Wiesbadener Tagblatt
Erscheinungszeit:
86. Jahrgang
Freitag, 8. Juli 1938.
Nr. 157.
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Gold wirbt „Freunde".
Von Heinrich Karl Kunz.
Die französisch-englische Zusammenarbeit verdichtete sich in den letzten Monaten. Die demokratische Allianz ist über Prag, Spanien, den Sandschak bis zu den Paracel- Inseln hin deutlich fühlbar. Offensichtlich hofft man in Paris und London, durch eine verstärkte Solidarität den dauernden Verlust an politischem Terrain, den man den autpntaren Staaten gegenüber zu verbuchen hat, stoppen zu können. Die mißglückten Versuche der englischen Opposition, Chamberlain von Paris aus zu stürzen, illustrieren am besten den Charakter dieses Zusammenwirkens, das nicht, wie die Achse, auf der Freundschaft der Völker beruht, sondern aus der Jnteressen- gleichheit zweier Systeme. Zweifellos soll der englische Königsbesuch in Paris, wohl als Pendant zu der Htalienfahrt des Führers gedacht, dem etwas ramponierten Prestige der Demokratien neuen Glanz verleihen. . .
Es ist das wohlverdiente Pech der Wesimachte, baß sich chre Politik stets im S ch a t t e n v o n V e r s a l l l e s bewegen mutz. Der moralische Defekt ihrer Beweggründe lagt sich auf die Dauer, auch durch die geschickteste Propaganda, nicht retuschieren. Die Mentalität eines geizigen Greyes, der in nervöser Sorge um seine Dividenden lebt, haftet jedem ihrer Entschlüsse an. Bei aller Aktivität werden sie stets in die Defensive gebannt bleiben, weil ihre Status-quo-Politik den gerechten Forderungen der emporstrebenden jungen Bolter entqeqensteht. Und wir kennen das ja aus dem menschlichen Leben. Wo der persönliche Einfluß nicht mehr uus- reicht, ist man leicht versucht, mit Geld nachzuheffen. Mit Geld lassen sich Liebe, Sympathien und Freundschaft kaufen, nur datz man unter dieser Voraussetzung die vorgenannten sittlichen Begriffe in Anführungszeichen setzen mutz. 2m Notfall haben derartige Freundschaften noch nie ihre Probe be- ^Das östliche Mittelmeer ist eine empfindliche Stelle des Empires. 2n Haifa endet die für die englische Flotte so wichtige Ölleitung. 3n bedenklicher Nahe befinden sich die Dardanellen. Und wenn London den Sowjetrussen in Montreux auch Hilfestellung gegeben hat und ihnen damir die Durchfahrt ins Mittelmeer unter gewissen Voraussetzungen ermöglichte, so traut man den Russen doch nicht allzusehr. Der kleinasiatischen Küste sind die Inseln des D o d e k a n e s vorgelagert; Flugzeug- und U-Boot-Stützpunkte der Italiener. Das englisch-italienische 'Abkommen scheint im Foreign Off'.ce noch nicht alle Bedenken bezüglich des östlichen Mittelmeeres ausgeräumt zu haben. Die Türkei aber ist im Besitz der Dardanellen und bietet als nächster Nachbar die beste Operationsbasis gegen den Dodekanes. Kein Wunder, datz Ankara ein von den Engländern begehrter Bundesgenosie ist. Und da das Geld, für den Augenblick wenigstens, immer hilft, so gewährte England den Türken einen Rüstungskredit. Und warum sollte der kluge und zielbewutzte Kemal Atatürk, der seine Armee mit Hilfe der Sowjets ausrüstete, die Kosten, die ihm durch die Befestigung der Dardanellen entstehen, nicht mit Pfunden bezahlen? Stärkt er doch damit gleichzeitig seine Stellung Moskau gegenüber. Er kann die beiden Interessenten gegeneinander ausspielen und kommt damit der erstrWten absoluten Unabhängigkeit, für die die junge Türkei so viel Opfer auf sich genommen hat, einen guten Schritt näher. Zudem hat die derzeitige Annäherung an London im Sandschak-Alexandrette schon gute Früchte getragen. Ohne den englischen Wink wären die Franzosen auf ine türkischen Wünsche kaum eingegangen. In Paris hatte man zweifellos wenig Neigung, sich ein Malheur g la Palästina auf den Hals zu laden. Aber was tut man nicht alles für den demokratischen Bruder. Ankaras Rechnung stimmt, ob dies aber auch für die Engländer zutrifft, bleibt abzuwarten.
