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Sonntag, 14. November 1920. _ MopgSN-AUSgQhS.
Zusammenschluß.
Durch den Frieden von Versailles ist die deutsche Industrie in eine Abwehrstellung gedrängt worden, Sie rsi ihrer ausländischen Stützpunkte beraubt und sieht sich so genötigt, die Kraft und die Quellen, die ihr innerhalb der Landesgrenzen geblieben sind, voll auszunutzen. „Die wenigen uns aus dem Friedensvertrage verbliebenen Rohstoffe", so wurde unlängst die Lage von industrieller Seite dargestellt, „verlangen gebieterisch im Interesse unserer Volkswirtschaft eine bedeutend wirtschaftlichere Ausnutzung und eine tiefere Veredelung als bisher. Die vom Ausland eingeführten Roh- stofje dagegen einen versä)ärst sparsamen Verbrauch und eine zweckdienlichere und intensivere Erschöpfung ihres Wertes." Mit anderen Worten, das Arbeitsverfahren mutz weit wirtschaftlicher als bisher gestaltet werden.
Ein solches Ziel hofft man auf dem Weg der Interessengemeinschaften und des Zusamnlenschlujses großer Betriebe erreichen zu können. So steht denn die deutsche Wirtschaft heute im Zeichen des Zusammenschlusses. Waren es bisher meist gleichartige Betriebe, die sich zusammenschlossen, so liegen die Dinge auf dem Gebiet der Montanindustrie ein wenig komplizierter. Schon früh hat sich ja gerade in dieser Industrie ein Streben bemerkbar gemacht, das dahin geht, mehrere aufeinanderfolgende Produktionsstufen zusammenzubringen. Man begnügte sich keineswegs nur mit der Zusammenfassung von Kohle und Eisen, sondern gliederte den Hochöfen bald Stahlwerke an. Dann ging man weiter dazu über auch Walzwerke in diesen Kreis einzubeziehen und schließlich war es nur noch ein Schritt, als man sich dazu entschloß, Maschinenfabriken und Konstruktionswerkstätten in eine solche wirtschaftliche Einheit einzubeziehen. Der verlorene Krieg mit seinen Folgeerscheinungen, der die deutsche Industrie, wenn sie nicht vollends zugrunde gehen will, zwingt, nach höchster Wirtschaftlichkeit zu streben, treibt die Industrie aus diesem Wege unaufhaltsam weiter. Ferner kommt noch hinzu, daß der deutschen Industrie für ihre verlorenen Erzgruben usw. Abfindungssummen zuflossen, die wieder mit Anlaß wurden, sich nach neuen Betätigungsmöglichkeiten umzusehen. Auch die Kohlenfrage spielt bei solchen Erwägungen eine bedeutsame Rolle. Es ist selbstverständlich, daß Werke, die über eigene Gruben verfügen, sich im Vorteil befinden. Andere Industrien werden natürlich bemüht sein, hier Anschluß zu gewinnen, ganz besonders, wenn sich dadurch die Möglichkeit bietet, auch noch die Versorgung mit anderen Stoffen sicher zu stellen. So sind denn in letzter Zeit verschiedene Zusammenschlüsse bedeutender Werke zu verzeichnen gewesen. Den bedeutsamsten Vorgang aber auf diesem Gebiet bildet wohl der Zusammenschluß der beiden bisher in der Rhein-Elbe- llnion vereinigten Unternehmungen, der Gelfenkirchener Bergwerke A.-E. und der Deutsch-Luxemburgischen Bergwerks- und Hütten-A.-E. mit dem Siemens- Cchuckert-Konzern.
Rach Äußerungen von beteiligter Seite wird hier nicht nur eine wirtschaftliche und organisatorische Vereinigung angestrebt, sondern man hofft, durch Zusammenwirken von Elektrizität lSiemens-Konzern) mit Kohle und Eisen (Rhein-Elbe-Umon) technische Steuerungen von größter Tragweite in die Tat Umsetzen zu können. Tatsächlich kommt diesem Zusammenschluß eine außerordentliche Bedeutung zu, nicht allein deswegen, weil in den nun vereinigten Werken mehr als 200 000 Arbeiter und Angestellte ihren Unterhalt finden, sondern auch aus politischen Gründen, worauf die „Deutsche Allgemeine Zeitung" unlängst hinwies, als sie mit Recht schrieb: „Die Wirtschaft knüpft neue Bänder zwischen Bayern, dem Niederrhein und Berlin, die berufen sein werden, gelockerte Bande politischer Art teilweise zu ersetzen. Durch den Zusammenschluß wird bewiesen, daß diejenigen, die den tätigsten Anteil an dem Zusammenschluß genommen haben, den Zusammenhalt des Reiches zur Grundlage ihrer Geschäftserwägungen gemacht haben." So kann man es wohl auch für das Reich als ein gutes Zeichen ansehen. daß jetzt durch diese Stinnessche Kombination große rheinische, bran- denburgische und bayerische Unternehmungen zusammen- gescklzssen werden.
