so. Jahrgang.
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My. 83. Redaktions-Fernsprecher No. 52.
Samstag, den 1. Februar.
Verlags-Fernsprecher No. 2266.
1902.
Morgenausgabe.
Die Nationalisten an der Arbeit.
Unser Pariser ^.-Korrespondent schreibt uns:
Gar erbaulich ist das Gebetbuch ausgefallen, welches sich die Nationalisten für die Wahlcampagne zusammengestellt und aus welchem der republikanischen Bevölkerung von den Aposteln der anrüchig gewordenen Lehre cm Kapitel nach dem anderen zum Vortrag gebracht wird.
> Einen Hauptabschnitt bildet natürlich die verrathene und (in den Schmutz gezerrte Armee, die durch die besten !Freunde der Regierung verhöhnte Fahne: eng daran ischließt sich dann die Ariseinandersetzung über die Staatsschulden an, welchen durch den Finanzminister Cailloux lveitere 265 Millionen Francs ausgebürdet seien. Freiheit und Bürgerthum leiden an Unterdrückung, was ebenso wichtig erscheint wie die Hindeutung auf die bejubelte Geistlichkeit, die an Stelle des katholischen Kleri- talismus treten mußte. Die Fehlgeburt des Gesetzes über !die Arbeiter-Altersversorgungskassen und des Projektes über die fortschreitende Einkommensteuer, was giebt dies mcht alles für einen Stoff zum Reden! — Viele Köche verderben den Brei, heißt bekanntlich ein Sprichwort. >Wenn den Wählern aber von dieser Speise der Magerr wicht verdorben wird, dann begreife ich es nicht. Lange hatten die Führer der verschiedenen Parteirichtungen, aus welchen sich die Nationalisten zusammensetzen, über die krätzigsten Wurfgeschosse nachgedacht, welche sie beim Sturm auf die Republik benutzen konnten und jetzt, ivo der geeignete Augenblick gekommen, zeigt es sich, was Alles ausgeheckt wurde. Sie Alle aber verkriechen sich hinter die „Pakrie Frangaise", einer republikanischen Liga. Es kann wohl kaum angenommen werden, daß .sich das französische Volk von diesem glänzenden Schilde blenden lassen wird, denn nach der Lüftung desselben wird es der Männer gewahr werden, die uin die Gunst der Massen buhlen nur zu dem Zweck, ihre eigeneri Pläne ausfichren zu können. Wie steht es mit einem Frangois Coppäe, der Seele der Liga? Er erklärte sich öffentlich als Anhänger des Volksbeglückers Derouläde, und wie verhält sich der General-Sekretär dieser Vereinigung? — Nun, er glaubt als besten Schutz derselben das aus Belgien mitgebrachte Banner des Herzogs von Orleans über der Liga ausbreiten zu müssen. So handelt Jeder nach seiner Weise, Monarchisten, Boulangisten, Klerikale.
In den gemäßigten Kreisen Frankreichs hat man es noch immer nicht begreifen können, wie sich Jules Lemaitre, der bekannte Schriftsteller und dramatische Kritiker, zum Sprachrohr eines solchen bunten Gemengsels machen konnte. Man muß demselben wohl zutrauen, daß er von seinen Ideen und Worten überzeugt sei, aber wenn er nur einen Augenblick hätte Halt machen wollen, um nachzudenken, ihm würden gewiß die Widersprüche zwischen den Nationalisten und einer, republikanischen Ideen dienenden Liga ausgefallen sein. Wer soweit lassen es seine Freunde nicht kommen, und da in ihm noch das Feuer des Neubekehrten glüht, so darf wohl kaum angenommen werden, daß er früher, als man es wünscht.
