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Dienstag, 14. September 1937. Wiesbadener Tagblatt Zweites Blatt. Nr. 214.

Zeitungsbild verriet Raubmörder Schlitzkus.

Todesurteil für die Bluttat in Frankfurt-Zeilsheim.

Frankfurt a. M., 13. Sept. Die diesjährige vierte Tagung des Schwurgerichts in Frankfurt a. M. nahm am Montag ihren Anfang mit der Berhandlung gegen den Fritz Walter Schlitzkus, der des Mordes an dem in den fünfziger Jahren stehenden Schausteller August Bauer in Frankfurt a. M.-Zeilsheim beschuldigt ist.

Mit Diebstahl und Gefängnis begann es.

Der Angeklagte wurde am 15. August 1915 in Freiburg in Sachen unehelich geboren und hatte noch drei uneheliche Geschwister. Fünf Jahre nach seiner Geburt heiratete seine Mutter. Als er bei einem Schneider in die Lehre ging, ent­wendete er nach einiger Zeit einem Gehilfen einen kleinen Geldbetrag, was angeblich nur in der Absicht geschah, um den Beruf und die Stelle aufgeben zu können. Cer fand Be­schäftigung in einer Glashütte und war später bei einem Landwirt tätig. Dort b e st a h l er einen Knecht. Zur Aus­hilfe bei einem Gastwirt angestellt, beging er auch dort einen Diebstahl. 1932 wurde er in eine Fürsorgeanstalt ein­gewiesen, aus der er sechsmal entwich, zweimal unter Mit­nahme von Fahrrädern. Im folgenden Jahr weilte er vier Monate in einer Nervenheilanstalt und schließlich verwahrte man ihn, um ihm eine Flucht unmöglich zu machen, in der geschlossenen Zwangserziehungsanstalt. Nach seiner Entlassung im Oktober 1935 begab er sich auf die Wanderschaft. Kaum fünf Monate später wurde er in Karls­ruhe wegen Rückfalldiebstahls und Landstreichens zu acht Monaten Gefängnis und sechs Wochen Haft verurteilt.

Mord wegen einer Geldbörse.

Anfangs Juni dieses Jahres hatte der Angeklagte die Strafe verbüßt und zwei Tage danach fand er ein Unter­kommen bei einem Landwirt in Weilbach im Taunus. Eines Morgens war Schlitzkus verschwunden. Auf einem hinter­lassenen Zettel teilte er mit, daß er Gelegenheit gehabt habe, mit einem Auto in seine Heimat zu fahren. In Wirklichkeit war der Angeklagte bei dem Althändler und Schausteller August Bauer in Zeilsheim in Stellung getreten. Er hatte Bauer in Weilbach kennen gelernt. Bei Bauer war Schlitzkus sozusagen Mädchen für alles. Er half im Hause, nahm am Altmaterialeinkauf teil und ging mit auf Messen und Märkte, wo Bauer einen Verlosungsstand betrieb. Als am 20. Juli abends Bauer sich in sein Schlafzimmer begeben hatte, ging Schlitzkus in seine Kammer, um Sachen zu holen. Als er zurückkam, mußte er durch das Schlafzimmer, in dem Bauer inzwischen eingeschlafen war. Seine Geldbörse hatte er auf seiner Hose liegen.

Schlitzkus beugte sich über Bauer, um die Geldbörse an sich zu nehmen, aber in diesem Augenblick soll sich Bauer bewegt haben. Der Angeklagte ging leise aus dem Zimmer, sah an der Tür, daß Bauer schlief, und bemerkte an der

Wand vor der Haustür die Axt, mit der er am Vormittag Holz zerkleinert hatte. Schlitzkus nahm die Axt und schlug sofort auf den Kopf seines Opfers, das die Augen öffnete, ohne eine Abwehrbewegung zu machen. Der Angeklagte will sich gesagt haben, daß ihn Bauer erkannt haben könnte, und er versetzte ihm zwei weitere Schläge auf den Schädel. Dann durchsuchte er verschiedene Behältnisse nach Geld, löschte das Licht im Schlafzimmer aus und begab sich in seine Kammer, wo er sich zur Abreise rüstete. Er erbrach zunächst noch eine Kammer, die Etzvorräte enthielt, packte stch Wurst ein und verzehrte auf der Stelle ein Stück Blutwurst.

Flucht aus dem Fahrrad.

Mit dem Fahrrad Bauers entfernte sich der Angeklagte zwischen 3 und 4 Uhr morgens. Seine Beute betrug etwa 50 NM. Er fuhr nach Bingen und kaufte sich auf der Strecke nach Koblenz ein Paar Halbschuhe, eine Hose und eine Jacke, da seine Kleider blutbefleckt waren. In Koblenz besuchte er ein Kino., Er vermied es in den folgenden Nächten, Quartier in einem Gasthaus zu nehmen und schlief in Ge­treideschuppen, Scheunen oder im Walde. In Bonn und Köln wohnte er siebenKinovorstellungen bei. Als er nach Hückeswagen kam, war sein Geld alle und er nahm eine Stelle auf einem Festplatz an. Dann wanderte er nach Hamm. Dort war Schützenfest und er fand bei einem Wirt Beschäftigung, der ein Bierzelt betrieb.

Am Biertisch erkannt.