Nicht nur in der Montanindustrie sind jedoch b deutsome Zusammenschlüsie zu verzeichnen. In d chemischen Industrie arbeitet man an einem ins Riese bafte gebenden Plan des Ausbaus der deutschen Sti stofsberstellunp. Der Anilin-Konzern gründet mit ein halben Milliarde Mark Grundkapital eine Eesellicka' die Ammoniakwerke der Badischen Anilin- und Sod sabrik übernimmt, um sie weiter zu entwickeln 9>ä man sich die Klagen der deutschen Landwirtschaft üb fel lenden Dünger vor Augen, so wird man leicht e kennen, von welcher ungeheuren Bedeutung ein solch
Plan, dessen Durchführung nicht nur auf die deutsche Getreideerzeugung günstig einwirken würde, sondern der darüber hinaus auch Ausfuhrmöglichkeiten schaffen würde, ist. Hat doch beispielsweise erst unlängst der frühere polnische Handelsminister Bankdirektor Dr H a c i a darauf hingewiesen, wie sehr Polen nach deutschem Stickstoff Verlangen trägt.
Auch an den Plänen der Deutschen Bank kann man in diesem Zusammenhang nicht vorübergehen. Sic übernimmt eine Reihe von Privatbanken, wie die Hannoversche Bank, die Braunschweiger Privatbank und die Privatbank zu Gotha und stellt besonders eng> Beziehungen mit der Hildesheimer Bank und der Würt tembergischen Vereinsbank her. Mittel- und Süddeutschland werden auch hierdurch mehr mit Berlin verknüpft und der Geld- und Kreditverkehr im Reiche verbessert.
So regt sich trotz der Ungunst der Verhältnisie über all deutscher Wagemut und deutscher Geist. Dem Frie den von Versailles setzt die deutsche Industrie ein mannhaftes und entschlossenes Trctzdem entgegen!
Die englisch-französische Verständigung.
mz. Paris, 13. Nov. (Drahtbericht.) Anläßlich des snstanoekommens einer Verständigung zwischen Frankreich und England über das Verfahren in der Wiedergutmachungsfrage betonen französische Kreis« besonders die Tatsache, daß das englische Auswärtige Amt mit der Unterzeichnung des Abkommens bis zum 11. November, dem Jahrestag der siegreichen Beendigung des Krieges, wartete. Als weiteres Kennzeichen der dauernden und festen Einigkeit betrachten sie die herzlichen Telegramme des Königs von England und Millerands. Die zuständigen Kreise bemerken, daß der Grundsatz der Sicherheiten und der Straf- maßnabmen. für den Millerand so stark eintrat, in der Note durchaus anerkannt wird. Die Koblenlieferun- gen würden nur durch diesen Grundsatz gesichert, und der Vertrag von Versailles gebe wirksam gekräftigt aus den Verhandlungen üervor. Das angenommene Vorgehen, um die Wiedergutmachungen festzustellen und zur Ausführung zu bringen, trage einerseits den englischen Befürchtungen Rechnung und befriedige andererseits dis französische Aus- sasiung vollkommen.
Havas glaubt zu willen, daß die Einigurg auch in vielen anderen Punkten vollkommen ist. besonders in der Frage der Zulassung Deutschlands in den Völkerbund. Man nimmt an. daß in der kommenden Woche eine Zusammen- k u n f t zwischen Llovd George und L e y g u e s statt- sinden wird.
