Wiesbadener Tmlilck.
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Zrertag» 14. Irmi 1912.
Morgen-Kusgabe.
Kr. 272. ♦ 60. Jahrgang.
Dos akademische Proletariat«
Semester für Semester kommt die Mitteilung, daß die Zahl der Studierenden unaufhörlich wachst. Mau ist an diese Zusammenstellung schon so gewöhnt, daß man übersieht, wie hier ein Problem versteckt liegt, dessen Lösung säst unüberwindlichen Schwierigkeiten zu begegnen scheint. Was soll denn aus all den überschüssigen Kräften werden, die infolge der Überfüllung des Berufs eines Tages die Aussicht auf staatliche Anstellung überhaupt verlieren! Gibt es irgend ein Mittel der Abhilfe, wenn bei der immer schärferen Konkurrenz in den freien Berufen eine wachsende Zahl unterhalb des Existenzminimums bleibt! Der Gedanke des Numerus clausus, der kurze Zeit heftig bekämpft wurde, ist bei der Mehrzahl der Akademiker abgelehnt worden: man hat zum gegenwärtigen Staat einfach nicht das Zutrauen, daß er trotz aller Kau:eien die Auswahl nach rein sachlichen Grundsätzen treffen könnte. Die Ausscheidung nach Examensleistungen aber, wie man sie in Bayern bei den Juristen versuchte,. wurde deshalb so mißfällig ausgenommen, weil die Prüfungen keineswegs immer einen Maßstab für die Berufsfähigkeit des Bewerbers bilden. Beide Wege bedeuten zudem ein Eingreifen des Staates in die freie Berufswahl, das uns Deutschen durchaus fremd geworden ist. Andererseits macht man immer noch den Versuch, hinwegzubeweisen, daß von einem akademischen Proletariat überhaupt gesprochen werden kann. Denk stehen die ziffernmäßigen Belege gegenüber: Tie Bevölkermrg vermehrte sich seit der Reichsgründung bis zur Gegenwart von 40 aus 65 Millionen: die Zahl der Studierenden allein auf deutschen Universitäten wuchs in der gleichen Zeit von zirka 18 000 auf 57 000. Das bedeutet nicht nur absolut eine Vermehrung des akademischen Nachwuchses auf mehr als das Dreifache, sondern auch im Verhältnis zur Bevölkerung fast eine relative Verdoppelung. Tenn es hat nicht allein die vermögende Schicht ihre Kinder zur Hochschule gesandt, es ist auch die Triebkraft, die in der Sicherung durch staatliche Anstellung liegt, ein Anreiz gewesen, der viele junge Kräfte der weniger besitzenden Klassen zum Studium veranlaßte. Noch wirksamer war der ungewöhnliche Respekt vor dem klingenden Titel, der zahreichen Deutschen in Fleisch und Blut übergegangeu ist. Einen wesentlichen Teil des studierenden Proletariats bilden weiter jene begabten Kräfte der unteren Schichten, die als subalterne Beamte oder in der Tätigkeit des Klein- kaufmanns nicht die Befriedigung ihrer geistigen Bedürfnisse erwarten konnten. Die letzteren machen dom mittellosen akademischen Nachwuchs zweifellos die große Mehrzahl aus, und so entfällt damit die Folgerung, daß mit einer Steigerung der bäuerlichen Bodenrente eine Abwanderung von den Universitäten aufs Land einsetzen werde. Die Stimmen aber, die immer wieder vom Studium abmahnen, müssen deshalb un- gchört vergingen, weil die Überfüllung kein besonderes
Nachdruck verboten.
Die ungarische Klein-Autofahrt.
Budapest, 11. Juni 1912.
