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Dienstag, 19. Oktober 1937.

Wiesbadener Tagblatt

Zweites Blatt. Rr. 244.

cNzuj2s aus alLuFLÜdf.

Ein schwieriger Recbtsfall.

Mtwe Maria Richterova versah in einem Prager Grotzkino ein wichtiges Amt. Sie war die Behüterin jenes Ortes, den Damen und Herren auszusuchen pflegen, sobald sie das Gefühl beschleicht, sich für längere oder kürzere Zeit oon dem Getriebe der Welt zurückziehen zu müssen. Dieser Raum war, wie es sich für ein Prager Grotztino ziemt, äußerst luxuriös ausgestattet. Kalt- und Warmwasser rieselte aus Wunsch in das vorhandene Waschbecken und von der hlühweitz gekachelten Wand blinkte ein prächtiger Vene- tianer Spiegel. Das Eintrittsgeld in diesen Raum war daher 8- auch entsprechend hoch und betrug bis zur Abwertung der tschechischen Währung eine Krone und seither eine Krone und 50 Heller. Herr Reznicek, der Kinobesitzer, schärfte Frau Richterova täglich ein, niemanden, wer es auch sei, in ihren Amtsbereich eintreten zu lassen, bevor er nicht die vorge- schriebens Gebühr beglichen hat. Eher hätte er lieber eine Freiloge ins Kino gewählt, als jemandem den freien Ein­tritt in dieses Kabinett gegönnt. Und Frau Richterova war so gewissenlos, das Gebot ihres Chefs zu mißachten, wodurch sie, wie wir sehen werden, sogar mit dem Gericht in Konflikt kam. Ihr Dienst war zwar nicht besonders aufreibend, hielt sie aber bis gegen Mitternacht in ihrem Amtslokal fest. Witwe Richterova hatte einen Sohn, der Kellner in einer be­nachbarten Gastwirtschaft war, die gewöhnlich um dieselbe Zeir wie das Kino geschlossen wurde. Er kam daher fast regelmäßig, die Mutter zur gemeinschaftlichen Heimkehr nach Smichov, wo die beiden wohnten, abzuholen. Bei dieser Gelegenheit suchte er nicht selten die von der Mutter be- dütete und betreute Örtlichkeit auf, und wir können es dem Mutterherzen gewiß nicht verübeln, wenn sie in diesen Fällen von der Einhebung des vorgeschriebenen Obulus Abstand nahm. Weniger einsichtsvoll dachte aber Herr Reznicek, als ihm ein Ohrenbläser Mutter Richtrroväs Vergehen zur Kenntnis brachte. Er stellte diese barsch zur Rede, aber auch sie war nicht aus den Mund gefallen und nannte ihn einen Wucherer, der die menschliche Not auf unerhörte Weise aus- beutet. Herr Reznicek dagegen behauptete, die Frau sei eine Betrügerin, die ihn um Eintrittsgelder geschädigt habe. Kurzum ein Wort gab das andere und das Ende der Unter­haltung war, die Einbringung beiderseitiger Ehrenbeleidi­gungsklagen. Herr Reznicek klagte, wie er behauptete, aus prinzipiellen Gründen auch auf Schadenersatz von 15 Kronen für entgangenes Eintrittsgeld. Der Bezirksrichter, welcher sich mit den Klagen der beiden zu befasien hatte, wackelte be­denklich mit dem Kopf. Lin Fall, in welchem es einer Mutter verwehrt fein soll, dem Sohne zu verbieten, zu tun, , was kein Mensch auf der Welt für Sünde hält, war ihm noch " nicht vorgekommen. Bezüglich der Ehrenbeleidigungen kam es zu einem Ausgleich. Beide Parteien, zogen ihre Be­schimpfungen mit dem Ausdruck größten Bedauerns zurück. Hinsichtlich der 15 Kronen sprach der Richter Witwe Richte- rova aber frei, und zwar mit der Begründung, daß eine Mutter ihrem Kinde nicht verwehren kann, zu tun, wozu es von höherer Gewalt gezwungen wird, auch wenn das Kind bereits erwachsen ist.

