1. Beilage mm Wiesdaüener Tagblall.
Uo. 274. Morgen-Ansgnbe.
(24. Fortsktzung.) (Nachdruck verboten.)
Ans Grünmeide.
Nomau von K. Z>akmv- I»aysen.
Nur Line Sekunde, aber ihre Wange halte die seine berührt, ihr ruhiger Athem seine Stirn gestreift, einen Augenblick hatte sie an seiner Brust gehangen, er hatte sie umfangen wie — wie ein Vater sein Kind. Es war unbewußt und ganz unwillkürlich geschehen, daß er sie von sich gestoßen, und ihr war diese widerwillige und unsanfte Bewegung nicht entgangen. Aber was Absicht war, hielt sie für Ungeschicklichkeit und Erregung: man sah es ja, der Schreck zitterte ihm noch in allen Gliedern. Er war tief- athmend zurückgetreten. An einen Baum gelehnt, mit fest- geschlossenen Lippen, ohne ein einziges Wort zu finden, die Stirn verdüstert, sah er sie an. Das Blut klopfte ihm in allen Adern.
„Ich glaube," sagte Marietta schüchtern, „Du hast Dich mehr erschreckt und geängstigt, als ich, Onkel Reimer."
Eine solche sichtbare Erregung hatte sie noch niemals an ihm bemerkt. Dieselbe erschien ihr, nun da sie aus aller Gefahr, sicher auf ebener Erde, vor ihm stand, unerklärlich. Oder zürnte er ihr, da er so finster blickte, vielleicht weil er angenommen, daß sie, wie er es nicht liebte, irgend ein Wagniß mit dem Pferde unternommen? Da er nicht antwortete, fuhr sie fort:
„Sah es denn gar so gefährlich aus? Ich fühlte mich noch vollständig sicher im Sattel, obgleich ich nicht leugnen will, daß es ein abscheuliches Gefühl ist, so ohne Zügel der Willkür eines Thieres preisgegeben zu sein. Indessen mich hatte etwas geärgert, empört; ich vergaß die Augst darüber, nun gar, als ich Dich, meinen Reiter sah."
Er hatte offenbar gar nicht gehört und verstanden, was sie sagte.
„Du besteigst das Pferd niemals wieder," bemerkte er finster, als sie schwieg.
„Aber warum nicht? Nicht am Pferd, an mir lag die Schuld, laß Dir erklären, Onkel Reimer."
Und sie erzählte ihm den Zusammenhang, ohne jedoch den Muth zu finden, anzugeben, warum sie die Zügel aus den Händen gelassen, und was dem vorausgegangen sei. Sie hätte ihn bitten mögen, jetzt statt ihrer die Angelegenheit mit Herrn von Heilwitz zu ordnen, aber seine wortkarge Finsterniß verschloß ihr den Mund.
M Unklar und abgerissen, wie sonst nie, klang seine Rede, als er kurz mittheilte, er habe die anderen im Walde verlassen, um auf näherem Wege wieder zu ihr zu stoßen, sie hier am Waldessaum erwartet, als der Schuß gefallen, der wohl den Wilderern aufs Geradewohl nachgesandt sei. Das Uebrige wisse sie.
Als sie ihm dankte für seine Hülfe, lehnte er dies rauh ab und wandte sich, auf die Haide zu blicken, wohin die Pferde geflüchtet.
Marietta blieb stehen. Sie schlug die Schleppe ihres Reitklcides über den Arm und verharrte in Schweigen. Sein Benehmen vorhin und jetzt, welch ein Unterschied, welch ein Widerspruch! Erst so gütig und ruhig, und jetzt diese finstere Nachsichtslosigkeit. Sie begriff es nicht und
Samstag» den 16. Jani.
fühlte sich verletzt. Es war ihr eine Erlösung, daß der Rittmeister Schlüttec sich zu ihnen gesellte. Er führte sein Pferd au der Hand und durch ein kurzes Wechselgespräch fand schnell gegenseitiger Bericht statt. Chevaleresk, wie er war, suchte er sogleich für die junge Dame einen vorläufigen Ruheplatz. Die Natur bildete unter einem Baume durch eine kleine, grasüberwachsene Bodenerhöhung einen solchen, den Marietta einnahm, nicht allzu lange, wie Schlütter erklärte, denn er habe von der andern Wasserseite die baumlose Haidefläche überblicken können und gesehen, daß Heilwitz die Pcrde glücklich eingefangen. Herannahende Hnfschläge bestätigten diese Aussage. Richtig, da bogen die drei Pferde um die Weidenböschung herum, welche die Haide von dem Weiher schied.
Rechts und links je einen Durchgänger, mit dem Ausdruck höchster Befriedigung auf dem Antlitze über den schnell und glücklich gelungenen Coup, trabte der Rittmeister heran.
„Gott sei Dank!" rief er schon von Weitem der jungen Dame zu, „daß ich Sie wohlauf sehe! Es entsetzte mich, als ich Ihr Pferd soeben herrenlos daherjagen sah. Ich habe qualvolle Minuten durchlebt."
„Das sieht man Ihnen an!" klang es spöttisch von Marietlas Lippen.
„Aber wie kam das, mein verehrtes Fräulein? Ich bin wirklich begierig zu hören — ja. was ich sagen wollte," unterbrach er sich selbst, „Schlütter, das war eine Steeplechaise! Sie hätten die Braune sehen müssen, ein famoses Roß! nahm den Graben — ich sage Ihnen, dreimal so breit wie dieser Weg —"
„Na, na," warf Schlütter ein.