Deutschland und der Völkerbund.
v. Paris. 13. Rov. (Erg. Drvbtbericht.) Der Genfer Berichterstatter des ..Petit Paristen" meldet, die Frage der Zulassung Deutschlands zum Völkerbund werde wahrscheinlich auf der Völkeribundstagung gar nicht aus- geworfen werden, denn di« Berliner Regierung sei entschlossen. eine abwartende Haltung etnzunebme<n. Als Antragsteller kämen nur die Vertretungen der neutralen Staaten in Betracht, von denen jedoch Schweden, Holland und die Schweiz bestimmt nicht geneigt seien, eine solch« chwerrricgende Initiative auf sich zu nehmen.
D. Paris. 13. Nov. (Eig. Drabtbericht.) Nach einer Meldung der ..B. Z." berichtet der ..Matin" aus London, daß die englischen Völkerbundsführer WAborn. Edward Grey und Barnes di« Aufnahme aller Volke r in den Völkerbund verlangen.
Österreich ersucht um Aufnahme in den Völkerbund.
mz. Genf. 13. Nov. (Drahtbericht.) Das Generalsekretariat des Völkerbundes hat von der österreichischen Regierung eine Note erbalten, in der Österreich Bezug nimmt aui Art. 1 Abs. 2 des Friedensvertragcs von St. Germain und um Aufnahme in den Völkerbund eriucht. U. a. weist Österreich darauf hin. daß sowohl politische wie wirtschaftliche Erwägungen eine sofortige Aufnahme in den Völkerbund gebieterisch fordern.
Polnische Werbetätigkeit im Industriegebiet.
ms. Berlin, 13. No». Laut „B. L.-A." ist in letzter Zeit das rheinisch-westfälische Industriegebiet der Schauvlatz einer umfangreichen polnischen Werbetätigkeit geworden. Zahlreiche polnische Agenten, die mit reichen Geld- und Propagandamitteln ausgestattet stnd. haben sich an den wichtigeren Punkten des Industriegebietes niedergelassen. um die dort aniälligen Oberschlesier zur Stimmabgabe für Polen zu bewegen. Die Polen bieten feste Geldsummen für jede zugunsten Polens abgegebene oberschlesische Stimme.
Birkhagen statt Brzesowie.
mz. Berlin. 12. Nov. Nach der ..Schlei. Ztg." in Elatz richteten, die Bewohner des Dorfes Brzesowie, bei Kudowa an die Staatsregierurg das Ersuchen um Abänderung des Namens in B i r k h a g e n . da es sich um ein deutsches Dorf handle.
Die Krenzübcrschrcitungen nach Litauen.
INZ. Königsberg. 11. Nov. Wie von zuständiger Seite mitaeteilt wird, bestätigt die Vernehmung der nach Litauen üüergetretenen und von dort zurückgekehrten Deutschen, die zunächst im Durchgangslager Evdtkuhnen gesammelt wurden, die bisherigen authentischen Veröffentlichungen. nach denen es sich nicht um außergewöhnlich zahlreiche Übertritte über die Grenze handelt. Es scheiren nur etwa 400 bis 500 Grenzüberschreitungen stattgesunden zu haben. Dir Mehrzahl der llbergetretenen gehört der anfangs Oktober aufgelösten Polizeitruvve an. Mangel an geeigneten Arbeitsstellen scheint in den meisten Fällen der Grund »u der Handlungsweise gewesen zu sein, übereinstimmend wird erklärt, daß die llbergr- tretenen keine Waffen mitgenommen haben.
Nr. 535. ♦ 68. Jahrgang.
Um die Soz'alisierung des Kohlenbergbaus.
Br. Berlin, 13. Nov. (Eig. Drahtbericht.) Die Sozialisierungsausschüsse des vorläufigen Neichswirtschaftsrats und des Reichskohlenrats setzten am Freitag ihre Beratungen über die beiden Vorschläge zur Sozialisierung fort. Für die Arbeitnehmer führte klm breit aus: In dem Mehrheitsbericht sei keine
Spur der notwendigsten Forderungen für die Soziali- oerung enthalten. Der Ausschuß stehe unter dem Druck des Regierungsversprechens, die Sozialisierung durchzuführen. Der Mehrheitsbericht enthalte aber nichts von oen Versprechungen der Regierung. In seinem letzten Absatz sei die Dezentralisation als notwendig bezeichnet, aber gerade die Zentralisation müsie beibe- halten werden, um den Rest der uns verbliebenen Kohlen an alle Industriezweige gerecht zu verteilen. Die Unternehmer sollten klar und präzise ihre gemeinschaftlichen Ideen bekanntgeben, damit darüber beraten werden könne.
