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Morgen-Veilage -er Wiesbadener Tagblatts. u=^i

Nr. 129. Sonntag» 6. 3unt.__ 1915,

16. Fortsetzung.)

Um Me Beute.

Kriminalroman von Reinhold Ortmann.

^(Nachdruck verboten.)

,/Zoll ich Ihnen einmal sagen", fuhr der Präsident ln seiner Vernehmung fort, „wie ich mir den wirklichen Sachverhalt denke? Sie waren klug genug, einzusehen,daß bei der Kürze des Vorsprungs, den Ihnen ein einziger Dag ließ, der Versuch einer Flucht ein ziemlich aus» isichtslos.es Unternehmen gewesen wäre. Man hätte Sre sicherlich schr rasch ergriffen und hätte Ihnen >;hre Beute wieder abgenommen. Da ersannen Sie denn den seinen Plan, das Geld lieber zu verstecken und sich als­dann freiwillig zu stellen, um es nach verbüßter Strafe «n aller Gamächlichkeit wieder in Besitz zu nehmen. Die nächtliche Kneipenrundreise war nur eine Komödie, die das Märchen von denn an Ihnen verübten Diebstahl glaubthaft machen sollte. Seien Sie endlich einmal aufrichtig, Grevenberg, und antworten Sie mir, ob diese Darstellung der Wahrheit nicht erheblich näher kommt als die Ihrige."

Der Angeklagte schüttelte den Kopf. „Was ich er­zählt habe, ist die lautere Wahrheit, Herr Präsident. Ich kann nichts davon zurücknehmen und nichts daran ändern." _ „

„Man hat bei der Durchsuchung Ihrer Wohnung freilich nichts von dem Gelde gefunden, aber es wäre ja auch offenbare Narrheit gewesen, wenn Sie es dort versteckt hätten. In der Zeit von fünf Uhr nachmittags bis zehn Uhr abends hatten Sie Muhe genug, erneu anderen Schlupfwinkel ausfindig zu machen. Die Polizei hat sich bemüht, die Persönlichkeiten zu er- lintteln, mit denen Sie in näherem Verkehr standen, und dabei hat sich ergeben, daß Sie eigentlich keinen «einzigen näheren Freund besaßen. Ist das richtig?"

„In der Tat, ich führte ein schr Ungezogenes Leben und hatte seit Jahren keinen eigentlichen Freund."

„Dafür aber scheinen Sie ganz besonderen Neigun-

E ungen und Liebhabereien gchuldrgt zu haben. Es sind ei den polizeilichen Nachforschungen merkwürdige Dinge aus Ihrer Vergangenheit zutage gekommen. Düan hat festgestellt, daß Sie sich vor etwa zwei Jahren unter falschem Namen in eine Gesellschaft von Offi­zieren und anderen Kavalieren eingedrängt haben, und daß Sie sich diesen Herren gegenüber monatelang den Anlck.ein eines vornehmen Mannes zu geben wußten, bis ein Zufall Ihre Entlarvung herbeisührte. Geben Sie zu, daß sich das so verhält?"

Der Angeredete veränderte die Farbe. „Ja", sagte er leise. „Aber ich habe damit doch niemand geschädigt."

„Eine betrügerische Absicht scheinen Sie allerdings ,ficht verfolgt zu haben. Sie sollen sich sogar im Gegen­teil Ihren vornehmen Bekannten öfters durch kleine Darlehen gefällig gezeigt haben. Woher haben Sie denn die Mittel dazu genommen? Ihr Gehalt war Loch verhältnismäßig bescheiden."

„Ich legte mir die äußersten Entbehrungen auf, uw In jenen Kreisen standesgemäß austreten zu. können."

„Das ist Loch sehr sonderbar. Wie kamen Sie «eigentlich darauf? Der Zeuge, dem wir die Mitteilung

über die damaligen Vorgänge verdanken, meint, es sei lediglich kindische Großmannssucht gewesen."

„Ich weiß nicht, wie ich es nennen soll. Wer schon fest meinen Knabonjahren fühlte ich mich sehr unglück­lich in meiner untergeordneten gesellschaftlichen Stel­lung. Ich träunfte beständig davon, ein vornehmer Mann zu sein und nur mit Aristokraten zu verkehren. Der Umgang mit Leuten aus meinem Stande hatte für mich etwas geradezu Abstoßendes, und , ihre Vergnü­gungen reizten mich nicht. Als ich vor einigen Jahren an einem dritten Orte zufällig die Bekanntschaft eines Grafen machte, der nichts von meinem Namen und meiner abhängigen Stellung wußte, konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, mir durch einen unschuldi­gen Betrug Eingang in seine Kreise zu verschaffen.

' „Nun, wir wollen es dahingestellt sein lassen, ob der Betrug wirklich ein so unschuldiger war. Jeden­falls hat man Sie, als die Sache ans Licht kam, in jener Gesellschaft sofort fallen lassen. Haben Sie seit- her vielleicht das Manöver noch einmal wiederholt?"

„Nein, Herr Präsident."

„Es scheint aber, als ob Sie doch darauf ausge- gmrgeu wären, eine Gelegenheit dazu zu finden. Ihre Wirtin stellt Ihnen zwar das Zeugnis eines, sehr so- liden jungen Vtannes aus; aber Sie hatten jedenfalls die Gewohnheit, sich mit auffallender Eleganz zu klei­den, und Sie wurden von Ihren Kollegen öfter im Konzert oder im Theater auf einem der ersten Plätze gesehen, wohin Sie Ihrer, Stellung oder Ihren Ver­hältnissen nach eigentlich nicht gehörten."

„Ich verzichtete oft tagelang auf das Mittagessen, um mir einen solchen Logenplatz kaufen zu können. Dann bildete ich mir ein paar Stunden, lang ein, ein reicher und hochgeborener Kavalier zu sein. Diese Ein­bildung machte mich glücklich."

,/Eine besondere Form von Größenwahn also! Und' nun gestehen Sie endlich offen ein, Angeklagter, daß Sie das gestohlene Geld versteckt haben, weil Sie sich der ganz törichten und trügerischen Hoffnung Hingaben, mit seiner Hilfe nach verbüßter Strafe irgendwo im Ausland in aller Behaglichkeit das Leben eines solchen Datmikavaliers führen zu können."

' „Ich habe es nicht versteckt, Herr Präsident, sondern es'wurde mir gestohlen."

Ärgerlich über diese unerschütterliche Hartnäckigkeit wandte sich der Vorsitzende ab. „Setzen Sie sich, Ange­klagter! Wir werden jetzt mit der Vernehmung Der. Zeugen beginnen."

Es war wenig Neues, was das Verhör Dieser Zeu­gen zutage-förderte. Die Untersuchung war mit solcher Umsicht und Gründlichkeit geführt worden, daß die Hauptverhandlung keine bemerkenswerten Aufschlüsft mehr zu brurgen vermochte.

Der Bankier Henning stellte feinem .

Kassierer hinsichtlich seiner bis zum Dasge DK