Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblattr. u
Nr. 290.
Dienstag» 12. Dezember.
1916.
Die Zabelhafte.
Novelle von L. DiffenS (Wiesbaden).
(Nachdruck verboten.)
Es war ein heißer Lag im August, und der Herausgeber und Hauptschriftleiter der geschätzten, ungewöhnlichen Monatshefte „Kultur", „Sonnenwärts" usw. war in t.c entsetzlichsten Laune.
Diesen Morgen, 2. August, hatte er abreisen wollen, eine herrliche Ferienfahrt war mit Freunden geplant, mit allen Einzelheiten ausgeklügelt. Man erwartete ihn zur gemeinsamen Abreise am Bahnhof Friedrich- stratze — da war ein Telegramm gekommen mit der Nachricht, daß sein Stellvertreter in der Rächt erkrankt sei und zu lebensgefährlicher Operation im Krankenhaus liege.
Solcher Blödsinn! Jetzt, im Hochsommer, ausgerechnet chm zum Trotz, lebensgefährlich krank zu wer- den. Was sorgte der abgeschmackte Trendelburg nicht hesser für die Einteilung seiner Krankheiten? Blinddarmentzündung. Natürlich! Das kann man verhüten, wenn man seinem Vorgesetzten nicht einer: ganz empfindlichen Streich spielen Null.
Der Erregte saß noch arrf seinem schön gepackten Koffer, das Telegramm, das er wuterfüllt anstarrte, in der Hand. Drei Wochen, das wußte er. müßten der- gehen, ehe er einen geeigneten Ersatz finden konnte oder bis Trendelburg wieder hergestellt lväre. Er sagte unwiederholbare Sachen, die ihm selbst leid getan hätten, wenn sie ihm ein voreiliger Phonograph wiederholt hätte.
Kurzsichtiger Sterblicher! Er glaubte, Brigitte habe ihm das Telegramm überreicht. Hätte er nur die Augen aufgemacht! Es war ja das Schicksal, das ihm diese Drahtnachricht einhändigte!
Was sollte er nur ansangen? Brigitte, sein getreues Haus-Faktotum, hatte mit ihren sechsunddreißig Jahren noch die Torheit begangen, sich von einem verwitweten Bäcker und Konditor, der drei kleine, kränkliche Kinder hatte, zur Ehe beschwatzen zu lassen, und noch diese Woche sollte die Hochzeit sein, da sich während Her Ferien ihres Gebieters die Neuordnung des Haushaltes am leichtesten bewerkstelligen ließe.
Zwölf Jahre war sie bei ihm gewesen und hatte es immer gut gehabt — ihre stattliche Figur und ihr rundliches Gesicht bewiesen es deutlich — aber wenn sie in ihr Elend rennen wollt-, konnte er sie nicht zurück- falten. Heiraten ließe er sie nun natürlich nicht, bis er einen Ersatz für sie gefunden hatte.
Die Post hatte sich an diesem Morgen wider ihn Verschworen. Noch hielt er in der geballten Faust das ungliickselige Telegramm, da brachte Brigitte wortlos, gekränkt, denn er hatte sie in feinem Zorn für Treu- velburgs Krankheit und alles, was jetzt gerade in der Welt schief ging, mit wilden Schmähungen verantwortlich gemacht —, die Morgenbriefe. Unter , anderen Muteilungen lag eine Vermählungsanzeige, die er mit Hohn öffnete.
Er riß die Augen weit auf. So, da hatte er e8 ja. Tiliana Greif hatte sich mit einem Freude verheiratet,
den er selbst ihr vorgestellt hatte. Gerade Tiliana Greif! Er war ihrer so sicher gewesen, daß er die entscheidende Frage immer wieder aufgeschobsn hatte. Welche Bosheit des Geschicks! Da konnte man ja aus der Haut fahren! Sie war doch für ihn bestimmt gewesen, für ihn, den glühenden Erstrebec und Erträumer der „künftigen" Frau, — in Worten —, der Frau des 21. Jahrhunderts, für andere Männer natürlich, nicht für sich'selbst. Haßte Tiliana nicht ein für denkende Menschen geschriebenes Buch wie Gift? Kochte und nähte sie nicht besser als die Frauen des 18. Jahrhunderts, wenn sie gerade die Laune dazu hatte, wohl- gemerkt! Wie schön und liebevoll sie einen Knopf annähen konnte, wußte er zu seinem Leidlvesen. Und diesen Schatz, diese köstliche Perle nach dem Herzen Salomonis, die noch dazu ein schönes Vermögen besaß, hatte ihm dieser Grünschnabel weqgeschnapvt, der unbedeutende Sperling. Greis und Sperling, lächerliche Verbindung! Schon der Name hätte sie abhalten müssen, wenn sie irgend eine der Eigenschaften besessen hätte, die er ihr zugetrant hatte.
Er schalt sich für sein törichtes Auffchieben, eine Untugend, die ihm schon manches verscherzt hatte, und zugleich seufzte er, daß ihn der Verlust Tilianas eigentlich nicht schärfer verwundete, weil es ihn, ach! mahnte, daß feine Heißsporn-Tage vorüber, daß er das schmerzliche Kap der Vierzig, der nicht mehr guten Hoffnung, allen Ernstes eben umstsuerte.
Als er in seinem Arbeitszimmer im VerlagshauS faß, durchlas er die Merkliste des Tages mit grollendem Blick ans den leuchtenden Sonnenschein, der selbst das düstere Zimmer verklärte. Es hätte wenigstens heute hoffnungslos gießen können!
Sein unglücklicher Stellvertreter hatte unter anderem eine Unterredung mit einer Ulla Lind angesetzt.
„Ulla Lind um 12.30", las er, als in der Morgenarbeit eine augenblickliche Pause eingetreten war.
„Klingt wie ein hübscher, junger Name. Natürlich ein Schützling des romantischen Trendelburg, der sich aus Ritterlichkeit so oft Zeug aufhängen läßt. Pfirsichfarbenes Häutchen, Grübchen, sanftgewelltes Blondhaar, Tennis oder Eisbetrieb." Er las dies alles in Gedanken herunter, als hielte er ihre Photo- graphie in Händen. „Reich, möchte sich gedruckt sehen, um eine prickelnde Ruhm-Sensation zu haben, will ernten, ohne zu säen, schreibt natürlich Unsinn. Wahrscheinlich in den langen blonden Trendelburg vernarrt. Na, dann verschont sie mich vielleicht, wenn sie hört, daß der Herr ihren Angebeteten geschlagen hat, und begibt sich, wie sich's gehört, an die Pforten seiner Leidensstätte."
Es war ungewöhnlich, daß Dr. Raugrasf, das Rauhbein, wie ihn seine Untergebenen abgekürzt nannte«, sich Bettachtungen über in Aussicht stehende Besucher hingab, aber heute war chm alle Arbeit verhaßt, und nur eines lag ihm: zu grollen, zu knurren und zu brummen.
