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[Der Roman. 1

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ssh —J3i Morgen.Seilage -er Wiesbadener Tagblatts. -<» sa

Nr. 280.

Donnerstag, 30. November.

1916.

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(9. Fortsetzung.)

Und das Glück kam.

von Elisabeth Frie».

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(Nachdruck verboten.)

Wirklich klopfte dieser nach einigen Stunden bei ihm an und streckte, da die Tür unverschlossen war, seinen ehrwürdigen Kopf mit dem bekümmerten Ge­sichtsausdruck herein:

„Ich fürchte, meine Frau stirbt. Wollen Sie so gut sein, den Doktor zu holen?"

„Sofort", sagte Philipp, per sich nur in den Klei­dern auf das Bett gelegt hatte. Er machte sich rasch zum Ausgehen fertig und war im Nu in der Villa nebenan. Als er die Nachtglocke ziehen wollte, er­innerte er sich, daß Alix und der Kleine davon gestört würden, und versuchte es erst mit Pfrrfen unter den offenstehenden Fenstern des Schlafzimmers. Richtig dauerte es nicht lange, bis Viktor am Fenster erschien und leise fragte:

„Was gibt es?"

„Die Engländerin ist kränker geworden, wie es scheint, du möchtest gleich kommen, der Mann meint, sie stürbe."

„Ach, warum nicht gar! Aber ich komme, du kannst die Tür auflassen."

Er zog sich zurück, und Philipp ging nachdenklich nach Hause. Er hatte "s nie in der Praxis miterlebt, wie der Arzt Tag und Nacht bereit sein muß, wenn auch natürlich zuweilen die Rede davon gewesen war, ein wie schwerer Beruf der ärztliche sei. Jeder andere Mensch hätte die Fahrt nach Kemel schon als Anstren­gung und eine ordentliche Nachtruhe danach als durch­aus nötig empfunden.

Viktor hatte dort unter Anspannung aller Kräfte, besonders der geistigen gearbeitet und mußte nun schon zum zweiten Male in der Nacht autstehen und tat es ohne Murren, als etwas Selbstverständliches. Philipp war gerecht genug, einzuiehen, daß es unter solchen Um­ständen zu entschuldigen war, wenn st'Ibst ein Riese wie sein Freund nach solchem Tagewerk die Herrschaft über seine Nerven verlor.

Die kurze Sommernacht war längst in Morgen­dämmerung überaegangen, als Dille aus dem Zimmer der Engländerin kani. Sein Gesicht war tiefernst, als er bei Philipp eintrat, der ihn erwartete.

„Ich will hier bleiben", sagte er, „der arme Mann ist ganz kopflos, und es ist unbedingt nötig, daß die Umschläge pünktlich erneuert werden. Man kann über­haupt nicht wissen, wie die Sache sich weiter ent­wickelt -"

„Was ist es denn eigentlich?"

„Es scheint Rose zu sein, die nach innen geschlagen ist." , 0

„Aber daß das so plötzlich kommt und gleich so schlimm wird —"

„Möglicherweise war ihr Ä,on vorher nicht gut. Frauen sind oft sehr standhaft im Ertragen von Schiner­zen, vielleicht hat sie nichts gesagt in der Hosfnung, daß es vorüberginge."

„Und meinst du, daß cs nur durch Erkältung ge­kommen ist?"

Viktor nickte. „Wahrscheinlich. Die Engländer haben die verrückte Marotte, sich immer die Stühle auf den Rasen zu tragen, weil sie das von zu Hause ge­wöhnt sind. Aber hier in Schwalbach haben wir säst immer gegen Abend Feuchtigkeit in der Luft, selbst an ganz heißen Tagen, da hat sich schon mehr als einer etwas geholt."

Philipp zögerte einen Augenblick. Eigentlich war er Viktor noch zu böse, aber es drängte ihn doch, ihm ein freundliches Wort zu lagen. So brachte er endlich heraus' „Aber daß du nun urn deine ganze Nachtruhe kommen sollst? Könnte ich nicht eine Schwester herbei­schaffen?"

„Darum wollte ich dich eben bitten." Er zog die Uhr heraus und sagte: „Es ist jetzt vier Uhr. Warte noch bis halb Sechs, dann geh hin und hole eine —"

Philipp nickte. „Gewiß, ich werde dann sofort um sechs Uhr eine Schwester holen gehen ..."

Dr. von Dille ging wieder in das Krankenzimmer, und nach einigen Augenblicken kam er mit Mr. Hen- derson zurück. Philipp erkundigte sich teilnehmend, wie es seiner Gattin jetzt ginge.

„Nicht Hesse»'. Der gute Doktor tut, was er kann, aber ich habe keine Hoffnung. Meine Frau sieht so seltsam verändert aus."

Er ging wieder, und Philipp trat in die offene Tür,' die aus dem niedrig gelegenen Zimmer in den Garten lührte. Im Osten färbte der Himmel sich rot. Die Wolken waren fortgefegt vom Winde. Ein leises Rau­schen ging durch die Bäume und Büsche des Gartens und der Anlagen, ein süßes Dulten erfüllte die Luft.

Plötzlich öffnete sich die Haustür, und der Geistliche stürzte mit den Worten: „Meine arme Frau stirbt!" an Philipp vorbei in den Garten, in dem er unaufhör­lich in stummer Verzweiflung auf und ab lief. Der junge Mann hatte sich unwillkürlich tiefer in das Zimmer zurückgezogen, itm den alten Herrn in seinem Schmerz ungestört zu lassen. Sein Herz zog sich in heißem Mitgefühl zusammen. Was mußte es für den Armen bedeuten, die treue Lebensgefährtin so plötzlich verlieren zu sollen, fern von der Heimat, in fremden Lande!

Von der anderen Seite trat Dr. von Dille in das Zimmer. Auch er war erregt und eilig.

„Komm", sagte er zu Philipp, „du mußt mich einen Augenblick bei der Kranken vertreten. Sie ist bewußt­los und wird es nicht merken. Mit dem armen Manne ist nichts anznsangen, er ist außer sich vor Angst und Aufregung."

„Wenn sie nun stirbs, während du fort bist?" fragte Philipp, unwillkürlich angesteckt von der allgemeinen Besorgnis.

„Das wird sie nicht tun, der Anfall ist vorüber, und ich will mir Kampbor holen, um die Herztätigkeit zu beleben. In lünf Minuten bin ich wieder da."

Er führte Philipp an das Krankenbett und zeigte ihm, wie er die Umschläge zu erneuern habe, genau nach der Uhr, alle zwei Minuten.