Schlitzkus wurde am 9. August in Hamm festgenommen. 3n der letzten Nacht des Schützenfestes saß Schlitzkus mit einem Wirt am Biertisch und zechte. Der Blick des Wirtes fiel zufällig auf ein Stück Zeitung, mit dem ein Loch in der Zeltwand überklebt war. In der Zeitung war das Bild des gesuchten Mörders und der Wirt glaubte feststellen zu müssen, daß er den Gesuchten vor sich habe. Er entfernte sich unauf­fällig, benachrichtigte die Polizei und setzte sich dann wieder zu Schlitzkus, der alsbald festgenommen wurde.

Schwurgericht.

Der 22jährige Bursche blickte höchst unbefangen drein, sprach eifrig mit dem neben ihm sitzenden Justizwachtmeister, sah sich in aller Gemächlichkeit die Tatortzeichnung auf der Tafel an und machte ein fast vergnügliches Gesicht. Im Lause der Verhandlung lächelte er wiederholt und nur ein­mal während seiner Vernehmung rötete sich sein Gesicht und es stand ihm das Weinen nahe. Nach der Vernehmung zu seiner Person schilderte der Angeklagte seine Tätigkeit bei dem Althändler Bauer und die Vorgänge in der Tatnacht. Der Angeklagte mußte die Schläge mit dem Beil vormachen und als der Vorsitzende dem Beamten sagt, er solle das Veil nicht loslassen, da lacht der Angeklagte vergnüglich. Der Angeklagte bekundet, daß Bauer nach dem ersten Schlag die Augen öffnete und nach ihm sah. Vorsitzender: Hat. er noch irgend etwas gesagt? Angeklagter: Na, er hat mich ange-

ftaunt. Und wo er mich so angestaunt hat, hab ich noch zwei­mal zugeschlagen. „Weil Bauer so geschnarcht hat, habe ich ihm das Deckbett llbergezogen." Der Angeklagte erzählt ferner, was er alles durchsuchte und mitnahm. Er verneint, daß an dem Tag ein Streit zwischen ihm und Bauer ent­standen war. Der Angeklagte gibt zu, daß er sich keine Ge­danken über seine Tat machte, und daß sie ihn auch nicht rührte. Vorsitzender: „War das in Ihrem Leben immer so, daß Sie sich, nachdem Sie etwas bugsiert hatten, keine Ge­danken machten? Der Angeklagte schweigt. Vorsitzender: Haben Sie heute Reue? Der Angeklagte weint und erwidert: Ich wollte ihn doch gar nicht totschlagen. Der Vorsitzende stellt fest, daß der Angeklagte zu keiner Zeit Reue empfunden hat.

Kriminalaffistent Runch, ein Zeuge, befand sich am Tat­ort. In dem von dem Angeklagten nicht geöffneten Kassen­schrank fanden sich 400 RM. und in der Brieftasche im Bett Bauers lagen 640 RM. Als man die Aussage des Ange­klagten protokollierte, sagte der Angeklagte: „Was wollt Ihr so viel schreiben, ich habe es gemacht. Macht mir die Rübe ab, dann guck ich mal, was oben los ist." Ein Eerichtsassessor, der folgende Zeuge, nahm das Geständnis des Angeklagten auf. Der Zeuge hatte den Angeklagten einige Tage zuvor darauf hingewiesen, daß auf Mord Todesstrafe stehe. Bei der Aufnahme des Protokolls war der Angeklagte ruhig und gefaßt und äußerte auch hier: „Nichts wie runter mit der Rübe." Als ihn der anwesende Staatsanwalt fragte, aus welchen Gründen er das wolle, erwiderte der Angeklagte: „Ich will mal sehen, was da oben ist." Dann erstattete Regierungsmedizinalrat Dr. Erckenbrecht von der Straf­anstalt Preungesheim ein Gutachten über den Geisteszustand des Angeklagten. Er kam zu dem Ergebnis, daß irgend eine Bewußtseinsstörung oder Geistesschwäche zur Zeit der Tat bei dem Angeklagten nicht vorgelegen habe und auch seine Zurechnungsfähigkeit keineswegs erheblich vermindert war.

Er endet auf dem Schaffot.

Das Schwurgericht verurteilte Schlitzkus antragsgemäß wegen Mordes in Tateinheit mit schwerem Raub zum Tode und dauernden Verlust der Ehrenrechte. Das Gericht ver­neinte, daß eine Affekthandlung vorlag. Der Angeklagte nahm das Urteil mit großer Gleichgültigkeit auf.

Wetterbericht des Reichswetterdienstes.

Ausaabeort: Frankfurt a. M.

Witterungsaussichten bis Mittwochabend: Vielfach dunstig oder neblig, sonst zunächst zeitweise ausheiternd, dann erneute Verschlechterung mit Regensällen. Mittags­temperaturen um etwa 15 Grad, Winde von Nord über West nach Süd drehend.

Wasserstand des Rheins am 14. Sept.: Biebrich: Pegel 1,72 gegen 1,84 m gestern; Bingen: 1,96 gegen 1,70 m gestern; Mainz: 1,00 gegen 0,70 m gestern; Kaub: 2,13 gegen 1,80 m gestern; Köln: 1,39 gegen 1,30 m gestern; Kehl: 3,05 gegen 3,10 m gestern.

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