Die internationale Propagandasahrt für leichte Auw- mobile, die der Königlich-ungarische Automobilklub in der Zeit vom 5. bis zum ö. Juni veranstaltet hat, hat einen auch für die deutschen Interessentenkreise bemerkenswerten Verlauf genommen. Zunächst dadurch, daß sie in der Tat den Beweis für die außerordentliche Leistungsfähigkeit der leichten Wagen in einwandfreier Weise erbracht hat und zum anderen dadurch, daß sie die Überlegenheit zweier deutschen Fabrikate, nämlich der Marken Brennabor und Opel, mit erfreulicher Klarheit bewiesen hat. Die Fahrt war vom Ungarischen Automobilklub als eine sogenannte Non-stop * * * * 5 Fahrt proponiert worden, d. h, während einer ganzen Tages- etappe durfte der Motor nicht ein einzigesmal abgestellt werden. Die Wagen haben in vier Tagen etwa 1300 Kilometer, die zum Teil über schwierigstes Gelände führten, zurückzulegen gehabt und sind täglich 11 bis 13 Stunden unterwegs gewesen. Von 28 Gestarteten haben 10 das Ziel in einwandfreier Weise erreicht, nämlich 3 Brennabor, zwei Opel, 3 Puch, 1 Arad und. 1 Fiat, und ihnen sind infolgedessen unterschiedslos erste Preise zugesprochen worden. Aber während Arad von 3 gemeldeten Wagen nur 1, Puch von 6 nur 3 und Fiat von 2 nur 1 ohne Strafpunkte nach Hause brachte, haben alle 3 gestarteten Brennabor und alle 2 gemeldeten Opel die Fahrt tadellos zurückgelegt und damit, obwohl dies bei der Preisverteilung nicht zum Ausdrucks gekommen ist, bewiesen, daß sie nicht den gleichen, sondern einen überlegenen Grad der Zuverlässigkeit vor den übrigen Siegern voraus haben.
Die Rundfahrt durch Ungarn ist die erste Veranstaltung des noch jungen Königlich-ungarischen Automobilklubs ge-
Charakteristikum etwa der akademischen Berufe ist und weil die Konkurrenz vor allem auch in den nichtakademischen freien Berufen sehr drückend geworden ist» Es ist also die Zahl der studierenden Proletarier immer größer geworden, und wenn man sich.au die Hono.rar- stunduttgen bezw. den Honorarerlaß hält, so beträgt die Zahl derer, die nicht in der Lage sind, die Kostest des Studiums aus eigenen Kräften oder mit Hilfe ihrer Familie zu bestreiten, aus preußischen Universitäten gegen 25 Prozent aller Studierenden. Eine rein plutokratische Staatsaüfsassung würde das Problem lösen, wie Alexander den gordischen Knoten löste, indem sie — wie es im Offizierstand tatsächlich durchgeführt ist — vor dem Beginn des Studiums den Nachweis der erforderlichen Mittel verlangte. Tatsächlich ist dieser Vorschlag auch schon öfter gemacht worben. Solchen Versuchen müßte aufs schärfste entgegengetreten werden. Tenn mag immerhin manche Durchschnitts- kraft beim. Versuch, in die Höhe zu gelangen, einest Mißerfolg erleiden, mögen noch mehr Halbfähige ihr Studium vollenden und als lästige, Konkurrenz bloß die Zahl vermehren: solche Schwierigkeiten sind vyn untergeordneter Bedeutung gegenüber . der Notwendigkeit, daß in unaufhörlichem Prozeß frisches Blut in die Oberklasse strömen muß. Glücklicherweise ist dieser Gedanke, den 1798 der bekannte Volkswirt Thümen systeinatisch in die Diskussion warf, für. die weitesten Schichten Zlllgemeingut geworden. Ein erfolgversprechender Weg, die sogenannten gebildetenBerufe vom Ballast der Untüchtigen zu befreien, wird aber, wie eingangs erwähnt, in der heutigen Gesellschaftsordnung kaum zu finden sein.
politische Übersicht.
Eine deutliche Sprache.
D. B e r l i n, 12. Juni.
Herr v. Lindequist, der frühere Staatssekretär im Kolonialamt, gehört ersichtlich nicht zu den Leuten, die es für ihre heilige Pflicht halten, sich selber mundtot zu machen, nachdem sie aus dem Amt geschieden sind. Die Männer sind selten, die als ehemalige Minister oder Staatssekretäre die Erfahrungen ihrer Amtstätigkeit dazu verwerten, an den Zuständen, auf die sie keinen behördlichen Einfluß mehr haben, mindestens Kritik zu üben. Erfreulicherweise mehren sich neuerdings aber doch die Beispiele für solch mannhaftes Tun. So legte Herr Wermuth nach seinem Rücktritt (in einem Aufsatz in den „Süddeutschen Monatsheften") ein starkes Bekenntnis zur Erbanfallsteuer ab, und er wandte sich scharf gegen eine Finanzpolitik, die sich selber täuschen und aus vorübergehenden günstigen Ergebnissen schließen möchte, daß neue, Ausgaben auch ohne besondere Deckung bewilligt werden könnten. Jetzt tritt auch Herr v, Lindequist aus seiner bis dahin bewahrten Zurückhaltung heraus und sagt über das Marokkoabkommen mit Frankreich sehr deutlich, wie er darüber denkt, nämlich, daß er es aufs herbste verurteilt. Man hat ja immer schon gewußt, weshalb der Vorgänger des Herrn Sols fluchtartig das Reichskolonialamt verließ.
