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JVo ^SJ. Wiesbaden. Donnerstag, L. Dezember 1851.

Dtkgteir Zeitung" erscheint, mit Ausnahme deâ Moutagü, m.jNch tu etn.m in>tjen Der Ädonnememsprec« beträgt viertelsährllch hier in Wiesbaden I fl. 45 kr., auöwârtS durch bis Post bejoßen mit vrrdâltnißmâßtgem Aufschläge. Inserate werden bereitwillig ausgenommen und sind bei btt großen Verbreitung derFreien Zettu >g" stets von wirksamem Er. olge. Cie Jnserattonögebühren betragen für die vierspaltige Perttzerle 3 kr

Der Zollverein.

X Das Schwert des Damokles schwebt jetzt auch über dem Zollverein, um dessen Leben oder Sterben sich in diesem Augenblicke fast die ganze deutsche Publicistik dreht. Preußen meinte sehr klug zu sein, als es den Septembervertrag mit dem sterbenden König von Han­nover schloß und den Zollverein kündigte; doch bald zeigte es sich, daß diejenige deutsche Presse, die Herr von Manteuffel freilich radikal verachtet, einmal wieder weiter sah, als er Bedenken äußerte und bezweifelte, vb Preußen nach der Schlacht bei Bronzell die nöthige Entschiedenheit gegen Oesterreichs Gegenminen ent­wickeln könne, selbst wenn man an seinem guten Wil­len in dieser Angelegenheit nicht zweifle. Das Ber­liner Kabinet ist einmal mit dem Fluche des Mis- lingeuS geschlagen. Der Tod Ernst Augusts und der rasche Kabinetswechsel seines blinden Sehens, die Pri­vatzwecke des Kurfürsten von Hessen, die notorische Ab­hängigkeit Sachsens von Oesterreich, die alte antipreus­sischen Gelüste Baierns, die persönliche Hinneigung des Königs von Württemberg zum Wiener Hofe und Oester­reichs Uebergewicht in Frankfurt: das Alles siiw so weltbekannte Dinge, daß die österreichische Diplomatie weniger gewanvt und kühn sein müßte, wenn sie die Chancen nicht zu benutzen versuchen sollte, um den letz­ten Streich gegen Preußensdeutsche Hegemonie" zu führen. Oesterreich hat sowohl zwingende materielle, als sehr verführerische politische Interessen, um dem österreichisch-deutschen Post, den österreichisch-deutschen Zollverein folgen zu lassen und erst dann die F age wegen des Gesammteiiitritts von Neuem in den Vor­dergrund yt schieben. Die fortwährenden Klagen über die Renitenz derKleinen", welche bei jeder Gelegenheit und heute erst wieder in derObcrpvstamtSzlg." laut ertönen, sind auch nicht zu übersehen, da sie Schläge ins Wasser sind, um die Fische ins Netz zu treiben. Die russische Negierung hat das lebhafteste Interesse, einen Zollverein entstehen yt sehen, der als eine Vor­mauer für ihre Schlagbäume gelten und nebenbei zu noch manchem Anderen, als bloßer Mauthsperre benutzt werden kann. Den ganzen europäischen Konti­nent Front gegen England machen zu lassen, ist eine Lieblingsidee des Kaisers von Rußland, und von sei­ne in Standpunkte aus betrachtet, eine durchaus berech­tigte. Daß die deutschen Volksinteressen dabei arg ins Ge­dränge gerathen, wie in der schleswig-holsteinischen und so mancher andern Frage, dürfte wenig in Betracht kommen. Die ganze Frage dreht sich daher um den Punkt, ob die deutschen Zollvereinsstaaten sich opfern lassen wollen oder müssen? Oesterreich hat, Wieman zu sagen pflegt, bereits die Wurst nach der Speckseite geworfen und der Kampf ist längst in den Regierungs- vrganen eröffnet. Die Berliner Kreuzzeitung ließ sich vom 28. Nov. ans Dresden mcLen, daß von Sachsen aus am Münchener Hofe Intriguen gegen den Fort­

bestand des Zollvereins gesponnen würden, aber dort bereits zurückgewiesen seien. Darauf antwortete das offizielleDresdener Journal" bissig:Wir werden derN. Pr. Z." nicht den Gefallen erweisen, durch diesen Angriff uns zu Mittheilungen verleiten zu lasse», welche ganz am unrechten Orte sein würden, zumal den Verhandlungen über die allmälige deutsche Zoll- und Handelseinigung ein derN. Pr. Z." vielleicht noch unbekanntes Stadium in naher Zeit bevorsteht, welches die provocirten Erörterungen überflüssig machen dürfte. Wir begnügen uns, derselben die bestimmte Versicherung zu geben, daß zwischen der hiesigen und der königl. baierischen Regierung im Hinblick auf die Verhandlungen wegen Erneuerung des Zollvereins die vollständigste Uebereinstimmung besteht und zwar um so mehr, als beide Regierungen die Erhaltung des Zoll­vereins sich zur Aufgabe machen, wie denn auch ihrer- seit kein Schritt zu dessen Auflösung gechehen ist." Also zwischen Sachsen und Baiern herrscht die vollstän­digste Uebereinstimmung! Wenn beide sich aberdie Erhaltung des Zollvereins zur Aufgabe machen," warum haben sie bereitsein neues Stadium" betreten, be­vor Preußen noch etwas davon wußte? Freilich Preußen hat ja Sachsen auch nichts davon gesagt, als es den Septembervertrag abschließen wollte! Diesesneue Stadium" haben wir vor Wochen schon angekündigt und wir sollten meinen, daß die Regierungen doch auch nicht ganz unbekannt damit gewesen sein könnten.

