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Nr. 276.

Samstag, 25. November.

1916.

Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblattr. i» ^

(B. Fortsetzung.)

Und das Glück kam.

Von Elisabeth Fries.

(Nachdruck verboten.)

„Das ist recht", jubelte Alix zum erstenmal mit einem Anflug des schelmischen Übermuts, den Philipp früher so sehr an ihr geliebt hatte: sich finge dazu

Schubert, Brahms, Wagner —"

„Und so weiter, ich kenne ja deine Freunde. Da werdet ihr mich bald zum Hause hinausgraulen", lachte Viktor. „O weh, Bubi, uns geht's jetzt schlecht, nun heißt es zusammenhalten. Der Junge teilt meine Nei­gungen: Wer Ijcitt’ bat non der Tanh jedach — oder Miau, miau, miau — das ist unsere Schwärmerei, nicht wahr, mein Sohn?" Ec ließ den Kleinen auf seinem Arm tanzen und sang das letzte Lied vom Kölner Karneval mit weithin schallender Stimme.,

Der Kleine jauchzte und klatschte in die Händchen. Es war ein Bild von köstlicher Jugendlust: Viktor, ein stattlicher, schöner Mann, dessen dunkle Augen blitzten, mit dem lachenden Kind auf dem Arm und den heiteren Weisen ans den Lippen. Und doch zog sich Philipps Herz schmerzlich zusammen, denn die Frage drängte sich ihm auf: Was verband diese beiden Menschen, die schöne, blonde, zarte Frau und den Freund, an dem alles riesenhaft war, miteinander? Die flüchtige Stunde, die er hier im Hause weilte, schien ihm im Verein mit dem, was er von beider Eigenart in der Erinnerung be­halten hatte, die Gewißheit zu geben, daß kein inner­liches Band zwischen ihnen bestehen konnte. An Alix alles überfeinert, in erster Linie das Empfinden, von' der, wie Philipp wußte, die Brüder schon früher das Wort geprägt hatten: Sie sei ein Kräutchen „Rühr- mich-nicht-an". Dagegen Viktor, der von Jugend auf etwas darin suchte, derb zu erscheinen, derber, als er wohl im Innern war, was ihm jahrelang zu dem Spitznamen „Der Gesiihlsathlet" verholfen hatte.

Als Randolph in Bremen zuerst von der Schwester erzählte, verbot es Philipp ein Gefühl der Unfreiheit, sich nach den näheren Umständen zu erkundigen. Aber nach seinen Worten hatte er ivohl annehmen können, • daß die Ehe durchaus zufriedenstellend ausgefallen sei, so sehr ihn das hätte wundernehmen müssen. Was er nun sah und hörte, belehrte ihn, daß die Menschen im Grunde dieselben geblieben waren, und daß wohl nur die äußeren Verhältnisse, die zufällig „stimmten", und ein flüchtiges Wohlgefallen diese Ehe zustande gebracht haben konnten. Das Lachen, das sein ernstes Gesicht so sehr verschönte, wich aus seinen Augen und blieb nur um den Mund. Auch Alix war schnell wieder ernst ge­worden. Sie lehnte mit unnachahmlicher Anmut irr einem niedrigen Sessel am Fenster und winkte ihrem Söhnchen lockend zu. Der Kleine verlangte denn auch sofort zu ihr, und Viktor rief:

„Siehst du, das ist der Dank — nun läßt mich der Racker auch im Stich."

Es klopfte. Ein gewandtes Stubenmädchen mel­dete Patienten an. Der junge Arzt war sofort wieder ein anderer, als er sagte: „Ich komme. Aber geh nicht fort, ehe ich nicht • zurück bin", wandte er sich an Philipp im Hinausgehen.

Nach der lebhaften Szene war es nun ganz still in dem vornehmen Raum: die Schutzgardinen waren zu- . gezogen, um der Sonne den Eintritt zu wehren, so lag ein gedämpftes Licht darüber ausgegossen. Das Mäd­chen hatte auf einen Wink den Kleinen mit hmauSge- nommen. Niemand sprach, denn es schien nicht ganz leicht, den richtigen Anfang zu finden. Endlich hatte Alix die leichte Verlegenheit iibecwunden und fragte:

„Sie spielen Tennis? Mutter sagt, es wird viel gespielt auf den Inseln?"

„Ja. Wir spielen täglich drüben. Man ist nicht vom Wetter abhängig wie hier, denn wir haben Monate hindurch jeden Tag schönes Wetter."

„Dann werden Sie hier auch spielen, das ist nett. Ich bin jeden Nachmittag auf den Tennisplätzen."

Philipp hatte nicht die Absicht gehabt, in Schwal- bach Tennis zu spielen. Vor zehn Jahren hatte cs hier noch gar keinen Tennisplatz gegeben. Er hatte daher feine Sachen, die Schuhe, den Schläger gar nicht mit­gebracht, aber das war ja dann wohl alles hier auch zu haben.

Das Gespräch stockte wieder. Philipp wäre genas gegangen, aber er mußte auf Viktor warten. So ri^ er sich zusammen und fragte nach allem Möglichen, bis der Freund wieder eintrat.

„Es hat länger gedauert, als ich dachte", sagte der ein wenig ernster als sonst. „Da war so ein armes Dingelchen, das hier gesund werden soll, ich fürchte aber, es ist zu spät." Er fuhr sich mit der Hand über die Augen und plauderte dann wieder lebhaft wie vorher. Philipp mußte versprechen, jeden Abend, wenn seine Mutter und die Schwestern zu Bett gingen, noch her­überzukommen.

„Ich gehe mit dir", sagte Viktor, als Philipp sich nun verabschiedete. Die beiden Herren benutzten einen schmalen, ziemlich steilen Weg in die Anlagen hinunter. Auf der ersten Bank, an der sie vorüberkamen, saßen zwei Damen, eine ältere, sehr wohl aussehende, die ein auffallend blasses, ganz junges Mädchen in den Armen hielt. Viktor faßte die Damen scharf ins Auge, dann entschuldigte er sich kurz bei Philipp und ging auf sie zu. Dieser hörte ihn ernst und eindringlich auf dis ältere einreden mit einem warmen Ton in der Stimme, die sonst so leicht spöttisch klang. Es dauerte ein Weil­chen, ehe der junge Arzt wieder zu ihm trat. Sein Ge­sicht war sehr ernst. Als sic ein Stück weit gegangen waren, sagte er ärgerlich:

„Es ist unglaublich, wie töricht manche Mütter sind. Diese Frau ist außer sich vor Sorge um ihr blurarmeS Töchterchen, und dann läßt sie das arme Geschöpf, daS vor Mattigkeit kaum gehen kann, den steilen Berg hin­unterklettern.

„Sind es Patientinnen von dir?"

„Sie waren vorhin zum erstenmal bei mir. DaS Mädelchen hätte überhaupt nicht so elend zu werden brauchen, wenn die Mutter rechtzeitig dafiir gesorgt