Volks-Botin.
Wöchentliche Pegleiterin des Nhemgauer VolKsboten.
M 3.
Sonntag, den la» October
ISO»
Walten der Gerechtigkeit.
Eine wahre Geschichte aus dem Volk.
Sou Friedrich Ritsert.
(Fortsetzung.)
Hier wurde die Erzählung plötzlich unterbrochen. Mein Gefährte war wie durch ein Stichwort wieder an meine Wunde erinnert worden. Nachdem er sich überzeugt, daß die Wunde anfange sich zu verkleben, beruhigte er mich wegen des klopfenden Schmerzes, indem er mich versicherte, sobald das Preßband abgenommen wäre, würde auch der Schmerz nachlassen; die Wunde wäre nach einer Stunde so gut geschlossen, wie wenn sie der Schreiner verleimt hätte, was er mehrmals in Meister Wilhelm's Werkstätte gesehen. Ich bat den freundlichen Mann um die Fortsetzung seiner Erzählung, während welcher das Gewitter vorbeigezogen war, aber der Regen noch nicht völlig nachgelassen hatte.
„Durch das heftige Bluten fühlte sich Meister Wilhelm ungemein schwach, und er gab endlich zu, daß der Arzt des nahen Städtchens gerufen werden durfte. Alle Mittel, welche dem Arzt bekannt waren, wurden angewendct; aber keines will anschlagen, und der Arzt verläßt den Kranken mit einer bedenklichen Miene und dem leidigen Troste, wenn er kein Bluter wäre, dann würde sich wohl die Sache schon geben.
Meister Wilhelm's Familie war in peinigender Angst, und das ganze Dorf nahm innigen Antheil.
Dieser und Jener kam mit einem Rath, einem Hausmittel u. dergl. mehr. Unter Andern drang der alte Glöckner darauf, eine durch ihre sympathetischen Euren in der ganzen Gegend bekannte Frau rufen zu lassen. Was thut man nicht einem Kranken zu liebe? Was thut ein Leidender nicht, der nach Hilfe schmachtet? —
Die Frau kam, und mit dem Ausdrucke des Vertrauens reichte ihr Meister Wilhelm die Hand. Man setzte ihr die Leidensumstände auseinander. Die alte sinnige Frau verlangt hierauf, den Vor- und Zunamen zu vernehmen. Meister Wilhelm nennt mit schwacher Stimme seinen Namen, worauf sich die Frau auf einige Zeit entfernte. Während dessen standen Frau und.Kinder um das Krankenbett. Sie hatten andächtig die Hände gefaltet, den göttlichen Beistand zu der menschlichen Hilfe anflehend.
Nach einer geraumen Weile trat die Frau wieder in die Stube. Sie wirft einen Blick auf den Kranken, und da sie sich in ihrer Erwartung getäuscht sieht, ist sie erstaunt und bemerkte laut: das sei ihr noch niemals begegnet. „Habt Ihr mir, Meister Wilhelm," fragte sie, „Euren ganzen richtigen Vor- und Zunamen gesagt, wie er im Kirchenbuche steht?" Der Gefragte nickte mit dem Kopfe, ohne Jemanden anzusehen. — Die Frau blickte eine Weile vor sich hin, dann betrachtete sie aufmerksam den Kranken, nahm dessen Frau an der Hand und ging mit ihr der Stube hinaus. „Frau Wilhelm," sagte sie, „meine Hilfe bei blutenden Kranken hat noch nie fehlgeschlagen; nur heute verläßt mich meine Kunst
