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83. Jahrgang.

Freitag, 11. Oktober 1935.

Nr. 278.

Griechenland wieder Monarchie.

General Kondylis Statthalter. — Volksabstimmung am 3. November.

Georg II. zur Rückkehr aufgefordert.

Das Heer greift ein.

as. Berlin, 11. Okt. (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung.) Die Zahl der Republiken ist seit gestern um eine geringer geworden. In Griechenland hat das Parlament die Monarchie wieder her­gestellt und als königlichen Statthalter den bisherigen Kriegsminister und jetzigen Ministerpräsidenten General Kondylis bestimmt. Diese Entwicklung kommt nicht überraschend, denn die Frage der Staats­form spielt seit längerer Zeit in Griechenland eine große Rolle. Es scheint, als ob der letzte mißglückte Aufstand Venizelos', der für Griechenland einige gefährliche Stunden brachte, die Zahl derjenigen vermehrt hat, die in der Monarchie die Rettung sehen. Zum mindesten gilt das für den jetzigen Statthalter Kondylis. Er hat bis zu diesem Zeitpunkt die Republikaner unterstützt und sich gegen alle monarchistischen Bestrebungen ge­wandt und alle militärischen Diktaturabsichten bekämpft. Rach der Niederschlagung des Venizelos- Putsches wurde Kondylis zum eifrigsten Verfechter der monarchistischen Staatsform. Während nun der in seinem Inneren von jeher monarchistisch eingestellte Ministerpräsident Tsaldaris die Lösung dieser Frage nicht beschleunigen wollte, setzte sich Kondylis für eins f ch n e l l e E n t f ch e i d u n g in der Frage der Staatsform ein. Im Verfolg dieser Politik haben gestern die monarchistisch eingestellten Kreise der Armee die Forderung nach der sofortigen Ausrufung der Monarchie erhoben. In der vorher­gehenden Nacht waren an allen Mauern der griechischen Hauptstadt Bilder des früheren Königs Georg ange­klebt worden und zugleich wurde die Bevölkerung aufge- fordert, vor dem Parlament Kundgebungen für die Monarchie zu veranstalten. Unter diesem Druck trat die Regierung Tsaldaris zurück. Der bisherige Ministerpräsident erklärt dazu der Presse: „Wir sind nicht zurückgetreten, man hat uns hin­an s g ew o rf en.“ Es wurde eine neue Regierung unter der Führung Kondylis gebildet. Das Par­lament hat die republikanische Verfassung außer Kraft gesetzt und die monarchistische Ver­fassung vom Jahre 1911 w i ed er her ge­stellt. Bis zum 3. November, dem Tage der Volks­abstimmung, wurde KoUdylis zum königlichen Statt­halter bestimmt. Zugleich forderte man -den in Eng­land lebenden früheren König Georg II. zur Rückkehr

auf. Ob der König diesem Ruf Folge leisten wird, steht im Augenblick noch nicht fest. Bisher hat er sich strikt gegen einen Putsch ausgesprochen und verlangt, daß die Entscheidung allein auf dem Wege einer freien Volksabstimmung erfolgen müsse. An dieser Auf­fassung scheint er auch jetzt festzuhalten, wobei schließlich die Frage entstehen würde, ob der König die jetzt für den 3. November angesetzte Volksabstimmung als ein­wandfreie Feststellung des Völkswillens betrachtet oder nicht. Es bleibt zunächst auch noch abzuwarten, wie die Republikaner sich zu der neuen Entwicklung stellen, zu­mal auch die Armee heute noch stark von republikani­schen Elementen durchsetzt ist. Die Republik wurde in Griechenland am 25. März 1924 errichtet nach etwa anderthalbjähriger Regierungszeit des Königs Georg. Der König ist mit einer rumänischen Prinzessin ver­heiratet. Er wurde am 19. Juli 1890 geboren und er­hielt seine Erziehung in Griechenland und in Deutsch­land, war doch seine Ak utter Sophie die Schwester des früheren deutschen Kaisers. So hat König Georg auch die Kriegsakademie in Berlin be­sucht.

