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Montag, 16. Dezember 1935.
83. Jahrgang.
| Erne ereignisreiche Woche.
Um die Nachfolge Masaryks.
Prüsidentschaftskampf um Benesch.
Sonntags-Besprechungen in London. — Die Sanktionen sind tot. Werden Baldwins Lippen entsiegelt?
kann sogar lesen, Latz selbst dann nicht mehr von Sanktionen die Rede sein würde, wenn die Friedensverhandlungen scheitern -sollten.
Am Mittwoch tritt in Genf bekanntlich der Völ-ker- bundsrat zusammen. Es erhebt sich damit die Frage, was er beschliessen wird. Der Pariser Friedensplan gilt allgemein als erledigt. Was wird von diesem Plan übrig bleiben? Wie wird sich Italien zu dem stellen, was übrig bleibt? Schon der Pariser Plan geht den Italienern nicht weit genug. Sie wollen weder Aksum den Abessiniern zuvückgebey, noch ihnen einen Korridor zum Meer und damit den Hasen Assad abtreten, sondern bleiben bei ihrer Forderung, daß eine Verbindung zwischen ihren beiden Kolonien Eritrea und Somaliland hergestell-t werden müsse. In Eens aber scheinen einige Kreise die Auffassung zu vertreten, datz Italien zunächst einmal sein „Unrecht" einsehen und den Vormarsch einstellen müsse, ehe man von Friedensverhandlungen sprechen dürfe. Die Genfer Mehrheit dürste wohl freilich ohne weiteres einsehen, datz solche Pläne unmöglich sind. Aber was schlietzlich bei den Eenser Beratungen herauskommen wird, das läßt sich heute sreilich noch iu keiner Weise voraussagen.
Am Mittwoch begeht Italien den Tag des Trauringes, den Tag der grotzen Eoldfammlu ng für das Vaterland. An diesem Tag sind die Sanktionen einen Monat in Wirksamkeit. Wenn nicht alles täuscht, wird Mussolini an diesem Tage im Grotzen Fafchistenrat daraus Hinweisen können, datz der Widerstand des italienischen Volkes _ gegen, die Sanktionen Nicht nutzlos war, datz der entschlossene W i L e r st a n d der italienischen Natt o n vielmehr die Sankti ans Politik zum Scheitern verurteilte. Noch ist freilich das letzte Wort nirgends gesprochen. Vielleicht aber werden wir am Ende dieser Woche klüger sein und besser erkennen können, wohin die Reise weiter gehen fall.
Genf und Rom.
" g--. Berlin, 16. Dez. (Drahtbericht unserer Berliner Meilung.) Die neue Woche, die letzte vor Weih- mchten, wird, wenn nicht alles täuscht, eine weltpolitisch recht bewegte Woche werden. Kennzeichnend i ist, datz in England die Staatsmänner das geheiligte Wochenende unterbrechen mutzten, um sich auf die kom- i meüden Ereignisse vorzubereiten. So konferierte Baldwin, der von seinem Landsitz nach London zurückkehrte, mit Eden, »der dem Ministerpräsidenten über die Entwicklung in Eens berichtete. Heute wird sich das englische Kabinett in einer Vollsitzung mit der nicht ganz einfachen Lage befassen. Vor allem dürfte es sich dabei um die Vorbereitung für dis große Aussprache handeln, die am Mittwoch im Oberhaus und am Donnerstag im Unterhaus stattfmden soll. Wenn auch die Regierung Bald-win nicht gerade gefährdet ist, so wird sie doch recht heftige Angriffe über sich ergehen lassen müssen. Das Gleiche gilt übrigens für i La o a l, der ebenfalls auf eine starke Opposition stößt. Baldwin hat nun im Unterhaus erklärt, als die ersten Angriffe gegen die Regierung gerichtet, wurden, datz er nicht sprechen könne, seine Lippen seien versiegelt. Wären die Schwierigkeiten vorüber, würde er die Verteidigung ausnehmen, und er würde garantieren, datz nicht einer der Abgeordneten seine Stimme gegen die Regierung abgeben würde. Die Frage ist, werden die Lippen des englischen Ministerpräsidenten entsiegelt? Liegt der Grund für die völlige Schwenkung, die die einst so sanktionsfreudige Regierung Baldwin vorge- iwmmen hat, darin, datz die Sanktionen nicht so wirksam sind, wie man es in London erwartete und datz die Olsperre überhaupt nicht durchzusetzen war, was dann laber ein Fiasko fiir.die von der Regierung
Baldwin verfochtene Si cher heit s Politik ■ bedeuten würde. Schon glauben englische Sonntags-
Aätter, datz die Sanktionen tot sind, ja, man
Die griechische Innenpolitik.
Athen, 15. Dez. Die Nationalversammlung ist auf Grund der von Tsaldaris eingeleiteten Unterschriftensammlung aus Mittwoch, 18. Dezember, einberufen worden. Die Haltung der Regierung gegenüber diesem Schritt ist noch ungeklärt.
Armenische Studenten verbrennen ein Bild Franz Werfels.
