieber gewesen, denn das säuerliche Zeug verzog mir die Lippen; in«
