Verlag Langgasse 21
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' Ur die Morgen-Ausg £*» *ubr nachmittags. Berliner Redaktion des Wiesbadener Tagblatts: Berlin
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„Tagblatt.HauS" Nr. 6650-53.
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Wilmersdorf.Güntzclstr. 66.Fernspr.: A>nt Uhland 45» u.451. Ug°uÜndPWn
: übernommen.
^"ntag, 16. Kuguft 1914.
Morgen'Ausgabe.
Hr. 379. ♦ 62. Jahrgang.
Sei getrost
C55aS prophetische Wort eines deutschen Dichters.)
Einst geschieht's. da wird die Schmach Seines Volks der Herr zerbrechen.
Der aus Leipzigs Feldern sprach.
Wird im Donner wieder sprechen.
Dann, o Deutschland, sei getrostl Dieses ist das erste Zeichen,
Wenn verbündet West und Ost Wider dich die Hand sich reichen.
Deinen alten Bruderzwist Wird das Wetter dann verzehren.
Taten wird zu dieser Frist.
Helden dir die Rot gebären.
Bis du wieder st a r k wie sonst.
Auf der Stirn der Herrschaft Zeichen,
Vor Europas Völkern thronst.
Eine Fürstin sondergleichen.
Schlage, schlage denn empor. Läutrungsglut des Weltcnbrandes! Steig als Phönix draus hervor,
Kaiseraar des deutschen Landes!.
Emanuel Geibel (1859)
Es heult öer Sturm, es braust das Meer!
Von Psr. Encke in Sinn.
:»i a § Volk steht auf, öer Sturm bricht los! Wer iiiM die Hände feig in den Schoß? So heitzt's fyn wiedtzr aufs neue, wie einst vor' 100 Zähren, ^'orrunt sich« fast vor. als wäre man auch einer von ) £ welche die Hände tn den Schoß legen, wenn man 'kj^Use am Schreibtisch sitzen und -den gewohnten iiAsarbeiten nachgehen muß. anstatt ein Schwert ^mgen oder die Büchse von der Wand zu nehmen Reih und Glied mit all den vielen Dapfern Riffen oder nach den Ostmarken zu ziehen oder auf E-',Schiffen hinauszufahren in Not und )Tod, dem entgegen. Man möchte noch einmal jung sein, den Waffen greifen zu können in dieser, surcht- 7 'tett und doch großen und gewaltigen Zeit! Ich H junger Mann den Ausbruch des Krieges von st ^vterlebt und getragen von den mächtigen Wogen ^.Meisterung mit vielen Jungen und Alten dem ^ gedient. Noch schlägt mir das Herz höher, \ jch att jene Zeit zuriickdenke und an das Gewal- .^/d Mannhafte, was wir damals erlebt und mit- haben. Und doch will mir's scheinen, als sei )t ,'too wir noch viel Größeres zu wagen haben als Jahren, die Begeisterung noch größer, die r,s^Vrng noch gehobener und entschlossener wie da- ^^unser großer Bismarck und alle die Helden von
l 1870, die berühmten und die vielen namenlosen, haben doch nicht umsonst gearbeitet und sich geopfert. Das Deutsche Reich, das sie mit Blut und Eisen unter wuchtigen Schlägen zusammengeschmiedet haben, ist so fest und stark geworden, wie wir es nie zu hoffen gewagt hatten. Und seine Stärke ruht nicht bloß in seiner Waffenrüstung — die haben andere Nationen auch — sondern in seiner inneren Einheit, wie sie wundervoller und erhebender sich nicht darstellen konnte, als -in jener großartigen Sitzung des deutschen Reichstags vom 4. August. Mir traten die Tränen der Freude in die Augen, als ich die Schilderung jener Sitzung las. Da haben sich Kräfte offenbart, die unüberwindlich sind. Es ist zutage getreten, was in den Tiefen der deutschen Volksseele schlummert. Nicht bloß von Bebel, bis zu Bassermann, sondern auch vom Zentrum bis zum allerletzten Wann der alleräußersten Rechten girtg’§ durch alle Vertreter des deutschen. Volkes wie ein einziger elektrischer Strom, und einmütig scharten, sich alle um den Kaiser, der des Reiches Sturmfahne entfaltet, in ernster Stunde und nach langem Zögern endlich mit gutem Gewissen das Schwert gezogen hat. Wir haben manchmal dem Reichstag gegrollt —- heute jubeln wir ihm zu und drücken auch den Männern warm die Hand, deren Stellung denr Reich gegenüber uns oft tief betrübt hat. Wir haben manchmal des Kaisers Entschließungen im Herzen nicht Mstimmen können. Heute jubeln wir ihm zu, daß er so lange gewartet, um endlich mit gutem Gewissen das erlösende Wort sprechen zu können. Wir jubeln ihm. zu, der seine sechs Söhne samt dem Schwiegersohn ins Feld schickt wie jeder andere Mann. Das macht uns keiner nach. Wo sind die. russischen Großfürsten geblieben, wenn Rußland seine Kriege führte?
