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i] Der Roman, i
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^ -1 Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblatts, i-—
Nr. 136.
Sonntag, II. Juni.
1916.
( 80 . Fortsetzung.) DlC (5ß| CtltCf ^fdU* (Nachdruck verboten.)
Roman auS dem russischen Großstadtleben.
Von HanS Becker (Wiesbaden).
An der Wohnungstüc wurde Sergei von Olga Petrowna empfangen. Ohne darauf zu achten, daß die Zofe neben ihr stand, schlang sie die Arme um seinen Hals:
„Sergei, endlich bist du bei mir — ich bin in Verzweiflung. Mein Mann hat sich eingeschlossen, ich hörte rhn stöhnen, mein Gott, mein Gott, was mag er ange- richtet haben."
Sergei war schon an der Tür zu Tartakows Schlafzimmer. Er riß an dem Türgriff, doch der gab nicht nach, da versuchte er die Tür mit seinem Körper einzudrücken. Ein-, zweimal krachte es nur, beim drittenmal hatte er das Schloß gesprengt, jetzt nur noch ein kräftiger Stoß, die Tür flog auf.
Er betrat als erster das Zinnner, das in völliger Dunkelheit lag, hinter ihm drehte Olga Petrowna an der Kurbel der inzwischen wieder hergestellten elektrischen Beleuchtung, und als das Licht aufsprang, sahen sie Tartakow quer über seinem Bett liegen, das Röcheln war verstummt.
Sergei trat hinzu und faßte nach der schlaff herab- bängenden Hand des vor ihm Liegenden, um nach dem Puls zu fühlen, dann legte er sein Ohr auf das Herz: Alles stumm, der Tod war unzweifelhaft schon ernge- treten.
Er wandte sich zu Olga Petrowna und sah sie fragend an. Sie deutete auf zwei große, iur Bette liegende leere Schnapsflaschen, dann fiel sein Blick auf eine andere auf dem Teppich vor dem Bett liegende Flasche. Er hob sie auf und roch daran:
Spiritus — Tartakow hatte wohl, als der Schnaps noch keine Wirkung geübt, zum Spiritus gegriffen. Aus Verzweiflung oder Furcht vor den Folgen seines Überfalls, wer konnte das wissen.
Schweigend stand Sergei vor dem Toten, ein Grauen packte ihn. Nicht vor dem Tode, den kannte er, sah ihn täglich — die Last, die der 'Gestorbene auf ihn gewälzt, erschütterte rhn. Wieder kam ihm der Gedanke: Du trägst die. Schuld, wenn du auch nicht mehr gutmachen kannst, du darfst nicht sein Erbe lein, du mußt dich beftc'en.
Nur. um Olga Petrowna nicht anzusehen, beschäftigte er sich wieder mit dem Toten, dann, nach einer Weile, wandte er sich dock zu ihr:
„Man muß nach meinem Kollegen, der ihn in letzter Zeit behandelt hat, schicken, vielleicht will dieser auch die Polizei hinzuziehen, ein Protokoll ausnehmen lassen."
Ehe Olga Petrowna, die viel gefaßter zu sein schien, etwas antworten konnte, rügte er hinzu:
„Wie ist es möglich gewesen, wie hat er sich das alles verschaffen können?"
„Ich hatte meine Schlüssel wie gewöhnlich versteckt, als ich fortging, er hat sie gefunden, auch meinen Schreibtisch geöffnet, und den Revolver, den kch ihm seit langer Zeit fortgenommen und dort aufbewahrt batte, entdeckt. Zuerst wohl diesen, dann den Schnaps
und den Spiritus — er hat sich nach seiner Tat — er wollte doch wohl mich töten — zu betäuben gesucht. Ich weiß es nicht, ich kann nicht klar denken, ich habe noch iricht einmal gefragt, wie es Vera geht."
Sergei sagte, daß es sich nur um einen Streifschuß handele, daß sie jedoch starken Blutverlust gehabt, in der Nacht wohl das Fieber sich steigern würde.
„Ich bleibe hier, bis der Arzt gekommen ist, der Tod ist an Herzschlag eingetreten, infolge übermäßigen Alkoholgenusses. Jeder Tropfen war Gift für ihn, ich habe dir das gesagt, damals, als ich ihn noch behandelte" — und als sie abwehrend die Hand ausstreckte — „ich will dir keinen Vorwurf machen, du trägst keine Schuld, verstehe mich recht, ich erkläre dir nur, wie es gekommen." _
Sie hatte die Handbewegung gemacht, nicht weil sie einen Vorwurf, wie er das auffaßte, aus leinen Worten herauszuhören glaubte — der Ton seiner Sttmme hatte sie erschreckt. So ganz mechanisch hatte er gesprochen, wie ein Fremder, ein ihr Fernstehender, sich darauf beschränkt, den Tod ihres Gatten zu erklären. Kein gutes Wort hatte er hinzugefügt, auch jetzt stand er da, sah sie nicht an, sondern blickte zu Boden.
Dann fiel ihr ein, was er heute schon durchgemacht, erst mit der Schwester, jetzt wieder hier — sie hatte auch nicht erwartet, daß er sie in seine Arme schließen und ihr von Liebe sprechen würde, jetzt hier vor dem Totenbette, das tat er ja überhaupt nie, nahm ihre Zärtlichkeiten hin, ließ sich lieben. Aber ein Wort hätte er doch sagen können: „Verzweifle nicht, du hast mich, ich stehe dir zur Seite" — nichts, keine Silbe, und plötzlich kam es wie Erkennen über sie: Er liebt dich nicht, du hast dich ihm aufgedrängt, er hat nur cntgegengenommen, was du ihm geboten.
Sie wandte sich und ging hinaus, um der Jungfer Befehl wegen des Arztes zu geben, dabei grübelte sie darüber, daß doch wenigstens das hätte vermieden werden, er selbst den Tod an Herzschlag bescheinigen können.
Sie wollte umkehren und ihn fragen, blieb wieder auf halbem Wege stehen: Das wird er nicht tun, nach der vorangegangenen Tat ihres Mannes — im Hause erzählte man sich gewiß schon alle möglichen schreck- geschichten — vielleicht ivar es auch besser so, er hatte wohl darüber nachgedacht, wollte alles vermeiden, was Zweifel Hervorrufen, sie oder ihn in Verdacht bringen konnte.
So ging sie und schickte die Jungfer nach dem Arzte. Als sie wieder ins Zimmer zurückkam, sah sie Sergei auf einem Stuhl sitzen, das Gesicht mit den Händen bedeckt.
Sie trat zu ihm und berührte ihn an der Schulter:
„Sergei —"
Er hob den Kopf und sah sie an, mit einem so trau- rigen Blick, daß sie erschauerte.
„Sergei —", wiederholte sie leise, da richtete er sich arch