wesen, mit der er vor die „internationale Öffentlichkeit getreten ist. Die Streckenorganisation war glänzend. Die Wege in der endlosen südungarischen Ebene waren ebenso tadellos wie die hochwaldbekränzten Serpentinen des Matra- gcbirgeS und der Karpaten und wie die steigenden und sich senkenden Pfade in dem lieblichen Hügelland Siebenbürgens. Es muß hier gleich der durchaus falschen Anschauung entgegengetreten werden, daß Ungarn ein unwegsames Land und deshalb für den Automobilverkehr nicht geeignet ist. Der Vizepräsident des ungarischen Klubs, Graf Rudolf Bela Zichy, erzählte lachend, Prinz Heinrich habe ihn, als er hörte, daß die Prinz-Heinrich-Fahrt van 1909 auch durch ungarisches Gebiet gehen sollte, entsetzt gefragt: „Ja, sollen sich denn da die Automobilisten Zelte mitbringen?" Diese Frage ist ein Beweis für die bei uns herrschende Anschauung aber die ungarischen Wegverhältnisse, die dann, wenn man selbst nach Ungarn kommt, in der angenehmsten Weise zugunsten des Landes korrigiert wird. Aber auch von den guten Wegen und der ausgezeichneten Streckenorganisation abgesehen, bot die Rundfahrt immerwährend die erfreulichsten Eindrücke durch die überaus sympathische Haltung der Bevölkerung. Am herzlichsten und begeistertsten war der Empfang der Automobilisten durch die Magyaren. In allen Dörfern waren Ehrenpforten errichtet mit der 'Inschrift:. „Isten horott!" d. h. Gott grüße Dich! oder vielmehr wörtlich: Gott hat Dich gebracht! Geigenmusik klang den Fahrern allenthalben entgegen, eine Blumenfülle ergoß sich aus den Händen schöner Ungarinnen über die Wagen, der köstliche Wein des Landes wurde den Durstigen gastfrei zugcreicht. Tausend helle Kinderstimmen riefen den fremden Gästen ihre klingenden Eljenrufe zu, und überall hatten Soldaten, Gendarmen oder Feuerwehr am Wege ein, Spalier gebildet, das für die Aufrcchterhaltung der Ordnung sorgte. Der Empfang der Wagen in den Dörfern der Walachen war anderer Art. Ihre langhaarigen und langbärtiaen Bewohner, die sich in
man bekommt aber erst heute einen Begriff davon, welche Erbitterung diesen Mann erfüllt haben muß, als er. stiM schweigend zuzusehen hatte, was Herr v. Kiderlen-Wächter mit Herrn Cambon zusammenbraute. Auf der 27. Wanderversammlung der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft hielt gestern der frühere Kolonialstaatssekretär v. Lindequist, der in den Ausschuß gewühlt wurde, eine Rede über den landwirtschaftlichen Dienst in den Kolonien. Lindequist kam auch auf die durch das Marokkoabkommen mit Frankreich neuerworbenen Gebiete am Kongo zu sprechen und führte darüber aus: „Man habe die Pflicht, alles zu tun, um die
Wunden zu heilen, die das Vorjahr uns in kolonialer Hinsicht geschlagen hat. Man solle sich mit den Tatsachen ab- finden und nun auch das neuerworbene Gebiet in den Jn- teressenkreis einbeziehen, so weit die Sümpfe, das Malariafieber und die Schlafkrankheit es eben erlauben. Man solle diesen Dingen gesteigertes Interesse zuwenden, aber man solle nicht alles kritiklos tun, im Gegenteil, man solle die Sonde der Kritik recht scharf anlegen. Und es müsse betont werden, daß es nicht zu billigen ist, wenn deutsches Geld in Gebiete gesteckt wird, die uns keinen Nutzen bringen können. Umgekehrt dürfe man nie die Abtrennung guter deutscher Kolonialgebiete billigen. Ich habe diese Meinung durch die Tat bewiesen, und ich habe aus dieser meiner Ablehnung, wie Sie alle wissen, die Konsequenzen gezogen." Das sind scharfe Worte. So offen Herr v. Lindequist sich hier auch äußert, so wird er wahrscheinlich doch noch nicht alles gesagt haben, was er auf dem Herzen hat. Er wird immer noch gewisse Rücksichten genommen haben. Aber man merkt zwischen den Zeilen, welch ein Unglück nach seiner Überzeugung die Erwerbung der Kongosümpfe für uns ist. und man wird jetzt erst recht neugierig, zu hören, auf welche Sachverständigen sich Herr v. Kiderlen eigentlich gestützt hat, als er diesen unseligen Vertrag mit Herrn Cambon li^bereitete. Herr von Danckelmann, der beste Kenner von Mittelafrika, kann es nicht gewesen sein, denn der schlug am selben Tage wie Herr o. Lindequist die Tür zum Kolönialamt mit vernehmlichen Geräusch von draußen zu. Wer also war es? Im übrigen bestätigt Herr v. Lindequist, daß die Abtretung von Togo wirklich in Frage gekommen war. Vielleicht hat man es seinem Widerspruch zu danken, daß wenigstens dies Äußerste vermieden blieb.
