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Der Roman

fc==ü Morgen-veilage des Wiesbadener Taqblattr. °>

Nr 32.

Sonntag, 7. Februar.

1915.

'(9. Fortsetzung.)

Die Ehe des Herrn Terbriigge.

Roman von F. Carlfen.

Nachdruck verboten.

-Ach habe", begann Stephan, „einen Brief von Mutter bekommen: sie schreibt, daß es um Freds

H^^ch^cheS Befinden feit unserer Abreise schlechter be- stellt ist denn je. Er sehnt sich nach uns und phan­tasiert unausgesetzt von dein Zusammensein mit dir, und da es für sein Leiden nichts gibt, was wichtiger Ware als Heiterkeit und Seelenruhe, so wollte ich mit orr zu Rate gehen, ob wir sie nicht bewegen sollen, trotzdem wir noch mitten im Winter sind, schon jetzt herzukommen, denn wer weiß, wie lange wir Fred überhaupt noch behalten dürfen . .

Magdas Augen leuchteten auf, und herzlich klang es, als sie ausrief: „Telegraphiere, daß sie gleich ab- rerscn sollen, Stephan! So schnell als möglich!"

„Aber ich kann dir nicht verhehlen, daß die An- Wesenheit eines solchen Kranken nicht ohne Einfluß auf unseren gesellschaftlichen Verkehr sein wird, daß die großen Feste und Veranstaltungen dann ausfallen müssen, weil man Fred das Leben inmitten einer sol­chen Unruhe nicht zumuten kann."

„Ich verzichte auf alles mit tausend Freuden! Was liegt mir an den fremden Menschen! Wenn wir Mutter "und Fred hier haben, brauchen wir sie alle nicht. Du sollst sehen, wie schön wir es ihnen hier machen werden, wie Fred aufleben wird in unserer Mitte! O, Stephan, ich freue mich, du hast mir heute schon mein Weihnachts­geschenk gebracht!"

Er sah sie freundlich an. Es war merkwürdig, wie das Lächeln seine strengen Züge erhellte.

„Ich danke dir, Magda, für die Freundschaft, die du den zwei teuersten Menschen, die ich besitze, ent­gegenbringst. Das versöhnt mich mit vielem . . Und er faßte ihre Hand und zog sie an die Lippen, nicht mehr flüchtig und formell. Sie fühlte, wie seine Lippen darauf haften blieben, und ein ganz ungerechtfertigtes Glücksgefühl durchströmte sie. Und in einem unberechen­baren Impuls sagte sie jetzt, was ihr früher nicht über die Lippen gekommen war:

„Ich habe Hans Maltitz vorhin nur angenommen, weil ich nicht wollte, daß er sich einbildet, daß ich ein Zusammentreffen mit ihm scheue. Aber er wird unser Haus nicht mehr betreten, ich habe ihn hinausgewiesen!"

Stephan war aufgestanden und trat ihr gegenüber. Prüfend tauchten seine Augen in die ihren.

."Ich danke dir, Magda, aber jetzt, wo du freiwillig sprichst, habe ich ein Recht darauf, zu erfahren, was zwi­schen euch vorgesallen ist und warum ich dich in Tränen fand! Hat er gewagt, dich zu beleidigen, dir mit Llebesbeteuerungen zu kommen?"

„Nein, Stephan, das war es nicht. Vertraue mir, ich möchte, ich kann es dir nicht sagen!" Und eine tiefe Glut überströmte ihr Gesicht bei der Erinnerung an das, was ihre Tränen ausgelöst.

„Ich will dir glauben, aber ich bitte dich, nicht zu vergessen, daß Dinge, die du vielleicht verzechst, meine

könnten, um ungesühnt zu

Ehre zu nahe berühren bleiben l"

.^."^'ne Ehre wurde nicht angetastet. Sei versichert, wie du.si^bbenenfalls genau so stark empfinden würde

^.Stephan ■ schwieg, aber Magda sah, daß dieses • nt ^ t "i'bbilligend war, und sie freute sich wre über einen ersten, schtver errungenen Erfolg.

Als Magda am Abend am Arme ihres Gatten die Wuchteten Festsäle der Villa Reden betrat, ^"ltummte einen Augenblick das Gemurmel der plau- dernden Gruppen in der Bewunderung ihrer Er- ^ung' Es war ihr gesellschaftliches Debüt als hatte es mit angeborenem Geschmack V «RR Einfachheit mit dem Glanze standes- gemäßen Auftretens zu vereinen. Sie trug ein wun- dervolles Kleid, das in seinem eigenartigen Schnitt die schlanke, biegsame Gestalt noch mehr zur Geltung brachte. Die einzige Farbe daran war ein dunkler Pelz, der den tveichen, atlasglänzenden Stoff unten und am Aus,a,nitt besäumte, und die tadellose rosige Haut von Hals und Schultern noch mehr hervorhob.

War Magda schon als Mädchen immer der Mittel­punkt ihrer Kreise gewesen, jetzt, als Frau einer der r>lnanzgroßen der Stadt, umringte sie sofort ein ganzer RR Bewußtsein, schön zu sein und zu ge­fallen, färbte ihre Wangen höher und machte sie lebhaft und gesprächig, so daß sie bald der Zielpunkt aller Blicke waw Selbst die böseste Zunge der Stadt, eine Frau v. Brieseweg, deren Spezialität es sonst war, gute Ein- drucke durch allerlei bissige Einwände zu vernichten, toafjte es heute nicht, sich gegen die Majorität zu stellen, "vd behielt sich das für günstigere Gelegenheiten vor.

Magda nahm alle Huldigungen mit einer gewissen vornehmen Selbstverständlichkeit auf. Sie wahrte da- bei immer eine Zurückhaltung, die selbst die gewieg- testen Lebemänner hinderte, in Worten oder Blicken die von ihr gesteckte Grenze zu überschreiten.

Stephan beobachtete die Erfolge seiner Frau aus der Entfernung. Er näherte sich ihr absichtlich so wenig als möglich, um nicht als störender Gatte aufzutreten und vielleicht einen Mißton in ihre harmlose Fröhlich- kclt zu tragen. Hätte er geahnt, daß sie seine Reserve als tiefste Gleichgültigkeit enrpfand, daß es sie verletzte, daß er keinen Augenblick Miene machte, sich ihr zu nähern, einen Tanz von ihr zu verlangen, er wäre vielleicht gekommen, aber so glaubte er ihr mit seinem Fernbleiben einen Gefallen zu erweisen, und widmete sich, so wenig es in seiner Art lag, den Damen, die ihn alle kannten und ebenso umwarben wie die Herren seine Frau.

Magda plauderte gerade mit dem Grafen Fürech- Schlingen, einem flotten Oberleutnant, der ihr Tisch- Nachbar gewesen war, als eine große, schlanke Frau den Saal allein betrat. Sie war nicht gerade schön zu.