„Mein eigener Gaul kam nicht hinüber, deßhalb konnte ich die Kanaille fangen — o, Pardon, gnädiges Fräulein. — Dann auf dem Rückweg dieselbe Geschichte, aber erschwert, da ich das dritte Pferd mit zweien fangen mußte. Herr Gott, war das ein toller Ritt! Kehrt gemacht, dem Lessing in Karriere nach, in der einen Hand zwei Zügel, mit der freien Rechten nach dem anderen Pferde haschend, das dabei kerzengrad in die Höhe stieg, die Braune zur selben Zeit, — eine Herkniesarbeit!"
„Aber bester Heilwitz, der Lcssing lief Ihnen ja ganz fromm entgegen und machte von selbst Kehrt, ich habe die ganze Affäre mit gespannter —"
„Mit kurzsichtigen Augen angesehen, wollten Sie sagen! Schlechter Scherz, mein Freund! Ich weiß, Sie sind ein wenig eifersüchtig auf mein Reittalent. — Ja, wenn es Ihnen recht ist, gnädiges Fräulein, so machen wir nun den Galopp über die Haide."
Er wollte abspringcn und dem jungen Mädchen aufs Pferd helfen, Marietta aber ließ es nicht zu. Er solle sich nicht bemühen, meinte sie, mit verächtlich geschürzter Lippe. Nach solchen Heldcnthatcn werde er der Erholung bedürfen, und da er so „begierig" sei, zu erfahren, wie sie von ihrem Pferde gekommen, so könnte er sich dies von Herrn Hartmann erzählen lassen, während sie mit seinem Freund voranreite. Der ganze Verdruß der letzten Stunde, mit Spott gepaart, lag in Ton und Mienen.
Reimer hatte schweigend, aber nicht müßig zugehört. Die Sattelgurte, Zaumzeug und dergleichen. Alles am Lessing unterzog er genauester Prüfung, dann erst führte
48. Jahrgang. 1966.
er das Pferd heran. Schlütter half der jungen Dame hinauf und Beide galoppirten sogleich davon.
„Warum das?" fragte Marietta, als sie bemerkte, daß der Rittmeister die Trense ihres Pferdes in die Hand genommen und nicht fahren ließ.
„Auf ausdrücklichen Befehl Ihres Herrn Vormundes," lächelte dieser; „die Affäre soeben wird ihn ängstlich gemacht haben." Er fuhr fort. „Welch ein unterhaltender, liebenswürdiger Mann! Auf dem Lande, bei beschränktem Umgangskreis neigt sich das Gemüth sonst leicht zur Einseitigkeit. Kleinliche Interessen ersticken den Drang gemeinnützigen Strebens oft. Das scheint hier nicht der Fall. Gerade das Letztere nicht. Eine geregelte Thätigkeit, wohin mau blickt, eine gewisse Wohlbehäbigkeit bei den Leuten des Gutes und des Dorfes, die deutlich zeigt, daß Einer da ist, der offenes Auge und Herz hak für das allgemeine Wohl und Wehe. Und was für ein schöner Mann, finden Sie das nicht? Sie sehen so ernst und nachdenklich ans. Ich meine, das ergraute Haar beeinträchtigt die frische Männlichkeit durchaus nicht."
Marietta richtete ihren sinnenden Kopf auf.
„Ich weiß es in der That nicht. Onkel Reimer hat eine imponirende Gestalt und Augen, die einem die Gedanken von der Stirn lesen können, aber wie er sonst anssieht —" sie lächelte, „so genau wie Sie, und ob schön, daraufhin habe ich meinen Vormund noch gar nicht angesehen."
Während sich das Gespräch dieser Beiden weiter spann, trug dasjenige der nachfolgenden Herren ein nicht minder persönliches Gepräge. Der zurückweisende Spott der jungen Dame verrieth dem Rittmeister ganz unzweideutig, daß seine Chancen gesunken, indessen ließ sein sanguinisches Temperament keine dauernde Unbehaglichkeit zu. Nachdem er sich von Hartmann das Ereigniß im Walde hatte mit- theilcn lassen und zugestanden, daß der Kavalier den Kavalleristen allerdings ans Augenblicke in Stich gelassen, ersuchte er seinen Wirth, ihm hernach zu einem Zwiegespräch mit seinem Mündel verhelfen zu wollen. „Die junge Dame ist ein Liebling des Glückes," fuhr er fort, als Beide eine Zeit lang Schritt ritten, „die Götter haben ein ganzes Füllhorn davon über sie ausgeschüttet. Talente, Jugend, Schönheit, Reichthum —"
„Verzeihung," nahm Reimer ruhig das Wort, „was den Reichthum anbetrifft, so ist dies eine falsche Voraussetzung, Fräulein Tonelli besitzt kein Vermögen."
„Sie scherzen," lachte der Rittmeister.
„Dazu habe ich keine Ursache, und mit Bezug auf meine vormundschaftliche Stellung kann die Glaubwürdigkeit dieses Ansspruches nicht in Zweifel gezogen werden."
„Hm, ja. Sehr wahr. Wie man sich täuschen kann. Hm, der Schein trügt in der That."
„Doch nicht! Fräulein Tonelli hat den Verlust ihres Vermögen erst seit Kurzem zu beklagen."
Ein langgedehntes Ot undAch! erscholl.
„Herr Gott," rief Heilwitz, „wie ich das bcdaure. Deßhalb also das schnelle Verschwinden unseres Sternes aus den geselligen Kreisen."
Hartmann schwieg. Eine nähere Auseinandersetzung paßte ihm nicht.
(Fortsetzung folgt.)
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