Kurwenal" ist tot. Der berühmte TeckelKurwenal", über dessen Wunderleistunaen an Denkvermögen sich die Wissenschaftler der ganzen Welt beschäftigten, ist im Alter von fast 9 Jahren gestorben.

DieRauschkartei- von Wien. In Wien gibt es eine f eigene Amtsstelle, die über die Räusche der Wiener getreulich Buch sührt. Das Fürsorgeamt der Polizei verfügt über ein umfangreiches Register jener Personen, die in alkoholisiertem Zustand die Aufmerksamkeit der Behörden er­weckt haben. Wahrhaftig Wien ist eine trinkfreudige Stadt! Nicht weniger ais 100 000 Namen sind im Laufe der Jichre in demTrinker-Reister" verzeichnet worden. Jeder Wiener, der die Autofahr-Prüfuiw machen will, muß zunächst nachweisen, daß er nicht in der Rauschkartei der Polizei ver­zeichnet ist. Auch bei Vergehen wenden sich die Behörden an das Fürsorgeamt der Polizei, um zu ermitteln, ob der Misse­täter ein notorischer Liebhaber des Alkohols war. Im Jahre 1926, als diese Amtsstelle gegründet wurde, sind die meisten . Beanstandungen, nämlich über 20 000, registriert worden.

Zwei Flugzeuge zusammengestoßen. In der Gegend von O st e n d e ereignete sich Montagnachmittag ein Flugzeug- . Unglück durch Zusammenstoß zweier Militärflieger in der F Lust. Der Pilot und der Beobachtungsofsizier des einen Flugzeuges Wrangen mit Fallschirmen aus ihrer Maschine. Während der Beobachtungsoffizier unversehrt landete, blieb der Pilot mit seinem Fallschirm hängen und das Flugzeug riß ihn in die Tiefe. Der Pilot war sofort tot. Die andere ! Maschine konnte mit leichten Beschädigungen ihren Flug­hafen erreichen.

Seine Pslauzeu brachte er heim. Der englische Himalaja- Forscher F. S. Smythe ist nach einer Expeditionssahrt, die sich über drei Monate hinzog, nach Nord-Indien zurückgekchrt. In dieser Zeit hat er sieben Gipfel im Himalaja erstiegen. U. a. überwand er auch den Nilgiri, eine Bergspitze von mehr als 6300 Metern. Dagegen versuchte er sich vergebens am - Rataban. Er mutzte schließlich die Versuche, einige weitere Berggipfel zu erobern aufgeben, da das Wetter zu schlecht geworden war. Er hatte die ganze Reise nur unternommen, um für den botanischen Garten in Edinburgh einige seltene Samen von Himalaja-Pflanzen zu sammeln. Außerdem bringt er dann noch eine große Menge derartiger Pflanzen mit, die zu Experimental-Zwecken benutzt werden sollen.

Um denGroßen Preis von Europa".

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ImGroßen Preis von Europa" siegten die englischen Amateurtänzer Wells-Sifsons (die unsere Auf­nahme zeigt) vor den beiden deutschen Paaren Otto T e y p e l und Frau (Wiesbaden) und Saure-Rauchholtz (Berlin). Das Turnier fand in den Sälen des Berliner Zoos statt. (Schirner-Wagenborg-M.)

Großflugzeug in den Rockif-fflountains abgekürzt.

16 Passagiere und drei Besatzungsmitglieder tödlich verunglückt.

Sait Lake City. 19. Okt. (Funkmeldung.) Das Trans- kontinental-Eroßflugzeug der United Air Lines, das mit 16 Passagieren und drei Mann Besatzung an Bord seit 14 Stunden überfällig war, wurde von Flugzeugen aufge­sunden, die zur Suche aufgestiegen waren. Auf der Kuppe des über 3000 Meter hohen Chalk Mountain, etwa 26 Meilen südlich des Dorfes Knight (Wyoming) wurden die Trümmer des vermißten Flugzeuges gesichtet. Infolge der zerklüfteten Berggegend, war es den suchenden Flugzeugen nicht möglich, tief herunterzugehen oder in der Nähe des Wracks zu landen. Die Trümmer lagen weit verstreut, von den 19 Insassen des verunglückten Passagierflugzeuges war kein Lebenszeichen zu bemerken.