aus dem Rausche erwacht, um dann :m moralischen Katzenjammer die ganze Schal- und Leerheit einer Partei zu erkennen, der er so treffliche Dienste geleistet. Auch vor einigen Tagen hatte er sich in Begleitung des würdigen Cavaignac, der sich noch immer m nutzlosen >?ere- miadeii um fein verloren gegangenes Portefeuille ergeht und seinen geschwundenen Einfluß beweint, und Daussets nach Marseille aufgemacht, um der dortigen, zum großen Theil der Socialdemokratie verfallenen Bevölkerung das Evangelium des Nationalismus zu predigen, nachdem er
schon manchen argen Puff ausgehalten, ob es aber die
Herrschaft der Anhänger des Kaiser- und Königthums, der Klerikalen und der boulangistifchen Gruppen zusammen ertragen könnte, das will ich doch dahingestellt sein lassen. Es ist ja richtig, in Frankreich könnte Manches anders sein, als es ist, aber welcher Staat hätte nicht ähnliche oder andere Mängel? Die Republik hat sich bis heute lebenskräftig erwiesen; dies wird auch ferner der Fall sein, wenn ihre Entwickelung nicht im nationalistischen Sinne gehemmt oder zerstört wird.
Neue englische J Jriefmarke
Australische
Briefmarke ZulgarZriefmarke
durch seine Schmähschriften dargethan, wie dasselbe beschaffen fei.
Was für einen Werth besitzen wohl alle die schönen Worte, welche Lemaitre verschwendet? Gesetzt den Fall, daß sich ein Theil der Wähler durch den von der Geistlichkeit gespendeten Heiligenschein der nationalistischenApostel blenden ließe, was zwar nicht wahrscheinlich, aber doch im Bereiche der Möglichkeit liegt, und das Programm der „Patrie Frangaise" annähme, was hätte das Land bei dem Siege dieser Partei zu hoffen? Eine Erneuerung der Republik, wie es das Programm verspricht, gewiß, aber nicht im guten Sinne. Tie Welt würde eine Narren- pofse sehen, wie sie Frankreich ähnlich zwar schon aufgeführt, dieimjetzigenAugenblick aber in einem bejammerns- werthcn Trauerspiel enden könnte. Das Land hat zwar
Allerlei neue Briefmarken.
Tie Thronbesteigung König Eduards von England h!at Anlaß zur Prägung eines neuen Münzenstempels und neuer Freimarken gegeben. Außerdem sind in letzter Zeit von verschiedenen Staaten neue Briefmarken geschaffen, und alle diese Erzeugnisse führen wir unseren Lesern beistehend im Bilde vor.
In der Mitte befindet sich der neue englische Münzenstempel. Der Entwurf von demselben rührt von dem deutschen Künstler Emil Fuchs her. Das Bild König Eduards .VII., das die neuen Münzen tragen werden, ist fchlicht und einfach, ohne jedwedes Abzeichen der Herrscherwürde. Die Umschrift lautet: EDWARDVS VII. D: G: BRITT: OMN: REX. F: D; IND: IMP;
Feuilleton.
Die Zusammenkunft der Königin Luise mit Napoleon in Tilstt.
Im Februarheft der „Deutsche,: Rundschau" wird die Weröffeiülichung des Briefwechsels König Friedrich Wilhelms III. und der Königin Luise aus dem Jahre 1807 zu Ende geführt. Die erschütternde,: Briefe, die vor der Reise der Königin von Memel nach Tilsit, wo ihre -Zusammenkunft mit Napoleon am 6. und 7. Juli statt- tznden sollte, geschrieben wurden, brechen am 4. Juli ab; aber der Herausgeber, Paul Bailleu, theilt im Anschluß daran einen Bericht mit, den der schwedische Gesandte Karl Gustav von Brinckmann über die Zusammenkunft selbst seinem Könige erstattet hak. . Seine Mittheilungen beruhen auf Erzählungen der Königin Luise selbst und vervollständigen die bisher bekannt gewordenen Berichte. In seinem französisch abgefaßten Schreiben aus Picktu- pöhnen vom 10. Juli 1807 tritt er zuerst der Auffassung entgegen, als habe die Königin nach einer derartigen Unterhandlung gestrebt. Er erzählt, die Fürstin habe chn vor ihrer Abreise nach Tilsit bei Tisch traurig und schweigsam gefunden, und als er nach den Gründen gefragt wurde, habe er aufrichtig bekannt, daß ihn im Augenblick nichts mehr bekümmere, als sie hier zu^ sehen. Darauf entspann sich folgende Unterhaltung: „Sie sind nicht der Einzige, der mir das sagt. Allein, wem: man von mir ein solches Opfer für mein Land und meine Kinder forderte, können Sie mest:e Resignation mißbilligen?" „Ihre Motive, Majestät, sind ebenso achtimgswerth, lvie
