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VikMener Tsgbl

53. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. SezngS-PreiS: durch den Verlag 5» Pfg. monatlich, durch die Post s Mk. 5« Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgaffe 27.

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Sonntag» drrr 13. Kovernbrr.

Redaktions-Fernsprecher No. 82.

1904.

j|(|. 533. BerlagS-Fernsprecher R». 2968.

Morgen-Ausgabe.

1. Wcatt. _

Mmelne ArbeMloseMrWrung In FranKrelüj.

Bekanntlich hat das sozialistische Regime in Frank­reich die Einsetzung einer Kommission für soziales Ber- sicherungs- und Fürsorgewesen gezeitigt, die neben dem Plane der staatlichen Altersversicherung vor allem auch der Frage der Arbeitslosenversicherung näher treten sollte. Dieser Kommission hat nun soeben Exminister Millerand eine Denkschrift über die verschiedenen Ge­setzes^ und Verwaltungsvorschläge zur Organisation von Arbeitslosenkassen, die die Welt bisher kennt, vorgelegt. Die Denkschrift läuft darauf hinaus, das belgische Ex­periment, das der Adokat Varlez in -der Stadt Gent zuerst angeregt hat, nunmehr in Frankreich auf um- fassender Grundlage zu wiederholen. Das Genier System beruht auf Arbeitslosenzuschußkassen, die jede Gemeinde errichtet, um aus ihren Mitteln die Arbeitslosenversiche- rimgskassen der verschiedenen Arbeiterorganisationen, Wohlfahrts- und Unterstützungsvereine nach bestimmten BerhältniSsätzen zu unterstützen. Der Zuschuß darf, wenn hie Grundnnterstühung bereits 1 Frank pro Tag über­schreitet, höchstens diesem Betrag gleichkommen und wird auf höchstens 60 Tage im Jahre gewährt. _ Die kombinier- {en Arbeitslosenkassen sind von 10 Administratoren, deren 5 aus den Gewerkschaften hervorgehen müssen, zu ver- walten. Dieses vielfach angefochtene System hat sich dank Her ihm innewohnenden praktischen Vernunft in Gent, in Antwerpen, in allen 10 belgischen Städten über 60 "00 Einwohnern, die es angenommen haben Brüssel allein hielt sich bisher zurück, ganz außerordentlich beruft,rr. Zn Frankreich hat es bereits in Dijon und Langres Nach- chmung gefunden, in Lyon harrt seine Einführung nur noch der ministeriellen Bestätigung. Millerand spricht sich in seiner Denkschrift entschieden für das Genier System gegenüber all den ans eine nationale Arbeits- losentässe zielenden Gesetzesvorschlägcn au§, da letztere mit den bestehenden Sclbsthnlfebcstrebungen der Arbeiter­schaft nicht in Einklang zu bringen seien. Allerdings ist Millerand nicht so kurzsichtig, um in dem Genter System schon das A oder O aller Arbeitslosenversicherung zu er- blicken, vielmehr will er cs nur als vorbereitendes, als Übergangsexperiment, an den» man das Problem studieren. das die weitere Öffentlichkeit anregen und ans- klären könne, behandelt wissen. Wesentliche Wirkungen zugunsten der Arbeiterbewegung und des Versicherungs­gedankens erwartet MWerand gerade von dieser erziehe­rischen Seite des Systems: Anreiz der privaten Jnitia- tive, der Selbsthülsebestrebungen, die durch die Zuschntz- kasse geradezu prämiiert werden, Antrieb und Werbe­arbeit ftir die Ausdehnung der Gewerkschaften. Begrenzt ist die Wirksamkeit des Genter Systems durch die von lanaer Hand notwendige, wenig Spielraum gewährende Festsetzung der Znschnßfonds in den Gemeindehaushalten.

Millerand fordert schließlich vom Handelsniinistcr zur Einleitung dieses Experiments einen Kredit von 100 000 Frank .zur Unterstützung sämtlicher Hülfskassen, die sich die Arbeitslosenunterstützung angelegen sein lassen. Die Kommission stimmte diesen Vorschlägen mit voller Ein- mütigkeit zu. Bei der gegenwärtigen Konstellation in der französischen Minister- und Parteipolitik hat dieser Beschluß alle Aussicht auf baldige Verwirklichung, hält doch Combos es für dringlich nötig, nunmehr auch sozia­len Dingen größere Aufmerksamkeit zu schenken. Viel­leicht bekommt daher Frankreich noch eher diese vorläufig einfache und billige Arbeitslosenversicherung als die kost- spielige Altersversicherung. 8. r.