Aus den nahe liegenden Dörfern und aus Fort Douglas Utah brachen sofort Rettungsmannschaften und eine Militär­abteilung auf, die den Unglücksort jedoch infolge der Un­zugänglichkeit kaum vor Dienstag erreichen können. Außer­dem erschweren Schneestürme auf den Höhen der Rocky Mountains eine Bergung.

Gangfier und die Demokratie.

New York, 18. Okt. 2m Kampf gegen das Verbrecher­tum entwickelte sich in P r o v i d e n c e in Rhode Island eine einzigartige Situation. Der demokratische Staatsgouverneur Quinn sah sich gestern gezwungen, vor der geplanten Er­öffnung der Herbst-Rennsaison die Rennbahn Narran- g a n s e t t von 300 Nationalgardisten, mit Stahlhelm und Tränengasbomben und aufgepflanzten Seitengewehren aus­gerüstet, besetzen zu lassen. Der Ausnahmezustands wurde verhängt, da begründete Annahme bestand, daß Gangster und sonstige Verbrecher der Eröffnung beiwohne und eine Lage schaffen würden, der die Ortsbehörden nicht mehr gewachsen sind. Der Leiter des Büros für öffentliche Sicherheit und demokratische Mehrheitsführer wird daraufhin gegen den Gouverneur Anklage erheben wegen der Mobilisierung der Staatspolizei. Man sieht hier mit größter Spannung der Weiterentwicklung dieser eigenartigen Situation entgegen.

Londoner Nebel verursacht sechs tödliche Unfälle. Sonn­tag wurde London von dem ersten der alljährlich im Herbst beginnenden gefürchteten Nebel befallen. Wie sich am Mon­tag herausstellte, wurden durch die gestörte Sicht doch erheb­lich mchr Verkehrsunsälle verursacht, als man ursprünglich annahm. Insgesamt sind bei Zusammenstößen sechs Menschen getötet und 40 verletzt worden.

Unfall des Luxuszuges ParisRom. Der Luxuszug ParisRom fuhr am Montag um 12.06 Uhr auf dem Bahn­hof Arcola bei Spezia infolge Versagens einer Weiche auf einen Güterzug auf. Obwohl die beiden Maschinen und einige Wagen des Luxuszuges entgleisten, sind Fahrgäste nicht zu Schaden gekommen. Dagegen wurde der Bremser des Güter« zuges tödlich verletzt. ______________________

15 Wofjnfjäuser eingeäsd)ert.

Warschau. 18. Okt. 3n dem Städtchen Glowno bei Lodz entstand eine Feuersbrunst, durch die 15 Wohnhäuser eingeäschert wurden. Mehr als 20 Familien sind obdach­los geworden.

Blutiger Fußball. Der Sportplatz des Städtchens M e d y k a in der Nähe von Przemysl in Galizien wurde der Schauplatz einer blutigen Auseinandersetzung. Als eine dortige Fußballmannschaft im Kampf mit einem Fußballklub aus Przemysl zu unterliegen drohte, stürmten Zuschauer auf den Platz und schlugen auf die Mitglieder der siegreichen auswärtigen Mannschaft ein. Hierbei wurde ein Ange­höriger der Przemysler Mannschaft durch einen Messerstich so schwer verletzt, daß er starb, ehe ärztliche Hilfe herbei­geholt werden konnte.