Die württembergische Abgeordnetenkammer hat sich ein Verdienst um das Vaterland erworben, als sie am 1. Dec. die Zollvereinsfrage zur Sprache brachte, da­mit endlich die Ungewißheit aufhöre. Goppelt äußerte nämlich,er verkenne nicht die Zurückhaltung, welche in Bezug schwebender Verhandlungen der k. Regie­rung obliege, allein das, glaube er doch, werde die Regierung nicht in Verlegenheit bringen, daß sie aus- spreche, sie bedaure cs, wenn die Schöpfung deS Zoll­vereins nicht werde aufrecht erhalten werden können, daß die Regierung vielmehr mit Freuden die Hand bieten werde, dieses Vertragsverhältniß zu erneuern. Im Vorbeigehen erwähnt er des preußifch-hannover'schen Ver­trags, gegen welchen mancherlei Bedenklichkeiten erhoben werden können. StaatSrath v. Knapp antwortete: Eine nähere Erörterung der Absichten der Regierung in der angeregten Frage gehöre allerdings nicht hier­her, deßhalb beschränke er sich auf die Eröffnung, daß der Z ol lvereinsvertrag von Preußen wirk­lich gekündigt, daß aufs nächste Frühjahr von Preußen ein Zollcongreß et»berufen sei, daß auch von der österr. Regierung an sämmtliche Bundesgenossen eine Einladung zu einem Zollcongreß ergangen sei, zum Zweck einer deutsch - österreichischenZolleini- gung. Diese am 2. Jan. 1855 in Wien beginnende Versammlung werde die königl. Regierung beschicken, nnd werde die Interessen des Vaterlandes, namentlich den Endzweck einer Zolleinigung für ganz

Deutschland, im Auge behalten. Reyscher sprach für die Festhaltung des preußischen Vertrags, denn Oesterreich werde sich doch weiter als zu bloßen Con­zessionen herbeilassen. Der Präsident glaubte, daß diese allgemeine Debatte verlassen werden dürfte, weil die königl. Regierung sich doch nicht weiter aussprechen werde. Nachdem noch Mohl über die Anbahnung eines abgemeinen deutschen Zollvereines sich geäußert hatte, wurde diese allgemeine Debatte verlassen.

Wir wissen hiernach also, daß Württembergs ganz ähnlich wie Hannovers Negierung für den deutsch- österreichischen Verein wirken werden; und werden Sach­sen und Baiern anders operiren? Allerdings haben auch die übrigen deutschen Staaten ein Wort mitzu­reden; aber wir bitten nicht zu übersehen, daß Oester­reich Preußen in Anberaumung des Konferenztermines bereits zuvorgekommen ist, was kein günstiges Zeichen für Preußen ist. Wenn Oesterreich sich in seiner Po­litik als vorzugsweise deutsche Macht bewährt hatte und wenn es wohl konstituirte innere Zustände, gute Finan­zen und ein Verwaltungspersonal hätte, das aa Reel- lität dem preußischen gleichstände, so würde der Ruf: Das ganze Deutschland soll es sein!" vielleicht unbe­fangenere Ohren finden. Jedenfalls aber hüten wir die Stimmen, welche da meinen, die ganze Entschei­dung liege in den Händen der kleineren Staaten, für sehr wenig auf klare Kenntniß der wirklichen Sach­lage gegründet. Man will dieKleinen" mit der ko­lossalen Verantwortlichkeit, die bei einer unglücklichen Entscheidung auf sie fallen würde, schrecken; doch die öffentliche Meinung ist in Deutschland weit genug ent- ; wickelt, sie wird Alles prüfen und sich ihr nüchternes Urtheil nicht verwirren lassen. Wenn die Wiener Kon­ferenzen wirklich von allen Zollvereinsregiei ungen be­schickt werden, so ist das Schicksal des Zollve-eins |o so gut wie entschieden und die Unterwerfung des deutschen Bundes unter Oesterreich auch auf die sein Gebiete entschieden.

Die ersten achtundfünfzig Jahre der nord­amerikanischen Union.

