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Wöchentliche Pegleiterin des Nheingauer Volksboten«

Sonntag, den 3. November

1850«

Das Kirfchenmädchen von Bingen,

(Fortsetzung.)

DaS Kreuz stand fast wider der Mauer, war aber los gewackelt. Ich dachte mir, vielleicht steht etwas auf der Rückseite und zog es zu mir. Da stand mit lateinischer Schrift eingemeiselt: „Ade mein Lieb1"

Es ist doch gut, sagte ich zu mir selbst, daß es eine lateinische Gramank gibt, denn ohne sie würde ich ja das nicht haben lesen können; aber dieser alt­kluge Gedanke war schnell verraucht und das, was hier vor mir stand, gab der Seele des Knaben eine andere Richtung. Ich befestigte das Kreuz wieder kund setzte mich unter den Hollunderbaum.

Viele Fragen drängten sich mir jetzt auf; aber ;um kein Gut der Erde hätte ich sie Gottfried vorle- kgen können. Tag und Nacht beschäftigte mich daS Kreuz. Ich kam nun auf allerlei Zusammenstellun­gen, und manche Aeußerung des Greises wurde mir verständlich, die mir früher dunkel geblieben.

So hatte ich ihn einmal gefragt: Gottfried, wa­rum seid Ihr doch allzeit so nachlässig gekleidet?

„DaS bringt so daS Handwerk mit sich," sagte er; darauf aber setzte er seufzend hinzu: „Für wen sollte ich mich denn putzen?" — . .

Ein andermal fragte ich ihn, als er allein in brr Schmiede, und er so stille war: Habt Ihr keine Kin­der, Gottfried?

„Ach, Du närrisches Kind," sagte er mit weh­müthigen Lächeln, „ich bin ja nicht verheirathtet ge­wesen."

Warum denn nicht? fragte ich wieder.

Er schwieg eine Weile und seufzte tief auf; dann sagte er weich : „ES wird sich ja doch Jemand fin­den , der dem alten Gottfried einmal die Augen zu­drückt und wenn cs Niemand will, thut eS mein gu­ter Jörg. Siehst Du, der ist mein Kind."

Ich habe ihn aber später nie mehr so albern gefragt, denn ich merkte, wie ihn das verstimmte und wie er nun den ganzen Tag traurig war und kein Wörtlein, mehr sprach.

Das schien mir nun Alles mit dem Kreuze un­ter dem Hollunderbaum in enger Verbindung zu stehen.

Ich mußte mich indessen gedulden.

Eines Tages trat ich in die Schmiede und hatte meine Grammatik in der Haud, um mein Pensum zu lernen. Drüben im Pfarrhause war ein Univer- sitätSfreund meines BruderS kingerückt, den seine