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Samstag, 17. Huguft 1912. IHOtflCIt® RtfSQ0bC # Hr * 582, * 60. Jahrgang.

Sozialpolitische Leistungen.

V.

Sozialpolitik und innere Kolonisation.

Von Dr. jur. Br. cec. publ. E. H- Meyer.

Unter den großen Tagesfragen der inneren Politik spielt diejenige über die innere Kolonisation heute in Folge des weitgehenden Interesses, das ihr von allen Seiten entgegengebracht wird, bie größte Rolle. Dies um so mehr, als diese Frage nicht nur einen wirtschaftspolitischen, sondern ebenso sehr einen sozialpolitischen Charakter besitzt. Durch das neue preußische B e s i tz b e f e st i g u n g s g e s e tz und durch die an dasselbe im Parlamente und im Herrenhaus angeknüpsten heftigen Debatten sowie durch die Grün­dung der Gesellschaft zur Förderung der inneren Kolonisation ist dieses Problem z. Zt. in den Vordergrund der Behandlung geschoben worden.

Drei wirtschaftspolitische Gesichtspunkte sind es, die bei der deutschen inneren Kolonisationspolitik.stets be­sonders hervorgehoben werden. Die Landflucht und der damit verbundene A r b e i t e r m a n g e l aus dem Lande, insbesondere im Osten; die Erschließung von Gebieten für unsere beständig wachsende Be­tz ö l k e r u n g und weiter die Schaffung einer grün d- besitzenden M i t t e I st a n d s b e v ö l k e r n n g als Träger unserer Wehrkraft. Ein weiterer nationaler Gesichtspunkt ist dann der der Erhaltung des Deutsch­tums in den gefährdeten Ost- und Nordmarken. Selbst, wenn man den letzten Gesichtspunkt zunächst einmal außer Betracht ließe, genügen schon die Tatsachen­reihen, die für die anderen Gründe sprechen, allein, um eine erfrige Kolonisationspolitik zu betreiben.

Über die Landflucht und die Abwanderung vom Lande besitzen wir bis jetzt noch keine genauen zahlen­mäßigen Ermittelungen. Der Zrig nach dem Westen, das heißt in. die industriereichen Städte, charakterisiert ihn zum Mindesten genügend. Die Erhebungen der Landesversicherungsanstalten geben einen Aufschluß über die Binnenwanderung im deutschen Reiche, soweit Versicherungspflichtige Arbeiter in Frage kommen. Am größten ist'seit Bestehen der Sozialversicherung danach der Wanderungsverlust Schlesiens mit 102 868, ferner der Ostpreußens mit 79 132, der Posens mit 72 752, der Westpreußens mit 64 512 invaliden-versicherten Arbei­tern. Die stärkste Anziehungskraft haben Berlin und Brandenburg sowie die Rheinprovinz und die Hanse­städte. Diese Abwanderung Zeitigt auf dem Lande und vor allem im Osten einen Ärbeitermangel, der sich deut­lich in den Zahlen der ländlichen Arbeitsnachweise aus­spricht,-die stets mehr offene Stellen verzeichnen, als Bewerber da sind. Und in die so entstandenen Lücken dringen von außen her die ausländischen Arbeiter ein, gleichzeitig durch ihre auf niedrige Löhne begründete Konkurrenz, die letzten Reste der deutschen Arbeiter vom Lande verdrängend. 696 025 ausländische Arbeiter

Ein Postmeister als Holzschnitzer.

Im Orient begegnet man noch heute Handwerkern, in deren Familien sich seit vielen Generationen ein bestimmtes Kunsthandwerk auf Kind und Kindeskinder fortgeerbt hat. Da ihnen die Erfahrungen ihrer Borfahren zur Verfügung stehen und sich naturgemäß eine in der Familie ständig ge­pflegte Kunstfertigkeit sortcrbt, so bekunden sie in ihrem Fache ein ganz hervorragendes Talent und bringen Erzeug­nisse hervor, die von den Kennern der ganzen Welt bewundert werden. Bei uns wird aber, wenn wir von den Schau­spielern, Tänzern und Akrobaten absehen, höchst selten einmal ein Mensch , von Kindheit an für einen bestimmten Beruf er­zogen die Wahl des Berufes bestimmt entweder die per­sönliche Neigung des Erwachsenen oder der Wille der Eltern und des Erziehers, für welche natürlich materielle Interessen von entscheidender Bedeutung sind.