Ronservative unö Zentrum.
Es ist nicht uninteressant zu sehen, wie sich die konservative „Kreuzzeitung" zu der Frage des Vorstoßes der römischen Kurie gegen die christlichen Gewerkschaften verhält. Sie nimmt ungewöhnlich scharf gegen die „neuen Bedrückungen des deutschen Volkes durch die römische Kurie" Stellung und bedauert es lebhaft, daß die „angegriffenen tapferen christlichen Gewerkschaften" so wenig Mut gegenüber Rom finden und so wenig Anhalt an den Bischöfen haben. Das konservative Hauptorgan schreibt sogar: „Die katholische Kirche entwickelt sich immer mehr zu einer absolutistischen, auto- kratischen Staatsform, in der die Bischöfe nicht mehr vom heiligen Geist gesetzt sind, mitzuregieren und mitzureden, sondern von einer höchsten politischen Instanz." Und weiterhin: „Seit einem Jahrzehnt ist kein Zweifel mehr, daß Rom systematisch darauf ausgeht, die Selbständigkeit der Katholiken in allen weltlichen Dingen zu unterdrücken, und schon aus dieser Absicht ergibt sich für die Kurie die Notwendigkeit, Katholiken und Evangelische politisch, sozial und kulturell gänzlich zu scheiden, weil sich nur dann die unbedingte Unter-
ihren weißen Jacken und ihren hemdartigen Beinkleidern seltsam genug ausnehmen, zeigten mit ihren schweigenden
Verbeugungen weniger Begeisterung als Unterwürfigkeit. Am kühlsten standen die wohlhabenden Bewohner des Banats, Angehörige des schwäbischen und sächsischen Stammes, die sich bis heute deutsche Sprache und Art bewahrt haben, der
Automobilkarawane gegenüber. Sie standen vor ihren Häusern und ließen den Zug passieren, ohne sich in ihrer behäbigen Ruhe stören zu lassen.
Landschaftlich zeigte die Fahrt eine ungemeine Fülle interessanter Bilder. Am Anfang der Reise stand das elegante und moderne Pest mit seinem unvergleichlich schönen,
5 Kilometer langen, von Prachtbauten besetzten Donaukai, von dem man über 4 riesige Kettenbrücken nach dem gänzUch anders gearteten, in hohe weinbebaute Dolomitenfelsen eingelagerten Ofen hinüber gelangt. Der erste Tag führte durch die Eichenwälder. der Vorberge der Hohen Tatra, später in der Ebene konnten wir von Mezökövesd an die entzückenden Stickereiarbeiten der ungarischen Hausindustrie, die die Bewohnerinnen zum Gruß für die Fahrer an allen Zäunen und vor allen Fenstern aufgehängt hatten, bewundern, und wir umfuhren auch den weltberühmten Tokaier Weinberg, auf dem der ungarische Nektar in 40 Grad heißem Sonnenlichte glühte. Dann ging es in die melancholischen Pußten der Umgegend von Debretzin hinein. Diese unendlich gedehnten Ebenen mit ihren Pferde- und Schaf-Hirren und -Herden, mit ihren charakteristischen Ziehbrunnen und ihren einsamen Gehöften zählen zu den stärksten Eindrücken der Fahrt. Am zweiten Tage ging es über die Karpaten nach Siebenbürgen hinein. Ihr Ziel war das alte deutsche Klausenburg. Waren an den beiden ersten Tagen die Landschaftsbilder besonders interessant, so bot der dritte Tag in ethnographischer Beziehung besonderes Interesse. Es ging durchs Dörfer, die von armen rumänischen Hirten bewohnt werden und zurzeit nur von Frauen. Kindern und .Greisen
