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Meistgelesene Tageszeitung in Wiesbaden.
Nr. 130.
Mittwoch, 13. Mai 1936.
84. Jahrgang.
Nm will erneut heu MtrM
Die Handlungsfreiheit des Negus
Abreise Aloisis.
Andererseits zögert Italien aber auch, den letzten Echrrtt zu tun. Es desinteressiert sich zwar an den Ar- berten des Völkerbundes, aber es tritt nicht aus dem Bunde aus. Die Frage des Austritts bleibt vielmehr offen und ist als Druckmittel bei künftigen Verhandlungen über die abessinische Frage gedacht. Die Italiener lassen aber keinen Zweifel daran, daß sie bei einer verschärften Haltung Genfs zu äußerster Abwehr bereit sind, und diese energische Haltung hat immerhin dazu geführt, daß in Genf die Bemühungen, eine erneute Verurteilung Italiens als „Angreifer" durchzusetzen, ffehlgeschlagen sind. Zugleich verschärfen die Italiener ihre wirtschaftlichen Abwehrmaß- n a h m e n gegen die Sanktionen. So hat Mussolini den industriellen Körperschaften den Auftrag gegeben, sofort auf das genaueste zu untersuchen, inwieweit die Hilfsquellen des neueroberten Gebietes für die italienische Wirtschaft ausgenutzt werden können. Zusammenfassend wird man feststellen müssen, daß die Genfer Ratstagung die internationalen Spannungen nicht verringert, sondern verschärft hat. Ob in dem einen Monat, der bis zur nächsten Ratstagung verbleibt, eine Annäherung vollzogen werden kann, ist eine Frage, die heute niemand zu bean. orten vermag.
Am Rande der Ratstagung, die übrigens heute mit der Behandlung einiger Minderheitsfragen fortgeführt wird, vollzog sich gestern noch eine Beratung der Rest- Locarnomächte oder, um es, da die Italiener daran nicht teilnehmen, korrekt auszudrücken, eine Besprechung zwischen Eden, Paul-Boncour und van Zeeland, der, obwohl Belgien nicht Mitglied des Rates ist, nach Genf gekommen war. Hier wurde lediglich beschloßen, den Meinungsaustausch nach der deutschen Antwort auf die englischen Rückfragen fortzusetzen. Schließlich ist noch erwähnenswert, daß in einer Besprechung zwischen Eden und dem türkischen Außenminister beschloßen wurde, eine Konferenz zur Behandlung des türkischen Antrages auf Wiederbefestigung der Dardanellen auf den 22. Juni nach Montreux einzuberufen.
als moralische Anstalt.
Jeder, der irgendwie mit dem Theater zu tun hat oder mit erlebendem Interesse an ihm teilnimmt, findet in der Münchener Rede des Präsidenten der Reichskulturkammer, Reichsminister Dr. Goebbels, Grundsätze enthalten, die ihn angehen, so der Theaterleiter, der Schauspieler, der Dramaturg, der Kritiker, der Zuschauer und nicht zuletzt der Staat selbst. Noch vor wenigen Jahren verfolgten wir in Deutschland die stürmisch ansteigende Kurve eines Massensterbens der städtischen Theater, eine Kurve von so erschreckender Steilheit, daß sie nur noch von der Aussterbekuroe der deutschen Zeitungen auf dem Höhepunkt der Inflation von 1923 übertroffen wurde. Heute stehen wir so da, daß unter der elastisch fördernden Obhut des nationalsozialistischen Staates die städtischen, die Volks- und die Staatsbühnen wieder zum Kulturfaktor mit einem ausreichenden wirtschaftlichen Fundament geworden sind. Heute kann der Präsident der Reichskulturkammer auf der Grundlage eines wirtschaftlich wieder gesundenden Staatswesens die kulturell bedeutsame Erkenntnis formulieren, daß der darstellende Bühnenkünstler schon deshalb ein ausreichendes Auskommen haben muß, weil ihm, abgesehen von ganz seltenen Ausnahmen, eigentlich nur eine kurze Reihe von Jahren bester schöpferischer Kraft beschieden ist. Goethe, der bekanntlich selbst als Theaterleiter auf Grund seiner praktischen Erfahrungen eine Anzahl Anweisungen für den Schauspieler geschrieben hat, klagt noch in Wilhelm Meisters Lehrjahren: „Ein Schauspieler, der sich vernachlässigt, ist mir die widerwärtigste Kreatur von der Welt." Er hatte gut reden. Bis weit in unsere Zeit hinein hat es nicht nur an einer ausreichenden sozialen Sicherstellung des Bühnenkünstlers, ja an einer Einreihung des Darstellers in wirtschaftliche Bedingtheiten überhaupt gefehlt, sondern ihm wurde — weiß der Himmel mit welchem Recht eigentlich! — immer noch ein gewisser Rest vom Bohömetum angedichtet. Auch das wäre selbst in letzten Überresten noch untragbar für einen Staat, der auch für die 331 Theaterunternehmungen seines Gebietes den sozialistischen Grundsatz in die Praxis Übersetzt.
