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6- ■ ! Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblalts. >- -» i
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Nr. 135. Samstag» 10. Iuni. _ 1916.
,(29. Fortsetzung.), DtC ©CfÖjfÖjtC $föU» ^Nachdruck verboten.)
Roman aus dem russischen Großstadtleben.
Von HanP Becker (Wiesbaden).
In ihrer niedergedrückten Stimmung schreckte sie das: Was mochte geschehen sein, das Haus sah aus wie ausgestorben? Sie trat einige Schrtte bis in die Mitte -er Straße zurück und sah an dem Gebäude hinauf: Vielleicht hatte sie sich getäuscht, es war sonst um diese Zeit alles erleuchtet, der Aufgang, die Etage, in der die Tartakows wohnten, auch die Wohnung des Generals, die bald nach seinem Tode von neuen Mietern bezogen war — aber alles dunkel, nur ganz oben aus einem Fenster der Wohnung ihrer Mutter schimmerte durch den herabgelassenen Vorhang ein schwaches Licht.
Vera schüttelte langsam den Kops und trat auf die Haustür zu, sie wollte schnell, wie sie sich das zur Gewohnheit gemacht, wenn sie zur Mutter ging, an der Loge des Portiers vorüber, der hatte auch nie eine Frage an sie gerichtet, zu wem sie wollte, vielleicht hatte er sie trotz des dichten Schleiers erkannt, heute jedoch trat er heraus und sprach sie an:
„Sie wollen in den vierten Stock, seien Sie vorsichtig, es ist auf allen Treppen finster, die elektrische Beleuchtung hat plötzlich versagt, der Hausknecht ist schon fort, um einen Arbeiter zu holen, der Nachsehen soll
Vera hörte schon nicht mehr, was der Mann sprach, sie schritt schnell durch das Treppenhaus.
Eine so einfache Sache: die elektrische Beleuchtung hatte versagt, und sie Grauen empfunden vor dein toten Dunkel des Hauses. Das waren ihre kranken Nerven, die sie in jeder einfachen Begebenheit Schrecknisse sehen ließen.
Nun erklärte sich auch, warum gerade in der Wohnung der Mutter ein schwacher Lichtschein zu sehen war: bis dahin reichte die elektrische Beleuchtung nicht, die Mutter saß wie immer bei der Petroleumlampe.
Als Vera die erste Etage erreicht, hörte sie von oben herab Schritte, die ihr entgegenkamen, sie blieb stehen und wollte in der Nische des Vorplatzes warten, bis der Weg frei geworden, da erkannte sie in dem ihr Entgegenkommenden ihren Bruder.
Vor der Eingangstür zur Tartakowschen Wohnung blieb er stehen, er schien zweifelhaft, ob er dort ein- treten oder weitergehen tollte, seine Hand hatte sich schon erhoben, um auf die elektrisch Glocke zu drücken, er zog sie jedoch schnell wieder zurück, als er hinter sich Geräusch hörte. Vera war vorgetreten und hatte leise seinen Namen gerufen: „Sergei."
Trotz der Dunkelheit hatte auch er sofort die Schwester erkannt und streckte ihr die Hand entgegen:
„Du gehst zur Mutter, du warst lange nicht hier, ich habe eine Stunde bei ihr gesessen, die Ärmste ist jetzt .so einsam."
Vera fühlte aus seinen Worten einen Vorwurf heraus: Es war schon so, in der unseligen Stimmung, in der sie sich befunden, in der fiebernden Erwartung auf Nachrichten von Orlowsky, der zweifelnden Hoffnung auf die Wiederkehr Boris, war sie kortgeblieben, erst heute, als ihr der Advokat rede Hoffnung aenommen.
als sie gefühlk^daß sie nicht zurück in ihre Einsanikert konnte, um rastlos mit ihren Gedanken im Zimmer umherzulaufen, hatte sie Sehnsucht empfunden, die Mutter zu sehen.
Auf Sergeis Worte antwortete sie nicht, womit hätte sie sich auch verteidigen sollen, sie sühlte seine Gegenwart in diesem Augenblick als etwas so Tröstliches, das sie nicht durch Erklärungen stören wollte, sie legte die Arme um seinen Hals und schmiegte sich an ihn. So standen sie eine Weile, gewahrten auch nicht, daß die Tür der Tartakowschen Wohnung vorsichtig geöffnet wurde und jemand herausspähte.
„Warum kommst du denn nie, verstehst du nicht, daß ich mich nach dir sehne, daß ich verzweifle in meiner Einsamkeit, hast du mich nicht ein bißchen mehr lieb? Denke doch, wie unglücklich ich bin."
Ohne nachzudenken, hatte sie das gesagt, nur um ein paar gute Worte von ihm zu hören — sie erinnerte sich nicht daran, daß der Bruder nicht wußte, wie es mit den Aussichten auf die Erbschaft stand, daß alles vorbei toar.
Das war aus ihrem Gedächtnis verwischt, jetzt im Augenblick des frohen Gefühls ihn, wiederzusehen.
Sie schmiegte sich fester an ihn, wie schutzsuchend vor allem, was sie durchgeniacht und was ihr noch bevor- stand. Wie sie es in den Kinderjahren getan, wenn sie ein Schmerz bedrückt.
Wie ein Liebespaar standen sie, und für ein solches hielt sie wohl auch der Mann, dessen Kopf sich jetzt nochmals vorsichtig in der Türspalte zeigte — plötzlich ein Knall, ein aufblitzender Feuerschein, ein Aufschrei Veras, dem ein Auflachen, das wie das eines Wahnsinnigen klang, antwortete — vor Sergei, der die um- sinkende Schwester aufrechtzuerhalten suchte, stand der Mann der Tartakowa:
„Habe ich euch ertappt, Ehebrecher,— wollt ihr jetzt noch leugnen?" DieWorte erstarben ihm auf den Lippen, als er sich niederbeugend, Vera erkannte. Nicht seine Frau war es, die er zu töten geglaubt, eine Fremde, oder doch nein keine Fremde, die Schwester seines Feindes, die seit lange verschwunden, lag vor ihm.
Er stürzte fort und riß die Tür hinter sich zu. Inzwischen war es im Hause lebendig geworden, aus den Tiiren des ersten und zweiten Stockwerks kam man, durch den Schuß aufgeschreckt, heraus, auch der Portier war eilig die Treppe heraufgelaufen.
„Was ist geschehen, wer hat geschossen?"
Ohne eine Erklärung zu geben, deutete Serget auf die vor ihm zusammenqesunkene Gestalt:
„Meine Schwester, hilf mir, sie nach oben tragen, alles andere sMter —"
Oben in der Wohnung der Mutter legte Sergei Vera auf das Bett und begann gleich mit der Untersuchung, den Portier hatte er fcrtgeschickt: er würde zu ihm koinmen und ihm Bescheid geben, er solle sich ruhig verhalten
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