Politische Übersicht.

Enthüllungen".

L. Seilt«, 11. November.

Aus Westfalen wird uns geschrieben:Aufsehen er- regen hier die Artikel, die der frühere Redakteur der Arbeiter-Zeitung", Herr Rudolf Lebius-Janlin, der kürzlich nationalsozial geworden ist, in- derSachsen- stimm-e" (jetztPilatus") über die Sozialdemokratie im Ruhrrevier veröffentlicht hat und die von hiesigen Blättern wiedergegeben werden. Herr Lebius-Janlin geht die Parteigeschichte der letzten zehn Jahre durch und schont keinen seiner früheren Parteigenossen. Alle be­kommen sie boshafte. Vorwürfe und Erinnerungen zu kosten, es . erscheint uns aber nicht der Mühe wert, die Dinge wiederzugeben. Auffallend ist nur, daß die bösesten Sachen -dem Mg. Auer nachgesagt werden, einem Manne, der sonst auch bei den bürgerlichen Par- teien großes Ansehen genoß. Die Vorwürfe sind so detailliert, daß eine Erwiderung unmöglich ausbleiben kann. Auer selbst wird sie aber kann» geben, denn diese Angriffe auf ihn erscheinen zu einer Zeit, wo der schwer Angegriffene ncrvenleidend und zu geistiger Anstrengung snrstange Zeit unfähig ist. Auer kann also nicht schreiben. Wie er jedoch jetzt denkt oder richtiger, empfindet, da­rüber gehen zurzeit Mitteilungen um, die, wenn sie richtig sind, den ganzen von Lebius behandelten Dingen eine scharfe Wendung geben könnten. Es wird nämlich berichtet (und daß die Meldung nicht ganz ans der Luft gegriffen ist, können wir selbst bestätigen), daß er den Wunsch hege, einigen Parteigenossen, denen er Unrecht zugefügt habe, Genugtuung zu geben. Ganz, wie ge- sagt, ist das nicht erfunden. Was aber die übrigen Enthüllungen Lebius-Janlins imPilatus" angelst, so harren wir auf die Pilatus-FrageWas ist Wahrheit?" der Antwort." So die Zuschrift, an die wir nur wenige Bemerkungen knüpfen wollen. Es ist auffallend, daß sich neuerdings die Enthüllungen von Sozialdemo­kraten aus der Sozialdemokratie mehren. In Char- lottenbnrg, in Sachsen, in Westfalen, überall rauchen Genossen" ans, die zum Tell noch beanspruchen, es zu bleiben, zum Test ihre Zugehörigkeit zur Partei abge-

streift haben, und die, wo sie jetzt auch politisch stehen mögen, jedenfalls das Bedürfnis empfinden, ihren Freunden von gestern die denkbar schmutzigste Wäsche vor die Nase zu halten. Wir sprechen nicht von den unaufhörlichen Zwistigkeiten zwischen den Parteiführern! selber, von den angenehmen Schreibduellen zwischen Mehring und Bernstein beispielsweise, sondern eben von den haßerfüllten Preisgebnngen intimster Vorgänge durch Leute, die irgend ein Gefühl persönlicher Rachlust be­friedigen möchten. Die Parteiblätter haben beinahe schon eine ständige Rubrik, in der solche, sich und ihren Ruf opfernde Abtrünnige erwartetermaßen lieblich genug behandelt werden. So sonderbar diese Dinge sind, so wahrscheinlich es ferner ist, daß ein Teil derEnt­hüllungen" in der Regel zutreffen wird, so ist es viel, leicht noch bemerkenswerter, daß die Wrkung beinahe immer weit hinter dem zurückbleibt, was die Fabrikanten der moralischen Sprengbomben erwartet haben mögen- Wir entsinnen uns nicht, daß jemand in leitender Stellung auf diese Weise vernichtet worden wäre, sondern die Geschädigten sind die Ankläger, auch wenn sie nichts erfunden und nur wenig gefärbt haben. Der Dogmatis- mus, der in der Sozialdemokratie herrscht, der unbedingte Glaube an die Trefflichkeit der Führung, der sich ganz gut mit einem fortdauernden nagenden Mißtrauen namentlich gegen dieAkademiker" verträgt, jene Eigen­schaften und geistigen Dispositionen sorgen dafür, daß die gelegentliche grelle Beleuchtung von tiefen Schäden alsbald wieder durch ein wohltätiges Dämmerlicht ab- gelöst wird. Vor allem aber kommt es der Partei zu­gute, daß ihre Gegner in der bürgerlichen Welt nun. selten die Neigung zeigen, sich bei solchen Dingen länger als nötig aufznhalten. Der gerade vorliegende Fallt wird natürlich verzeichnet, -aber der nächste Tag spM ihn schon wieder fort, und die Vergeßlichkeit, die unsere Zeit charakterisiert, nützt den geschäftigen Bertuschern von Mißständen innerhalb der Sozialdemokratie um so mehr, je zweifelhafter meistens dieenthüllenden" Elemente zu sein Pflegen. Immerhin darf man von diesem Hinnndher in der Partei, die vor allem auf ihr« Moralität so stolz ist, von Zeit zu Zeit Notiz nehmen. /