Löffler (Arbeitnehmervertreter) wies darauf hin, die Kohle gehöre zu den schwer ersetzbaren Schätzen des Landes, die der Allgemeinheit gehören und nicht zur kapitalistischen Spekulation verwendet werden dürfen. Die Folgen des Mehrhcitsvorschlages seien Fusion und Monopolisierung. Das Volk ziehe aber ein Staatsmonopol vor. Das Berufs-Privatmonopol widerstreb« gemeinwirtschaftlichen Gedanken und aus diesem Wege sei eine Verständigung nicht möglich.
Georg Bernhard betonte, beide Vorschläge hätten ihre Mängel und enthielten wenig von der Ee- ineinschaftswirtschaft und Ökonomisierung. In der ganzen Sozialisierungsfrage gebe es zwei Parteien: die tüchtige und die untüchtige. Die untüchtige stelle sich ganz unwillkürlich in der ganzen Angelegenheit hinter die tüchtige. Vor allem müsie in der Gemeinschaftswirtschaft eine völlige ÄnderungdesEigen- tnmsrechts eintreten. Der bisher im Ausschuß eingeschlagene Weg sei falsch. Anscheinend wolle man erst probieren, ob die Sozialisierung bei der Kohlew- Gemeinschaftswirtschaft wirke und gedenke dann, dieses Prinzip auch für andere Zweige des Wirtschaftslebens anzuwenden. Der Redner empfahl den Ausbau der gemeinschaftswirtschaftlichen Ideen in seinem Sinne. Mit der Abschaffung des Eigentumbegriffs entstehe eine große Gefahr für das freie, verantwortungsfreudige Schaffen. Zum Schluß betonte Bernhard die Bedenklichkeit der Ausgabe von Arbeiteraktien.
Walter Rathenau begrüßte es, daß man jetzt der Idee der organischen Wirtschaft nähergetreten sei, nachdem bereits fünf Jahre seit der Ve^Mntlichung seiner Darlegungen über den Aufbau der ^Mschast in horizontaler Ordnung verflosien sind. Di^Mrizontal- ordnung bringe auch die erwähnte ÖkoWnisterung. Als Beweis führte Rathenau die glänzenden Resultate des Zusammenfchlusies in der chemischen Industrie an, der eine direkte Idealkonkurrenz geschaffen habe. Er selbst sei kein Gegner der kleinen Aktien, man solle aber nicht so viel von ihnen erwarten.
Generaldirektor Bögler wandte sich gegen die Ausführungen Rathenaus und Bernhards und trat für die Mehrheitsvorlage ein. Von einer Spekulation in Kohle könne gar keine Rede sein. Alle Erwägungen über die Kohlenverteilung seien von der Tatsache des Kohlenmangels ausgegangen, der hoffentlich wieder behoben werde. Die Arbeiter sollen wirksamer als bisher in der Verwaltung tätig sein und eben durch die Aktien am Werk beteiligt werden. Der Mehrheitsvorschlag zeige den Weg, um der Allgemeinheit mehr und billigere Kohlen zu liefern.
Dr Silverberg erklärte, bei den kleinen Aktien handle es sich lediglich um die Verbreiterung des Besitzes, nicht um eine Köderung des Arbeiters. Die Mitbestimmung denke er sich auf Grund des Kapitalbesitzes des Arbeiters in den Aufsichtsräten. Allerdings erwarte er von einer solchen Mitbeteiligung des breiten Volkes auch eine Umstimmung der Geister. Betriebssyndikalismus liege ihm bei den kleinen Aktien fern. Einen vollständigen Plan der Gesamtwirtschaft -n Deutschland in vier Tagen herzustellen, sei unmöglich. Jedenfalls seien aber zwei Dinge festgelegt: Erstens die Grundlagen, auf denen die Ökonomisierung der Wirt- schast aufgebaut werden könne, und zweitens die Anerkennung und Förderung des sozialen und menschlichen Fortschritts, den der Arbeiter in den letzten Jahren gemacht habe.
Kaufmann (Konsumvereine) beantragte, die Weiterarbeit an die Ciebenerkommission zurückzuweisen, die entsprechend zu verstärken sei. Dieser Antrag wurde angenommen. In die Kommisiion, die jedenfalls wieder in Esien tagen wird, werden noch sieben Herren zugewählt.