Istanbul, 16. Dez. (Eig. Drahtmeldung.) Die armenische Studentenschait in Instanbul hat auf -dem Vorhofe der -armenischen Kirche ein Bildnis des jüdischen Schriftstellers Franz Werfels verbrannt. Den Anlaß zu dieser Tat gab das von Werfel geschriebene Buch „Die 40 Tage aus dem Mus -a d -a g“, das jetzt trotz mehrfachen türkischen Einspruches in Amerika verfilmt werden soll. Da dieses Buch die Behandlung der Armenier in einer für die Türken ungünstigen Form geschildert hat, -so hat sich in der Türkei eine Welle des Protestes erhoben, von der auch die Armenier erfaßt wurden. Ilm zu beweisen, daß die in der Türkei lebenden Armenier mit dem jüdischen Literaten und seinem Werk nichts zu tun haben, -wurde «dessen Bi-l-d und ein Exemplar des Buches auf einem mit Benzin übergossenen Scheiter- hausen verbrannt. 3n -den bei dieser Gelegenheit gehaltenen Ansprachen kam die Verachtung des armenischen Volkes für die Juden zum Ausdruck, die von jeher versucht hätten, zwischen Türken -und Armeniern Zwietracht zu sähen. Das armenische Volk wolle heute in der Türkei mit -den Türken -in Frieden leben -und -laste es nicht zu, -datz ein jüdischer Schri-ftsteller diesen Frieden störe.
Wechsel auf dem ungarischen Gesandtenposten in Berlin.
Feldmarschalleutnant Sztojay ernannt.
Budapest, 15. Dez. Der Reichsverweser hat den ungarischen Ees-andten in Berlin, Dr. Konstantin Masi re - vich, abberufen und den königlichen ungarischen Feld- marschalleutnant Sztojay zum außerordentlichen Ge- ianbtett und bevollmächtigten Minister ernannt und ihm in der Eigenschaft eines Gesandten mit der Leitung der Berliner ungarischen Gesandtschaft betraut.
Das neue spanische Kabinett gebildet.
Durchführung von Neuwahlen.
Madrid, 15. Dez. Nach fünftägiger Dauer der Krise wurde am Samstagnachmittag das neue spanische Kabineti bekanntgegeben. Vorfitz und Innenminister: Portela Valladares, Außenministerium Martinez de Vela-co (auch im alten Kabinett Außenminister). Die neue Regierung ist eine ausgesprochene Minderheit-- Regierung und setzt sich in der Hauptsache aus dem Staatspräsidenten nahestehenden Männern zusammen. Die Regierung hat, wie verlautet, die Auslösungsver- o i d n u n g für das Parlament mitbekommen, so daß damit 5U rechnen ist, daß die Lebensdauer dieses Kabinetts verhält- uismäßig kurz fein wird, und seine Arbeit sich darauf beschränken dürfte, das Parlament aufzulösen und die Neuwahlen durchzufirhren.
Die ägyptischen Nationalisten kämpfen werter.
Fortdauer der englandfeindlichen Kundgebungen in Kairo.
. Kairo, 15. Dez. Die S t r atz en k undg e b ungen ,il Kairo dauerten auch am Samstag weiter an, ohne daß e= zu ernsteren Zwischenfällen gekommen wäre. Studenten und Arbeiter durchzogen bis in die späte Nacht unter Vor- airtragen der Nationalflagge die Straßen des Europäer- = Arteks unter unablässigen Hochrufen auf den Führer der
Vrafd-Partei, Nahas Pascha, sowie den Forderungen Zum sofortigen Abschluß eines Vertrages mit England.
_ Tausende von Menschen, insbesondere Studenten, Schüler und Schülerinnen, durchfuhren den ganzen Tag aus den überfüllten Straßenbahnen, an den Trittbrettern oängend und auf den Dächern sitzend, die Straßen. Alle
Kundgebungen wurden von starken Polizeiaufgeboten überwacht.
Wie erst am Sonntag bekannt wurde, ist es am Samstag zu einem schweren Zwischenfall gekommen, als sich eine Erup.pe von Kundgebern gegen englische Soldaten wandte. Daraufhin wurden sofort alle in der Stadt befindlichen Soldaten in ihre Kasernen beordert und durch Vorstellungen frei dem Ministerpräsidenten Schutzmaßnahmen für die englischen Soldaten und die Ausländer gefordert.
Der Ministerpräsident unterrichtete den Führer der Wafd-Partei und dieser erklärte den Studentengruppen, daß ein solcher Vorfall ein Verbrechen am Vaterlande sei. Die Kundgebungen müßten ein Ende nehmen und die Weiterarbeit den Alteren überlasten werden. Die Studenten versprachen, auf ihre Kameraden in diesem Sinne einzuwirken.