Znm Fall Brust.

Wir erhalten von einem Kenner der Verhältnisse folgende Mitteilung: Ter Vorstand des Gewerkvereins christlicher Bergarbeiter hat die befreundeten (Zentrums). Organe durch Rundschreiben gebeten, den Fall Brust,' d. h. die Umstände der Niederlegung des Vorstandes durch Herrn Brust, trotz der Anzapfungen anderen Blätter nicht zu erörtern. Er selbst, der Vorstand, werde den ganzen Zusammenhang zu geeigneter Zeit öffentlich darlegen. Diese Geheimnistuerei weckt die Vermutung, daß Dinge vorgekommen sind, deren Bekanntwerden der Zentrumspartei oder aber dem Gewerkverein unange­nehm wäre oder werden könnte. Möglicherweise jedoch hat der Vorstand nur taktische Gründe; das wäre in diesen» Falle eine ungeschickte Taktik. Jedenfalls sind die Differenzen, die Brust seither im Vorstande infolge

Feuilleton.

Kus meiner Mappe.

(Für dasWiesbadener Tagblatt".)

Von Walther Schulte vom Vrühl.

XI.

Harakiri.

Mag man es glauben oder nicht: ich bin ein Sonn­tagskind und verstehe als solches die Sprache -der Vögel, auch bie jener bunten Vögel aus dem Lande der aufgehen- -den Sonne mit ihren blumigen schlafrockähnlichen Kimo­nos und ihren Obis, den weichen Gürteln mit der kuriosen Rückenschleife. Nun, jüngst zog eine Truppe dieser Leute in unseren Landen umher und gab uns in etwas ver- europäerter Fassung einige ihrer Komödien zum besten. Man spielte sie natürlich auf Japanisch und kein Mensch im Znschauerraume vermochte die Worte zu verstehen. Doch, wie gesagt, ich bin ein Sonntagskind und so konnte ich mit Verständnis der Handlung des Stückes folgen. Selbstverständlich sollte wieder einer Seppnku vollziehen, Harakiri machen, sich heldenhaft den Bancy anfschlitzen. Die, um derentwillen er solches so dringend zu tun be­gehrte, saß in seiner Nähe. Sie hieß Ko-Sudzuma, Spätz­chen, und sah wie eine Frühlingsblüte uns, wie eine Apfelblüte,- hübsch weiß und rosa geschminkt, hatte ein niedliches Köpfchen, ein dünnes Hälschen und war ganz danach angetan, einen unglücklich verliebten, japanischen Jüngling zum Selbstmord durch Bauchwusschlitzen zu treiben. Wie nun diese bedauerliche Prozedur vor sich gehen sollte und der Held er hieß Namagawa, Berg- stnß, bereits zum Grausen der Zuschauer sich seines Dberkleides entledigte, t Augen rollte, die Angbrauen schürzte und, offenbar er .-restliche Worte brüllte, da nahm

ich war baff der Dialog plötzlich eine seltsame Wendung. Herr Damagawa, der den Todgeweihten mimte, wandte sich nämlich gegen Fräulein Spätzchen, welche die gegen ihn so spröde Geisha Harn verkörperte: Ist es nicht ein Skandal, o Ko-Sudzuma-San, daß wir im Schweiße unseres Angesichts diesen verdammten Akahiges, diesen Fremdlingen, welche diese Schweine, die Chinesen, nickst mit UnrechtWeiße Teufel" nennen, etwas vorschauspielern müssen?"