Mit dem Kunsthandwerk ist es aber ein eigen Ding. Ge­bildete Leute betreiben nicht selten das Zeichnen, Malen, Modellieren, Schnitzen, Gravieren usw. als Dilettanten, weil sic erkannt haben, daß solch eine Liebhaberkunst sic von den Geschäften ihres sonstigen Berufes ein wenig ablenkt und ihren ermüdeten Geist wieder erfrischt. Nicht selten zeigt sich dann aber, daß ein Dilettant für dieses Kunsthandwerk eine besondere Begabung besitzt, vielleicht sogar ^ mehr als für seinen Hauptberuf, und so haben sich nicht selten aus Dilettanten hervorragende Künstler entwickelt, - die nun auch aus ihre» Arbeiten praktischen Nutzen zu ziehen verstehen.

Über eine besonders interessante und vielseitige Persön­lichkeit dieser Art weiß die englische ZeitschriftCabinet Maker" zu berichten. Es ist ein Herr Röster, Postmeister des Dörfchens Frant in Süssex, der neben der Erfüllung seiner Pflichten als Postbeamter sich als Erfinder, Zeichner, Schnitzer,

wurden im Jahre 1910/11 durch die deutsche Fe^ld- arbeiterzeutrale in Preußen legitimiert, ohne ^daß da­mit die Gesamtzahl der beschäftigten ausländischen Arbeiter ersaßt wäre.

Unsere Bevölkerung wächst jährlich um rund 809 000 Menschen, die fast alle im deutschen Reichs ihr Unterkommen finden müssen, da die Auswanderung für Deutschland keine große Rolle mehr spielt. Tie Wohnungsnot in den 'Ltädten ist ein deutliches Zeichen dafür, wohin dieser Überschuß unserer Bevölkerung kommt.

Ter Geburtenrückgang, den wir trotz wachsender Be­völkerung zu verzeichnen haben, ist stärker in Städten, als auf deni Lande, da hier jedes Kind eine Arbeits­kraft bedeutet. Werden auch bei dein Heeresergänzungs­geschäft alljährlich Tausende (1909 12157) als Über­zählige verzeichnet, sowie in dem gleichen Jahre 138 364 als mindertauglich dem Landsturm 1. Aufgebots über­wiesen und 93 662 als Künstigtaugtiche der Ersatz­reserve, liegt somit noch eine reiche Quelle vor, aus der unser Heer sich ergänzen kann, so ist doch die Erhaltung dieses Zustandes für die Macht und die wirtschaftliche Entwicklungsfähigkeit notwendig, so daß die Schaffung eines kräftigen ländlichen Mittelstandes auch aus diesem Gründe gefordert werden muß.

In der Schaffung eines solchen ländlichen Mittel­standes liegt aber auch das hohe soziale Moment der inneren Kolonisation, da durch diese für große Massen der Bevölkerung wieder Bodenständigkeit und Sicherheit ihrer Lebensexistenz verschafft werden kann; Innere Kolonisationspolitik bedeutet daher heute Sozialpolitik. Wenn auch eim großzügiges Werk auf diesem Gebiete noch der Zukunft und der Gestal­tung der politischen Machtverhültnisse im deutschen Reich und insbesondere Preußens Vorbehalten, sein wird, so liegen doch schon Anfänge vor, die würdig sind, , als sozialpolitische Leistungen angesprochen zu werden.

Unter den gesetzgebrischen Maßnahmen, die der inneren Kolonisation dienen, ist vor allen das Gesetz vom '26. April 1886 zu nennen, durch das die 'Ansiede, lungskommissionen in den Provinzen Westpreußen und Posen geschaffen wurden. Dieses Gesetz ist erweitert durch das Gesetz vom 20. März 1908, das unter anderem den vielfach angegriffenen Enteignungsparagräphen enthält. Im ganzen ist heute ein Fonds von 725 Millionen Mark zur Befestigung des deutschen Grund­besitzes und vor allem des Aleingrundbesitzes sowie zur Förderung der Seßhaftmachung von Arbeitern ans dem Lande in den gemtschtsprachischen Landesteilen vor­handen. Weiter arbeiten auch die Generalkömmissionen in Verbindung nntt den Rentenbanken in gleicher Rich­tung durch Schaffung von Rentengütern gemäß Gesetz vom 7. Juli 4898. Auch die Kreisverwaltungen und zahlreiche private Gesellschaften find an der Lösung des Problems der inneren Kolonisation beteiligt.

