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17. Jahrgang |0|7. <s*s <s%® s*®
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VON IÜQN8 Vut6NSB. (Nachdruck verboten.^
er Zirkus Barre befand sich in einer mittleren Stadt Thüringens, als, an jenem unvergessenen Tage, der Ruf „Mobil" wie ein Trompetenton durch Deutschland schmetterte. An diesem Abend stand das geräumige Zelt des Zirkus leer, buchstäblich und ohne Übertreibung: leer. Die Vorstellung wurde abgesagt; die Artisten waren damit soweit ganz zufrieden und schlichen dennoch recht trübselig umher oder drückten sich mißmutig in eine Kneipen- ecke. Direktor Barre seinerseits verbrachte den schönen Sommerabend damit, zu fluchen oder wuchtigen Schrittes seinen Zirkus zu durchqueren, was er abwechselnd tat oder beides zugleich, mit seiner Frau zu zanken, die ihm nichts schuldig blieb, worauf er einen dummen August verprügelte, der aus einer unbegreiflichen ergebungsvollen Gutmütigkeit als einziges Lebewesen (außer einem Pintscherhündchen) innerhalb des gefährlichen chand- bereichs des Direktors ausharrte. Ls herrschte eine ganz merkwürdige, gedrückte, sehr eklige Stimmung in der kleinen, grünen Wagenburg. Man fühlte sich plötzlich einsam und völlig ausgeschaltct, völlig im Dunkeln und konnte sich dieses dumpfe Gefühl nicht erklären und begriff überhaupt nicht recht, was das alles zu bedeuten habe. Aber die gewaltige Energie des Direktors gab sich nicht trüb sinnend der plötzlich hereingebrochenen Rata- strcphe hin, er widersetzte sich noch, verwünschte Krieg und Politik und schwadronierte, mit welcher rücksichtslosen Plötzlichkeit das alles gekommen sei; und er, Direktor Barre, habe von garnichts gewußt; man fragt ihn gar- nicht, da kommt so ein Krieg und zerstört ihm sein Geschäft. Und jetzt steht er in seiner leeren Manege.
Und doch war das nur der Anfang. Dann aber sprach der Krieg persönlich bei perrn Direktor vor, holte die Pälfte seiner Pferde, holte seine Akrobatentruppe „kreres Pi- quards“ alias Gebrüder Kuhlmann, und stellte sie in ein Füsilier-Regiment. Dann kamen zwei Llowns an die Reihe, die mit burlesker Wehmut und komischen Trauer- Grimassen Abschied nahmen, dann- der Leichtathlet, und dann waren eines Tages die gelben Zongleure, leise wie sie gelebt, verschwunden. Aber selbst Direktor Barre, dem sein schöner Name garnichts half, und der, recte Wilhelm Uolzmilller, einen sehr stattlichen Kürassier abgab, war noch nicht der letzte in dieser Reihe.
Frau Direktor Uolzmüllcr, geborene Barre aus Kalmar, führte jetzt — wohlgemerkt unter dem Namen „Zirkus Uolzmüller" — das Geschäft weiter. Ls war kärglich genug. Aber mit dem ' stark zusammengeschmolzenen Personal konnte man sich eben noch durchschlagen. Die Gesellschaft bestand jetzt nur noch aus Frau Direktor mit ihren verschiedenen Dressurakten, einem etwas schief
gewachsenen Herrenreiter, einem plastischen Akt, einem Schlangenmenschen, einem Schwerathleten aus einem neutralen Lande, den beiden böhmischen Zirkusreiterinnen Geschwister Novotny und einer kleinen Liliputanertruppe.
Zn einem dieser kleinen Leute, der den merkwürdig wuchtigen Namen Anton Wurzwallner führte, ging seit Kriegsbeginn eine seltsame Wandlung vor sich. Zwar mit Sicherheit läßt sich das nicht sagen, denn der kleine Wurzwallner war immer ein stiller, abseitiger, verschlossener Mensch gewesen; er hielt es nicht mit seinen Berufsund Schicksalsgenosten, den kleinen, unvernünftigen, kindischen wesen, die ihre Zeit damit zubrachten, einander zu necken und mit Nußschalen und Papierknäuel zu bewerfen wie die Äffchen. Nein, 0 war Anton wurzwallner nicht. Er schlich einsam durch seine Tage, von den anderen darum gehänselt und verfolgt, empfand die Kläglichkeit seines Daseins, ärgerte sich über die herzlose Neugier der gaffenden Menschen, wenn er, in dem allerdings paradoxen Aufzug, mit einem steifen put und modisch geschnittenem Gehrock bekleidet, eine auffallend große Zigarre im Mund, Lackschuhe, Spazierstöckchen und hellgelbe Glace, als ein Miniaturdandy neben dem hünenhaften Direktor durch die Straßen schritt. Auf diese weise inachte Direktor Barre für' seine Liliputanertruxpe und sein Unternehmen Reklame.
Anton wurzwallner wurde in eine für seine zierlichen Maße angefertigte, feldgraue Uniform gesteckt und übte in der Manege Paradeschritt, von einem baumlangen Korporal gedrillt, den ein Llown verkörperte. Es ist nicht zu leugnen, daß es ungemein grotesk aussah, wenn der Kleine seine winzigen Beinchen fast wagrecht streckte, die Brust wölbte, ’ die Puppenärmchen recht schneidig krümmte und mit tiefernstem Gesicht, die Augen auf den baumlangen Korporal gerichtet, seine Übungen machte. Das Publikum unterhielt sich bei diesen Albernheiten vorzüglich und ließ seine naive und etwas rohe Vergnügtheit nicht durch den schwächsten Schatten der Erkenntnis trüben, daß hinter der komischen Szene das bare Leiden lag.
wenn seine Nummer vorüber war, schlich Anton Wurzwallner in den Stall, sah gern die Pferde mit ihren stummen traurigen Augen oder kauerte sich an den Käfig und folgte mit dem Blick dem ruhelosen, unerlösten Auf und Ab der Raubtiere. Pier grübelte er oft lange, ob er denn eigentlich zur menschlichen Gattung gehöre oder nicht viel mehr Tier sei. Zwar besaß er menschliche Gestalt, aber es war io unendlich viel, was ihn von den Menschen trennte. Nein, niemals würde er in ihre Gemeinschaft emporwachsen, niemals das Glück des Lebens mit ihnen teilen, denn seine Andersartigkeit schloß ihn von der Welt jenseits der Zeltwand des Zirkus aus.
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