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Dore.

Roman von E. Krickeberg.

Nachdruck verboten.

''Wollen wir nach dem Fuchsbau gehen, den der Förster ausgespürt hat, Dore?"

O ja, Heinz." . ^

Wer er liegt bis am Dachberg drüben das ist doch wohl zu weit für dich?" Der stattliche frische Knabe von etwa vierzehn Jahren sah das zierliche blasse Mädel neben sich mit kummervoll forschendem Blick an, der aber sofort wieder scheu zur Seite wich, als er den schwarzen Deckel traf, der eines der Augen -es Kindes verbarg.Nein", sagte er noch eimnal rasch,es rst zu weit für dich, du darfst dich nicht erhitzen."

Wir können ja langsam gehen . . . ach, komm doch, bitte! ..." ......

Nein", beharrte er,es könnte dir schaden.

Ach, du bist viel zu ängstlich, Heinz!" .

Es zuckte unsäglich bitter in seinem Gesicht, er wandte sich hastig zur Seite, und man sah, daß er die Zähne zusammenbiß. Auf den Einwurf der Kleinen erwiderte er kein Wort, erst als sie zu bitten fortfuhr !und versprach, ganz langsam zu gehen, sagte er mit einem Ton voll rührender Liebe und Sorge:Quäle

mich nicht, Dore! Sieh, wenn dir die Überanstrengung und Erhitzung schadet! . . . Komm in die Laube, ich werde dir verlesen du wolltest doch gern das Mar- chen zu Ende hören." ^ r B _ .

Sie gingen in die Laube, und er las. Dann und wann zeigte er ihr ein Bild im Buch, aber er achtete sorgsam darauf, daß sie ihr gesundes Auge nicht durch zu langes Schauen anstrengte. Rührender konnte keine Mutter für ihr Kind sorgen ja, er war überangst- lich, er marterte sich selber mit seiner Besorgnis um sie. Und doch barg sie keine Befriedigung für ihn. Mit aller Liebe und Aufopferung konnte er der Kleinen doch nicht das Auge ersetzen, das sie um seinetwillen

eingebüßt hatte. ...»

Seit Menschengedenken hatte treue Freundschaft zwischen dem Schloß und , dem Pastorhaus von Luisenwerder geherrscht, aber ein so inniges Verhältnis hatte doch noch nie bestanden, wie zwischen der zungsten Generation. Heinz von Grening und Dore Werlich waren einfach unzertrennlich. So war es auch gar nichts Absonderliches gewesen, als Heinz eines Tages eine Machete aus des Vaters Waffensammlung, eures jener halbmeterlangen, scharfen und spitzen spanischen Messer, zu Dore gebracht hatte, damit sie die kunstvolle Gravierung betrachte. Dore besah aus scheuer Ent- fernung das Messer, sie wagte nicht, es zu berühren, und bat nur immer wieder:Tu es weg, Hemz!"

Er lachte:Du bist ein rechter Hasenfuß! Aber

er traf doch Anstalten, die Machete zu schließen. Sie war verrostet, und er mußte Gewalt anwenden-, dabei hielt er die Finger zwischen Schneide und Heft. Das war nicht bedenklich, denn das Messer lief auf einem Zahnrad, aber es sah gewiß sehr gefährlich aus denn die kleine Dore schrie auf:Deine Hand! Derne Harw! In kopflosem Schreck sprang sie hinzu, und da geschah das Entsetzliche, das ihr das Auge geraubt hatte

Die Dore, das gute, sanfte, treue Geschöpf, war, zeitlebens zum Kriippel geworden durch ihn! Da. Urals, in der ersten Verzweiflung, hatte er die geladen« Pistole aus des Vaters Zimmer genommen, aber man entwand sie ihm. Er war der einzige Sohn .seiner alten Eltern, nachdem seine Brüder im französischen Krieg den Heldentod gestorben waren, der Nachkomm, ling, der Erbe und der Sonnenschein des Hauses aber was kümmerte das ihn in seiner Seelennot? Doch «dann hatte der altohvwürdige Pastor, Dores Groß­vater, der die früh verwaiste Enkelin in sein Haus ge­nommen, ihm bewiesen, daß man ein Vergehen nicht sühnt, indem man sich heimlich aus der Welt stiehlt. Nicht ein Wort des Tadels hatte der doch völlig Nieder- gebeugte dem llrheber des Unglücks gesagt: das hatte sein Ehrgefühl gepackt, ihn emporgerissen; stark mußte er sein, denn er mußte sühnen.

Heinz war nicht imstande gewesen, den Anblick der Freundin in ihrem Leiden zu ertragen. Alle Versuche, ihn zu ihr zu führen, damit er sich mit ihr ausspreche und selber ruhiger werde, hatte er mit einem so qual- durchtränkten:Ich kann nicht! kann nicht!" zurück­gewiesen, daß man einsah, man mußte ihn gewähren lassen. Aber er erlauschte gierig jedes hingeworfene Wort über den Verlauf der Krankheit, und als er hörte, daß sic die großen Schmerzen wie eine Heldin ertrug und nur immer Sorge habe, daß er sich nicht zu sehr um sie gräme, schluchzte er wie ein Verzweifelter. Ruhelos irrte er in Schloß und Park umher, manchmal war er halbe Tage lang abwesend, dann lag er irgend­wo im Walde, den Kopf in die Arme gedrückt, init ge- schlossencn Augen auf das Rauschen der Bäume lauschend und sich mit heißer Angst vergegenwärtigend, wie es einem zumute sein müßte, für den die Natur nur noch eine Stimme hatte. In dieser Leidenszeit wuchs das kleine, schwache Mädchen, 'das er früher, be- schützt und beherrscht hatte, zu einer Heiligen, zu einer Märtyrerin für ihn empor. ^ m . .

Dann erschien eines Tages der alte Pastor wieder im Schloß. Er faßte Heinz fest an der Hand und sagte: Komm, mein Sohn, deine kleine Freundin rst auf und erwartet dich!" Heinz war leichenblaß geworden, und jede Fiber seines Innern zuckte, abeb er folgte ohne Widerstreben einmal mußte er ja doch überwunden werden, der erste Anblick. , r ,

Dore saß im hohen Lehnstuhl des Großvaters, sehr blaß und schmal, aber mit dem alten, lieben Lächeln im Gesicht, das gesuirde Auge erwartungsvoll auf den Freund gerichtet. Die Sonne schien strahlend zum Fenster herein, es war alles hell, freundlich, herier, nur ein dunkler Fleck in all dem Licht, der schwarze, ent- stellende Deckel über dem Auge. ,

Er taumelte förmlich zurück, ein wildes Stöhnen rang sich über seine Lippen, im nächsten Augenblick lag er vor ihr auf den Knien, und fernen Kopf in ihren Schoß bergend, schluchzte er:Mein ganzes Leben soll dir gewidmet sein, Dore!"