Wie gesagt, die Franzosen taten in der Sandschak-Frage den Engländern einen grotzen Gefallen. Mit der Eegenrech- nung waren sig schnell bei der Hand. Als sich D a l ad i e r und Bonnet jüngst in London aushielten, verwiesen sie auf den „wachsenden deutschen Einfluß" int Donauraum. Sie sprachen von den „Gefahren", die hier dem französischen Bündnissystem drohen. Früher half Paris der Bundnlstreue von Zeit zu Zeit mit einigen Francs nach. Seitdem die französischen Währungsverhältnisse durch die Volksfront- Experimente gründlich zerrüttet worden sind, mug der Quai d'Orsay auf diese probate Mittel verzichten. Erst waren es nur Gerüchte, jetzt bestätigen sich die Vermutungen. Die Engländer sind also Paris hilfreich beigesprungen. Sie bieten Rumänien, Griechenland, Bulgarien,
Palästina und die Judenfrage.
Englische Sorgen. - Wohin mit den Juden ? — Ein bedeutsamer Artikel Alfred Rosenbergs.
„Die geschichtliche Situation ist ernst."
as. Berlin, 8. Juli. (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung.) Den Engländern macht Palästina erneut schwere Sorgen. Die Unruhen wollen nicht abreitzen, ja, die Unruhen der letzten Tage stellen vielmehr alles in den Schatten, was man in den letzten Jahren in Palästina erlebt hat. 3 3 Araber und Juden sindindenIetzten24Stun- den getötet und über 100 Personen sind verwundet worden. In England roerden die neuen Unruhen hauptsächlich darauf zurückgeführt, datz die Arbeit der britischen Kommission, die den Teilungsplan zu prüfen hat, sich ihrem Ende nähert. Diese Tatsache, so meint man, habe auf beiden Setten die Gemüter so erhitzt, daß die besonnenen Elemente die Kontrolle verloren hätten. Kein Wunder, datz in England Stimmen laut roerben, die fordern, man müsse den Schwebezustand möglichst bald beenden. Wie ernst man die Lage beurteilt, geht daraus hervor, daß der britische leichte Kreuzer „Emerald", der eigentlich zur FVmostflotte gehört und der sich auf der Heimreise befand, nach Haifa beordert worden ist. Dort wird er heute durch das Schlachtschiff „R e p u l s e‘ abgelöst werden. Die Tatsache, daß man Haifa nicht einmal mehr 24 Stunden ohne ein englisches Kriegsschiff lassen wollte, und datz man ein so großes Schiff wie die „Repulse" mit ihren 32 000 Tonnen nach Haifa entsendet, zeigt, w t e ernst man die Lage bet rächtet.
Angesichts dieser neuen Unruhen in Palästina verdient ein Artikel Alfred Rosenbergs int „Völkischen Beobachter", der die Überschrift trägt: „Wohin mit den Juden? ganz besonderes Interesse. Zum Problem Palästina stellt Rosenberg dabei fest, daß Palästina als großes Auswanderungszentrum ausscheidet, da dort schon die heutige Zahl der Juden ein Element bleibender Unruhe ist. Eine zwangsweise Verstärkung der Einwanderung konnte unübersehbare Folgen zeitigen, da gerade die britischen Interessen angesichts der Verflechtung mit der mohammedanischen Weit in peinlichster Weise berührt wurde. Auf der anderen Seite kommt man an der Beantwortung der Frage, die Rosenberg stellt, nicht vorbei. Denn das was sich in Deutschland vollzog, steht für mehrere andere Staaten vor der Tür. „Ob diese", sagt Rosenberg, „so zurückhaltend bet der Lösung des Problems vorgehen werden, wie es das Deutsche Reich getan hat, ist sehr fraglich." Rosenberg weist deshalb auf die gestern in (Enian, dem französischen Badeort am Genfer See eröffnete und von den Vereinigten Staaten angeregte Konferenz, die sich mit der Setzhaft- machung der „jüdischen Emigration aus Deutschland und Österreich" befassen will, nachdrücklich auf die Bedeutung des Gesamtproblems hin. Man müßte sich, wenn man eine Konferenz von annähernd 30 Staaten einberuft, tiefere Rechenschaft von der historischen Lage geben und auf eine ganze Lösung hinarbeiten. Daß an, dieser Konferenz übrigens weder Sowjetrutzland noch die Tschecho-Slowakei teilnehmen, sei nur am Rande bemerkt. Rosenberg stellt nun dieser seltsamen Konferenz, über deren wirkliche Ziele wohl kaum alle