. Durchs ganze deutsche. Volk geht jetzt nur «in Gedanke: Wir gehören, zusammen auf Leben und Tob.
Jetzt zeigt sich's, daß wir seit der Gründung des Reiches trotz aller Reibungen und inneren Kämpfe doch innerlich fest zusammengewachsen sind. Es liegt ein gewaltiger Zauber in dem Wort: Deutscher Kaiser,
Deutsches Reich. Wir Alten wenigstens empfinden so, die wir in unserer Jugend die Zeiten der deutschen -Ohnmacht und Zerrissenheit erlebt haben. Und nun wollen ünseie' drei mächtigsten Feinde in Europa dieses Reich zertrümmern. Wir müssen alles einsetzen, um Äurchzuhalten. Es gilt für jeden an seinem Platz seine Pflicht zu tun und die Säumigen dazu anzuhalten. Es gilt den guten ernsten Geist der Mannhaftigkeit, der -üben durch alle Kreise unseres Volkes -geht, zu erhalten und immer neu zu entfalten. Wir haben im vorigen Jahre bei den Emnncvungsseiern an d-as Jahr 1813 und seine Helden uns. gleichsam die Weihe geholt zu den Kämpfen und Nöten, die's jetzt ausznhalten gilt. Wir haben uns gestärkt an den markigen, mannhaften .Klängen .jener wundervollen Lieder, die damals die deutschen.Herzen fest und stark gemacht haben. Wir
Kriegslied.
Von Fritz Philippi.
hängt eine Glocke jetzt auf dem Turm
ben rmhern. rrTS ftirfrp. Ttß äUC
- den andern, als wäre sie zugeflogen.
M wenn sie läutet, läutet sie Sturm.
^,'eht keiner die Hand, die sie gezogen. jP>in der Türmer läßt seine Glocken schwingen, duscht er: was ist's für ein-neues Klingen?
^ie Glocke läutet so flügelstark
^ allen, und alle erschauern im Mark.
- - - -
ip sehen sich an als wie im Traum: hat uns über Nacht verwandelt, wir uns selber erkennen kaum?"
S,
jetzt von Mund zu Mund wird verhandelt.
ernst und so schlicht
T" jeder es spricht:
W ziehe hinaus — du bleibst zurück." keiner mehr klagen, soll er Selbstverständliches sagen Worten; sagt's jeder mit jedem Blick:
(tzsch oebc den Mann, du den Vater, den Sohn; 'e Braut den Liebsten zum Opferlohn."
läutet . . ., die Schicksalsglocke klingt! ^ läutet stärker als tönendes Erz.
I? Volk das Letzte zum Opfer bringt.
fftr--*. Yi-ir.j.. ^ n. __i
Blocke heißt: das deutsche Herz!
hinnerk Kuhlengraber.
i ^ Skizze von Albert Petersrn.
schmutzig-grauen Astgewirr der Lindenallee tyVii letzten braungelben Blätter. Der fahle Schein ® E n vil. lQ ß glanzlos auf der geschmacklosen Front der jen- ^tskasernen. Nur ein kleiner Fetzen des blauen '^4es war von meinem Fenster aus sichtbar.
.
