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Nr. Nb.

Der Roman.

Morgen.veilage des Wiesbadener Tagblalts.

Donnerstag» 20. Mai.

1915.

(28. Fortsetzung.!

Klippen.

Roman von Helene Tchrde-Heller.

Nachdruck verboten,

Er konnte seine Frau nicht sehen — alles an ihr «nd den: Haus mußte ihn an die andere erinnern, die hier hätte walten müssen.

Jeden Morgen seit drei Wochen hatte er gedacht: in sechk Monaten werden wir verheiratet sein — jeden Abend sich gefreut, daß ein Tag weniger Mischen ihm und dem Glück lag.

Sie sollte sein Weib werden — ihm gehören — gang.

Per Gedanke daran war ein Teil seines Selbst ge- worden, hatte bis in die Tiefen seiner Seele Wurzel ge­schlagen. Nun mußte er ihn gewaltsam hevcmsreißen, ihn abhauen, wie man auf dem Operationstisch ein lebendiges Mied vom Körper trennt.

Das konnte er nicht cutrf sich nehmen. Konnte nicht mit der Sehnsucht in der Seele daran gehen, 'das alte, zerstörte Nest neu aufzubaueu.

Er hatte nur noch einen Wunsch: fliehen!

Fort ponr HauS, in dem alles von ihr sprach. Fort von den Menschen, Lenen gegenüber er sich bezwingen und die Wunde verbergen mußte.

Nichts mehr sehen — nichts mchr hören. Allein sein mit dem Schmerz.

Zermürbt —zerschlagen — ein kranker Mann flüchtete er sich aus Berlin in sein thüringisches Haus im Nanental.

Kwrt war O still — nein — tot.

über das Haus — die Tannen — die Wiesen das Leichentuch.

Keine Vögel — keine Blumen — kein Loben mehr.

Nur die blasse Sonne und, wo man blicken konnte, nichts als der weiße Schnee.

Keine Menschen' — kein Laut. Weit und breit 'die Einsamkeit.

Aber nun er wirklich allein war, wirklich nichts mehr hörte — nichts mehr sah, lmichs das Gefühl 'des Ver­lassenseins zum Gespenst! Er konnte den Blick und die Stimme eines Menschen nicht mchr erttagen — und ihm graute zugleich vor der Einsamkeit.

Es gab keine Rettinrg mehr für ihn.

Kein Raum Mischen diesen beiden Mühlsteinen, die ihn zermalmen würden.

Er war blind für den Frieden, den der Himmel auf die Schneelandschaft ausstrahlte, für die Vögel, die an sein Fenster klopften und Brottrumen begehrten — für die Poesie dar nahenden Abende, wenn das Licht aus den Tälern auszog und Purpur und Gold auf die Gipses der Berge ausgoß.

Der Tag war ihm wie die Nacht, die Nacht wie der Dag.

Ziellos irrte er durch das Land, das voll war von den Erinnerungen an sie.

Hier hatten ihre Herzen sich gefunden — hier woll­ten sie die ersten Monate ihres Zusammenlebens ver­bringen — ganz allein — imter Wissen und Tannen und dobei so reich und stark.

Einmal wollte er den Aufstieg zu den Rabenklippest wagen. Nach vierstündigein beschwerlichem Steigen mußte er den Versuch aufgeben. Es war unmöglich, an den mit Schnee und Eis bedeckten Felsen omporzu- klimmen. Den halben Weg hatte er zurückgelegt — mit Händen und Füßen kletternd — immer zurückgleitend

— immer wieder vorwärts dringend — der ganze Wille mtif das Ziel konzentriert.

Doch er mußte umkehren — mit zerrissenen Hundert und schweren Gliedern.

Durste nicht einmal die Höhe erblicken: denn der Abend nahte und der Nebel fiel.

Da versagte wieder die Spannkraft, die ihn für einige Augenblicke hochgehalten hatte.

Erschöpft — mutlos ging er in sein Haus zurück. Hatte keine Angen für seine Frau, die seit einigen Tagen ange-kommen war. Konnte nicht die Wandlung sehen, die sich in ihr vollzog — kein Verständnis haben für die zärtlich bittenden Augen — die Lippen, die nur lieben und trösten — die Arme, die sich um seinen Nacken schlingen wollten.

Konnte nur an den verfehlten Ausstieg denken. Er; hätte ihn nicht versuchen sollen. Hätte wissen müssen, daß keine Flügel ihn mehr trugen, daß er nie mehr auf der Höhe der Klippen stehen und ins Land der Sonne schauen würde.

— Weil sie nicht mehr bei ihm war. —

Eines Tages, es war im April und noch immer herrschte int Rauental der Winter, hisst es ihn nicht länger in dieser Leere und Stille.

_ Er floh die Einsamkeit, wie er das Treiben der Stadt geflohen war.

Spät am Abend kam er in Berlin an. Am änderest Tage ging er durch die Straßen und Plätze — aber es war nichts mehr da, das ihn fesseln und interessieren konnte.

Es erschien ihm selber fast unfaßbar, daß ein Mensch solchen Unisturz im Leben vollziehen — solchen Reich­tum — solche Armut schaffen konnte. So groß war das Verlangen nach ihr, daß er dem Drange nicht wider­stehen konnte, wenigstens das Haus zu sehen, in dom sie gewohnt hatte. Er nahm die Straßen, die er so gut bannte, und die dahin führten.

Nun stand er davor. Ein schmuckes Einzelhaus mttl anstoßendem Gärtchen, wie sie in Berlin gar selten sind. Am Fenster hing ein Plakat: „Zu vermieten — Aus­kunft tut Parterre des Nebenhanses."

Er wandte sich dahin und sagte, er wolle sich da- Haus ansehen.

Dienstbeflissen folgte ihpr ein graubärtiger Pförtner und führte ihn durch die Räume, die sein Gliick gesehe» hatten.

Wie leer sie alle waren — still und ausgestorben. Ein Fremder zeigte ihm den Weg — öffnete me Türen

— schloß sie hinter ihnen zu — pries die Annehmlich­keiten der verschiedenen Zimmer — sagte, daß das HrmK