Teilnehmer unterrichtet sind da es nämlich ganz offensichtlich der Konferenz weniger auf sachliche Beratungen als auf st a r k e P r o p a g a n d a w i r k u n g in Sinne der jüdischen Emigration aus Deutschland und Österreich ankommt, nicht nur die Frage, was mit den Juden geschehen soll. Er versucht auch diese Frage zu beantworten. Nachdem er alle -llcog- lichkeiten, die je zur Debatte standen, aber als erledigt gelten müssen, erwähnt hat, erklärt Rosenberg: „Es mutz also nach einem geschlossenen von Europäern noch nicht besiedelten Gebiet Umschau gehalten werden. Einst, als Palästina noch aussichtslos erschien wurde das Uganda-Projekt lang und ernsthaft bew rochen. Warum sollte nicht erneut ein großes afrikanisch^ Terrtt», riunt ins Auge gefaßt werden, um den Juden die Möglichkeit eines „selbständigen schöpferischen Aufbaues" zu ermöglichen? Vor etwa 10 Jähren fand eine Zusammenkunft vieler Vertreter des antijüdischen Kampfes in der Hauptstadt eines europäischen Staates statt. Dort wurde die Idee debattiert und gutgeheißen, doch die große Insel Madagaskar rn Vorschlag zu bringen. Die Insel sei geräumig genug, hatte subtropisches Klima, gehöre einem Staat der die Emanzipation der Juden begonnen habe und auch heute noch alles jur die Juden tue. (Ein Führer der französischen Antisemiten stimmte diesem Gedanken zu, der spater mehrfach wieder auf- getaucht ist. Erst vor nicht langer Zett hat Polen erneut Madagaskar zur Debatte gestellt „Dte geschtchtltche Situation",'so sagt Rosenberg dann werter, „ist, ernst. Sie ist nur durch einen großen Entschluß jener zu meistern, bte 4m Besitz riefiger Territorien sind Sm Interesse aller Volker und schließlich auch der Juden selbst, muß man es ausgeben um das gestellte Problem herumzureden und noch von „verstärkter Einwanderung in Palästina" zu schwatzen Selbst eine noch so starke Aufzwingung der Juden in Palästina konnte nicht das geringste an der Gesamtläge andern.
Hoher türkischer Politiker bei Ribbentrop.
Vor dem Beginn der Wirtschaftsverhandlungen.
Berlin, 7. Juli. Der Reichsminister des Auswärtigen, v. Ribbentrop, empfing am Donnerstag den Generalsekretär im türkischen Außenministerium, Botschafter Numan Menemencioglu. Exzellenz Numan Menemencioglu ist vor kurzem an der Spitze einer Wirtschaftsdelegation in Berlin eingetrosfen, um mit den zuständigen deutschen Stellen in Besprechungen über die deutsch-türkischen Wirtschaftsbeziehungen einzutreten. Die eingehende Unterredung, die der hohe türkische Beamte mit dem Reichsminister des Auswärtigen am Donnerstag hatte, betraf sowohl die beide Länder berührenden Wirtschastssragen, als auch die deutsch-türkischen Beziehungen im allgemeinen.
Prag sabotiert das Recht der Sudetendeutschen, hat, wird das Statut erst in der nächsten Woche der Sudeten- deutschen Partei zur Einsichtnahme übergeben werden können.
Deutsche werden brotlos gemacht.
Prag, 8. Juli. (Funkmeldung.) Wie aus Brüx gemeldet wird, wurden in einem dortigen Stahlwerk in der Vorwoche 44 sudetendeutsche 21 rß eiter ent» l as sen. Die Entlassung hatte der marxistische Abgeordnete Taub bewerkstelligt, weil diese Arbeiter aus den roten Gewerkschaften ausgetreten waren. Ebenso wurde den beiden Chefärzten der Vrüxer Sozialversicherung gekündigt. Es handelt sich um zwei bisher der Sozialdemokratischen Partei angehörende Ärzte, die vor einigen Monaten zur Sudeten- deutschen Pattei übergegaugen sind. In beiden «fallen ijt klar ersichtlich, daß es sich um marxistische Terrorakte gegen völkisch Gesinnte handelt.
Am Borabend des Tages der Deutschen Kunst.
Bürgermeister können ihr Amt nicht antreten.