Dünger aus dem Asch-Eimer. In Konsington wer­den zurzeit Versuche gemacht, um alte Abfälle, Papierreste, Überreste von Fleisch, Knochen, den Inhalt von Asch-Eimern usw. zu einem Kunstdünger zu verarbeiten. Es soll sich ge­zeigt haben, daß mit geringen Zusätzen und Veränderungen dieser Schutt und Abfall in einen sehr wirkungsvollen Humus verwandelt werden kann. Interessant ist, daß vorher das gesamte Material durch eine Tube läuft, die so stark er­hitzt wird, daß alle Krankheitskeime und schädlichen Bakterien vor der Verarbeitung des Materials abgetötet werden. Man will vorerst mit einer Verarbeitung im Rahmen von 50 000 Tonnen Humus im Jahr beginnen.

Wolkenbruchartige Regenfälle in großen Teilen Griechen­lands haben Athen und die Küstengegenden überflutet und schwere Schäden hervorgerufen. Aus der Stadt Hiraklion auf Kreta werden schwere Verwustuntzen und acht Todes­opfer gemeldet, die von den Wildbächen in das Meer fort­gerissen wurden. Ein Teil der Bevölkerung ist obdachlos geworden.

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Ankaras erste Rundfunkansagerin. Kemal Atatürk, der türkische Staatschef, hat Fräulein Emel Gazimihalnach London geschickt, wo sie in der dortigen Rundfunkiprecher|chule einen Kursus mitmachen wird. Die dunkeläugige 25jährige junge Dame wird der erste weibliche Rundfunkansager der Türkei sein. Bekanntlich hat die neue Türkei der Fran jegliche Gleichberechtigung gegenüber dem Mann zuerkannt, und es gibt keinen Beruf, der dem weiblichen Geschlecht verschlossen ist. . Indessen wurde das Amt des Rundfunksprechers bisher ausschließlich von Männern ausgeübt, da sich die Türkinnen als stimmlich nicht geeignet für diese Tätigkeit erwiesen. Fräulein Emel Gazimihal erhielt den TitelMädchen mit der goldenen Stimme". Sie spricht perfekt Englisch) Franzö­sisch und Deutsch, und wird auch in diesen drei Sprachen von ihrer Muttersprache abgesehen ihre Meldungen durch den eben erst eröffneten Großsender von Ankara in den Äther schicken.

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Ein neues Weltwunder: Das Christoph-Columbus- Kreuz. Die Regierung der Dominikanischen Repu­blik hat soeben die Pläne zu einem Bau genehmigt, der nach seiner Fertigstellung als ein neues Weltwunder unserer Zeit gelten soll. Die Anregung zu diesem Projekt geht von dem Präsidenten der Dominikanischen Republik, ; dem tatkräftigen Dr. Rafael L. Trujillo aus und hat auf dem ganzen amerikanischen Kontinent wärmste Aufnahme gefunden. Die mittel- und südamerikanischen Staaten haben sich bereit erklärt, an dem gigantischen Bauwerk mit« zuarbeiten, das in Ciudad-Trujillo, dem ehemaligen San-Domingo, erstehen wird. Es handelt sich um einen monumentalen Leuchtturm, der auf dem amerikanischen Kon­tinent nicht seinesgleichen haben wird. Dieser Turm soll zu Ehren von Christoph Columbus errichtet werden. Um dem Bauwerk eine besonders eigenartige Form zu ver­leihen, hat man auf Veranlassung des Präsidenten Trujillo ein interessantes Preisausschreiben erlassen, zu dem aus allen amerikanischen Ländern zahlreiche Einsendungen ein­gingen. Schließlich wurde der erste Preis einem Projekt zuerkannt, das als Krönung des Leuchtturms ein gigan­tisches Kreuz Vorsicht, auf dem dasewige Leucht­feuer" brennen wird. Dieses Kreuz soll, gleich der New Harter Freiheitsstatue, ein Symbol für den amerikanischen Kontinent sein und nicht nur den Schiffen, sondern auch den Flugzeugen und Luftkreuzern, die dem Überseeverkehr der Zukunft dienen werden, ein Wegweiser sein. _______

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