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Ko. 576. Verla, S-Fernsprecher No. 2858 . D»tt«ers1ag» den 10 . De;emb-rr
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Bor gon ■Ausgabe«
„Friede".
t. Budapest, 7. Dezember.
©ö ist ‘benn der Friede endlich über Nacht gekommen, m ben sich nur ein Wermutstropfen mengt: die noch Zma gebliebene Miniatur-Obstruktion der »ereimgien Klerikalen, des Szederhenyi-Flügels auf der äußersten Linken und die Freischärler von der Volkspartei, d-ene,- bas kalvinische Regime Tisza ein Dorn im Auge ist und bie die populären Schlagworte vom ungarischen Kommando und der Verletzung der Hausordnung für ihre uneingestand-enen ultramontanen Zwecke gebrauchen wollen. Allein die Tatsache, daß der Friede, den vor Wochenfrist noch niemand zu erhoffen gewagt hatte, zwischen den stärksten Parteien des ungarischen Ajbge- ordnÄenliauses dennoch zustande gekommen ist, , wird durch das faktiöse Widerftreben der noch rmmer m der Obstruktion Verharrenden nur wenig alterrert, und heute ist die Hoffnung mehr alsgerechtferlrgt, daß m nicht allzu femer Zeit die dringendsten Staatsnotwendigteiten, sowie die Rekruten-Vo Vierung und das Staatsbudget in Ordnung kommen und die Staatsmaschine derart wieder regelrecht Zu funktionieren imstande fern wird Die Obstruktionisten selbst sind heute alles weniger als hoff- nunqsfreudig. Sie berechneii ihren Anhang noch rmmer mit 35 Mann, doch ist dies stark aufgetragene Schon- fürberei, da die Szederhenyi-Fraktion nicht mehr als 9 Mann zählt, wozu sich noch etwa 10 Mann von der Volkspartei und 4—6 Mann von der „freienVeremigung gesellen, insgesamt also ungefähr 20^-25 Streiter, die, da sie sich nicht immer beisammenftnden, selbst für eme technische Obstruktion zu schwach sind, nachdem zur Veranstaltung von namentlichen Abstimmungen immer etn schriftlicher Antrag von mindestens 20 Unterschriften em- gebracht werden muß, und die auch in dem noch werterhm geplanten Totrede-Feldzug gar bald erlahmen durften. Zieht man die Bilanz der Obstruktion, so muß man sagen, daß die einjährige Kampagne der Opposition vom ungarisch-nationalen Standpunkte so manches erreicht hat, was man vor kurzem noch für kaum möglich gehalten. So wird insbesondere im Sinne der Abmachungen der ungarische Militär-Unterricht, der die Vorbereitung zur Magyarisierung der ungarischen Armee bildet, viel intensiver gestaltet werden, und mich die Einteilung der Offiziere wird eine dem magyarischen Gesichtspunkte ent sprechende sein, während gleichzeitig auch die Wappen und Emblemen-Frage einer dem Magyarentum gunsügm Lösung entgegengeht. Von größter Bedeutung ist Mich, daß der ungarische Tsiinisterpräsident die prinzipielle Er
klärung abzugeben gezwungen war, daß in Ungarn alle Rechte von der Nation Herkommen, was als Gegengewicht des Armeebefehls von Chlopy anfgefatzt wird, am angekündigte Wahlreform endlich bedeutet sicherlich auch eme Errungenschaft vom allgemeinen Gesichtspunkte des Fortschritts, da das ungarische Wahlrecht eines der zuruck- gebliebensten auf dem ganzen Kontinente rft. Allerdings gibt es furchtsame Politiker, welche in der. Ansbreitung des Wahlrechtes eine Schwächung des ungarischen Staats- gsdankens erblicken. Nun ist es wohl sicher, daß bei einer Vermehrung der Stimmen und gerechten Verteilung der Wahlbezirke gewiß auch einzelne Vertreter der nicht- magyarischen Nationalitäten in den Reichstag Mangen werden, doch wird dies schon wegen der geringen Anzahl dieser Vertreter, die miteinander gar keine Verbindung unterhalten, auf die Zusammensetzung des Hauses nur von sehr untergeordneter Bedeutung sein tonnen und gegen ein Überwuchern des Nationalitätentums werden in dem« neuen Wahlgesetze, wie man dies bereits heute hört, Kautelen getroffen werden. Noch eines aber darf, besaßt man sich mit der Obstruktion, nicht außer acht gelassen werden: es ist dies der Austritt her ehemaligen