* Am 30. September 1850 beschloß der Kongreß, ' das 1793 gegründete Kapitol in Washington durch einen Anbau zu erweitern; am 4. Juli 1851 , dem I Jahresfeste der Unabhängigkeitserklärung, erfolgte die Grundsteinlegung und bei derselben die Verlesung einer Adresse vom Staatssekretär Webster, welche jetzt als eigene Schrift erschienen und mit statistischen Tabellen und Blicken auf die gleichzeitige Weltgeschichte versehen ist. Zum Schluß entwirft Webster ein Bild von dem eigenthüm­lichen Wesen nordamerikanischer Freiheit und Macht- entwicklung, worin er unter Anderen sagt:Ich sehe vor mir und um mich her Tausende von Gesichtern, welche strahlen vor Freude und patriotischem Stolz. - Blicke aus tausend Augen kreuzen sich mit den Blicken

# Die BerlinerConst. Ztg " bringt zur preußi­schen Kammereröffnung folgende Doppelnovelle von E. K.:

Das starke Centrum.

Auf einem Jahrmarkt sah ich im letzten Som­mer einen Mann, der sich als berühmter nordischer Herkules von Kindesbeinen an redlich ernährt hatte. Er trug fleischfarbene Tricots mit gewaltigen Muskeln an Armen und Beinen, ein Tigerfell war leicht um seine Hüften geschlungen, in seinen Händen schwang er drohend eine knotige Keule und es war ihm Spiel, einen kolossalen Ballen aufzuheben und auf den Zähnen zu balanciren. Ich fand denselben Mann nach der Vorstellung am Abendtische im Gasthause wieder und ließ mich mit ihm in ein Gespräch ein. Er war ein Berliner und sprach den Dialekt unserer guten und treuen Stadl, schien aber mehr melancholischer als herkulisch - sananinisch - cholerischer Gemüthsart zu sein. Der auffallende Unterschied zwischen seiner kräftigen Erscheinung während der Kunststücke und dem jetzigen geknickten Äeußeren des Sechzigers befremdete mich so, paß ich ihn fragte, wie es ihm möglich fei, bei seinen vorgerückten Jahren einen so hohen Grad von Kraft zu entwickeln.

Lieber Herr," sagte der starke Mann,cs ist Allens nur noch Augenverblendniß, Allens nur noch

für ganz kleine Nester; nach großen Städten darf ich so nicht mehr kommen!"

So, was heißt das?"

Der Mann zuckte die Achsel, sah mir fragend ins Auge, und da er Mitgefühl und Verschwiegenheit darin zu lesen schien, wiederholte er schmerzlich und kopf- schüttelnd:Augenverblendniß, Angenverblendniß!"

Aber ich habe doch selber gesehen," sagte ich,wie Sie die ungeheure Keule mit ausgestrecktem Arme mi­nutenlang starr ausgestreckt hielten, wie Sie, den Bal­ken erhoben, den Anker auf der Nase trugen."

Allens hohl," seufzte der Mann,'Gens von Pappe Anker hohl, Balken hohl, Keule hohl Allens von Pappe, nur Pappe!"

Armer starker Mann!" seufzte ich, ihn bedauernd.

Ja sehen Sie," antwortete er, mein Glas nehmend und einen Zug daraus thuend, der wenigstens die nie alternde Kraft seiner Gurgel wohlthuend bewies,das Publikum in großen Städten läßt sich kein £ für ein U mehr vormachen, das junge Volk will Altes selber anfassen, das rückt einem auf die Bude, das befühlt 1 Einen von Kopf bis Fuß aber hier gelten wir noch was, hier fürchtet man sich vor den wilden grimmigen Gesichtern, hier bücken sich die Leute ängstlich, wenn ich die Keule schwinge und den Balken anfhebe; hier : bin ich noch der alte berühmte nordische Herkules, der starke Mann."

Ein Lächeln entschwundener Jugend und Fülle

blitzte über seine welken Züge, aber schnell verlor eS sich in sorgenvollen Falten.

Aber ich sah doch schwellende Muskeln, eine ge­wölbte Brust?"

Watte, nichts als Watte!" klagte der Arme.

ES war Zeit zu Bette zu gehen. Am anderen Morgen mit Tagesanbruch verließ ich den Ort, aber die Crinnerurg an den starken Mann blieb in meiner Seele; der eigentliche wahre Zustand des nordischen Herkules hatte in meinem Herzen ein Stachel hinter­lassen.

Neulich war ich in Gesellschaft.

Sie bestand aus einer Menge der Verschiedenartig­sten Leute der berliner Intelligenz, Des VorgesteUt- werdens und Benleu in den neuen Hut D ückenS war gar kein Ende. Nach vieler Mühe gelang es nur im Theezimmer ein gemüthliches Plätzchen neben einer liebenswürdigen älteren Dame zu erobern. Die Gute hat mich gern, ich befolge ihre besänftigenden mütter­lichen Lehren gern und schenke ihren reizenden Jungen noch lieber Bilderbücher und BonbonS; sie war auffal­lend niedergeschlagen. Da mich bei ihrem heiteren Temperament diese Stimmung befremdete, erlaubte ich mir, sie nach dem Grunde zu fragen. Mit jenem wunderbaren Aufschläge von Augen, die viel geweint und gelacht haben, die deshalb nur der blaue^Himmel selbei übertrifft, sagte sie:Das fragen Sie? die Kammern kommen zusammen!"