Das neue griechische Kabinett.

Athen, 11. Okt. Das neue griechische Kabinett ist nunmehr gebildet. Von -den Ministern seien genannt:

Ministerpräsident: General Kondylis, Vizepräsident und Außenminister: Schetoky, Kriegsminister: General Papagos, Luftfahrtxminister: General N i o l a i d o s, Marineminister: Admiral Du sman i s, Innenminister: Sch irnas.

Auch die Posten der Generälgouverneure in Maze­donien, Epirus, Thrazien und Kreta wurden neu be­setzt.

Jubel in Athen.

Athen, 11. Okt. Während -der Sitzung der National­versammlung hatte sich vor der Kammer eine riesige Menschenmenge angesammelt, die mit großer Spannung auf die Beschlüsse der Versammlung wartete. Als dteise bekanntgegeben wurden, erhob sich unbeschreiblicher Jubel. Besonders groß ist die Begeisterung beim Heer und den Royalisten. Alle Straßen der Hauptstadt sind voll von Menschen, die die neuen Ereignisse besprechen und ihren Beifall kundtun. Ruhestörungen haben sich nicht ereignet.

Neue Kämpfe um Adua.

2500 Italiener niedergemetzelt?

Ein Reuterbericht.

London, 11. Okt. (Eig. Drahtmeldung, 13.35 Uhr.) Reuter behauptet in einer Meldung aus Addis Abeba, daß wie aus abessinischer Quelle verlautet, die Truppen des Gouverneurs Ras Seyum in der Nacht zum Freitag «ach einem überraschenden Gegenangriff die Stadt Adua umzingelten und die gesamte italienische Besatzung in Stärke von 2500 Mann niedergemetzelt haben. Tausende von Gewehren, zahlreiche Maschinengewehre und Feld­geschütze und viele Millionen Patronen sollen den An­greifern in die Hände gefallen sein. Auch auf abessinischer Seite seien, wie Reuter weiter meldet, schwere Verluste zu verzeichne«. Der Gegenangriff kam für die italie­nische Besatzung völlig überraschend. Unter dem Schutz der Dunkelheit rückten starke abessinische Streitkräfte auf dem rechte» Flügel der italienischen Linie vor, worauf sich ein verzweifelter Rahkamps entwickelte. Gnade wurde auf keiner Seite verlangt und auch nicht gewährt. Die Abessinier, die ihrem Gegner leicht überlegen waren, kämpften mitBajonette«, Speeren undDolchen. In dem Reuter-Bericht wird die Vermutung ausgesprochen, daß die Italiener ohne große Verzögerung zum Gegen­angriff ansetzen werden, obwohl nach den wilden Kämpfen, die die ganze Nacht über andaucrten, wahrschein­lich auf beiden Seiten eine kurze Atempause benötigt werde. Wie weiter berichtet wird, setzte der erfolgreiche abessi­nische Angriff aus Adua am Donnerstagabend um 20 Uhr ein.

Italien meldet Borposten-Gefechte.

Asmara, II. Okt. (Eigene Drahtmeldung.) Fnnk- fpruch des Kriegsberichterstatters des DRV. Der linke Flügel der italienischen Streitkräfte unter General Santini drückt von Endagamus auf Makalle, wo Ras Selaffie Gugsa mit abessinischen Truppen untätig steht. In italienischen Kreisen verlautet, daß dies vermutlich auf politische Gründe zurückzuführen sei, da Ras Gugsa mit RasSeyunl ver­feindet sein soll. Hingegen leisten die Streitkräfte vom Ras Seyum dem italienischen Vormarsch Widerstand.

Die italienische Mittelgruppe unter General Biroli steht zur Zeit hinter Amba Augher.

Der rechte italienische Flügel unter General M a r a - Diana hält die Höhen und Täler in der Umgebung Aduas besetzt. 3n allen Frontabschnitten finden Vorpostengefechte statt.