Nattonal-Parter aus der liberalen Partei, was für die Homogenität der Majoritäts-Parte: einem effettivein
großen Gewinn gleichkommt. Die Gruppe der Drsst- deuten, die heute bereits ein eigenes Klublokal besitzt, zeigt wohl in aller Stille viel Geneigtheit, m den allem- seligmachenden Schoß der liberalen Partei wieder zuruck- zukehren, doch wartet sie „schand-ehrenhalber auf einen Ruf seftens des Grafen Tisza, der diesen Wink mit dem Zamrpfchl im eigenen Interesse hoffentlich wohl unterln^en tuirb. 0>cit beut Grmtritte ber lMNiletisll) schwankenden Apponyi-Gruppe daftert die Indigestion der Naftonalitäts-Partei, die in ihrem Hunger nach Sftmmen, die sie gar nicht beitötigt hätte, sich mit diesem Zuviel den Magen übernahm. Die Purisikativn ist erfolgt. Möge sie eine dauernde bleiben.
Politische Übersicht.
Über Theorie und Taktik
schreibt der Sozialdemokrat Kolb in den „Sozialistischen Monatsheften":
Der Revisionismus ist nicht tot: er lebt und
marschiert: er ist, so wie die Dinge nun einmal liegen, überhaupt nicht umzubringen. Selbst wenn man in Dresden den Wünschen etnrelner ilbereisriger Folge gegeben und die sämtlichen .al- Revisionisten bekannten Genossen aus der Partei ausäeschloßen bätte wäre mit einer solchen Operation sur den „Radikalismus niäits qewonnen worden. Die Zahl der nicht bebannten Revisionisten ist viel größer als die der bekannten, und wenn man schon damit angesangen hätte, bestimmte Richtungen innerhalb der Sozialdemokratie durch derlei Gewaltmaßregeln^ ^-unschädlich" zu machen, so hätte man diese Operation aller ^oiau^
Redaktions-Fernsprecher No. 52. 1903.
Mit nach recht oft wiederholen müssen. An sich ist der Revisionismus nichts, was mit den Grundsätzen und Forderungen der sozialdemokratischen Partei sich nicht vertrügt: im Gegente,
glauben gerade die Revisionisten, daß mit den, Siege der von ihnen vertretenen Richtung die Entwickelung zum Sozialismus beschleunigt wird, daß durch die konsequente Beiolgung der „bisherigen bewährten Taktik" die „Geburtswehen der neuen Gesellschaft" wesentlich gemildert und abgekürzt werden. Was ist denn eigentlich der Revisionismus? In letzter Lime doch nicht-- anderes, als die in die Theorie übersetzte „bisherige bewahre Taktik", oder mit anderen Worten, die Beseitigung des Widerspruchs, der zwischen dieser „bewährten Taktik" und der von Kautskv und andern proklamierten und verteidigten Zusammen-- bruchs-Theorie besteht. Dieser Widerspruch ist es. der zu Konflikten führt. Wer die Parteigeschichte auch nur einigermaßen kennt, weiß, daß die „bisherige bewährte Taktik keineswegs immer dieselbe war, daß sie eine Entwickelung durchgemacht und sich im einzelnen immer nur gegen den heftigsten erstand des „Radikalismus", der Revolutionsphraseologre har Anerkennung verschaffen müssen. Wurden gegen die Beteiligung am Parlamentarismus. am Seniorenkonvent, an den Kommisstonsarbesten, an den Landtags- und Gemcindemahlcn nicht ganz d-eselben Em- Wendungen erhoben, wurden an sie nicht ganz dreielben Befurch- tnngen geknüpft, wie jetzt an die eventuelle BeSetzung des Bize- präsidenten-Postens? Alles, was von „radikaler Seite «egen dl- Anerkennung der Formen, die bei der Besetzung d -seS Postcrls in Betracht kommen, vorgebracht wurden, waren „olle Kamellen . An sich ivar diese rein taktische Frage von sehr sekundärer Be- deutung. Wenn sie trotzdem so viel Staub ansgewirbelt und icbließlick den Anlaß zu der Debatte über die Taktik aus dem Dresdener Partcttaae gegeben hat, so geschah dies deshalb we l man diese rein taktische Frage mit dem Prinzip verkuppelt har. Damit waren die Boraussetzungen lür eine Debatte gegeben, ui deren Berlauf die ganze Serie von Gespenstern, als dre »B ' snmpfung", die „Verwässerung der Prinzipien, das „Aufgebcn des Klassenkampfes", die „Annäherung an die bürgerlichen Parteien" usw. aufmarschierten. Lauter alte Bekannte, die regelmäßig auf der Bildflächc erscheinen, lvbald irgend ern« Frage der Taktik zur Diskussion steht.