Es ist nur eine logische Folge aus solcher Einstellung zum Theater, wenn die Schaubühne nicht mehr Gelegenheit eines ästhetisierenden Vergnügens für eine hauchdünne Oberschicht, wie Dr. Goebbels es treffend nannte, sein soll, sondern wenn das Theater wirklich im Sinne Schillers eine moralische Anstalt, d. h. ein künstlerisches Mittel zur inneren Erhebung und Aufrichtung für das ganze Volk wird. Dazu gehört dann freilich — und daran hat der Reichspropagandaminister keinen Zweifel gelassen —, daß Dichter und Bühnenleiter das gemeinsame Werk in Klarheit und Einfachheit durchführen. Es sind das die beiden leitenden Grundsätze, die Adolf Hitler zur Verblüffung einer ungewohnten Welt seiner Außen- wie seiner Innenpolitik unterlegt hat. Das gilt vor allem für den Bühnendichter, der eine Berufung zu diesem Amt nicht darin sehen darf, daß er einen unbestimmten Drang in sich fühlt, dunkle Worte und beziehungslose Phrasen anein-
Am Rande der Ratstagung.
„äs; BttUN'lZ. Mai. (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung.) Der V ö l k e r b u n d s r a t hat gestern, une allgemein erwartet wurde, die Behandlung der abessinischen Frage auf den 15. Juni oer t aß t. Darüber hinaus hat er, obwohl sich in der Aussprache Chile und Ekuador für die Aufhebung der Sanktionen aussprachen, in einer Entschließung die Meinung vertreten, daß „i n d e r Zwischenzeit s? 7 .n l" ß besteht, die gemeinsam oon den kÄ" E 6 kl ed e r n getroffenen Maßnahmen (das hettzt die Sanktionen) a b z u ä n d e r n." Dieser , Beschluß ist gefaßt worden, nachdem der italienische Vertreter Baron A l o i s i von Mussolini bereits den Auftrag erhalten hatte, an den weiteren rnatsverhandlungen nicht mehr teilzunehmen, sondern
,e J1 f sofort z u verlassen. Dementsprechend blieb in der Ratstagung der Sessel Italiens leer. Damit hat Italien nochmals sehr deutlich dagegen protestiert, daß der Rat den abeßinischen Vertreter anerkannt hat. sowie auch dagegen, daß der Rat die, wie die Italiener immer wieder betonen, unsinnigen Sanktionen nicht aufhebt. Italien desinteressiert sich somit an allen Problemen des Völkerbundes und, wie man in Rom unterstreicht, auch an den V e r h a n d l u n g e n der Rest-Locarnomächte Die «öllige Enthaltung Italiens von den Geschäften des Völkerbundes bedeutet eine scharfe Warnung an die Ratsmächte. Inwieweit sie ihre Wirkung tun wird, werden vermutlich erst die nächsten Tage zeigen. In Paris scheint sie einigen Eindruck gemacht zu haben. Als besonders unangenehm empfindet man es dort, daß Italien guöj den Verhandlungen der Rest-Locarno- mächte fernblieb. In London scheint man nicht sehr stark beeindruckt zu stin. Charakteristisch für die großen ^Meinungsverschiedenheiten zwischen Rom und London ist jedenfalls, daß Baldwin gestern auf eine Anfrage im Unterhaus erklärte, der kaiserlich- abessinische Gesandte in London werde nach wie vor als beglaubigter Vertreter Abessiniens anerkannt.
Der Rat bleibt bei den Sanktionen. — Italien unterbricht seine Mitarbeit in Genf. Der Eindruck der
„Vertagung: Weisheit, nicht Schwäche."
Paris in der Klemme.
Paris, 13. Mai. (FunkrneHung.) Die Abreise der ita- llenitchen Abordnung aus Genf hat in Paris eine ziemliche Verwirrung ausgelöst. Man fragt sich, ob Jta- Fernbleiben aus Genf nur vorübergehend oder dauernd fein wird, und wägt mit Besorgnis die Rückwir- rungen dieses Schrittes auf di« europäische Politik. Einig scheint man sich in französischen Kreisen m der Erkenntnis zu sein daß ohne Aufhebung der Sank- ^ouen eine Rückkehr Italiens nach Genf nicht erwartet T^rocn kann. Vor der Wahl. entwÄier auf die Sanktionen 9U.verzichten oder Deutschland als den angeblichen Rutz- uetl.er des Auszuges Italiens aus Genf zu sehen, entscheidet 4-aris sich ohne Zögern für die erstere Lösung.
-Sogar die radikalsozialistische „Republique", die dieses Entweder-Oder am deutlichsten herausarbeitet, will nun-
England und die Entwicklung in Genf.
London, 13. Mai. (Funkmeldung.) Die Morgenpreße nimmt allgemein die in London erwartete Vertagung der Ratstagung mit einer gewißen Erleichterung auf.' Alle Zeitungen hoffen, wenn auch unter verschiedenen Gesichts- Mnkten, daß in der Zwischenzeit der in England seit langem erwartete Umbau des Völkerbundes vorbereitet werden könne.
