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Morgen-Verlage der Wiesbadener Tagblatts, i -—

Nr. 146. Sonntag» 28. Juni. lylb.

(S ».*,*«»«.> Di« Braut aus Kanada.

Roman von Hedda von Bchmid.

(Nachdruck verboten.)

Frau Baronin Strodftnann, verwitlvete Delarue, besaß einen seinen, treffsicheren Geschmack. Sie war durch und durch exklusiv, sowohl in ihrer Lebensauf, fassung als ihrem Umgang, und verstand es, ihren per- sönlichen Standpunkt, den sie in großen und in kleinen Dingen einnahm, mit einer vornehmen, unantastbaren Würde zu behaupten. Nach denr Lode ihres Gatten — viel zu früh war ihr auch der zweite entrissen worden

— lebte sie nur für ihre beiden Söhne. Fred war ihr im Charakter ähnlicher als Harald, der viel von seinem etwas zu weich veranlagten Vater hatte, jedoch mit- unter unerwartet einen unbeugsamen Starrsinn ent- wickeln konnte, der dann selbst dem Einfluß der Mutter standhielt.

Harald war der Liebling der Baronin, obwohl sie tehauptete, keinen Unterschied zwischen ihren Kindern Alt machen. Für Fred bedeutete seine Mutter die höchste Autorität in unzähligen Dingen. Er fragte sie gern um Rat, sogar oft in Geschäften, da er unendlich viel von ihrem Urteil hielt. Daß Fred oft egoistisch war, kam ihm selber gar nicht zum Bewitßtsein. Ihm itnd seiner Mutter erschien es selbstverständlich, daß er, der Millio­när, bei weitem höhere Ansprüche machen durste als irgendein anderer beliebiger Sterblicher.

Der Patrizierhochmut eines alten Geschlechts, das dank der Macht des Goldes zwei Jahrhunderte hin­durch über andere geherrscht hatte, lag der Baronin Strodtmann im Blut. In ihren Augen waren ihre beiden Söhne Ausnahmemenschen — und konnten da­her ihrer Geburt, Erziehung und Lebensstellung nach und, nicht zit vergessen, ihres Reichtums wegen nicht mit einem gewöhnlichen Maß gemessen werden.

Darin, daß Harald nur mit Hilfe von Privatunter­richt sein Abitur machen würde, erblickte die Baronin keinen Fehler — Haralds Gesundheit war zart, obgleich es äußerlich nicht diesen Eindruck machte — seine Nerven bedurften oft der größten Schonung — es war, so urteilte die Mutter, lächerlich, daß man auf dem Gymnasium kein richtiges Verständnis hierfür besaß. In bezug auf diesen Punkt war die Baronin, so scharf­sinnig sie sich auch in den meisten Dingen zeigte — ein­fach blind. Sie verteidigte Harald auch stets Fred gegenüber, der, obwohl er seinen Stiefbruder herzlich liebte, an diesem doch vielerlei zu bentängeln fand.

Die Mutter hatte Fred gebeten, jetzt während ihrer Abwesenheit von Hause ein wachsames Äuge auf Harald, der nach Weihnachten sein Schlußexamen machen sollte, zu haben. Doch wenn Fred dem Bruder mit irgend­welchen Vorhaltungen und Ermahnungen kam, so ent- tvaffnete ihn der Jüngere durch die liebenswürdige Zer­knirschung. mit der er dem Bruder recht gab und sich zu bessern versprach. Harald besaß die leichte, ein wenig humoristische Art, die Fred vollkommen abging

— es war schwierig, ihm mit ernsten Argumenten bei- zukommen. Er verstand es ausgezeichnet, ztt entgleiten.

Als Fred — den Kops voll von Thea Grönmg — sein Arbeitszimmer betrat, erwarteten ihn dort aus

seinem Schreibtisch dringende Briefschaften, die schleu» nigst erledigt werden muhten. Er besaß die Fähigkeit, sich, sobald es notwendig wurde, sofort ztt konzen­trieren.

So war er denn in der gewohitten Umgebung seines Arbeitszimmers wieder vollkommen Geschäftsmann. Der Zauber im herbstlichen Walde, aut See, den die scheidende Sonne goldigrot überstrahlt hatte, war ge­brochen — Thea Gröning in ihrer holden, Freds Sinne berückenden Schönheit bis auf weiteres aus seinen Ge­danken ausgeschaltet.

Als er sich nach mehrstündiger, anstrengender Ar- beit von 'einem Schreibsefsel erhob und sich tun die neunte Stunde in das Eßzimmer begab, lag dort auf dem ovalen Tisch in der Mitte des schönen, stilvollen Raumes mit seiner kostbaren Möbeleinrtchtung und den wertvollen Bildern an den dunkelgetäfelten Wänden nur ein Kuvert auf.

„Wo ist der junge Herr?" fragte Fred den Diener, der ein paar kalte Platten aufgetragen hatte und sich itun anschickte, auf einem Nebentischchen den Tee zu be­reiten.

„Herr von Strodtmann ist im Theater", lautete die Antwort.

Fred schüttelte unmerklich mit dem Kopf. Wo sollte das hinaus mit Harald? Nach Ostern sollte er doch auf die hohe Schule, in ein teures Korps, dem aitch sein verstorbener Vater angehört hatte. Und Harald nahm das Arbeiten zum Examen noch immer nichts weniger als ernst.

Fred hätte es lieber gesehen, wenn sein Bruder, nach- dem er das Einjährigenzcugms erhalten, ins Geschäft eingetreten wäre. Hier würde er ihn stets unter den Augen haben. Aber Harald sollte durchaus in Bonn studieren. So wünschte cs seine Mutter. Harald selber dachte nur an das lustige Leben im Korps. Es war in Freds Augen nicht schlimm, daß er dort viel verbrau­chen würde. Man hatte es ja dazu, aber Fred hegte die Befürchtung, daß sein Bruder auch dann, nachdem er sich gründlich als neugebackener Student ausgetobt, es mit dem Studium nicht genügend ernst nehmen würde. Harald beabsichtigte Jura zu studieren, um späterhin dem Delaruefchen Geschäft als juristischer Bei­rat ztt dienen.

Anstatt über seinen Büchern zu fitzen, war Harald also heute wieder im Theater. . . . Bei diesem Wort wurde Fred sein heutiges Erlebnis mit Thea Gröning mit aller Macht ins Gedächtnis gerttfen. Jetzt, wo er nicht unter dem unmittelbaren Zcntber ihrer Persönlich­keit stand, berührte ihn die Vorstellung, daß Thea Schauspielerin werden wollte, unsagbar peinlich. Natür­lich konnte davon, sobald sie seine Verlobte tvar, nicht mehr die Rede sein. . . . Aber schon der Gedanke, daß sie sich zu-einer derartigen Laufbahn vorbereitet hatte, tvar ihm unangenehm. Er begriff Frau Gröning nicht. Wie hatte sie, die Mutter, ihre Zustimmung geben können. . . . Ahnte sie denn nicht die vielerlei Ge°