Wird am Mittwoch, den 18. Dezember, wenn die tschechoslowakische Nati ou al-oe rs-amn ilung zusammen- tritt, Eduard Benesch, bisher Außenminister, zum Nachfolger des z-urück-getret-enen Präsidenten Thomas E. Mäfaryk gewählt werden? Das ist eine Frage, die nicht nur die Tschechoslowakei, sondern auch das ädrige Europa interessiert, denn Benesch hat jahrelang in der europäischen Politik eine Geschäftigkeit entfaltet, die ihn als einen der schärfsten Vertreter einer bestimmten Richtung erkennen ließ. Benesch strebt die Nachfolge Masaryks an, und eine Weile lang schien es, als habe er keinen ernstlichen Mitbewerber zu befürchten. Schon die Tatsache, datz er seit der Zeit der illegalen Freiheits- kä-mpfe -der Tschechen zu den engsten Vertrauten und Mitarbeitern Masaryks gehörte, -hat ihm einen gewissen moralischen Anspruch darauf gegeben, -seinen grotzen Führer und Meister z-u beerben. Aber es sind neuerdings Widerstände gegen die Kandidatur Beneschs aufgetaucht, die nicht nur auf -innenpolitische Gegensätze znrückgehen — B-enesch ist der Mann der Linken, und die Rechte präsentiert an -seiner Stelle Pro-fessor Ne-metz, den Vorsitzenden des Nationa-lrats — auch die Autzenpolitik Beneschs, das Gebiet, auf dem er sich seit Bestehen der tschechoslowakischen Republik so gut wie ausschließlich und -mit Leidenschaft betätigte, ist Gegenstand von Zweifeln und ernsten Angriffen geworden. Die Krisis des Kabinetts Hodza, die noch vor der Rücktrittserklärung Masaryks ausbrach, und beinahe eine Neubildung des Kabinetts noch vor der Präsidentenwahl notwendig gemacht hätte, ist zu einem Teil darauf zurückzuführen, datz Hodza die von Benesch betriebene und vollzogene Annäherung an Moskau für falsch hält.
Der Nimbus, von dem Ben-esch heute noch zehrt, stammt ans den Tagen, als er gemeinsam mit Masary! gegen die Habsburger Monarchie konspirierte. Ein Zufall hatte die -beiden in den Septembertagen des Jahres 1914 zuf-ammeng-efuhrt. Das, was sie verband, war die gleiche glühende Liebe zur tschechischen Nation und der nicht weniger glühende Hatz gegen die Habsburger Dynastie -und das System der von Wien aus regierten Doppelmonarchie, in dem sie alle Hoffnungen und berechtigen Ansprüche ihres Volkes erstickt sahen., Masaryk, hochanges-ehener Wissenschaftler und Professor der Prager Universität, suchte in seinem Bemühen, die Erweckung des Tschechentums zu organisieren, nach regen Menschen, die ihm -dabei behilflich sein konnten. Er fand in Benesch einen seiner geschicktesten -und -hingebungsvollsten Anhänger.
Die Zeit der Ernte für das Tfchechentum und für diejenigen, die ihm staatliche Befreiung verschaffen wollten, kam im Weltkriege. M-asaryk, dessen politische Tendenz -und Tätigkeit in Wien ja hinlänglich bekannt war, zog es bald nach Kriegsausbruch vor, ins Ausland zu gehen, um bei -den Gegnern der Mittelmächte für die Durchsetzung der tschechischen Ansprüche zu werben. Benesch blieb zunächst in Prag zurück, fand es aber nach Jahresfrist für geraten, den Sitz feiner Tätigkeit nach Paris zu verlegen. Von dort -aus organisierte, er den Zusammenschluß der im Auslände lebenden Tschechen. Er hatte hervorragenden Anteil an der, tschechischen Legion, dke sich hauptsächlich aus Kriegsgefangenen, und Überläufern des österreichischen Heeres zufa-mmenfetzte. Vor allem entfaltete er eine ausgedehnte journalistische Tätigkeit, er versorgte die Zeitungen iu den Entente- staaten mit Nachrichten, Notizen und Artikeln, die einerseits -die Anmöglichkeit dartun sollten, die österreichisch-ungarische Doppel Monarchie weiter bestehen zu lagen, -und die andererseits immer wieder das heilige Recht der Tschechen auf eigene staatliche Existenz zu begründen versuchten. Es war ein schwerer Schlag für seine Propagandatätigkeit, als Kaiser Karl nach dem Tode Franz Josephs eine betont tschechenfreundliche Politik einschlug. Von den Denkschriften, die -der Friedenskonferenz -der Alliierten -in Paris vorlagen und die das Tschechenproblem behandelten, hatten viele Benesch znm Verfasser.
Es war selbstverständlich, datz nach der Errichtung der tschechoslowakischen Republik Benesch zu den Männern gehörte, die den -neuen Staat führten. In seiner Autzenpolitik hat sich die Grundrichtung, von der fein politisches Denken von Anfang an beherrscht war, nie verleugnet: er war der Todfeind des Habsburger Reiches. Seine Wiederauferstehung in irgendeiner Form ist ihm immer als Bedrohung dessen erschienen, was er -und seine Freunde schlietzlich für sein Volk erreicht hatten. Es gibt mehr als eine in hochamtlicher Form getane Äußerung Beneschs, in der er die Restauration der Habsburger als Kriegsfall bezeichnet. Die Sicherung der in den Pariser Friedensverträgen für die [ Tschechen erlangten Beute war ihm der übergeordnet«