An der durch den Setit Takkazefluß gebildeten Eritrea- Grenze werden von den kriegerischen ädestinischen Stämmen andauernd Überfälle auf die italienischen Eingeborenen­truppen unternommen.

Von italienischer Seite sind noch immer keine ge­nauen Angaben über die eigenen Verluste zu er­halten was «damit begründet wird, daß viele bei den letzten Kämpfen eingesetzte Abteilungen noch vermißt werden. Erne Zahl von 60 Töten und 200 Verletzten dürfe jedoch nicht zu hoch gegriffen sein.

Vormarsch der italienischen Südarmee.

London, 11. Okt. Wie Reuter aus Addis Abeba be­richtet, hat die italienische Südarme c am Donnerstag den Dormäfch nach Norden durch das Gebiet von Ogadcn, aber in einer gewissen Entfernung von der Grenze von Britisch- Somalilawd. begonnen. Seit mehreren Tagen hatten italie­nische Bombenflugzeuge das Gelände erkundet und Ansamm­lungen abessinischer Truppen mit Bomben belegt.

Marschall Badoglio auf dem Weg nach Ost-Afrika.

Neapel, 11. Okt. Marschall Bado-glio, der General­stabschef des Heeres, und Les so na, der Unterstaats- fekretär für die Kolonien, haben sich an Bord des Dampfers „Bianoamano" nach Ostafrika eingefchifft.

Ruck durch England.

Durch den englischen Staatskörper geht fast ein hör­bares Sich-straffen. Eine Periode der englischen Politik ist abgeschlossen, eine neue beginnt. Die zu Grabe getragene fing an mit dem Ende des Welt­krieges. Sie kann dahin charakterisiert werden, daß sie ein tiefes Aufatmen und die Verlockung eines wohligen sich Ausruhens war. Der Krieg ist für den Engländer, und die Staatspolitik folgt ihm hierin, eine unangenehme Unter­brechung des Friedens, ein unproduktives Zehren an dem geliebten Reichtum, eine ungesunde Verlagerung der Kräfte vom Handel auf den blutigen Sportplatz. Nach dem Kriege galt es deswegen, aufzuholen. England war das einzige Land, das die Schäden des Krieges langsam, ohne wesent­liche Erschütterungen und aus den eigenen Kraftreserven wieder gutmachte, die moralischen Veränderungen der Ge­sellschaft ungerechnet, die von Kennern als tiefgehend be­zeichnet werden, aber wahrscheinlich überschätzt werden.

Die Verträge, auf denen der europäische Frieden begründet war, wurden in England als mangelhaft emp­funden und bald von den englischen Urhebern selbst hart kritisiert. Aber sie waren die Basis, auf der sich England erholen wollte. Dazu waren zwei ihrer Bestimmungen vor­züglich geeignet: die allgemeine Abrüstung, die Versailles versprach, und die Organisation des Völkerbundes, die künf­tige Kriege verhindern sollte. Das waren Gedanken ganz nach englischem Sinn, eine Paarung von Ideal und Vorteil, gegen die andere Bestimmungen der Verträge, wie territoriale Ungeheuerlichkeiten, entstehende oder ungerechte Diskriminationen der ehemaligen Gegner allzu leicht ge­wogen wurden. Mit den für England wünschenswerten Punkten der „Neuordnung der Welt" nahm man es da­gegen sehr genau und ehrlich, England war der einzige Siegerstaat, der abrüstete, zum mindesten nicht aufrüstete. Es lebte, wie ihm jetzt von französischen Freunden halb ver­weisend, halb triumphierend gesagt wird, von den Reserven des Krieges. Das Budget für das Landheer, ohnehin das Stiefkind Englands, wurde mehr als kärglich bemesien. Die Flotte wurde zur Not gegenüber der Frankreichs und Italiens, die dem 1930 mit den Vereinigten Staaten und Japan geschlossenen Verhältnisabkommen nicht beigetreten waren in der traditionellen Überlegenheit gehalten. Die neue fünfte Waffe, das unheimliche Fragezeichen künftiger Kriege^ die die Beherrschung der Lust vielleicht zur Ent- scheidyng macht, wurde fast gänzlich vernachlässigt, ist jetzt eine schwere Sorge Englands, aber auch Gegenstand der un­gewöhnlichen Energie und Leistungsfähigkeit dieses merk­würdig lästigen und doch stahlharten Landes.

