!♦ Seüage ntm Wiesbadener Taablatt.
(23. Fortsetzung.)
(Nachdruck verboten.)
Der Geheimpolizist.
KcimiiialerzAHIuiig von ß. v. Grumt!».
... meinen, daß man Sie für eilten Gauner und mich für einen Dummkopf hält?"
. Wel'liankwortet- nicht aber seine Miene Zeigte deutlich, daß der Richter das ausgesprochen hatte, was er meinte.
„Wir müssen zeigen, daß wir recht haben!" rief jetzt der Uni-rsuchun-sricht-r heftig, „wir müssen -S! O, ich verstehe alle diese Anspielungen, die uieine Herren Kollegen sich gegen mich erlaubten, ich verstehe das hämische Lächeln, letzter Zelt so häufig sah. Verfluchte Geschichte! Daß dieser --orsat sich auch zu so ungelegener Zeit den Arm brechen mußte!"
Weltli segnete im Stillen dieseir Umstand, denn einem Acanne wie Dorsat hätte er nie einen derartigen Vorschlag zu machen gewagt.
„Aber das ist nun nicht zu ändern!" fuhr Jener fort. ,,^ch stecke dann in der Geschichte und milß sehen, rvie ich mich mit bester Manier heransziehe. Es ist wahrlich nicht so leicht, das Richtige zu finden!"
Er setzte sich wieder vor seinen Schreibtisch, den Kopf ln die Hände stützend, wie er es zu thnn pflegte, wenn es galt, eine wichtige Sache zu überlegen. Weltli wagte kaum zu alhmen.
Endlich sprang er auf. Sein Gesicht trug jetzt den Ausdruck einer rücksichtslosen Entschlossenheit. „Ich tuifl es luagen!" rief er. „Kommen Sie, begleiten Sie mich zu dem Gcneralprokurator! Ich werde mit ihm sprechen, ich werde Ihre Idee empfehlen, ich werde mich für Sie verbürgen!"
Sie gingen. Wäre eL nicht einer der ältesten lind erfahrensten lintersuchungsrichter gewesen, der dem General- prokurator den kühnen Plan vorschluq, derselbe hätte ivohl schwerlich seine Zustimmung ercheilt. Aber die Sache, deren Wichtigkeit er ja nicht verkennen konnte, wurde so überzeugend dargclegt, ihm so klar nachgewiesen, daß es sich hier nicht um den Einzelfall nur, sondern gewisserniaßcn um die Ehre des französischen Richterstandes handle, der nicht dulden dürfe, daß ein noch so schlimmer Angeklagter ihm ein Schnippchen schlage, die Fähigkeiten Weltlis'wurden ihm au der Hand der Beweise, welche derselbe vor ihnen gegeben hatte, in so vortheilhaftem Lichte geschildert, daß 'er sich endlich, wenn auch erst nach längerem Zögern, dazu entschloß, seine Genehmigung zu ertheilen.
Kaum konnte Weltli seine Freude über dieses günstige Resultat verhehle».
„Nur noch eins!" sagte er zu dem Untersuchungsrichter. „Es bedarf noch einer Maßregel, um uns vor einer unliebsamen Durchkreuzung unseres Planes zu schützen!"
„Welche Maßregel meinen Sie?"
„Es ist, da ja doch verschiedene Vorkehrungen zur Erfüllung unseres Planes getroffen werden müssen, nicht unmöglich, daß Inspektor Marechal von demselben erfährt!"
„Und wenn dies der Fall wäre?"
„So fürchte ich, daß es auch dem Angeklagten nicht verborgen bleibt!"
„Das halten Sie für möglich? Sie gehen zu weit!"
„Mag sein, daß ich mich täusche. Aber ich weiß, daß
schon mancher feinangelegte Plan daran gescheitert ist, daß ein Polizeibeamter dem andern den Ruhm einer wichtigen Entdeckung nicht gönnte!"
„In der Thal?"
„Ich könnte eine ganze Reihe derartiger Fälle anführen, jedenfalls dürfte cs besser sein, eine kleine Vorsichtsmaßregel nicht zu vernachlässigen."
„Meinetwegen. Worin soll diese bestehen?"
„Ganz einfach darin, daß man Mais in ein anderes Gefängniß bringt, und zwar so bald als möglich. Hier im Untersilchungsgefängniß bewegt sich der Inspektor mit gar zu viel Freiheit. Er geht, wohin eS ihm paßt, ohne daß es Jemandem einfällt, ihn zu fragen, was er wolle. Mit dem Direktor steht er, wie Sie, Herr Untersuchungsrichter, selbst gesehen haben, auf sehr guten, Fuße — ich will nicht behaupten, daß er dem Angeklagten eine Warnung zukommen lassen würde, aber ich behaupte, daß, wenn er es thnn will, er nach einer Gelegenheit dazu nicht lange zu suchen braucht."
„Schaden kann diese Vorsicht jedenfalls nicht. Was giebt's?"
Diese letztere Frage galt den, cintretenden Gerichtsdiencr.
„Herr Dorsal läßt sich erkundigen, ob es noch nicht gelungen sei, die Identität dcö Angeklagten Mais festznsteNen."
„Sagen Sie seinem Diener, daß ich bcdanre, ihm dieselbe Antwort geben zu müsse», wie das letzte Mal. Wir kommen in dieser Sache nicht vorwärts!"