Dann wendet sich Kolb gegen .Kmitskys Auffassung von der sozialen Revolution und sagt, wenn es richtig wäre, daß es zwischen Proletariat und Bourgeoisie zu einem letzten entscheidenden Kampfe kommen müsse, dan»t müßten die Sozialdemokraten erklären, daß ihre ganpe parlamentarische Tätigkeit erfolglos sei, daß der gwiz- zwetteTeil ihresProgramms innerhalb des kapitalistischen Staates auch nicht einmal teilweise verwirklicht Werder, könnte, und sie müßten die ganze bisherige Taktik auf- geben Die Grundlage der Kolbschen Darlegungen ist umgekehrt die Auffassung, daß die Sozialdemokratie nach und nach an der Regierung teilnehmen könne.
Bulgarien und Rußland.
-a. Sofia, 6. Dezember.
Die Spannung Zwischen Bulgarien und Rußland verschärft sich immer inehr, und dieArt nndWeise, tme man hier gegen das Zarenreich vorgeht, sicht einew direkten Provokation des letzteren verzweifelt ähnlich-. So richtet die „Wetschera Posta" soeben eineri dringenden Appell an den Fürsten Ferdinand, derselbe solle zwei Briefe seines Vorgängers, des Prinzen Alexander von Baitenberg,
Feuilleton.
Venus im pelz.
Berlin, anfangs Dezember 1908.
Noch nicht gar so lange ist es her, daß in Einsamkeit «nd Vergessenheit ein Mann starb, dessen Bücher seinerzeit von Hunderttansenden mit wahrer Gier verschlungen
wurden.
Ein Vorläufer unserer Modernen war er, der Mann, der mit Mitteln und Effekten arbeitete, deren Anwendung damals unerhört war, so daß man seine Bücher ängstlich 'or der „reiferen Jugend" hütete. Der Mann hieß wacher Mrsoch, und die Frauen, die er schilderte, russische Fürstinnen, Halbasiatinnen, Frauen der großen Weit, deren Geheimnisse für den guten Bürger und noch meyr für die brave Bürgerin von so prickelndem Jnterey sind — die hatten unabänderlich zwei Attribute, so unzertrennlich von ihnen als ihr Schatten - den Pelz und die Reitpeitsche. Ohne Pelz und Reitpeitsche keine Sacher Masochsche Heldin. Und er ergeht sich in den üppigsten Schilderungen der Pelze, die die schönen Leiber dieser Frauen decken. „Venus im Pelz". t Ein Teil jener Zeiten scheint Meder lebendig gewvr den zu sein. Der Pelz ist das unentbehrlichste Negulftt jeder Frauentoilette. Und was sind das für Pelze! Sacher Masochs Fürstinnen hätten keine herrlichere „Kazabaika" tragen können als etwa jenen köstlich Mantel aus veilchenblauem Seidensammct, mit violettem Atlas gefüttert, mit einem wundei-vollen Schnlterkragen aus Hermelin, der über kostbare gelbweiße Seidenstickereien herabficl mit einer halbmeterbreitcn Randeinfassung aus demselben Pelz und mit weiten Ärmel,tnlpen, aus denen wahre Kaskaden der gelblichen Stickereien auf die zarten, mit glitzernden, kostbarsten Rmgen besteckten Finger rieselten. — Und wahrhaftig, die weißen Hände der Trägerin dieses Mantels hätten ganz eine Reitpeitsche schwingen können wenigstens sah dü wunderschöne Frau, deren Haar wie Rabenflügel war und deren Augen unergründlich geheimnisvoll leuchteten, g z so ans.