Ihre Lage für ein Herz wie das Ihrige peinlich sein muß." „Sie haben ganz recht. Ich bin erst dreißig Jahre alt, aber ich habe mich schon selbst überlebt." „Eure Majestät sind lange glücklich gewesen. Sie haben in- ,nstten alles Unglücks soviel Seelengröße bewiesen; Ihr Charakter wird immer sich gleich bleiben. Heute besonders wird Ihre W ü rd e dem Uebermuth Ehrfurcht gebieten." „Ja, ich schmeichle mir, daß die Würde des Unglücks Achtung einflößen wird . . ." Bei der großen Überredung der Königin mit Napoleon am 6. Juli waren keine Zeugen zugegen; als Bonaparte bei der Königin eintrat, verließen Alle, auch der König selbst, das Zimmer. Nach den ersten Komplimenten und einigen nichtssagenden Rederwarten begann die Königin eine sehr ernste Unterhaltung, die der schwedische Gesandte sich gleich nach der besonderen Unterhaltung, mit der die Königin ihn beehrte, in seine Schreibtafel notirte. „Ich lerne Ew. Majestät in einem für mich höchst peinlichen Augenblick kennen. Ich sollte vielleicht Bedenken tragen, zu Ihnen über die Interessen meines Landes zu sprechen. Sie haben mich einst angeklagt, mich zu viel in Politik zu mischen, obgleich ich wirklich nicht glaube, diesen Vorwurf je verdient zu haben." „Seien Sie ganz überzeugt, Majestät, daß ich niemals das alles geglaubt habe, was man während unserer politischen Zwistigkeiten so in- discret verbreitet hat." „Sei dem, wie ihm wolle, ich würde es mir nie vergeben, wenn ich diesen Augenblick nicht benutzte, freimüthig mit Ihnen Zu sprechen, als Gattin und als Mutter. Ich schmeichle mir, daß Alle, die mich kennen, der Art Gerechtigkeit widerfahren lassen, wie ich beständig die Pflichten zu erfülle:: gesucht habe, die mir diese Eigenschaften auferlegen." „Alle Welt,
Majestät, muß das zugebe::." „8tun wohl, wäre ich dem König aufrichtig ergeben, werm ich nicht in diesen grausamen Augenblicken seine:: Kummer und seine Besorgnisse theilte? Wir haben eine:: unglücklichen Krieg geführt, Sie sind der Sieger, aber soll ich annehmen, daß Sie Ihren Sieg mißbrauchen wollen?" Den Vorwurf, den Napoleon nun :n seiner Antwort erhebt: „Warum haben Sie mich gezwungem die Dinge aufs Aeußerste zu treiben? Wie oft habe ich Ihnen Frieden angeboten?" sücht Königin Luise zurückzuweisen, aber sie fährt fort: „Doch genug, ich wage nicht, die großen politischen Interessen zu erörtern; ich spreche Ihnen nur meine Besorgnisse aus über das Schicksal meiner Familie und meiner Kinder. Die Geschichte unserer Tage stellt mir schreckliche Beispiele vor Augen, und ich könnte den Gedanken nicht ertragen, unglücklichen Wesen das Leben geschenkt zu haben. Sie haben selbst eine zahlreiche Familie und bei jederGelegenheit bewiesen, wie sehrJhnen das Schicksal der Ihrigen am Herzen liegt. MüssenJhnen die Besorgnisse einer Mutter hierüber nicht gerecht und achtungswerth erscheinen?" Napoleon antwortet wie immer mit einer allgemeinen Wendung: „Aber Majestät glauben doch nicht etwa, daß von der Vernichtung Preußens die Rede sei?" „Ich gebe mich keiner Täuschung hin über unsere Lage", sagt Königin Luise zum Schluß der Unterredung. „Ich weiß, daß wir Opfer bringen müssen; aber wenigstens trenne man von Preußen nicht Provinzen, die ihm seit Jahrhunderten gehören; wenigstens nehme man uns nicht Unterthanen, die wir wie Lieblingskinder lieben, und die unter jeder anderen Herrschaft unglücklich sein werde::. Der Krieg ist nicht zu unserem Vortheil archgefallen, aber er hat die Whäng-