Durch das Rostgitter des Ofens .fiel mollig ein roter Schein auf den Fußboden. Leise begann der Teekessel ein surrendes Lied zu singen, ein altmodisches, kleinstädtisches Lied.
llnd plötzlich fuhr ich bon meiner Arbeit auf. Die Sonne mußte hinter dem Dächermeer verschwunden sein, denn fremd und kalt starrte die Häusermauer herüber. Und die Dämmerung^ die draußen in Gottes freier Natur wie eine Schar Schleier spannender Elfen von Baum zu Baum, von Busch zu Busch huscht, zwängte sich hier wie ein plumpes, freudloses Riesenweib zwischen die öden Steinmassen.
Immer eindringlicher begann der Teekessel zu erzählen, und sein trautes Lied zauberte sacht leise Sehnsucht und wehmütige Erinnerungen hervor.
Holprige Straßen, über deren niedrige Häuser hinweg den ganzen Tag freundlich die Sonne schien. Rotbraune Dächer, hier und da von grünen Moosfetzen belebt. Liebliche Gärtchen mit flammenden Georginen und blassen Spätrosen. Spielende- Jungen und singende Mädchen. Und irgendwo eine Handharmonika.
Auf dem Kirchhof alte Linden, deren welkes Laub selbst im Sterben mit seinem goldigen Gelb lebenswarm erschien, deren Blätter sich sacht, als fürchteten sie, die Toten zu stören, auf d:e Gräber senkten. Auf den Grabhügeln Kränze, Efeu ismd Immergrün, kaum ein Grab vergessen.
Und langsam, ein wenig humpelnd zwar, aber voll Würde schritt ein gebeugter Greis, den ich nie ohne Spaten und Harke gesehen habe, durch , die Alleen, zwischen den Gräbern umher. Seinen forschenden Augen entging nichts, und daher hatte der Me immer neue Arbeit.
Er hatte sie ja alle bei Lebzeiten gekannt, die stummen Toten da unten. Er wußte auch, wie der alte Kanzleirat auf Ordnung gehalten hatte, und Hinnerk Kuhlcngraber duldete nicht, daß ein morscher Ast oder ein Papierfetzen auf des Kanzleirats Hügel lag. Und. die altaMadam Jensen hatte in ihrem ganzen Leben keine gelben Blumen leiden mögen, und wenn gedankenlose Enkel einen Kranz mit gelben Rosen oder Astern auf Madams Grab legten, machte der brave
wollen in -diesen Tagen aufs neue ihrer gedenken. Sie passen auf unsere heutige Lage -und Stimmung, als ob sie heute erst gedichtet wären:
Es heult der Sturn:. es bvcmst das Mecx.
Cs zittert das Erdreich n-m uns her.
Wir woll'n uns die Not nicht verhehlen.
Und galt es früherhin Mut und Kraft,
Jetzt alle Kräfte zufammengeffafft.
Sonst scheitert das Schiff noch im Hafen.
Erhob-e dich. Jugend, der Tiger dräut!
Bewaffne dich. Landsturm, jetzt kommt deine Zell! Erwache du Volk, das geschlafen!
Das Leben gilt nichts, wo die Freiheit fällt.
Was gibt uns die weite unendliche Welt Für des Vaterlands heiligen Boden?
Frei woll'n wir das Vaterland lviederseh'n,
Oder frei zu ben glücklichen Vätern geh'n.
Ja. glücklich und frei sind die Toten.
Es heu-lt der Sturm, es braust das Mear.
So zieh'n Gefahren um uns her;
Droh lasset heut uns sorgen!
Und was wir heut hier Kühnes geschafft.
Das wollen lvir mit Mut und Kraft Vollbringen am folgenden Morgen.
Der Aufruf des Landsturms.