Über die Leistungen der verschiedenen Behörden und Gesellschaften in Norddeutschland, insbesondere in der Zeit von 1900 bis 1910, orientiert der Katalog der

Chordirigent und Sammler betätigt. Daß er als Postmeister sehr mit Arbeit überlastet ist, wird man nicht annehmen können, denn diese vielseitige Beschäftigung verlangt doch einen großen Zeitaufwand, und daß er sich als Zeichner und Schnitzer nicht geringe Anforderungen stellt, das zeigen die Abbildungen von Kunstwerken Rösters, die imCabinet Maker" veröffentlicht sind.

Besondere Vorliebe zeigt dieser Künstler für das Blumen- ornament; in allen seinen schönen Schnitzereien herrschen diese in jener naturalistischen Behandlung vor, deren erster und fähigster Vertreter Grinling Gibbons war. linier den vielen schönen Arbeiten des Künstlers ist besonders hervorzu­heben als größte und schönste die Wandüekleidung eines ganzen Boudoirs, die er für ein Schlößchen seines Wohnortes entwarf und in amerikanischem' Tulpenbaumholz ausführte. Sie ist etwa 3 Meter hoch und 6 Meter lang. Mehrere halb­kreisförmige Nischen unterbrechen die gerade Fläche und find oben durch die im Zeitalter der Königin Anna so allgemein «»gewendete geschnitzte Muschel abgeschlossen. Zwischen den Nischen sind Bücherbretter in die Wand eingelassen, und der Kaminmantel ist mit einer reichen, in Hochrelief geschnitzten Blumengirlande umgeben. Auch den ovalen Spiegel über dem Kamin ziert eine dicke Girlande in kräftigem Relief. Den oberen Abschluß der Täfelung bildet ein doppelter Eierstab. Die schmalen Pilaster, welche die einzelnen Felder vonein­ander trennen, wie auch die Konsolen, alles ist mit reicher Schnitzerei ' versehen. Die ziemlich geräumigen, halbkreis­förmigen Nischen hat sich der Künstler als Platz für je eine Prünkvase gedacht.

Viele Anerkennung fand eine Konsole, die Röster aus einem einzigen Block alten Eicbenholzes geschnitzt hat, nacki­gem dieser jahrelang in einer Bleigießerwerkstatt als Werk­tischblock gedient hatte. Das Muster derselben zeigt eine volle Blumengirlande mit einem Cherubskopf darüber. Das

Sondergruppe für Rassenhygiene auf ber^ inter­nationalen Hygieneausstellung in Dresden. Tie An­siedelungskommissionen für Westpreußen und Posen haben seit 1886 18 507 Siedelungen, geschaffen, dar- Unter 380 Arbeiter-Rentenstellen, Dre nach Ansted- lungsrecht vergebene Fläche betrug 265249 Hektar. Von 19001910 wurden 14 511 Bauernfamilien an- gesiedelt. Die gesamte Bevölkerung der Ansiedelungs­güter und -Gemeinden ist auf rund 131 000 zu schätzen.

Durch die Generalkommissionen sind seit 1891 3139 Güter zur Schaffung von 15272 Rentengütern verwandt worden und 17 166 Hektar ausgeteilt worden In der Zeit von 19001910 sind 8119 Bauernsamilien angesiedelt worden. Tie größte Tätigkeit entfaltete die Ansiedlungskommission für Pommern und Brandenburg. Im Jahre 1910 wurden durch dir Generalkommission für Hannover und Schleswig-Hol­stein die meisten Bauernfamilien angesetzt (405). Uber die Entwicklung der Rentengutsbildung in, Schleswig- Holstein gibt eine Schrift des. Geh. Regierüngsrats Telius in Hannover, der auf diesem Gebiete mit be­sonderem Erfolge tätig ist, Aufschluß.

Unter den Kreisverwaltungen sind in Sonderheit die von Hannover zu erwähnen, welche mit einem ge­wissen Erfolge Siedelungstätigkeit betreiben. Im ganzen wurden allerdings von 1900 bis 1910 durch Kreisverwaltungen nur 486 Bauernfamilien angesetzt.