Die „Times" schreibt, der Völkerbund habe offensichtlich das Richtige getan, eine Ausspräche über die Lage in Abesst- ni-en zu vertagen. Es sei einer der Fälle, woinderVer- iagung Weisheit, nicht Schwäche liege. Der Zusammenbruch der abessinischen Armee könne durch keine Aktion des Völkerbundes ins Gegenteil verkehrt werden. Deshalb sei auch keine schnelle Entscheidung notwendig. Wie bi« Dinge nun einmal liegen, würde ein rasches Vorgehen nur ein Anzeichen von Panik und Verzweiflung sein. Das sei die richtige Antwort an die beiden Richtungen der englischen Auffaßung, die einerseits zu e-nem neuen und energischeren Vorgehen gegen Italien auf- ewfe, und andererseits wünsche, daß keine Zeit verloren ^erdc, um die Hand des Eroberers zu ergreifen. Niemand "Arbfichrige, mit irgend einer Nation der Welt einen Dauerzustand von Spannungen zu schaffen. „Sanktionen" würden ebenso wie ein Krieg zu ihrer Zeit zu End« gehen. Bevor dieser Zeitpunkt jedoch käme, müße noch viel erledigt werden.
Auf ein« weitere Frag« antwortete Baldwin, der britische Gesandte in Addis Abeba fei angewiesen, den italienischen Militärbehörden diejenige Anerkennung zu zollen, zu der eine Armee, die ein Feind land militärisch besetzt hat, nach den Völkerrechtsgrundsätzen berechtigt sei.
Der konservative Abgeordnete Liddall fragte, ob der Handelsminister eine Abordnung der britischen Importeure italienischer Waren empfangen und deren Ersatzforderungen für di« Verlust«, die sie durch die Sühnemaßnahmen erlitten haben, anhören wolle. Runciman erwiderte, die Regierung habe beschloßen, daß für Verluste, die durch die Sühneinaß- nachmen gegen Italien entstanden sind, keine Entschädigung gewährt werden kann.
Eine Frage Manders, ob es eine Entschädigung für den ungeheuren Prestigeverluft Englands in der ganzen Welt geben werde, blieb unbeantwortet.
Vor einer scharfen englischen Erklärung.
London, 12. Mai. Die englische Regierung beabsichtigt, die von italienischer Seite erhobene Beschuldigung, daß Abeßinien durch Vermittlung seines Gesandten in London englische Dumdum-Geschosse erhalten habe, nun in sch ärfst« r Form zu widerlegen, nachdem die verschiedenen Unterhauserklärungen hierüber ihren Zweck nicht erreicht haben. In Londoner maßgebenden Kreisen wird erklärt, daß di« englische Antwort allgemein Aufsehen erregen und di« Beschuldigungen ein für allemal erledigen werde.
. mehr auf die Sanktionen verzichten, um nicht die italienische Freundschaft zu verlieren, „die Frankreich zum Ausgleich der hitlerischen Ansprüche benötige." (!)
Auch das „Journal" warnt davor, Italien in di« Isolierung zu treiben, denn das klarste Ergebnis einer derartigen Politik würde fein Italien den „Manövern Deutschlands" auszuliefern, das sich Italien bedienen werde, um einen Druck auf England auszuüben.
Baldwin beantwortet Abessinien-Anfragen.
London, 12. Mai. Das abessinische Problem war auch cm Dienstag Gegenstand mehrerer 'bemerkenswerter Anfragen im Unterhaus. y
Auf eine Anfrage des Abgeordneten Carro Jones teilte Ministerpräsident Baldwin mit, daß der kaiserlich abessinische Gesandte in London immer noch als der beglaubigte Vertreter seines Landes an- erkannt werde.
Im weiteren Verlauf der Fragezeit verneinte Baldwin, daß die englische Regierung den Negus vor seiner Beförderung mit einem englischen Kriegsschiff aufgefordert habe, ein seine politische Handlungsfreiheit in Palästina beschränkendes Abkommen zu unterzeichnen. Das englische An- S'ot, den Negus nach Palästina zu bringen, fei aus Höf- keit und aus dem Wunsche erfolgt, dem Kaiser zu helfen. Man dürfe jedoch nicht vergeßen, daß der Negus auf die Leitung der Staatsgeschäfte verzichtet habe. Jnfolgedeßen sei es nicht unvernünftig, unter diesen Umständen vorzu sch lagen. daß man vom Negus erwarte daß er sich in keiner Weise an der Förderung von Feindseligkeiten beteilige.
Auf die Frage des Oppositionsabgeordneten Mander, ob die französische oder die britische Regierung diese Bedingung gestellt habe, antwortete Baldwin: „Ich möchte nicht von „einer Stellung einer Bedingung" sprechen. Wir haben uns beträchtlichen Unannehmlichkeiten ausgesetzt, um diese Höflichkeit zu erweisen".