Prag, 7. Juli. Entgegen dem klaren Wortlaut des Gesetzes hindert die Prager Regierung die bei den Gemeindewahlen im Mai und Juni durch die sudetendeuhchen Mehrheiten gewählten neuen Bürgermeister daran, ihr Amt änzutreten. Die Prager Regierung macht jetzt die Übernahme des Bürgermeisteramtes von der Bestätigung des Bürgermeisters durch die Behörden abhängig. Da bisher noch keiner der neu gewählten Bürgermeister bestätigt wurde amtieren die alten Gemeindevertretungen ruhig weiter, obwohl ihre Amtsdauer fchon längst abgelaufen ist. Sie wurden nämlich im Jahre 1931 auf vier Jahre gewählt. Dadurch entsteht in allen die,en Gemeinden ein ungesetzlicher Zustand. Die alten meindevertretungen sind zur Führung der Geschäfte nicht mehr berechtigt. Die neu gewählten, vom Vertrauen des Volkes getragenen Gemeindevertretungen haben ihr Amt bisher nicht antreten können.
Tschechische Beamte für eine deutsche Stadt.
Prag, 7. Juli. In A > ch wurde die durch die Pensionierung des tschechischen Postdirektors freigewordene Stelle wiederum durch einen Tschechen besetzt. Zwei deutsche Anwärter wurden nicht berücksichtigt, obwohl die Stabt Asch ju 9 9 % deutsch ist. Auch der rein deutsche Ort Schönbach bei Asch erhielt einen tschechischen Leiter des Postamtes. _ Seine Vorgängerin, eine Tschechin, beherrschte die deutsche spräche nicht und war ihrem Amte nicht gewachsen, weshalb sie auch entfernt werden mutzte. Einige Monate hindurch versah dann ein deutscher Beamter den Dienst, um allen inzwischen angerichteten Wirrwarr wieder in Ordnung zu bringen. Nun hat er seine Stelle wieder an einen Tschechen abtreten müssen.
Nationalitätenstatut nochmals verschoben.
Prag, 8. Juli. Wie von unterrichteter Seite verlautet, wird es nicht, wie beabsichtigt, Ende dieser Woche zur Vorlage des Nationalitätenstatuts der Regierung kommen. Durch die 2kr6anblungen bes verfassungsrechtlichen Ausschusses, ber einige anberungen an bem Regierungsentwurf vorgenommen
München im Festschmuck.
München, 8. Juli. ÜBieber steht nun das nationalsozialistische Deutschland am Vorabend des Tages ber Deutschen Kunst, bes glanzvollen dreitägigen Festes, bas zur grog- artigsten Kundgebung des Stotzes und der Freude über bte durch den Führer Adolf Hitler herbeigeführten neuen Epoche der Deutschen Kunst und Kultur geworden ist.
Die Stadt der Deutschen Kunst hat wiederum das schon aus dem Vorjahre bekannte hinreißend schöne Kleid angelegt, das aber fast noch schöner und bewegter, noch harmonischer und ausdrucksvoller geworden ist. Wieder fluten die große" weißen Kunsffahnen mit den drei roten Schilden in der Mute über die Straßen, von mädjtigen Säulen leuchten m Der heißen Sommersonne die grotzen goldenen Hoheitsadler. Brun verkleidete Triumphpfotte'n, die sich in verschiedenen Farbentönen über die Straßen spannen, beleben das Bild und er
zielen immer neue packende Wirkung. Besondere Glanzpunkte des Festschmuckes bilden wieder der Hauptbahnhof, ber Marienplatz, ber Platz vor bem Ratio n a ltheater, dann der Platz zwischen der Universität und dem Haus des Deutschen Rechts, vor allem aber auch bte von breiten Kulissen von FaHnen in Rot und Gold einge- rahmte prachtvolle Ludwig st raße.
Ganz neuartig ist der Fensterschmuck, der am Samstag und Sonntag die Stadtbelenchtung zu unerhörter Wirkung bringen wird. Sind doch an jedem Fenster jedes Haukes der ganzen Stadt zwei einheitliche Pergamentampeln angebracht, die Millionen Lichter in die tiefe Sommernacht senden werden. Viele Fenster find noch besonders mit Eold- girlanben unb mit golbgeränberten roten Schmucktüchern geziert. Nicht weniger als 7 5 Tribünen find an ben Straßen unb Plätzen ber Stabt aufgebaut, auf denen ungezählte Tauseiide am Sonntagnachmittag den herrlichen Festzug an sich oorüberziehen lassen werden.