Man fühlt dithyrambischen Schwung, wenn man diese Pelze ansieht! Zumal die Pelzmäntel für Gesell,chafts- zwecke. Auf der Straße, wo übrigens auch der Pelz dominiert, muß ja alles einfacher, solider, bescheidener sein Und so muß schon ein wirklicher Kenner kommen, der die Kostbarkeit dieser Pelzjacken, Capes, «wlas und Kragen taxieren kann, um die wirkliche, schätzende Ve-
Fig. 1.
Fig. 2.
wunderung zu emvfindcn vor den fast unscheinbaren Pclzjückchen aus isterz ober Zobel, die „nur wusend —- bis -drei- — vier- — fünftausend Atark kosten. Oder für Breitschwanz- vder Astrachan-Aräntel, oder ^ealslin- kragen, oder auch für den allerneuesten Modepelz, den Maulwurf, der augenblicklich wohl nach dew Zobel lms teuerste'ist nnd auch wirklich wundervoll wirkt in seinem schillernden bräunlich-sammctenen Gran, und dessen Jim- tationen sogar, Ataulwursbisam und Manlwursplusch,
fast noch teurer sind, als es vor 10 und 15 Jahren ein braver, solider Otter-, Iltis- oder gar Nerz-Pelz war.
Daß -die, die nicht zur Bezahlung solchen Pelzwerks die ungezählten „Blauen" oder auch einige „Braune" mit lässiger.Hand an der Kasse der vornehmen Pelzgeschäftc hinlegen, doch ihr Pelzjackett oder die lange Stola, die sich über den Schultern gern kragenartig verbreitert, tragen können, dafür sorgt die Kunst der Fellbearbeiter. die zur höchsten Vollkommenheit gediehen ist. Da gibt es Nerz- oder Zobelmurmcl und Bisam, imitierten Chinchilla bis herab zum imitierten Hermelin, zu dem das Entzücken unserer Kinder, das weiße Kaninchen, sein Fellchen lassen mutz.
Am kostbarsten ist der echte sibirische Kron-Zobel. Ehrfurchtsvoll betrachten wir eine uiützig große Stola mit capeartig erweitertem Schnlterkragen und der ehr- furchtgebietenden Preisauszeichnung „15 000". Fünf- zehntanscnd Mark! Aber eine „ganz ähnliche" Stola aus Zobelbisam geht schon um zwei Nullen weniger in unseren Besitz über, und schließlich kommt's da doch nur auf die Idee an.
Die kolossale Preishöhe der Pelze schreibt sich von dem inimcnscn Berbrauch her. Während früher auch die eleganteste Frau kaum etwas anderes kannte als Muff und Kragen, so hat heute jede ihr Pelzjackett und ihren pelz- bcsetzten Abendmantel, die Riesenstola nnd den Muff, oft auch noch den Pelzhnt. Und daher kommt's, daß ganze Tiergattnngcn fast ansgerottet sind, und wenn die Maul- wnr'modc sich stält, dani: werdeii wir wohl in ein paar Jahren den kleinen, harmlosen, schwarzen Erdwühler nur noch als höchste Seltenheit im zoologischen Garten und ansgestopst im natnrhistorischcn Museum sehen. Ist doch 'die Chinchilla, die siidamerikanische, kaninchenartige Maus die den seidcnflaumigcn Pelz liefert, fast ausge- rvttet 'und Zobel und Nerz stehen ebenfalls ans dem Aussterbeetat, wenigstens sind sic sehr selten geworden.
Jede Pelzgattnng ist heute modern. Die solide Frau, die zu erschwinglichem Preise ein wenig der Mode unter- morfcncs Pelzwerk ihr eigen nennen möchte, wählt den UeKamen Skunks, der desto kostbarer ist, je dunkler er fällt nnd je mehr einzelne weiße Härchen er hat, oder i.cn ein klein wenig teureren, aber nicht ganz io kleidsamen