Erfolgreicher war die Tätigkeit von privaten oder halbprivaten Ansiedelungsgesellschaften, die vielfach in Verbindung mit den Generalkommissionen oder an­deren Behörden (z. B. Landesversicherungsanstalten) betrieben wird und auch das Augenmerk darauf richtete, gewerblichen Arbeitern den Erwerb von kleinen Anbau- stellen zu ermöglichen. Im ganzen haben diese Gesell- schäften von 1000 bis 1910 2869 Bauernfamilien ein­schließlich gewerblichen Arbeiterfamilien angefiedelt.

Betrachtet man die Tätigkeit dieser vier Gruppen in der Zeit von 1909 bis 1910, so ergibt sich, daß diese von 983 im Jahre 1900 an gefiedelten Familien auf 3728 im Jahre 1910 gestiegen ist. Insgesamt wurden in diesen 11 Jahren 25 978 Familien seßhaft gemacht. Berechnet man die Familie zu fünf Köpfen, so handelt es sich um rund 130000 Personen, welche an gesiedelt worden sind.

Wenn auch uns im Regierungsbezirk Wiesbaden infolge der glücklichen Mischung von großen und kleinen Gütern das Problem z. Zt. noch weniger berührt, ia ist doch wegen der wachsenden Industrie dieses Bezirkes vor allem die Schaffung von Siedelungsstellen für ge­werbliche Arbeiter eine Frage höchster Wichtigkeit.

Gefördert kann diese Entwicklung vor allen Dingen werden durch eine geeignete Verkehrspolitik, die die Zuführung der Arbeitskräfte zu den Arbeitsstätten er­leichtert. Es wird somit, sobald ein besserer Anschluß des Rheingaus durch geeignete Verkehrslinien erfolgt ist, auch für Wiesbaden das Problem der Schaffung von gewerblichen Arbeiteranbaustellen beachtenswert werden.

Kunstwerk brachte.ihm ans der Ausstellung zu Olympia eine bronzene Medaille ein; und die Auszeichnung wäre wohl noch höher ausgefallen, wenn der Cherubskopf ebenso tadellos in der Ausführung, gewesen wäre wie'die Kinder Floras. Auch für andere Schnitzereien, besonders für, Blumen- und 'Fruchtkränze, erhielt Röster verschiedene Auszeichnungen, st auch im vorigen Jahre zu Tunbridge Wells für ein in Birn- Laumholz ausgeführtes Blumenkörbchen und ein hängendes Fruchtarrangement eine silberne Medaille, und einen Ehren­preis zu Olympia für einen aus massivem Eichenholz mit reichem Blumengirlandenschmuck geschnitzten großen Bilder­rahmen. Mit Vorliebe bedient sich Rasier alten Eichenholzes von Abrissen Jahrhunderte alter Gebäude, das hart und fest wie Stein ist. Einen besonders schönen Kaminmantel in ^Flachrelief hat er in diesem Material ausgeführt.. Eine .kleine Landschaft über der Kaminöffnung zeigt eine malerisch gelegene alte Schmiede aus der Nachbarschaft, und zu der Ver­zierung des darüber liegenden Kaminaufsatzes hat er das Zunftwappen der Schmiede, altertümliche Hufeisen und andere Embleme der Schmiedekunst gewählt. Ein hübscher Spruch Last, West, Homes Best" (Ob Ost, ob Wests daheim das Best'!) in dem Felde unter der Landschaft fehlt natürlich nicht. Am Kann» soll ja auch der gemütlichste Platz im ganzen Heim sein!

In seinen. Anfängen liebte es Nosier, die Blumen und Früchte in seinen Girlanden aus reiner Freude an seiner Arbeit allzu dicht aufeinandcrzusetzen, wodurch dann die Schnitzereien sticht überladen wirkten; aber jetzt hat er längst diesem Fehler überwunden, wie z. B. der aus Birnbaumholz geschnitzte, äußerst zierliche Blumenkorb beweist, der ihm die silberne Medaille cintrug. In jenen Fehler der Überladung verfallen übrigens die meisten Holzschnitzer zunächst; weil sie sich nicht gleich den Effekt ihrer Arbeit an dem Platze, sstr den sie bestimmt ist. vorstellen können, geben sie in. den Details