„Eigenihümlich", wandte sich, nachdem der Gcrichtsdicner sich wieder entfernt hatte, der Untersuchungsrichter wieder zn Weltli, „welches Interesse Herr Dorsat noch immer für diese Sache hegt, obwrhl sie nur einen Tag lang in seinen Händen ruhte. Fast täglich schickt er her, um sich nach ihrem Fortgang zn erkundigen. Doch lasse» wir das jetzt. Sie halten es also für nöthig, daß Mais in ein anderes Gefängniß gebracht werde?"
„Nicht allein ans dem schon angegebenen Grunde, sondern auch, wenn vielleicht ein Fluchtprojekt geplant sein sollte, dasselbe zn zerstören."
Dieser letzte Grund entschied. „Gut. ich werde den Angeklagten noch heute überführen lassen. Wann soll seine Entweichung staltfinden?"
„Ich denke übermorgen."
„Gut. Und wie wollen Sie dieselbe bewerkstelligen?" „Der Herr Untersuchungsrichter geben einen Vorführnnqs- bcfehl für übermorgen früh, und veranlassen den Führer des Wagens, den ich zn diesem Zwecke ja hierhersenden kann, Mais — z» vergessen!"
„Ihn zn vergessen?"
„Ja! Das heißt, weil» hier im Hofe die Thüren der Einzclzellen des Wagens geöffnet werden, alle Gefangenen außer Mais aufznrusen und abzuführen, dann wie gewöhnlich den Wagen wieder auf den Quai hinauszufahrcn und sich nicht eher als bis zur Zeit der Abholung, Nachmittags um drei llhr, um denselben zn kümmern."
„Ich verstehe. Es ist noch das Unverfänglichste, obgleich ich immer noch befürchte, daß Mais nicht in die Falle gehen wird!"
„Dann ist nichts verloren. Da ich aber jedenfalls mit Mi Mann zn thnn bekommen werde, mit dem Verbrecher und mit seinem Komplicen, so möchte ich bitten, mir den Vater Halbnndhalb zur Verfügung zu stellen."
„Gern. Aber wollen Sie nicht lieber einen intelligenteren Kameraden zu diesem Zweck wählen?"
„Des Vater Halbnndhalb bin ich sicher, eines Anderen nicht. Außerdem kennt er den Komplicen!"
„Und dieser ihn!"
„Er wird ihn nicht wiedererkennen, dafür werde ich sorgen."
„Nun gut. Bereiten Sie alles Nöthige vor, und — Gott helfe Ihnen, daß wir endlich zum Ziel gelangen!"
Damit endete diese Unterredung. Weltli beeilte sich, Vater Halbnndhalb aufzusuche» und denselben in seine Nolle einzuweihen.
8. Kapitel.
Der für die Entweichung des Angeklagten bestimmte Tag war gekommen.
In der Nähe des Justizpalastcs strich ein Bursche heran, der in seinem Aenßern eine geivissc Achnlichkeit mit dem würdigen Sohn der Mutter Clupet zeigte. Er trug eine, die Spuren langen Gebrauchs zeigende Blouse aus blauer Leinwand, Beinkleider von großkarrirtem Stoff, an den unteren Enden stark ansgefranzt, und um die Taille, durch einen Leder- riemen fcstgehalteu, Stiefel, die aussahcn, als seien sie seit mindestens einem Jahr nicht gereinigt worden, eine sogenannte Ballonmütze und um den Hals ein schreiend rothes Tuch. Sein Teint war schmutzig-gelblich, die Ringe um seine Augen zeugten von dnrchschwärmten Nächten, und seine schivarzen Haare, kurz abgeschnittcn, gaben ihm das Ansehen eines Sträflings. Die Art und Weise, wie er bei seinem Umher- schlendcrn sich in den Hüften wiegte, seine Cigarette rollte und sie im Munde hin und her balancirte. während er mit mit den Händen in den Hosentaschen dahinschritt. Alles das bezeugte klar, daß man es in ihm mit einem jener Burschen zu thnn hatte, auf die man auch das Bibelwort anwenden könnte: „Sie säen nicht, sie ernten nicht, und unser himmlischer Vater nährt sie doch", wenn man nicht wüßte, daß die Quelle, ans welcher sie ihre LebeMbedürfnisse zu beziehen pflegen, die denkbar unsauberste ist.
Bisweilen kam er bei seinem Flanircn in die Nähe eines sehr anständig gekleideten Herrn mit blauer Brille und langem weißem Bart, der, ein leichtes Stöckchen in den fein behandschuhten Händen haltend, angelegentlich die Schaufenster ans der andern Seite des Quais betrachtete, und wechselte mit diesem einen raschen Blick.
Kam, wie dies vor dem Polizeipalast jeden Augenblick sich ereignet, ein Polizeibcamter vorüber, so trat bald der alte Herr, bald der junge Bursche an denselben heran und erbat sich irgend eine Auskunft, die mit jener Bereitwilligkeit ertheilt wurde, welche die Pariser Polizisten auszeichnet.
War der Beamte dann wieder gegangen, so kanien die Beiden zusammen, und es entspann sich ein Gespräch wie das folgende:
_ „Nun, Vater Halbundhalb, sagte ich es Ihnen nicht, daß Niemand Sie erkennen würde? Unsere Kollegen selbst haben keine Ahnung, mit wem Sie es zn thnn haben!"
„Das wundert mich nicht. Herr Weltli! Ich würde mich selbst nicht erkennen, wenn ich mich so sähe!"
„Daß unser Alaun uns nicht wieder erkennt, dessen dürfen wir sicher sein!"
„Allerdings! Sie nun schon gar — wenn man Si» ieht, hat man schon Lust, Sie zn verhaften!"
„Sehr schmeichelhaft!"
(Fortsetzung iotgt.)
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