W. T.-B. Berlin, 15. Aug. Das „Reichsgesetzblatt" veröffentlicht folgende Verordnung, betr. den Aufruf des L a n b ft u r m s, auf Grund des Artikels 2, § 25 des Gesetzes betr. die Änderung der -Wehrpflicht vom 11. Februar 1888:
8 1: Sämtliche Angehörige des Landsturms
ersten Aufgebots, die ihm überwiesen oder zu ihm aus der Ersatzreserve übergetreten sind, werden hiermit aufgerufen. Von dem Aufruf sind nicht betroffen, die wegen körperlicher oder geistiger Gebrechen als dauernd untauglich aus dem Dienste im Heere oder der Marine ausgemustert sind. Die Aufgebotenen hüben sich sofort unter Vorzeigung etwaiger Militärpapiere bei den Ortsbehörden ihres Aufenthaltsorts zur Landsturmrolle a-nzumelden.
8 2: Sämtliche Jahresklassen des Landsturms zweiten Aufgebots, die aus der Landwehr oder der Seewehr zweiten Aufgebots zum Landsturm übergetreten sind, werden zum aktiven Dienst aufgerufen. Über den Zeitpunkt der Gestellung ergeht besonderer Befehl.
8 3: Diese Verordnung findet auf die König!, bayerischen Gebietsteile keine Anwendung.
Dazu erging folgende Verordnung des Re i ch s k a n z l e r s:
1. Die nach der Allerhöchsten Verordnung aufgerufenen Landsturmpslichtigen, die sich im Ausland e a-ufhalten, haben die Verpflichtung zur alsbaldigen Rückkehr nach der Heimat, sofern sie nicht ans Grund des 8 100, Ziffer 3 und -1, der deutschen Wehrovdnung ausdrücklich hiervor befreit worden sind. Weitere Befreiungen sind unzulässig. Die rückkehrenden Land- sturmpflichttgen ersten Aufgebots hwben sich bei
Hinnerk sich gleich nachher dran, das Grab von den unbeliebten Blumen zu säubern, mochte von solch einem Kranz auch nur das kahle Gerippe übrig bleiben. Wenn Hinnerk so bei Madam Jensen beschäftigt war, konnte allerdings ein belustigtes Schmunzeln über fein verwittertes Gesicht huschen; er wußte, daß Madam nicht immer und überall die gelbe Farbe gehaßt hatte, ihre Mützenbänder hatte sie mit Safran gefärbt.
Natürlich hatte Hinnerk unter den Gräbern seine Lieblinge. Ta ivar zuerst der große Denkstein der Anno 48 ge-^ fallenen Schleswig-Holsteiner. Ich glaube, der kindlich- ftomme Greis, hatte noch bis an sein Lebensende mit seinem Herrgott gegrollt, daß Efeulaub und Tannenzweig nun einmal grün sind; denn auf ein schleswig-holsteinisches Kriegergrab gehören nur die Farben blau-weiß-rot. Und die Kieler Studenten, die doch einst bei Bau ihr junges Blut fürs Vaterland hingegeben hatten, galten für ihn als die rücksichtslosesten und pietätärmsten Menschen auf Gottes Erde, seit einmal eine Burschenschaft einen Kranz an den hohen Stein legte, einen Kranz, der ein Band in Verbindnngsfarben trug, und diese waren nicht blau-weiß-rot.
Auch für ein anderes Grab sorgte Hinerk mit großer Hin gabe. Eines Tages war ein alter vornehmer Herr zu Hinnerk getreten und hatte ihn in ein .Gespräch verwickelt. Der --Knhlengraber war gerade damit beschäftigt, ein frisches Grab ^stlZuschaufeln, und bei dieser ernsten Arbeit ließ Hinnerk sich nicht gern in Lllltagsgespräche ein.
Aber der fremde Herr sprach so seltsam feierlich:
„Nun wird dieses Grab sauber geharkt und bepflanzt und die Verwandten des Toten werden an das Grab treten und ein stilles Gebet sprechen. Männer und Frauen bleiben ans ihrem Spaziergang stehen und sagen: „Sieh, hier ruht cr, er war doch ein braver, fleißiger Mensch." Und da, wo er früher unter den Menschen weilte, wird er ferner im Gedächtnis der Leute leben. Er ist eigentlich mitten unter ihnen. Drüben liegen die Straßen, durch welche er schritt, das Lachen der Kirrder dringt zu ihm. Er ist nicht — fort, vergessen." '