Es dauerte lange, bis sich England überzeugte, daß die Abrüstung ein Betrug, nicht einmal ein frommer, war, dem die Machtstellung Englands zum Opfer fallen mußte wenn es noch länger an ihn glaubte. Die deutsche Aufrüstung war die entscheidende Aufklärung Englands, nicht weil sie eine Bedrohung Englands darstellt, so oft dies auch in der zwangsläufigen Argumentation der auf ein Ziel eingeschossenen Propaganda behauptet wurde, sondern weil Deutschland es gewagt hatte, den letzten Schleier von der vernebelten europäischen Situation wegzuziehen. Von diesem Augenblick wußte England, daß es mit der Abrüstung nichts wird oder daß sie von einem ganz andern Ende wieder an­gefaßt werden muß. Das Flottenabkommen mit Deutsch- ianb war die erste überraschend schnelle und notwendige Folgerung der neuen Lage. x

Von den Ruhepolstern der Friedensverträge blieb noch der Völkerbund mit seiner paragraphenreichen Versicherung gegen den Krieg. In keinem Lande war der Glaube an ihn so tief, allgemein und ehrlich, wie in England. Wir haben schon gesagt, warum; aber es war auch viel Frömmigkeit und Ideal dabei. Der Völkerbund funktionierte schlecht und kompromittierte sich, wo er nur konnte. Das sah man auch in England. Dinge wie Oberschlesien, Ruhrbesetzung, Memel die Auslieferung Chinas und anderes waren nicht nach seinem Geschmack, und die Direktion des Bundes und der europäischen Politik durch Frankreich reizte die Nerven des letzten englischen Außenministers alten Schlages, der Lord Curzon, oft genug bis zum Zerreißen. Aber das Be­dürfnis nach Ruhe, die Rücksicht auf den in vielen Dingen geradezu psychopathischen Kriegsfreund, wohl auch die ge­heime Furcht vor seiner Gewalttätigkeit, blieben vor­wiegend. Auch innere Strukturwandlungen der englischen Politik, die lange Herrschaft der Arbeiterpartei, ine Qualität der neuen Staatsmänner, trugen dazu bei, daß England das halbe Menschenalter nach dem Kriege die Führung an Frankreich verlor, dieser neuen, noch mehr gefährlichen als beschämenden Tatsache mit fatalistischer Er­gebenheit zusah und verwundert zuhörte, daß man überall in der Welt vom Niedergang der englischen Weltmacht sprach und es gelegentlich auch fühlen ließ.

Dann kam die abessinische Frage. Die Hoch­rüstung Italiens hatte man in England als die notwendige Maskerade eines nicht unsympathischen Diktators angesehen, jedenfalls nicht als bedrohiich empfunden, zumal sie Frank­reich in Bescheidenheit halten konnte, ehe sich die beiden im Januar dieses Jahres überraschend gefunden hatten. Als das Ausmaß der italienischen Pläne in Afrika sichtbar wurde, wachte England auf. Was es noch im Frühlicht des neuen Tages, aber schon in festen Umriffen vor sich sah, war nicht sehr erhebend: hochgerüstete Mächte, die, wenn sie sich zusammenfanden, dem zwar wieder leidlich wohlhabend ge­wordenen, aber schlecht mit Waffen versehenen England ihren Willen aufzwingen und es langsam ohne Krieg und Gewalt von der stolzen Höhe seiner Weltmachtstellung herunterholen konnten. Die Erkenntnis ist bitter, aber sie kommt nicht zu spät. Noch ist England eine gewaltige Macht. Wer mit ihm geht, dem kann nicht viel geschehen; seine