Freilich, freilich, o Namagawa-San", Lestätigte eifrig seine zierliche Partnerin.

Unterhalten wir uns ein wenig", fuhr Herr Berg­fluß fort.Dies dumme ungebildete Volk da nuten, das nickst einmal Japanisch kennt, verstelst uns ja doch nicht und denkt wunder, was für dramatische Sachen eben von unseren geschminkten Lippen fließen."

Sie sind köstlich, o Namagawa-San". kicherte das kleine Wesen mit der mächtigen, schwarzen Frisur, die fast zu schwer schien für das dünne Hälschen.

Na. ist doch wahr", brummte der Mime.Mehr als dreihundert Mat spiel ich nun dies alberne Stück, mehr als dreihundert Mal vollziehe ich Seppukü. Dummheit, daß wir uns nicht früher schon das. Vergnügen einer Privatunterhaltung ans der Bühne geleistet naben. Sehen Sie, sehen Sie nur, wie sie uns anglotzen, die da unten. Barbarisches Volk das. Seit mehreren Jahrzehnten sind sie eifrig dabei, sich etwas von unserer Kultur anznei-gnen und unsere Kunst nachznäffen, aber es wird alles stümper­haft. plump und, ledern unter ihren Händen."

Es sind täppische Bären", sagte Ko-Sudzuma mit tiefer Überzeugung.

Ihr frechen Akahiges, ihr Saufteufel, ihr intoleran­ten Ehristenmenschen! Was glotzt ihr hier wie die Hammel. Bläh, bläh!" schrie der Schauspieler und schnitt eine furchtbare Grimasse gegen den halb-dunklen Zuschauerranm. Und die Leute rissen die Augen ans und

vermeinten, er hätte etwas furchtbar Tragisches von sich gegeben. Es kostete mir Mühe, mein Lachen über diese köstliche Frechheit des sapanischen Gastes zu unterdrücken. Inzwischen mahnte Fräulein Spätzchen:Gomen nasai, entschuldigen Sie. Herr Kollege, daß ich Sie daran er- innere, aber Sie müssen nun doch daran denken, Harakiri zu machen."

Ja, ja, Sie haben recht", sagte der Schauspieler und fing an, auf der Erde hockend, sein Schwert unter furcht- barem Brauengerunzel zurecht zu legen und sein leicht gerundetes Bäuchlein malerisch mit den übrigen Kleidungsstücken zu umwulsten.Ich Hab eine besonders große Blase mit Schweinsblut gefüllt, es soll ordentlich spritzen", erklärte er.Blutdürstig sind sie ja alle, sehen mit Behagen von ihren Bierbänken -aus zu, wie sich- unser Volk und das der Wutkitrinker da in der Mandschurei gegenseitig -abschlachten. Und diese Vermaled-eieten sind schuld daran. Ihre Diplomatie hat uns ja damals um die Früchte unseres Sieges gebracht, hat uns Port Arthur entrissen. Oh, oh, diese Abendländer!"

Er versuchte die Schärfe seines Schwertes, rollte die Augäpfel und schrie:Jbr Maulaffen da unten, ich hasse euch und eurer Volk. Ich wollte, -der Bauch, den ich hiev antblöße und der mein ehrlicher Bauch ist. der w-äre der Gefamtbanch der europäischen Menschheit. Ha, mit welcher Lust wollte ich ihn aufschlitzen, Harakiri machen, so, so! und das Schwert dreimal im Leibe umkehren. Was meinen Sie dazu, o Ko-Sudzuma-San?"

Er fletschte dabei die Zähne und stieß sich scheinbar die Waffe, tief in den Leib. Und das Schweinsblut spritzte und besudelte ihn erschrecklich. Schwer röchelte er und zappelte im Todeskamps kläglich mit den Beinen.

Das Publikum war außer sich vor Entsetzen, be­geistert von der realistischen Spielweise und applaudierte heftig. Und die kleine Geisha oben auf der Bühne wandte sich jammernd zu dem zuckenden Leichnam und schrie wie